LOCRIAN – Interview

Zuschauer des eigenen Lebens sind sie nicht – die drei Amerikaner von LOCRIAN. Dabei richten André Foisy, Terence Hannum und Steven Hess ihren Fokus auf das Selbstleben. Entlang der alten Grundfrage Albert Camus`, ob man selber lebt oder gelebt wird, haben sie das Erstgenannte gewählt. Gleichzeitig nehmen sie dabei in Kauf, sich für den schwierigeren Weg entschieden zu haben. Dabei haben wir – und so auch LOCRIAN – es  schwerer, selbst zu erleben, da das Selbsterlebte heute mit ungleich stärkeren und schnelleren Bildern ringen – und es vor den Sperrfeuern des Digitalen häufig nach Deckung suchen – muss. Die Kunst LOCRIANs speist sich aus zweierlei. Zum einen ist ihnen der Blick der Forschenden und Suchenden vertraut, zum anderen bespielen sie die alten Kanäle mit neuen Klängen. Fest scheint dabei in ihrem Bewusstsein verankert zu sein, dass sie ihre Geschichten besitzen wollen und daher auch von diesen besetzt sind. Veröffentlichungspolitisch vertrauen sie den alten herkömmlichen Medien, hier das Tape, da die Vinylplatte, dazwischen auch mal eine CD. Ähnlich verhält es sich zu der Frage, die der Sirenenchor der Geschwätzigen anstimmt. Metal? Zu wenig Schlagzeug! Noise? Zu viel Gitarre! Ambient? Zu krachig! LOCRIAN geraten nicht in die Versuchung Odysseus`. Sie brauchen sich nicht am Großmast des Schiffes festbinden zu lassen, um den Verlockungen der Sirenen standhalten zu können. Ihr Kurs ist klar. Und all das, was über diese Annahmen hinausgeht, soll das folgende Interview klären.

? LOCRIAN gibt es seit 2005. In relativ kurzer Zeit habt ihr eine hohe Anzahl an Tonträgern veröffentlicht. Gleichzeitig sind eure Veröffentlichungen unglaublich verdichtet und man kann beim Hören spüren, wie wichtig sowohl Klang als auch kompositorische Muster sind. Könntet ihr unseren Lesern zunächst einen Einblick in eure Arbeitsweise geben?

André: Unser Arbeitsprozess ist sehr intuitiv. Als wir die Musik für “The Crystal World“ aufnahmen, trugen Terence und ich einige Ideen zusammen, die während unserer Live-Sets und während unserer Proben entstanden sind. Diese Ideen bildeten den Grundstein bevor wir mit den Arbeiten am Album begannen. Wir teilten diese Ideen in Abschnitte ein und nachdem Steven zu uns stieß, entwickelten die Tracks ein Eigenleben.

Terence: Ich würde auch sagen, dass wir sehr intuitiv arbeiten. Es ist eine Art fokussierte Improvisation. Wir diskutieren viel über den Klang eines Stückes oder über die übergreifende Idee, welche wir vermitteln wollen.

André: Im Grunde haben wir keine feste Vorgehensweise bezüglich unseres Arbeitsprozesses. Das ist meiner Ansicht nach auch ein Grund dafür, dass unsere Musik so dynamisch ist: Eine Sache, die Künstler tun, um die Kreativität aufrecht zu erhalten, ist immer wieder andere Wege der Herangehensweise zu suchen.

? Was befördert euren Arbeitsprozess und auf welche Inspirationsquellen greift ihr zurück?

André: Ich glaube, dass jeder eine eigene Form des Ausdrucks braucht. Mich durch Musik auszudrücken, ist ein Teil von mir. Wahrscheinlich würde ich ohne ein kreatives Ventil verrückt werden.

Terence: Lesen, Filme. Andere kreative Dinge neigen dazu andere Visionen in meinem Kopf zu erzeugen.

Steven: Musik, Bücher und das alltägliche Leben.

