Wie es sich anhört, wenn eine Komposition über sich selbst hinaus klingt, zeigt Jóhann Jóhannsson auf “The Miners` Hymns“. Der mittlerweile in Kopenhagen lebende Isländer legt damit auch gleichzeitig sein Fat Cat-Debüt vor. “The Miners` Hymns“ stellt zudem die Untermalung des gleichnamigen Films von Bill Morrison dar. Gemeinsam mit ihm präsentierte Jóhannsson die Komposition im September 2010 an zwei Tagen in der Durham Cathedral. In Morrisons filmischen Arbeiten entdeckte der Isländer, laut Eigenauskunft, viele Parallelen zu seinem musikalischen Wirken. Thematisch spannen sich die Fragen Verfall und Erinnerung über Morrisons Arbeiten.
Auf “The Miners` Hymns“ stehen die politischen und kulturellen Aspekte des Bergbaus im Mittelpunkt. Dass der Bergbau auch immer eine eigene Kultur mit hervorgebracht hat, ist bekannt. Auf städtebauerischer Seite prägte er Regionen, ob nun das Ruhrgebiet, das Erzgebirge oder Nothinghamshire bzw. South Wales und viele andere nachhaltig. Im alten Bergmannsgruß “Glück Auf!“, jenem einst im Erzgebirge entstandenen Gruß, drückt sich bis heute auch der Wandel eines Selbstverständnisses aus. Zunächst gedacht, als Ausdruck des Wunsches auf neue Rohstoffadern zu stoßen, transformierte sich die Grußformel semantisch. Sie unterstreicht auch die Hoffnung, dass der Bergmann nicht im Berg bleibt, sondern irgendwann wieder ausfährt. Dass das tägliche Bangen der Bergleute und ihrer Familien einen Veränderungsprozess im Denken und Leben in sich trug, scheint auf der Hand zu liegen. Nun schwindet vor allem der europäische Bergbau. Viele Zechen werden geschlossen, wenn sie nicht schon geschlossen worden sind. Mit ihnen schwindet die Kultur der Bergleute und auch ihr tägliches Ringen mit dem Tode. In einem Punkt einte sich die Kultur der unterschiedlichsten Bergleute jedoch. Viele Bergbaubelegschaften hatten (bzw. haben) eine eigene Bergmannskapelle und in den meisten Fällen ist dies eine Blaskapelle.
So überrascht es nicht, dass Jóhann Jóhannsson auf “The Miners` Hymns“ mit einem 16köpfigen Blasorchester arbeitete, punktuell ergänzt durch dezente Streicher und Pianopassagen. Das schier Sakrale des Werkes und seine langen Bläserpassagen wirken wie ein Requiem – eine komponierte Totenmesse – auf einen Industriezweig, der eigentlich schon untergegangen ist. Dieses “reqieum aeternam dona eis, domine“ ist in dem Fall nicht an einen Gott gerichtet, sondern eher an ein imaginäres Gegenüber, getragen von dem Imperativ: “Schaut!“. Der das Album überwölbende Spannungsbogen ist in jeder Harmonie hörbar. Gleichzeitig hebt er die “Ichverlorenheit“ des Hörers an, da jede Passage direkt in den inneren Resonanzraum des Hörers einschwingt. Von dort federn diese Passagen zurück und erschüttern so, gleich einem Beben, den Hörer in seinen Grundfesten.
Jóhannsson setzt dabei nicht auf die leicht auszuspielenden Karten des Wohlklangs. Jener echot in keiner Note. Die Stücke wirken wie kurze Sätze und auch in der Instrumentierung schlägt sich der Verzicht auf den sicheren Gang in Richtung einer einfach-vitalen Bewegung nieder. Parallel dazu öffnet sich nach mehrmaligem Hören ein weiterer Interpretationshorizont. So wird man das Gefühl nicht los, dass die Kompositionen immer auf die Vorgängerstücke zurückgreifen, was weniger in einem thematischen Sinne verstanden werden soll. Vielmehr scheint der Gedanke an das Verlorengegangene, was der Isländer hier am konkreten Beispiel vertont, sich von den Stücken aus zurück zu schwingen. Wahrscheinlich liegt im Eigenklang der Passagen und in ihrer eben beschriebenen Verschmelzung das Geheimnis dieser schier überlebensgroßen Arbeit.
Darüber hinaus kann man entlang der eigenen Hörbiografie zunehmend den Eindruck gewinnen, dass der Isländer eine akustische Wunderformel zu benutzen scheint, die bewirkt, dass man sich direkt vom Künstler angesprochen fühlt. Zudem stöhnt Jóhannsson nicht unter dem schweren Erbteil der klassischen Musik auf, gleichzeitig strahlt die historische Substanz klassischer Musik aus jeder Note. Aus den Kompositionen funkelt ein Zauber, der matt-glänzende Blüten im Raum bildet und treibt.
Der Abglanz der Blüten kündet von einer untergehenden Epoche, eines Berufszweiges, der sich in der Ersten Welt schon fast gänzlich aufgelöst hat. Jóhannsson hat die Lebensmelodie der Bergarbeiter eingefangen. Er hat etwas geschaffen, das so wirkt, als hielte man einen Erzbrocken in den Händen der leuchtend darüber Auskunft gibt, was gestern war. Unterstrichen wird dies durch die flächigen, symphonischen Klänge mit ihren weichen Klangfarben. Dort fordert er ein “Denken des Herzens“ ein, seine Inspirationsbreite und die Spielfreude des 16köpfigen Orchester erzählen davon. Sie erzählen in einer Sprache, die Jóhann Jóhannsson tief aus den Schächten ausgegraben zu haben scheint. Eine Sprache ohne Worte. Eine machtvolle Sprache. In den letzten Takten von “The Miners` Hymns“ scheint mitzuschwingen, wie der Komponist die Zerrüttung des Hörers wieder in Ordnung bringt. Ein Gedanke, der bei Mozart leitmotivisch Verwendung fand.
Nikolaus Harnoncourt meinte einmal, dass die Kunst eine Nabelschnur sei, die uns mit dem Göttlichen verbindet, die unser Menschsein garantiert. Wer “The Miners` Hymns“ gehört hat, kann verstehen, was Harnoncourt damit gemeint hat. (S.L.)
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