CHELSEA WOLFE – Ἀποκάλυψις (Apokalypsis) (12")

Kaum sind die Elogen zu “The Grime And The Glow“ verklungen, legt die Kalifornierin Chelsea Wolfe mit “Ἀποκάλυψις“ nach. Den dieser Veröffentlichung vorausgegangenen Schöpfungsprozess bezeichnet sie selbst als “kontrolliertes Experiment“. Im Gegensatz zu “The Grime And The Glow“ fanden die Aufnahmen im Studio statt. Innerhalb einer Woche war “Ἀποκάλυψις“ im Kasten und in mehrerlei Hinsicht unterscheidet es sich vom Vorgänger. Chelsea Wolfe hat hierbei den Fokus klar auf den ganzheitlichen Charakter gerichtet, die Stücke scheinen aneinander gewoben. Zudem fand sie die Unterstützung mehrerer Mitmusiker. Wenn Ort, Zeit und Personenkonstellation zusammenspielen, werden mitunter magische Augenblicke geboren. So auch auf “Ἀποκάλυψις“. Schichtung und Wiederholung einzelner Sounds und Partikel sind geblieben, nur ist hier das große Ganze im Blick.

Dabei fängt das Album eine Atmosphäre ein, die von einem schwarz-kratzigen Soundschleier der Düsternis verhangen ist. Schien auf “The Grime And The Glow“ noch Hypnos gegenwärtig, so taucht hier des Schlafes Bruder auf. Selbst ein Stück wie “Moses“, welches hier erneut veröffentlicht wurde, erscheint in diesem Umfeld noch düsterer und unheilschwangerer. Verzerrte und post-punkige Gitarren sind weiterhin stilistisch dominierend, wenngleich man das Gefühl nicht loswird, dass Ethan Port sich heimlich unter die Band Chelsea Wolfes gemischt hat und mit von Schwermut geleiteter Hand sein für ihn typisches, monotones Spiel anschlägt. Die Instrumentierung wird darüber hinaus von kalt durchklopfenden Drums getragen. Die eingangs beschriebenen Tiefen der Düsternis werden wieder durch die Artikulation und die Phonotation Chelsea Wolfes angesteuert. Sie zeichnet sich vor allem für die an die Endzeit gemahnende Stimmung von “Ἀποκάλυψις” aus, sie singt scheinbar aus einer “infelix locus“, einer unseligen Stätte. Diesem Ort bürdet sich entlang des Durchlaufs eine unheilvolle Ahnung auf, gleichzeitig fordert das von dort Gesungene und vom Hörer Vernommene, eine tiefe Aufmerksamkeit ein. Sie kommt einer Bündelung und Sammlung jener endzeitlich wirkenden Einflüsse gleich.

So treibt die Kalifornierin auf “Mer“ das Stück so lang vor sich her, dass es am Ende selbst zum Treiber wird, entzündet von einem tribalistischen Rhythmusfeuerwerk. In diesen Momenten scheint die Amerikanerin aus sich selbst herauszutreten. Daneben sind ihre Stücke immer von etwas Schwebendem, Flüchtigem umgeben. Dies erschließt sich allerdings erst in der tiefen kontemplativen Aufmerksamkeit, die das Album unabdingbar für sich reklamiert. Sie verlangt vom Hörer die Gabe des Lauschens. Seine größte Sogwirkung entfaltet das Album bei “The Wasteland“. Hier intoniert und flüstert es luguber, so dass der Hörer der finsteren Versuchung erliegen mag, sich selber verloren zu gehen, um sich dem Gehörten vollständig auszuliefern.

Das Düstere, Finstere ist der schwarze Faden des Albums. Allenfalls in einigen dynamisierten Momenten und Passagen jagt ein kurzer Windhauch durch das abgedunkelte Zimmer Chelsea Wolfes. Dann reißt der Vorhang der Düsternis kurz auf und ein schmaler Strahl des Tageslichtes schlüpft in den Raum, der allerdings alsbald von der einsetzenden Dunkelheit verschluckt wird, wobei der nahende Einsatz der Düsternis wie ein Naturgesetz erscheint. All dies geht einher mit einem Gefühl eines finsteren “außer-sich-Geratens“. In den Phasen der Steigerung, der gekonnten Phrasierung, wenn sich die kratzig-widerborstige Instrumentierung voll entfaltet, durchbohren den Hörer die Dolche der Ekstase. Am eindrücklichsten wahrnehmbar ist dies auf “Pale On Pale“. In seiner Hymnenhaftigkeit und mit seinen übersteuerten Gitarren kreuzt das Stück mit eben jenen Dolchen der Ekstase die Klingen, jedoch nur, um sich anschließend mit ihnen in den Hörer zu bohren. All dies kündet zugleich von der Empfindungsstärke der Künstlerin.

In ihr erglüht eine Leidenschaft des Suchens und Findens, Grenzen sprengend. Ihr Bruch mit den Entitäten und dem Erwartbaren drückt sich wohltuend durch die Absenz jedweder Formeln aus. Das Lockende und das Abgründige, Bedrohliche verwickeln den Hörer in einen lichtarmen Tiefenrausch. So vermischen sich im Hörer die tiefe Freude über das Gehörte und die Angst vor dem, was da mitschwingt. All dies gipfelt in einer Art unbegrenzten Widerschein. In dieser Angst erschüttert sich das Dasein. Ihre Botin ist Chelsea Wolfe. Diese Platte will nicht Antwort sein. Sie ist die vollkommene Frage. Sie bricht sich die Bahn, die schon seit grauer Vorzeit im Hörer angelegt war und erstrahlt dort als Leuchtfeuer in schwarzen Flammen. (S.L.)

Format: 12"
Vertrieb: PENDU SOUND
 

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