? Entlang eurer Veröffentlichungen involviert ihr immer wieder andere Künstler in euer Projekt. Welche (eventuell feststehenden) Kriterien leiten eure Wahl diesbezüglich?

André: Eigentlich haben wir nur ein paar Kollaborationen veröffentlicht. Die meiste Zeit (also bis vor einem Jahr) haben wir ausschließlich als Duo gearbeitet. Gegenwärtig sind wir ein Trio. Wenn wir mit jemanden eine Kollaboration eingehen, tun wir das nur mit Leuten, deren Musik wir mögen und mit denen wir zudem befreundet sind. Die Zusammenarbeit mit verschiedenen Musikern hat unsere Herangehensweise an das Schreiben von Musik beeinflusst. Ich weiß, dass ich eine Menge von den Künstlern gelernt habe, mit denen wir gearbeitet haben.

Terence: Sie müssen unsere Arbeiten kennen und wir müssen eine klare Vorstellung von dem haben, was sie machen. Es müssen Leute sein, deren Fokus ähnlich dem unseren ist.

? Euer aktuelles Album “The Crystal World“ bezieht sich auf den gleichnamigen Roman von J.G. Ballard. Auf Ballards aus der so genannten “verdichteten Romanen“ bestehende Sammlung “Atrocity Exhibition“ (deutsch: Liebe und Napalm = Export USA) ist oft Bezug genommen worden (von JOY DIVISION bis zu verschiedenen Vertretern der Industrial Culture). Ihr bezieht euch explizit auf einen seiner frühen Katastrophenromane. Verglichen mit “Die Dürre“, “Der Sturm aus dem Nichts“ und “Karneval der Alligatoren“ zeichnet “Kristallwelt“ aber vielleicht das ungewöhnlichste Bild einer Welt, die von etwas Unerwartetem getroffen wird. Warum habt ihr euch diesen Roman als Inspirationsquelle ausgesucht?

Terence: Es ist ein großartiges Buch und es ist anders als alles was Ballard sonst geschrieben hat oder was im traditionellen Science-Fiction-Genre vorkommt. Ich denke, dass seine Beschreibung, wie langsam der Kristallisierungsprozess im Dschungel voranschreitet,  faszinierend ist.

? Für das Album ist erstmals Steven Hess dazu gestoßen. Welche Auswirkungen hat seine Arbeit eurer Ansicht nach auf den Klang des Albums?

André: Ich denke, er hat die Richtung des Albums sehr stark beeinflusst. Ich bin sehr glücklich, dass es sehr “heavy“ ist, aber nicht in dem Sinne, wie ich es erwarten würde, wie eine “heavy“ Band zu klingen hat. Steven hat uns dabei sehr geholfen. Er hat eine sehr ausgeprägte Spielweise, die sich gut mit unseren Sachen vermischt. Die Arbeit mit Steven hat uns zudem eine Menge Möglichkeiten eröffnet unsere Ideen umzusetzen. Außerdem hat er ein gutes Gehör dafür, wann und wie er das Schlagzeug einsetzt. Er hat außerdem verschiedene elektronische Elemente zum Album beigesteuert. Einige dieser Elemente kommen vor allem auf “Extinction“ (dem Track auf der zweiten CD) zum Vorschein.

Terence: Ich würde sagen, dass sein Einfluss auf dem gesamten Album hörbar ist. Keinen der Songs würde es ohne seine Mitarbeit geben.

Steven: Ehrlich gesagt – in Bezug auf meinen Beitrag – habe ich versucht mich von der Stimmung und dem Gefühl, die die Musik von Terence und André erzeugt, treiben zu lassen, ohne zu störend auf den Sound einzuwirken. Wie André bereits erwähnt hat, habe ich versucht, das Schlagzeug punktuell einzusetzen. Ihre Musik birgt so viel Gefühle und Emotionen. Ich dachte, dass wenn ich das Schlagzeug zu oft einsetze, es das Ganze womöglich zerstören würde.

