PROFOUND LORE – Interview

Wohl kaum ein musikalisches Genre hat sich in den letzten Jahren so ausdifferenziert, wie das des Metals. Unzählige Subströmungen sind entstanden, mannigfaltige Kollaborationen mit Künstlern aus anderen Genres und Subkulturen sind eingegangen worden. Mitverantwortlich für diese Entwicklung ist das kanadische Label Profound Lore. Dessen Betreiber Chris Bruni fischt seit nunmehr 7 Jahren in den musikalischen Weihern nach metallischen Fischen. Dabei ist Bruni ein sorgfältiger Fänger. Vieles von dem, was in den Netzen hängen bleibt, wirft er in den Weiher zurück – nur weniges landet im Fangkorb. Über das was ihn antreibt, gibt Chris Bruni im nun folgenden Interview Auskunft.

? Kannst du kurz die Entstehungsgeschichte von Profound Lore nachzeichnen?

Zu Beginn war es eine Art Hobby für mich – etwas, was ich nebenbei gemacht habe, da ich etwas Geld gespart hatte und ich zu diesem Zeitpunkt nichts anderes zu tun hatte. Mein damaliger Labelpartner und ich (eigentlich waren wir zu viert, als wir das Label starteten) hatten Verbindungen zu Bands und Labels in der Szene. Wir dachten, es wäre cool, wenn wir streng limitierte Vinyleditionen von einigen Alben der Bands, die wir kannten, herausbringen würden und dabei vielleicht mit einigen befreundeten Labels zusammenarbeiten könnten. Wir dachten, wenn wir schon über diese Verbindungen verfügen, können wir sie such nutzen. Es ging darum, dem Label so etwas wie ein Profil zu verleihen, indem wir uns auf Vinylveröffentlichungen für einige bemerkenswerte Bands konzentrieren würden.

? Gab es bestimmte Labels, die als Vorbild fungierten beziehungsweise die einen Einfluss auf die Entwicklung von Profound Lore hatten?

Die Labels, die den meisten Einfluss auf Profound Lore hatten, sind meiner Meinung nach Labels, wie Deathlike Silence Productions, Peaceville (in den Anfangsjahren), Avantgarde Music und Misanthropy Records (ebenfalls in den Anfangsjahren) sowie Labels, die nichts mit Metal zu tun haben, so zum Beispiel Amrep, Mute und 4AD.

? Warum habt ihr den Labelnamen Profound Lore gewählt?

Ehrlich gesagt und so einfach es auch klingen mag, mein damaliger Labelpartner erwähnte diesen Namen immer mal wieder, wenn wir über einen möglichen Namen für das Label sprachen. Ich dachte, dass er sich cool anhört und habe ihn letztendlich deshalb gewählt. Es steckt wirklich keine tiefere Bedeutung dahinter.

? Was war der erste Tonträger, der auf Profound Lore erschienen ist und welche Erinnerungen hast du an den Tag der Veröffentlichung?

Die erste Veröffentlichung war eine limitierte 10“ von der Band MELECHESH, die den Titel “The Ziggurat Scrolls“-EP trug. Ich bin mir nicht sicher, ob das viele überhaupt wissen. Als wir das Endprodukt in den Händen hielten, war das ein sehr stolzer Moment für uns. Wir hatten etwas erreicht, gleichzeitig standen all diese vollen Kisten herum und wir mussten herausfinden, wie wir den Verkauf dieser ganzen Exemplare vorantreiben könnten. Obwohl die EP auf 500 Stück limitiert war, war uns bewusst, dass wir in den Verkauf eine Menge Arbeitszeit investierten mussten.

? Existiert deiner Ansicht nach eine Labelpolitik oder gibt es einen Grundgedanken, der alle Veröffentlichungen auf Profound Lore miteinander verbindet?

Das ist nicht leicht zu beantworten, da so etwas schwer in Worte zu fassen ist. Aber wenn man von einer Labelpolitik sprechen würde, dann könnte man es so beschreiben, dass es darum geht, fortlaufend Alben zu veröffentlichen, die eine hohe Resonanz erzeugen sowie Qualität besitzen – und dass man dabei versucht so konsistent wie möglich zu bleiben.

? Wie entsteht der Kontakt zu den Künstlern, die bei dir veröffentlichen? Wir haben in einem Interview mit dir gelesen, dass Freundschaft dabei keine unwesentliche Rolle spielt.

