SACRED BONES – Interview

Kauzig. Knorrig. Liebenswert. So lassen sich die Veröffentlichungen des amerikanischen Labels Sacred Bones wohl am besten beschreiben. Taylor Brode und Caleb Braaten sind seine Betreiber. Ihr Wirken basiert auf dem Grundgedanken, Ungehörtes zum Erklingen zu bringen und dabei gleichzeitig zu zeigen, dass Freundschaft eine tragende Säule subkulturellen Wirkens ist.  Dort wo künstlerisches Schaffen sich über alle Facetten von Vertrautheit und Verbundenheit erstreckt, entsteht etwas, was über den reinen Ausdruck hinausgeht. Ihre Definition von Subkultur entflammt sich entlang einer Zündschnur, die das Feuer des musikbegeisterten Herzens entfacht. Dort gelten die aufgesetzten Codes von Inklusion und Exklusion nichts, dort zählt die Liebe zur Musik, zur Gestaltung, zum Ausdruck. Mittels einer kohärenten Labelästhetik setzen sie ihre eigenen Bilder. So verbindet sich der gestalterische Ausdruck mit dem musikalischen, unterstreicht so den Gedanken des Miteinander und der Gemeinschaft. Seit 2007 existiert Sacred Bones. Jüngeren Entwicklungen in subkulturellen Zusammenhängen treten die Alteingesessenen häufig mit Skepsis entgegen. Damit einher geht meist die oftmals unverhältnismäßige Glorifizierung früherer Tage. Sacred Bones indes beweist, dass Passion immer noch der einzige Antrieb ist, Passion im Sinne von Sehnsucht nach einer Form des Ausdrucks, der berührt, entflammt, erschüttert. All jene, die bereit sind, so zu empfinden, die sich dem Wagnis der Hingabe stellen, werden nach dem Genuss des Outputs des Labels anders sein als zuvor. Im besten Fall könnten kauzig, knorrig und liebenswert ihre neuen Lieblingsvokabeln werden. Vorhang auf für Sacred Bones…

? Seit 2007 gibt es Sacred Bones. Wie entstand die Idee ein eigenes Label zu gründen?

Caleb: Ich war bereits in jungen Jahren ein Musikfanatiker und Plattensammler. Die meiste Zeit meines Lebens habe ich in Plattenläden gearbeitet, deshalb war die Gründung eines Labels etwas, das ich schon immer machen wollte. Als die Band eines Freundes eine 7“ herausbringen wollte, dachte ich, dass ich das mal in Angriff nehmen sollte.

? Die Arbeit welcher Labels  beeinflusst (-e) euer Wirken?

Taylor: Factory, SST, Mute, Sarah Records

Caleb: Crass, Independent Project Records, Touch and Go, Siltbreeze, Flying Nun, Blue Note, Impulse. Ich könnte die Liste unendlich weiter fortführen.

? Ihr beide seid die Köpfe hinter Sacred Bones. Wie sieht die Aufgabenverteilung zwischen euch aus?

Taylor: Wir beide fokussieren uns auf die Dinge, für die wir eine natürliche Veranlagung haben. Caleb ist weitaus künstlerischer und kreativer als ich. Er ist zu einem großen Teil für die Ästhetik des Labels verantwortlich gemeinsam mit dem Designer David Correll. Ich habe Erfahrungen in puncto Verkauf und Marketing, deshalb beschäftige ich mich eher mit den kaufmännischen Angelegenheiten und mit den langfristigen Planungen. Wir beide lieben Musik und entscheiden gemeinsam, welche Bands wir unter Vertrag nehmen.

? Welche Erwartungen oder Vorstellungen hattet ihr, als ihr seinerzeit beschlossen habt, ein eigenes Label zu gründen? Haben sich diese Erwartungen/ Vorstellungen erfüllt?

Taylor: Wir sind sehr glücklich darüber, dass wir Alben von Bands herausbringen können, die wir lieben, und dass es Leute in der Welt gibt, die diese Bands auch lieben.