? Zudem habt ihr euch entschieden das Album als Doppel-CD zu veröffentlichen. Die erste CD umfasst 6 Stücke, die zweite CD beinhaltet ein 50minütiges Stück.Welche Intention stand dahinter?

André: Ich bin schon immer ein Anhänger von Doppel-Alben gewesen, oder von Alben, die bepackt sind mit verschiedenen Themen und Dynamiken. Das Aufnehmen einer Doppel-CD war für uns ein Versuch etwas Großes, Abwechslungsreiches und Themenbezogenes zu schaffen. Die sechs Stücke auf der ersten CD sind strukturierter, als die meisten Tracks, die wir davor veröffentlicht haben, deshalb wollten wir auf der zweiten CD etwas kreieren, was sich in seiner Form freier gestaltet.

Terence: Ich höre nicht viele CDs und habe versucht eine Rechtfertigung für mich selber zu finden, das Album als CD zu veröffentlichen. Das Beste an einer CD im Vergleich zu anderen Tonträger ist der Platz, der einem zur Verfügung steht. Deshalb sollte eine der CDs einen einzigen langen Track enthalten, der durch nichts unterbrochen wird.

? Wenn man sich das Album “The Crystal World“ anhört, bekommt man den Eindruck, dass es sich aus verschiedenen Kapiteln zusammensetzt. Würdet ihr soweit gehen “The Crystal World“ als Konzeptalbum zu bezeichnen?

André: Ich bin schon immer eine Fan von Konzeptalben gewesen, insbesondere von Alben, bei denen die gesamte Spielzeit hindurch wiederkehrende musikalische Themen auftreten. Es gibt einige Themen, die wir während des Albums musikalisch immer wieder aufnehmen. Es gibt auch einige textliche Motive, die sich wiederholen. Zum Beispiel  soll die allgemeine Entwicklung und Emotion auf der zweiten CD als Spiegel für die Musik auf der ersten CD verstanden werden. Wir haben auch früher musikalische Themen immer wieder aufgegriffen. So kommt die Synthesizermelodie von “Inverted Ruin“, dem ersten Track auf dem Album “Territories“, auch auf unserer Live-Veröffentlichung “Rain Of Ashes“ vor.

Terence: Da ich ein Fan von Progressive Rock bin, wollte schon immer ein klassisches Doppel-Album im Stil von “The Lamb Lies Down On Broadway“ aufnehmen.

Steven: Ja, ich würde es als ein Konzeptalbum bezeichnen.

? Das Label Utech Records zeichnet sich u.a. durch ein einzigartiges und charakteristisches Design seiner Veröffentlichungen aus. Wie seid ihr mit Utech Records in Kontakt gekommen und was könnt ihr uns über das Cover-Artwork berichten?

André: Utech ist eines der besten Labels, die es momentan gibt. Ich habe vor einigen Jahren Keith Utech kontaktiert, um ihm mitzuteilen, dass ich ein großer Fan seines Labels bin. Später sind wir dann Freunde geworden. Keith hat schon früher mit Justin Bartlett gearbeitet und wir mögen seine Arbeiten, deshalb hat Keith alles für diese Zusammenarbeit in die Wege geleitet. Das Coverdesign ist bei Utech Records immer sehr spektakulär und ich bin sehr stolz auf die künstlerische Gestaltung unseres Albums.

Terence: Wir wussten, dass wir ihm vertrauen konnten. Es würden sich keine Elemente, die mit Hilfe von Photoshop entstanden sind auf dem Cover befinden und darüber unser Name in 3D-Schrift prangern.

Steven: Ich kenne und arbeite mit Keith bereits seit einigen Jahren. Er hat 2006 etwas von einer Band, bei der ich Mitglied war, herausgebracht und seitdem haben wir den Kontakt aufrecht gehalten. Als ich ihm erzählte, dass ich etwas mit LOCRIAN aufnehmen würde, sagte er mir, dass er die Band auch kennen würde und unbedingt etwas von LOCRIAN veröffentlichen wollte. So führte eins zum anderen und der Rest ist Geschichte. Ich muss sagen, dass Keith eine großartige Person ist und sein Label ist etwas Besonderes. Um auf das Design zu kommen. Justins Arbeiten sind einmalig und es fühlte sich richtig an, mit ihm zu arbeiten. Keith und Justin arbeiten seit Jahren zusammen und als sein Name als Infragekommender für die Gestaltung des Artworks fiel, wussten wir, dass etwas Herausragendes am Ende entstehen würde.

