EARTH – Angels Of Darkness. Demons Of Light I (CD)

EARTH sind die großen Überschreiter. Mit jeder Platte gelingt es ihnen, die Vorgängerplatte zu übertreffen, dabei überschreiten sie zuverlässig deren ohnehin schon hohe Qualität. Ihr Wirken gehorcht keiner Eingrenzung. Auf ihrer aktuellen Veröffentlichung haben Dylan Carlson und Adrienne Davis Unterstützung von Karl Blau (Bass) und Lori Goldston (Cello) erhalten. Gerade letztere hinterlässt auf “Angels Of Darkness. Demons Of Light I“ ihre Spuren, indem sie harmonisch Carlsons Gitarrenparts unterstreicht, umrahmt, ummantelt, ohne jedoch in den Vordergrund zu drängen. Goldston ist keine Unbekannte, sie ist wohl einigen noch als Mitglied des NIRVANA-Ensembles bei deren MTV-Unplugged-Auftritt im Gedächtnis.

Nun veredelt ihr bedächtiges und zurückgelehntes Spiel also “Angels Of Darkness. Demons Of Light I“. Doch nicht nur Goldstons Celloparts sorgen für den Einzug neuer, melodischer Schwerpunkte. Carlsons Gitarrenparts stehen – wie bei allen EARTH-Veröffentlichungen – im Mittelpunkt, doch der Mastermind scheint hier auf dem Zenit seines Schaffens zu stehen: Stoisch spielt er seine Muster, treibt diese entschleunigt zu einer neuen Schau, obgleich Carlsons Spiel wie immer Kompass und Anker zugleich ist. Hier der Blick gen Horizont – und der öffnet sich, wie eingangs erwähnt, immer weiter – dort die Haftung im Ursprung, der Halt im Wellengang. Als Erzählverfahren haben Carlson und die seinen ein zeitdehnendes gewählt, hier scheinen sie – noch viel stärker als früher – die geistigen Brüder der Mühlheimer BOHREN UND DER CLUB OF GORE zu sein. Beide spielen, um die Statik des Moments zu überprüfen.

Dramaturgisch ist “Angels Of Darkness. Demons Of Light I“ ein durchkomponiertes Ganzes. Die Tracks – fünf an der Zahl – sind für sich genommen zusammengesetzt aus einer handvoll Motive, die sich entlang dickster Klangschlieren reihen. In ihrer Summe sind sie mehr, kommen dem, was man unter vollkommener Lautpoesie verstehen würde, doch sehr nah. Das Hypno-Monotone und die melancholischen Soundminiaturen der Stammbesatzung wurden von Karl Blaus Basslinien untermalt und von Goldstons Cellosequenzen veredelt, dabei immer ultra entschleunigt, steter Fluss, tiefer Atemzug.

Gleichzeitig ist besonders Carlson anzumerken, welche Lust er beim Geben empfindet, er, der schon immer mit seinem Projekt EARTH ein eigenes Zeitmaß hatte, sich von Veröffentlichung zu Veröffentlichung eigener Formen der Rückbindung und Erinnerung bediente. Zudem ist jeder Ton, ja jede Silbe auf “Angels Of Darkness. Demons Of Light I“ voller Schauer. EARTH zelebrieren hier geradezu ihre dunkle Messe, sie ist das Ritual zur eingangs erwähnten Überschreitung. EARTH zeigen Tiefe als ein Element der Überraschung, der anspielenden Verwirrung, des Nichtgeheuren. Dies deutet auf einen magischen Ort hin, an dem das was tief ist, Widerhall findet. Die Stärke des Widerhalls ist dann Seismograph der Tiefe. Dort hallen EARTHs Veröffentlichungen wieder und wieder nach. Als einzig störend dabei wirken die Trackgrenzen der Stücke. Tatsächlich könnte die Band wahrscheinlich ewig und ohne Pause spielen, gleiches trifft auf das Hören ihrer Alben zu. Nach 60 Minuten ist der Durchlauf beendet. “Schon vorbei?“ – mag mancher denken. Nun bekanntlich leert sich ein Glas mit gutem Wein schneller.

Kurzum: Die große Kunst dieser Veröffentlichung offenbart sich darin, dass sie so beschlossen wird, wie sie eröffnet wurde. Zwischen diesen Polen reihen sich die großen Momente der Augenblicksfeiern aneinander. Sicher bleibt dabei, dass die Kunst Dylan Carlsons und seiner Mitstreiter keinen Auftritt als Dienstmagd im Theater der Gegenwart finden wird. Nun kann man die Trugschließer schon raunen hören: Zähmung! Hegung! Diese und andere hämeverklebten Aufsichten  sind benommen von den Zwängen ihrer mausgrauen Alltage, benommen von den Stanzen derer, die auch in der Subkultur nach Rum gieren, den einzustreichen sie erhoffen, wenn jemandem wie Dylan Carlson übel nachgeredet wird. “Hinfort mit euch, ihr Generalsekretäre des Zeitgeistes, ihr Sprechmaschinen, ihr Stanzenschleuderer!“

Die Veröffentlichung verweist auf den ersten Teil von weiteren. Dies weckt natürlich Erwartungen. Zum einen bedeuten Erwartungen immer die Aussicht auf Verheißung, immer als Sprung aus der schlecht empfundenen Gegenwart in das Unbekannte – erhofft Bessere – des morgen. Zum anderen sind EARTH die großen Überschreiter, sie übertreffen und übertreffen. Überlebensgroß. Applaus. Abgang. Part II? (S.L.)

Format: CD
Vertrieb: SOUTHERN LORD
 

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