Caleb: Es gab keine konkreten Erwartungen als wir mit dem Label begonnen haben. Die Tatsache, dass Leute dem Beachtung schenken, was wir machen und es mögen, ist ein außergewöhnlicher Erfolg für uns.

? Aus vielen anderen Interviewzusammenhängen wissen wir, dass jedes Label eine eigene Definition in Bezug auf sein Wirken hat. Wie würdet ihr  Labelarbeit definieren?

Taylor: Vorausschauend denken. Wir versuchen nur mit Künstlern zu arbeiten, die ein Genre neu prägen oder die eine Vorreiterrolle in einem Genre haben. Ich denke, dass das zwei Seite einer Medaille sind.

? Spiegelt sich in den Sacred Bones-Veröffentlichungen euer persönlicher Musikgeschmack wider?

Taylor: Zu 110%. Jeder der ein Label betreibt oder für eins arbeitet und bei dem das nicht der Fall ist, sollte sich hinterfragen, was er mit seinem Leben anfängt.

? Lasst uns noch mal kurz zu den Anfangstagen zurückkehren. Vor welchen Schwierigkeiten oder Herausforderungen standet ihr vor der ersten Veröffentlichung?

Caleb: Ich hatte keine Ahnung davon, was ich da eigentlich machte, jedoch mochte ich es. Die Tracks waren noch nicht gemastert und ich hatte nur eine CDR mit mp3 files. Es war eine unglaubliche und zugleich schreckliche Erfahrung. Ich glaube, dass es 4 oder 5 Ablehnungen der Testpressung gab. Ich habe eine Menge daraus gelernt.

? Wie stoßt ihr auf neue, interessante und veröffentlichungswerte Künstler? Spielt Freundschaft eine Rolle?

Taylor: Ja, wir stoßen auf viele Bands aufgrund der Tatsache, dass Künstler, die bereits bei uns veröffentlichen, sie uns vorstellen oder sie für eine Veröffentlichung vorschlagen. Die meisten – wenn nicht sogar alle Bands – sind enge Freunde von uns (geworden) und wir verbringen auch im wirklichen Leben Zeit miteinander.

Caleb: Das Arbeiten mit Leuten, die wir mögen, ist sehr wichtig für uns. Ich glaube, dass alle, mit denen wir arbeiten zur Familie gehören.

? Über welche Qualitäten muss eine Band oder ein Projekt darüber hinaus verfügen, um auf Sacred Bones veröffentlicht zu werden? Welche Rolle spielen dabei an euch entsendete Demos?

Taylor: Auch mit dem Risiko faul zu klingen, wir haben nicht wirklich die Zeit uns Demos anzuhören. Wir veröffentlichen 23 Alben im Jahr. Das ist eine Menge Arbeit für 4 Leute und es lässt uns keinen Freiraum, um Bands zu verfolgen oder neue Musik zu entdecken. Ungefähr mit 90% der Bands, mit denen wir arbeiten, haben wir bereits in der Vergangenheit gearbeitet oder planen mit ihnen zukünftig zu arbeiten. Manchmal schicken uns auch Bands Demos zu, die wir bereits im Blickfeld haben. Das ist dann noch mal eine andere Sache.

? ZOLA JESUS ist ja euer Aushängeschild. Seid ihr mit ihr auch befreundet gewesen, bevor sie auf eurem Label veröffentlicht hat?

Caleb: Nein, ich wurde ihr durch jemanden vorgestellt, der bereits auf unserem Label war. Wir sind sehr schnell Freunde geworden.

? Gibt es Sacred Bones-Veröffentlichungen, die euch besonders am Herzen liegen?

Taylor: Alle.

Caleb: Alle.

? Was ist eurer Meinung nach die seltsamste Veröffentlichung, die ihr herausgebracht habt?

Taylor: Ich denke, dass viele unserer Veröffentlichungen für die meisten Leute seltsam klingen. Der wohl am ehesten typische “Outsider“-Künstler, mit dem wir je  zusammengearbeitet haben, ist wahrscheinlich Carl Simmons.

? Downloads spielen bekanntermaßen eine immer größere Rolle, eben auch in subkulturellen Zusammenhängen. Wie positioniert ihr euch in der Frage des illegalen bzw. legalen Downloads?