? Seid ihr in den Momenten, in denen ein neues Album fertig gestellt ist, bereit dieses in den Kontext eurer anderen Veröffentlichungen einzuordnen? Wie stark bestimmt die Rückschau auf euer Output eure Arbeitsweise am Gegenwärtigen?

André: Ich kann jede unserer Veröffentlichungen auf einen bestimmten Kontext zurückführen. Ich bin sehr stolz auf unsere drei Studioalben, jedoch denke ich, dass jedes anhand der jeweiligen Bedingungen beurteilt werden darf. Alle drei sind sehr verschieden und ich gehe davon aus, dass unser nächstes Album sich von allem was wir bis jetzt herausgebracht haben, unterscheiden wird. Ich glaube nicht, dass wir dasselbe Album zweimal veröffentlichen wollen.

Terence: Wie André bereits gesagt hat, möchte niemand von uns eine Sache zweimal machen. Auch wenn wir etwas aufnehmen, denken wir darüber nach, wie sich die neuen Aufnahmen von den bisherigen unterscheiden. Das treibt uns und hoffentlich unsere Hörer an.

? Wenn ihr prinzipiell mit der Frage konfrontiert werden würdet, ob der Ausdruck den Künstler – oder der Künstler den Ausdruck findet, was antwortet ihr dann entlang eurer Erfahrungen als LOCRIAN?

André: Ich weiß nicht genau, was ich auf diese Frage antworten soll. Ich glaube, dass sich alles, was wir bisher aufgenommen haben, sehr intuitiv entwickelt hat. Wir versuchen nicht über alles bis ins Tiefste nachzudenken.

Terence: Intuition geht Hand in Hand mit Erforschung. Ich bin sehr skeptisch Leuten gegenüber, die den kreativen Prozess überbetonen. Es geht darum eine Balance zu finden. Wie ich bereits schon gesagt habe, wenn wir etwas kreieren, versuchen wir uns nicht zu wiederholen.

? Bei euren Veröffentlichungen lässt sich eine Vielzahl von Einflüssen heraushören. Welche finden sich eurer Ansicht nach am stärksten bei LOCRIAN wieder?

André: Ich weiß nicht so recht. Jeder von uns hört unterschiedliche Musik und unsere jeweiligen Einflüsse wirken sich unterschiedlich auf die verschiedenen Tracks aus.

Terence: Das ist sehr breit gefächert, aber ich würde sagen eine Menge klassischen Metal, Progressive Rock, Krautrock und Soundtracks. Ich bin besessen von Synthesizerklängen, die bei Künstlern wie THE KNIFE oder Fabio Frizzi vorkommen.

Steven: Die Frage ist schwer zu beantworten. Seit ich mit LOCRIAN arbeite, haben sich die Einflüsse definitiv geändert. Als Einflüsse würde ich nennen:  Metal (Earache, Relapse, Combat/Noise), 70`s Jazz, einige aggressivere Free Jazz- Sachen aus den späten 60ern/frühen 70ern und Komponisten wie Basinski, Radigue und Oliveros.

? Wie bereits erwähnt, lässt sich eure Musik nur schwer kategorisieren. Seid ihr jemals mit Leuten konfrontiert wurden, die eure Musik als “zu experimentell” oder als “zu metallastig” empfanden?

André: Oh ja, Heavy Music ohne Schlagzeug ist häufig für viele Leute verwirrend, die Metal hören und Musik mit Gitarren ist wahrscheinlich bei vielen Leuten in der Noise Szene verpönt. Es gibt eine Menge Provinzler, die Noise oder Metal hören.

