Wenn sich ein Jahr dem Ende zuneigt, gleicht es oftmals einem Sieb, welches – nachdem es in einen Fluss getaucht wurde – langsam aus dem Wasser gezogen wird. Schüttelt man es, werden Sandkörner ab- und ausgespült. Schließlich entfernt man per Hand das Treibgut. Zurück bleiben jene Kieselsteine, die zu groß für die Maschen waren, um in die Anonymität des Flussbettes zurück zu sinken. Im Sieb mit der Prägung “2011“ hat sich u.a. KODIAKs Kiesel verfangen. Mit ihrer gleichnamigen Kompilation zeigen KODIAK, dass Kompilation eben nicht Reihung bedeutet, sondern wie in ihrem Fall, im besten Fall: Klimax. Dieses sich auftürmende, an- und abschwellende Etwas, dieses Dunkeldrones ausatmende und stilsichere Album, labelt schon längst nicht mehr unter dem Banner “Geheimtipp“. Vielmehr verbindet man mit “Kodiak“ eine souveräne und zurückgelehnte Präsentation mit Werkschaucharakter. Die drei Ruhrgebietler haben ein unaufgeregtes Statement in Sachen Sound abgegeben, eine Emphase, in der – fast beiläufig – mitzuschwingen scheint, dass so noch nichts geklungen hat. Das verlangt geradezu nach einem Gespräch…
? Ihr seid gerade zurück von eurer Tour mit N und AUN. Welche prägenden Eindrücke habt ihr mit nach Hause gebracht?
Dass 650 km in Osteuropa gerne mal 12 Stunden bedeuten, Prag voller Touristen ist, Tankstellen-Kaffee überall gleich schlecht schmeckt, und dass Reifen und Amps gerne mal kaputtgehen. Außerdem haben wir eine Menge Lasko Bier aus Slowenien mit nach Hause gebracht
? Verschiedene Musiker berichten davon, dass wenn sie auf Tour sind, sich quasi “ein Leben neben dem Leben“ herausbilden würde. Welches “zweite Leben“ begegnet euch auf Tour?
Der so genannte Tour-Modus. Ja es stimmt schon, nach einiger Zeit schaltet man irgendwie um. Da ist es einem dann egal, ob man verkatert, müde, krank oder sonst was ist. Es geht einfach immer weiter, man versucht sich nur auf die Show an dem Abend zu fokussieren und lässt sein eigenes “Leiden” dabei dann zurück. Außerdem vergisst man immer häufiger, welcher Tag eigentlich ist, wo man ist und wo es am nächsten Tag hingeht.
? Welchen Aspekt des Unterwegsseins schätzt ihr am meisten/ welchen am wenigsten?
Wenn man die Zeit hat, ist es schon toll in einer Stadt/ einem Land aufzuwachen, die/ das man nicht oder wenig kennt und noch etwas Zeit hat, durch die Gegend zu laufen, einen Kaffee zu trinken und ein wenig die Eindrücke einzufangen. Außerdem trifft man oft viele nette Leute auf den Konzerten. Es war auch interessant für uns zu sehen, welchen Anklang unsere Musik zum Beispiel in Rumänien findet. So etwas begeistert einen dann schon. Am wenigsten sicher die viele Zeit im Van, gerade bei langen Strecken wie auf der letzten Tour. Dann kann man dieses Fahrzeug irgendwann nicht mehr sehen. Also lange Strecken sind am schlimmsten, dies bedeutet nämlich meistens früh aufzustehen, kein “sightseeing” und viel Fahrerei.
? Das Label Denovali ist eure Veröffentlichungsheimat. Was schätzt ihr an diesem Label?
Die Mühe die in die einzelnen Releases gesteckt wird, allein optisch ist das vielen anderen europäischen Labels schon weit überlegen. Was Releases angeht, sind die beiden Labelinhaber auch sehr akkurat, es ist gut zu wissen, dass wenn man aufnimmt, es quasi schon ein Releasedate gibt und man sich nicht fragt, wann der Kram endlich rauskommt.
? Glaubt ihr in diesem Zusammenhang an das Fortleben des physischen Tonträgers?
Zumindest in Nischenmusik wie der unseren auf jeden Fall. Ob Leute in 5-10 Jahren noch Pop-CDs kaufen, da möchte ich nicht drauf wetten.
? Auf Denovali ist dieses Jahr eine Doppel-CD mit all euren Arbeiten (mit Ausnahme des Demos) erschienen. Zum einen trägt diese Veröffentlichung den Charakter einer Werkschau. Dazu würde uns zunächst interessieren, mit welchen Empfindungen ihr auf eure bisher zurückgelegte musikalische Wegstrecke schaut?