Meistens werde ich auf Künstler aufmerksam und komme in Kontakt mit ihnen durch Empfehlungen von Freunden oder von Musikern, mit denen ich bereits gearbeitet habe. Mitunter melden sich aber auch Künstler bei mir, die ich persönlich nicht kenne, aber weiß, wer sie sind. Sie kontaktieren mich, weil sie Fans des Labels sind. In der Regel treten sie an mich heran, um zu fragen, ob ich etwas von ihrem Nebenprojekt veröffentlichen möchte, was parallel  zu ihrer Hauptband läuft, mit der sie meistens bei einem größeren Metallabel unter Vertrag stehen.

? Unabhängig von der von dir eben beschriebenen Vorgehensweise – über welche Qualitäten muss eine Band, die auf Profound Lore veröffentlichen möchte verfügen, damit sie dein Interesse weckt?

Im Grunde geht es um eine gewisse Ästhetik, die ich fühlen muss, und die sich aus einer Kombination von der Musik und von der Aura der Band zusammensetzt. Wenn ich kongruent dieses Gefühl spüre, dann weiß ich, dass die Band zum Label passt. Dieses nachhaltige Gefühl ist schwer zu erklären und zugegebenermaßen verlasse ich mich da im Grunde auf meine innere Stimme. Aber es gibt auch noch andere Faktoren, die bei einer Band für mich wichtig sind. So suche ich nach einer gewissen Klarheit und Ungewöhnlichkeit, die eine Band verkörpert, und dass sie etwas tut, was abseits von dem ist, was normalerweise in dem Genre passiert.

? Ist es für dich wichtig, dass Profound Lore eine feste Gruppe von Künstlern hat, die auf dem Label veröffentlichen?

Ich denke, das ist abhängig von der Beziehung, die ich zu den jeweiligen Künstlern habe und ich habe zu jedem Künstler, mit dem ich arbeite, eine einzigartige Beziehung. Es gibt Künstler, mit denen ich für eine Veröffentlichung zusammenarbeite und es gibt Künstler, mit denen ich eine engere Beziehung aufgebaut habe und die mittlerweile zu einem integralen Bestandteil des Labels geworden sind. Diese Künstler bilden den stabilen Unterbau von Profound Lore und mit diesen möchte ich auch weiterhin zusammenarbeiten, da es für gewöhnlich jene Bands sind, die geholfen haben, dass das Label über die Jahre hinweg gewachsen ist. Deshalb denke ich, dass es wichtig ist, eine stabile Beziehung mit ausgewählten Künstlern zu haben und zwar mit denen, die dazu beigetragen haben, dass das Label heute das ist was es ist.

? Profound Lore existiert seit fast 7 Jahren. Wenn du die Anfangstage mit heute vergleichen müsstest, zu welchem Ergebnis würdest du gelangen?

Ich arbeite fokussierter, weniger naiv und auf jeden Fall bin ich vorsichtiger und in meinen Entscheidungen bewusster geworden. Ich denke, dass ich mich immer noch in einem Lernprozess befinde und immer wieder neue Dinge dazu lerne, Fehler mache und aus diesen lerne. Aber es scheint, dass von Jahr zu Jahr, die Absicht und die Vision, die das Label verfolgt klarer wird. Gleichzeitig wird mir mehr und mehr bewusst, dass man keine Angst vorm Scheitern haben muss.

? Inwieweit sind die Künstler in das visuelle Konzept ihrer Veröffentlichung eingebunden?

Die Bands sind für gewöhnlich zu 100% in das visuelle Konzept ihrer Veröffentlichung involviert. Manchmal helfe ich ihnen auch jemanden zu finden, der sie dabei unterstützt. Größtenteils vertraue ich meinen Künstlern, dass sie mit einem tollen Artwork beziehungsweise mit einer großartigen Präsentation kommen. Aber hin und wieder schlage ich ihnen auch Veränderungen vor. Erst vor kurzem wollte eine Band Fotografien für ihr neues Album verwenden, die von einem hochkarätigen Fotografen gemacht worden, aber als ich die Fotos sah, gefielen sie mir nicht und ich hatte auch nicht das Gefühl, dass sie zum Konzept der Band passen würden. Ich meine, das waren Fotos, die man auf dem Cover eines BLEEDING THROUGH Albums oder auf irgendeinem blöden kommerziellen Metal/ Mall-Core-Album finden kann. Ich gab einige Anregungen und im Einvernehmen beschlossen wir, die Fotos zu überarbeiten und jetzt entsprechen sie viel besser dem Konzept der Band. In Fällen wie diesen ist es wichtig, dass ich meine Meinung sage und gehört werde. Ich habe bereits zuvor schlechte Erfahrungen mit einer Band gemacht, deren Cover ich absolut gehasst habe, aber nichts gesagt habe, weil es ihre Entscheidung war und sie zu 100% hinter dieser standen. Damals dachte ich, ich müsste ihre Entscheidung unterstützen, weil sie etwas Anderes machen wollten oder was auch immer und in einer gewissen Weise bereue ich das rückblickend.