Terence: Natürlich, aber für die machen wir keine Musik.

Steven: Ja klar, aber das ist in Ordnung. Ausschließlich Metal oder experimentelle Musik zu machen, würde doch mit der Zeit etwas langweilig werden, denkt ihr nicht?

? Wie wichtig ist es für euch in eurer Arbeit  “unberechenbar“ zu sein?

André: Ich habe kein Interesse daran, immer wieder dieselben Dinge zu tun.

Terence: Wichtig!

Steven: Sehr wichtig!

? Würdet ihr sagen, dass transgressive Kunst heutzutage noch relevant ist, wenn die meisten ehemaligen Tabuthemen mittlerweile auch im Mainstream Einzug gehalten haben?

André: Ich denke, dass transgressive Kunst immer noch relevant sein kann. Es hängt immer vom jeweiligen Künstler ab. Ich liebe Power-Electronics Music, aber die meisten Sachen in diesem Bereich sind schlecht gemacht und haben deshalb keinen Effekt auf mich beziehungsweise erachte ich sie für mich als nicht relevant.

Terence: Wie vieles versucht sie etwas zu erreichen, was ihren Höhepunkt vor 30 Jahren hatte, und irgendwie ganz schamlos ist. Aber für mich hat sie immer eine Relevanz. Ich denke nicht, dass transgressive Kunst, wie ich sie verstehe, einen Platz im Mainstream hat.

? Ein zunehmender “Trend“ zeichnet sich dahingehend ab, dass es eine Bewegung seitens vieler Bands gibt, ihre Arbeiten auf einem eigenen Label zu veröffentlichen. Wir würden gern wissen wollen, was speziell für euch den Ausschlag gab, euer eigenes Label Land Of Decay zu gründen?

André: Terence und ich haben viele der ersten LOCRIAN-Tonträger selber veröffentlicht. Wir hatten diese Releases eigentlich nicht als Land Of Decay-Veröffentlichungen geplant, aber im Grunde waren sie es. Nachdem wir ein Haufen Dinge selber herausgebracht hatten, begannen wir damit unter Land Of Decay zu veröffentlichen. Nachdem wir den Namen gefunden hatten, beschlossen wir dort einige Tonträger von Künstlern, die wir mochten, herauszubringen. Mittlerweile sind wir eigentlich überfordert, mit all den Veröffentlichungen für andere Künstler und es sind auch keine weiteren LOCRIAN-Tonträger auf unserem Label geplant. Ich mag es mit Künstlern zu arbeiten, die ich respektiere. Wir haben keine Möglichkeiten ständig auf Tour zu gehen. Durch unser Label haben wir die Chance mit lokalen Künstlern zu arbeiten, die wir schätzen und wir können neue musikalische Verbindungen knüpfen, ohne touren zu müssen.

? In letzter Zeit konnte man viel über den “Niedergang von Detroit“ oder von den so genannten “Essenswüsten“ (Orte, an denen es leichter und billiger ist Fast Food zu bekommen anstelle von frischem Obst etc) lesen. Inwieweit ist der Name Land Of Decay eine Art Programm beziehungsweise ein künstlerisches (oder politisches) Statement?

André: Der Name ist ein Statement, aber es bezieht sich nicht direkt auf eine spezielle Sache. Manchmal ist etwas ausdrucksvoller, wenn man keine Erklärungen dazu abgibt.

? In letzter Zeit habt ihr auf Land Of Decay vor allem streng limitierte Tapes veröffentlicht. Seht ihr die Hinwendung zu diesem Format auch als Gegenstück zur heutigen Veröffentlichungspolitik? Ist in diesem Zusammenhang das Motto “Das Medium ist die Botschaft“ zutreffend?