Ich denke mit gemischten Gefühlen. Sicher ist man nach ein paar Jahren kritischer mit der eigenen Arbeit als direkt nach dem Veröffentlichungstermin. Allerdings ist es auch schön, so ein Release nach so kurzer Zeit zu haben und ich denke, wir sind immer noch alle zufrieden mit dem Output. Außerdem ist es eine gute Sache für Leute, die gerne einen physischen Tonträger von uns haben wollen, aber keinen Plattenspieler haben oder für die Leute, die es verpasst haben, die Sachen zu bekommen, bevor sie ausverkauft waren.
? Zum anderen ist in der letzten Zeit viel zu wenig derart Verdichtetes aus dem Veröffentlichungsdschungel herausgetreten. Gleichzeitig habt ihr in den 3 Jahren eures Bestehens erst 7 Stücke veröffentlicht. Lässt sich daraus schließen, dass der qualitative Ausdruck den Kern eures musikalischen Wirkens darstellt (auch zu Lasten der Quantität)?
Na ja, 7 Stücke klingt jetzt nicht so viel, wenn man allerdings bedenkt, dass so ein Song gerne mal 20 Minuten geht, ist das schon einiges. Aber natürlich hat Qualität Vorrang vor Quantität.
? Auf der Doppel-CD befindet sich auch euer Beitrag von der Split-Veröffentlichung mit NADJA. Aidan Baker hat in einem Interview gesagt, dass er rückblickend mit einigen seiner Veröffentlichungen nicht komplett zufrieden ist. Habt ihr mit Aidan Baker im Zuge eurer Kollaboration über diese Frage gesprochen?
Es war, glaube ich, erst anders gedacht. Erst als Kollaboration, dann als Remix-Platte. Am Ende entschloss sich Aidan dann doch für eine Split-Veröffentlichung. Ich glaube, die Entscheidung war etwas kurzfristig und der Termin beim Presswerk stand bevor, vielleicht hat das seine Auswahl etwas beeinflusst und er ist im Nachhinein mit dem Stück nicht so ganz zufrieden. So was kann natürlich passieren.
? Gleichzeitig zeichnet sich Aidan Baker für eine Vielzahl reifer und tiefer Veröffentlichungen aus. Zunächst würde uns interessieren, ob eine weitere Zusammenarbeit geplant ist – und darüber hinaus: Welche Facetten KODIAKs und NADJAs mussten kompatibel für die Kollaboration sein?
Bisher ist so was nicht geplant nein. Wir wollen uns auch in Zukunft erstmal wieder um ein richtiges KODIAK-Album kümmern.
? Eine weitere Zusammenarbeit gibt es zwischen euch und N. Wenn wir richtig informiert sind, gab es auf dem Denovali Swingfest 2010 einen ersten gemeinsamen Auftritt. Was reizte euch an einer Zusammenarbeit mit N?
Es war gut zu sehen, dass die Arbeit so reibungslos passte und man sein Soundspektrum so gut erweitern kann. Da wir alle Spaß an dem Projekt “Kodiak + N” hatten, haben wir uns entschlossen, das Ganze weiterzuführen und eine Platte gemeinsam zu schreiben. Außerdem wird uns oft gesagt, dass wir ja noch recht jung sind und wir dachten, N zieht unseren Altersschnitt etwas nach oben (Haha).
? Zudem scheint die Kollaboration anzudauern. Zum einen seid ihr dieses Jahr wieder gemeinsam aufgetreten und zum anderen ist eine Split-Veröffentlichung mit N auf Denovali erschienen. Hat sich daher aus der fruchtbaren Zusammenarbeit eine Art “Drone-Doom-Superband“ gebildet?
Nein, es hat sich einfach eine gut funktionierende Kollaboration gebildet, die noch etwas andauern wird. Ausdrücke wie “Drone-Doom-Superband“ dürfen sich gern andere auf die Fahne schreiben. Wir brauchen so was nicht. Die Kollaboration muss natürlich jetzt auch live präsentiert werden, daher treten wir erstmal gemeinsam auf.
? Die beiden Stücke eure Kollaboration tragen den Namen zweier Edelgase. Nun liegt unser Chemieunterricht schon einige Jahre zurück, aber wir meinen uns zu erinnern, dass Edelgase untereinander relativ einheitliche Eigenschaften besitzen. Ist darin auch ein Statement in Bezug auf die Zusammenarbeit zu sehen und prinzipiell, wie kam es zur Wahl der Titel?
Radon und Xenon sind die beiden schwersten, nicht metallischen Elemente. Der Rest kann jetzt frei interpretiert werden.
? Alle eure Veröffentlichungen sind in der Tonmeisterei Oldenburg aufgenommen worden. Warum habt ihr dieses Tonstudio für eure Aufnahmen ausgewählt?
