CHARLES MANSON – Air (CD)

Als Charles Manson am 21. März 1967 nach fast sieben Jahren auf Bewährung aus dem Gefängnis in die bunt blühende Hippiekultur Kaliforniens entlassen wurde, war er vor allem von dem Wunsch getrieben, ein berühmter Rockstar zu werden, hatte er doch während der Haft Gitarrespielen gelernt und dabei sogar eine gewisse Virtuosität erlangt.

Erstaunlicherweise schaffte Manson es verhältnismäßig rasch, nicht nur eine stetig wachsende Zahl Anhänger um sich zu scharen, sondern auch Kontakte zu einigen Größen des Musikbusiness zu knüpfen, allen voran den Produzenten Terry Melcher sowie Dennis Wilson, den Schlagzeuger der Beach Boys. Diese Kontakte verschafften Manson die Möglichkeit, zwei Mal unter professionellen Bedingungen seine Songs einzuspielen. Wie allgemein bekannt, brachten ihn allerdings einige seiner nichtmusikalischen Aktivitäten 1969 zurück ins Gefängnis, wo er wohl bis zum Ende seiner Tage bleiben wird. Hinter Gittern machte er, wenn er nicht gerade Interviews gab, malte oder Erklärungen für seine Anhänger verfasste, weiterhin Musik, von der manches auch aufgenommen und veröffentlicht wurde. Als jüngstes Produkt dieser ungebremsten Schöpferkraft erschien 2010 das Album „AIR“: acht Stücke, bei denen sich Manson in bester Singer-Songwriter-Manier selbst mit der Gitarre begleitet. Die in einem offenen Bewusstseinsstrom entstandenen Texte behandeln vor allem das Thema Luft: so verkündet Manson, dass die Luft die eigentliche Herrscherin ist, da es ohne sie kein Leben auf der Erde gäbe, entwirft das apokalyptische Szenario vom Massensterben in einer vergifteten Atmosphäre oder beklagt den seit Jahrhunderten andauernden Krieg der Zivilisation gegen die Natur. Musikalisch sind diese knapp dreißig Minuten allerdings von eher geringem Wert: so finden sich keine sorgfältig ausgearbeiteten Songs, sondern nur die frei improvisierten Klampfereien eines alten Mannes mit steifen Fingern und brüchiger Stimme, auch wenn an manchen Stellen eine gewisse Brillanz aufscheint. Man hört dem Ganzen die primitiven Produktionsbedingungen an, da eine Gefängniszelle nun mal kein Tonstudio ist, aber manchem mag der rohe Charme dieser Aufnahmen ja gefallen.

Dass es sich bei „Air“ dennoch keineswegs nur um eine weitere Devotionalie aus dem Kuriositätenkabinett der US-Untergrundkultur handelt, liegt an der der Veröffentlichung zugrunde liegenden Gesamtkonzeption: so sollen noch drei weitere Alben mit den Titeln „Trees“, „Water“ und „Animals“ folgen. Air Trees Water Animals, kurz ATWA, ist Mansons radikalökologische und zivilisationskritische Organisation, die sich auf ähnlichen Pfaden bewegt wie der „Unabomber“ Theodore Kaczynski oder die Anarcho-Primitivisten aus der Schule eines John Zerzan. Da Manson das Konzept ATWA bereits zu Beginn der 1970er Jahre verkündet hat, kann man ihm kaum unterstellen, er wolle sich der heutigen Umweltbewegung anbiedern, sondern muss ihm sogar zubilligen, dass er mit seinen Ideen der damaligen Zeit einige Schritte voraus war. Er selber mag sich dabei durchaus in der Rolle des Öko-Mönchs gefallen, der sich aus der lebensfeindlichen Umgebung eines Gefängnisses um die Rettung des Planeten sorgt.

Als Order of ATWA firmiert die Gruppe auch im Internet und bildet so ein Bindeglied zwischen Manson und seinen alten und möglichen neuen Anhängern. Ein zentrales Projekt vom ATWA ist das Savior Project. Beim Savior handelt es sich um die Weiterentwicklung eines Paintball-Gewehrs, mit dem Samenkugeln verschossen werden sollen, um so die Spontanvegetation in den Städten zu unterstützen und eine Wiederbegrünung der Erde zu beschleunigen. In seinem Kerker scheint Manson allerdings entgangen zu sein, dass die Aktivisten des Guerilla Gardening schon seit Jahren mit den verschiedensten Formen sogenannter „Samenbomben“ operieren, und es ist kaum anzunehmen, dass die Untergrundgärtner in den Metropolen ausgerechnet auf Charles Manson als ihrem geistigen Mentor warten. So ist „Air“ vor allem eine Fortschreibung der Manson-Saga, die sich laut Aussagen von Labelbetreiber Brent Eyestone glänzend verkauft, und vielleicht den ein  oder anderen dazu inspiriert, mal einen Baum zu pflanzen.

(M. Boss)

Format: CD
Vertrieb: MAGIC BULLET RECORDS
 

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