André: Ja, es ist zum Teil eine Reaktion darauf, aber es macht uns auch mehr Spaß, physische Tonträger zu veröffentlichen. Ich kann nur wenig Genuss aus digitalen Veröffentlichungen ziehen. Ich neige dazu, diese mit der Zeit zu vergessen. Meiner Meinung nach ist das Medium ein Teil unseres künstlerischen Statements und um das komplette Statement zu erhalten, wollen wir, dass unsere Hörer das physische Objekt in den Händen haben.

Terence: Ich denke nicht, dass man etwas als Label bezeichnen kann, wenn es keine weite Verbreitung findet. Es sorgt für tolle Geschichten in der alternativen Presse, aber selbst wenn die Klänge fantastisch sind, kehrt man nie wieder dahin zurück. Man beugt sich nicht mehr fortwährend über das rätselhafte Cover, um den kargen Informationen eine Bedeutung zu entnehmen.

? Wie bereits angesprochen, veröffentlicht ihr neben LOCRIAN und euren Soloarbeiten auch andere Künstler auf Land Of Decay. Wie wichtig ist euch in diesem Zusammenhang der Aspekt Freundschaft?

André: Bis zu einem gewissen Grad ist Freundschaft sehr wichtig für unsere Veröffentlichungen. Ich respektiere jeden, den wir bis jetzt veröffentlicht haben als Musiker. Wir sind ziemlich gut befreundet mit Neil Jendon und SUN SPLITTER seit sie in Chicago leben. Dieses Jahr wollen wir unser Label erweitern, indem wir mit Künstlern arbeiten, von denen wir Fans sind und vielleicht entwickelt sich daraus mit einigen von diesen Leuten eine Freundschaft.

Terence: Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir etwas von jemanden veröffentlichen, den wir nicht kennen beziehungsweise mit dessen Veröffentlichungen wir nicht vertraut sind. Sie müssen eine Art Freund sein.

? Das Wort “Freundschaft“ bekommt in letzter Zeit häufig einen schalen Beigeschmack. Ausschlaggebend dafür sind unserer Ansicht nach die vielen sozialen Netzwerke, in denen man “Freunde“ suchen/finden/sammeln kann. Unserer Ansicht nach degeneriert ein Mensch in seinen sozialen Kontakten, wenn er sich dieses Muster überstülpen lässt. Was bedeuten euch Vokabeln wie “Freundschaft“ und “Netzwerk“ in Bezug aufeinander und für eure soziale Lebenswelt?

Terence: Nun, das Wort hat mittlerweile nur noch wenig Bedeutung. Aber ich hatte auch Netzwerke von Freunden vor Facebook, nämlich als wir noch Briefe geschrieben haben oder Leute angerufen haben, um Alben zu kaufen oder um Shows zu organisieren. Obwohl es sicher einfach ist, Facebook und das, was es herbeigeführt hat, zu kritisieren, denke ich, dass es sehr von der jeweiligen Absicht abhängt.

? Land Of Decay bringt auch ein Kunstmagazin von Terence heraus. Was hat es damit auf sich?

Terence: Land Of Decay hat zwei meiner Kunstmagazine herausgebracht. 2010 brachte ich eins pro Monat raus. Die anderen acht habe ich selber gemacht und bei zwei anderen hatte ich Hilfe. Die beiden, bei deren Veröffentlichung mir Land Of Decay geholfen hat, enthielten einmal meine Zeichnungen und dann meine Zeichnungen, Kopiermanipulationen und eine 3“ Audio-CD-R. Der größte Teil meiner Arbeiten beschäftigt sich mit Subkulturen rund um Heavy Metal und die Anbetung von Verstärkern, die Fetischisierung von Equipment und Kultpraktiken, die im modernen Leben in den Vordergrund treten.

? Wir diskutieren häufig darüber, ob das Black Magazin nun ein subkulturelles oder ein gegenkulturelles Magazin ist. Wie definiert ihr für euch Sub-beziehungsweise Gegenkultur und seht ihr LOCRIAN als Bestandteil des ein oder anderen?