Die Tonmeisterei kannten wir ja vorher schon vom Namen, da dort einige gute deutsche Bands aufgenommen haben. Wir sind dann fürs “s/t“ hingefahren und haben es keine Sekunde bereut. Die Möglichkeiten sind einfach super und das Drumherum stimmt auch.
? Verstehen die in dem Tonstudio Ansässigen eure Musik – meistens sind Toningenieure doch Rocker, oder?
Genau das ist einer der Gründe für uns dahin zu fahren. Es gibt sicher Studios, die hätten uns gefragt, ob wir noch alle auf dem Zaun haben. In der Tonmeisterei ist es allerdings anders, ich erinnere mich da an die Aufnahme der NADJA- und BLACK SHAPE OF NEXUS-Splits, wo Role von der Tonmeisterei auf einmal mit einem Arsenal von selbstgebauten, wirren Instrumenten im Raum stand. Metallkonstruktionen mit Kontaktmikros dran und fragte, ob das nicht gut passen würde. Wir haben fast einen ganzen Tag verbracht, diese Noise-Instrumente in die Songs einzubauen. Ich denke, das beantwortet die Frage ganz gut.
? Eure Veröffentlichungen werden vielerorts gut aufgenommen. Zunächst würde uns interessieren, ob ihr Rezensionen zu euren Alben überhaupt lest? Zudem beinhalten viele Besprechungen Baukasten ähnliche Formulieren (zum Beispiel “schwer zugänglich“, “nicht zum im Hintergrund hören“). Seht ihr in solchen Formeln eher Faulheit oder eine gewisse sprachliche Ohnmacht der Rezensenten?
Also ich weiß nicht, wie die anderen das handhaben, aber ich lese die Reviews sehr unregelmäßig. Wir kriegen nach einiger Zeit von Creative Eclipse (PR) immer eine Liste mit den Reviews zugeschickt, da schaut man dann einmal kurz drüber. Aber wirklich interessiert mich das ehrlich gesagt nicht, zumal die meisten Reviews (gerade in größeren Publikationen) oft klingen als hätte jemand den Promotext umgeschrieben. Da finde ich es interessanter, wenn jemand nach einem Konzert zum Merchandisetisch kommt und uns erzählt, dass er die Platte mag oder eben auch nicht mag und eventuell noch warum.
? Wenn wir richtig gelesen haben, kommt ihr aus Gelsenkirchen. Neben einem Fußballclub ist die Stadt dafür bekannt, dass allenfalls Einheimische die Schönheit in ihr entdecken. Wollt ihr an dieser Stelle mit diesem Vorurteil aufräumen?
Haha, ja. Also zwei von uns sind in Gelsenkirchen aufgewachsen, einer in Duisburg. Aber ich denke mal, folgendes trifft zu. Ich sage immer, es ist ein bisschen wie in einer alte Ehe. Wenn man mit Freunden in der Kneipe sitzt, darf man sich ruhig darüber auslassen, wie ätzend und langweilig die Heimatstadt doch ist. Kommt allerdings ein Außenstehender dazu und behauptet das, beleidigt man ihn und verteidigt die Stadt bis aufs Letzte (Haha). Also so in etwa.
? Wir steuern auf das Ende des Jahres zu – Zeit Rückschau zu halten. Welche Veröffentlichungen haben dieses Jahr in euch Nachhall gefunden? Was sind eure Favoriten? Gab es Exponate anderer künstlerischer Gattungen, die euch begeistert haben?
Wenn ich jetzt eine Liste machen müsste, wäre die wohl folgende: SOFT KILL “An Open Door”, ICEAGE “New Brigade“, CIRCLE OF OUROBOROS “Eleven Fingers“, TYLER THE CREATOR “Goblin“, ZOMBI “Escape Velocity“, PLANKS “Solicit To Fall“, Thurston Moore “Demolished Thoughts“.
? Was hat das Jahr 2011 für KODIAK gebracht?
Gute Shows, eine neue Platte mit N, viele nette Menschen getroffen zu haben und endlich einen neuen, guten Proberaum (Danke Kokomo!) zu haben.
? Was glaubt ihr hält das Jahr 2012 für euch bereit (hier wäre auch Raum für verbindliche Forderungen an das Jahr 2012)?
Wir haben uns da noch keine Gedanken drüber gemacht. Wir werden wohl noch das ein oder andere Konzert mit N spielen und viel an neuem KODIAK-Material schreiben. Wann das dann aber soweit sein wird, oder wie das aussehen wird, das wissen wir gerade alle selber noch nicht.
photos by peterkaaden.com
(D.L., S.L.)
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