Taylor: Jedes Label und jeder Künstler ist davon betroffen und wird es auch in Zukunft sein. Meine Meinung dazu ist, dass ich es furchtbar traurig finde, dass unsere Kultur sich dafür entschieden hat, dass Musik keinen Geldwert mehr besitzt. Würde jemand in den Louvre gehen, um dort die “Mona Lisa“ zu stehlen? Natürlich nicht, aber warum glauben dann Leute, dass es in Ordnung ist, andere Kunstobjekte zu stehlen, in die Künstler viel Arbeit und Geld investiert haben?

Caleb: Ich mag die Idee nicht, dass Musik als Ware angesehen wird. Der Grund, warum ich mich mit Musik beschäftige, besteht darin, dass Musik eine wunderbare und wichtige Quelle der Schönheit ist. Wie bei jedem anderen Geschäft, spielt Geld eine Rolle. Wenn wir kein Geld für die Werbung ausgeben und für die Produktion eines qualitativ hochwertigen Produkts, dann haben die Leute keine Möglichkeit, die Alben des Künstlers zu hören. Ich denke auch, durch die Tatsache, dass Musik frei zur Verfügung steht, Musik weniger geschätzt wird. Man kann sich so viele Alben wie man möchte und wann immer man es möchte, oft sogar kostenlos herunterladen. Es ist etwas anderes, wenn man Geld für ein Album ausgibt, es mit nach Hause nimmt und sich dort anhört. Damit meine ich, dass man es sich wirklich anhört, in Stereo. Das ist ein vollkommen anderes Erlebnis.

? Ihr habt eine sehr kohärente Labelästhetik. Inwieweit sind die Künstler in die Gestaltung ihrer Veröffentlichungen integriert?

Taylor: Das hängt immer vom jeweiligen Künstler ab. Einige kommen mit einem Bild, was sie verwenden wollen, andere wiederum lassen sich etwas von Caleb vorschlagen. Wir haben das letzte Wort bei der Covergestaltung, da wir versuchen, eine kohärente Ästhetik zu schaffen, ohne dabei einfach nur eine Schablone zu verwenden.

? Fühlt ihr euch einer bestimmten Subkultur zugehörig – und wenn ja, welche Veränderungen konntet ihr dort in den letzten Jahren beobachten?

Taylor: Leute scheinen sich derzeit sehr für Dreiecke zu interessieren – sie tragen sie als Schmuckstücke, verwenden sie für Logos, Labelnamen oder Albencover. Ich glaube, dass Witch House aktuell ein Genre ist, was “A“`s durch Dreiecke ersetzt? Wir wissen nicht wirklich, was Witch House ist, aber ich kann euch versichern, dass wir zu absolut 100% nichts damit zu tun haben! Wenn ich aber 15jährige Jugendliche durch Brooklyn laufen sehe, die EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN-Shirts tragen, dann möchte ich glauben, dass wir damit etwas zu tun haben.

Caleb: Ich hoffe, dass wir verschiedene Subkulturen und Genregrenzen überschritten haben  – dass wir einen Effekt auf viele unterschiedliche Dinge haben.

? Lasst uns am Ende noch eine klassische Frage stellen. Glaubt ihr, dass manche Musik für viele und andere für wenige ist?

Taylor: Ja, aber ich hasse die Vorstellung, dass wir unsere Hörerschaft künstlich begrenzen sollten oder uns gar elitär gebären. Es ist uns wichtig, dass unsere Veröffentlichungen für jeden zugänglich sind.

? Welche Alben sind in der Warteschleife und warten auf ihre Veröffentlichung in nächster Zeit?

Taylor: CRYSTAL STILTS-EP, UV POP-Reissue, neue Alben von THE MEN, LED ER EST, POP.1280, Gary War, Wymond Miles (THE FRESH & ONLYS) und wir arbeiten an einem Soundtrack, über den wir aber noch nicht sprechen dürfen.

? Möchtet ihr nun zu alledem noch etwas hinzufügen?

Taylor: Vielen Dank für euer Interesse.

(D.L., S.L.)

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