André: Meiner Ansicht nach verbinden wir verschiedene Subkulturen miteinander. Vielleicht haben wir einen Fuß in der Black Metal Szene und den anderen in der Noise Szene. Diese beiden gehören definitiv zu unseren Hauptinteressen und haben jeweils eine andere Anhängerschaft. Leute in Subkulturen haben ihre eigenen Symbole, ihre eigenen Bezeichnungen und ihre eigene Mode. Einige dieser Sachen kann man auch in dem finden, was wir machen. Ich fühle mich sehr geehrt, wenn wir gefragt werden, ob wir an Veranstaltungen teilnehmen, die ich eher als Teil der jeweiligen Subkultur betrachte. Zum Beispiel sind wir gebeten wurden beim “The Gathering Of The Shadows Festival“ in Colorado dieses Jahr zu spielen, was ein Black Metal Kultevent in den USA ist.

? Auf zwei Stücken von “The Crystal Word“ singt Erica Burgner, die auch an eurem Projekt UNLUCKY ATLAS beteiligt war. Existiert dieses Projekt noch und wenn ja wird es in naher Zukunft ein Album geben?

André: Wir werden UNLUCKY ATLAS nicht weiter verfolgen und es gibt auch keine Pläne für zukünftige Veröffentlichungen dieses Projektes.

Terence: Erica ist meine Ehefrau und war ein Teil von UNLUCKY ATLAS. Sie hat eine schöne Stimme und es war großartig, dass sie auf den Stücken mitgewirkt hat.

? Ihr lebt in Chicago. Dort ist bekanntlich auch das Label Kranky beheimatet. Verfolgt ihr die Veröffentlichungen auf Kranky und könntet ihr euch vorstellen, eines Tages dort auch zu veröffentlichen?

André: Wir kennen Kranky und ich mag eine Menge Sachen, die sie veröffentlicht haben. Einer der Gründer von Kranky, Bruce Adams, hat das Label vor einigen Jahren verlassen und sein eigenes Label namens Flingco Sound System gegründet. Wir werden auf diesem Label demnächst eine 7“ herausbringen. Kranky ist kein geeignetes Label, für das was wir machen. Steven ist in einigen Projekten, die auf Kranky veröffentlicht haben.

Terence: Ich verehre Roy Montgomery`s “Temple IV“ – für immer und ewig.

Steven: Ich bin mit Kranky sehr vertraut. Ich spiele auch bei PAN AMERICAN, die seit 1997 (ich bin seit 2004 dabei) bei Kranky veröffentlichen. Es ist ein tolles Label und ich bin ein Fan von vielen Veröffentlichungen. Dennoch denke ich, dass LOCRIAN nicht gut dorthin passen würden.

? Auf eurer Homepage war zu lesen, dass ihr für Oktober eine Tournee durch Europa plant. Wie sieht der Stand der Vorbereitungen aus?

André: Gut, dass ihr mich noch mal daran erinnert, dass wir uns darum kümmern müssen. Die Vorbereitung verlaufen bisher trotzdem gut. Wir sind dankbar dafür, mit Odyssey Booking zusammen zu arbeiten und wir hoffen mit einigen Musikern auftreten zu können, von denen wir Fans sind.

? Wie sehen eure Pläne für 2011 aus?

André: Unser Kalender für 2011 ist voll. Eigentlich beginnen wir bereits damit für 2012 zu planen. Es wird einige Veröffentlichungen von LOCRIAN dieses Jahr geben. Den Anfang macht die Vinylversion von “The Crystal World“. Außerdem arbeiten wir auch an einigen Veröffentlichungen für Land Of Decay.

Steven: Ja, 2011 ist prall gefüllt. Es wird einige Veröffentlichungen geben, u.a. die Vinylversion von “The Crystal World“ und eine Kollaboration mit HORSEBACK (Relapse).

? Möchtet ihr noch etwas hinzufügen?

Vielen Dank für euer Interesse und wir hoffen, dass wir euch in Europa am Ende des Jahres treffen werden.

Fotos: Rik Garrett

(D.L., S.L., M.G.)

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