? Viele der Veröffentlichungen auf Profound Lore werden in Rezensionen mit Lob überschüttet. Wie gehst du damit um?

Ich versuche es natürlich nicht allzu persönlich zu nehmen. Ich erwarte nicht, dass Leute alle Veröffentlichungen mögen und ich weiß im Vorfeld, dass es auch Alben gibt, die polarisieren und nicht jedem gefallen. Wenn ein Album ein schlechte Besprechung erhält (oder auch eine mittelmäßige), versuche ich (bis zu einem gewissen Grad) nach den Ursachen dafür zu suchen, aber das ist nicht etwas, was mich um den Schlaf bringt. Wenn ein Kritiker eine negative Bewertung für eine meiner Veröffentlichung schreibt und gleichzeitig eine gute Besprechung für ein Album von TRIVIUM, dann ist es mir ohnehin egal.

? Was ist die bis jetzt erfolgreichste Veröffentlichung auf Profound Lore?

Das hängt davon ab, wie man erfolgreich definiert, da jede Veröffentlichung einen unterschiedlichen Diskurs und eine andere Situation aufweist. In diesem Sinne ist es schwierig, die erfolgreichste Veröffentlichung auf dem Label zu benennen. Aber wenn man davon ausgeht, dass die erfolgreichste Veröffentlichung an Verkaufszahlen (oder der Kombination aus Verkauf, Beachtung, guter Kritiken und Hype) festgemacht wird, dann ist es AGALLOCH`s “Marrow Of The Spirit“.

? Kannst du von den Einnahmen, die durch den Verkauf von Profound Lore-Veröffentlichungen erhältst, leben?

Zurzeit lebe ich allein von den Einnahmen von Profound Lore, es ist nicht leicht, aber es geht.

? Demnächst wird auf Profound Lore eine Doppel-LP von AGALLOCH`s “Marrow Of The Spirit“ herauskommen. Sind weitere Vinylveröffentlichungen in Planung?

Eines der Ziele ist natürlich, mehr Veröffentlichungen auch auf Vinyl herauszubringen, wenn das Budget und der Zeitplan es zulassen. Momentan arbeiten wir an einer Vinylauflage für SUBROSA`s “No Help For The Mighty Ones“ und ich möchte gern das Album “Gin“ von COBALT auf Vinyl veröffentlichen, weil ich denke, dass dieses Album definitiv eine Veröffentlichung auf Vinyl verdient hat und mich immer wieder Leute danach fragen.

? Gibt es auch Pläne das Album “Weighing Souls With Sand“ von THE ANGELIC PROCESS wieder zu veröffentlichen?

Dafür gibt es zurzeit keinerlei Pläne.

? Nach ihrer Tour durch Europa im Frühjahr gaben LUDICRA letzten Monat ihre Auflösung bekannt. Wie hast du diese Nachricht aufgenommen?

Es war wirklich herzzerreißend als LUDICRA ihre Auflösung bekannt gegeben haben. Vor allem weil sie eine meiner Lieblingsbands waren, noch bevor ich mit ihnen zusammen gearbeitet habe. Aber ich kann sagen, dass sich auch gute Dinge aus dieser Trennung entwickeln werden und ich bin schon sehr aufgeregt, was möglicherweise daraus folgen wird.

? Neben der Musik, gibt es noch andere Arten von Medien (Literatur, Film), die einen Einfluss auf dich haben?

Auf jeden Fall, beim Thema Literatur spielen die Arbeiten von H.P. Lovecraft eine große Rolle für mich und wenn es um Filme geht, dann inspirieren mich insbesondere die Werke von Regisseuren, wie Fellini, Kurosawa, Bergman, Kubrick, Cronenberg, Allen, Scorsese, Von Trier, Gaspar Noe, und Alejandro Gonzales Innaratu.

? Welche Alben werden in naher Zukunft auf Profound Lore veröffentlicht?

Für den Rest des Jahres sind noch neue Alben von THE ATLAS MOTH, WOLVHAMMER, LEVIATHAN, ANTEDILUVIAN und WOLD geplant. Das Jahr wird also mit einer interessanten Note enden.

? Möchtest du noch irgendetwas hinzufügen?

Vielen Dank für die Möglichkeit, meinen Gedanken freien Lauf zu lassen.

(D.L., S.L.)

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