CHAPTER 27 – Salinger, Chapman, Lennon und der Tod (DVD)

In Fletchers Visionen, einem der wohl besten Spielfilme zum Thema Verschwörungentheorien, bemerkt der von Mel Gibson verkörperte Jerry Fletcher den Umstand, dass erfolgreiche Attentäter oft zwei Vornamen tragen. Als Beleg hierfür nennt er u.a. den Kennedy-Mörder Lee Harvey Oswald sowie Mark David Chapman, den Mörder von John Lennon.

Mit Chapman verbindet Fletcher eine Obsession für J. D. Salingers Kultroman Der Fänger im Roggen. Während allerdings Filmheld Fletcher das Buch zwar immer wieder kauft, es aber niemals liest, lebt Chapman geradezu in dessen Seiten und identifiziert sich vollkommen mit der Hauptfigur Holden Caulfield. Und wie dieser reist Chapman in einem Dezember für drei Tage nach New York, um seine ganz eigene Fassung des Fänger im Roggen zu inszenieren. Er streift durch die winterliche Stadt, übernachtet in zum Teil schäbigen Hotels, die meiste Zeit aber lungert er mit anderen Fans vor dem Wohnhaus der Familie Lennon, dem Dakota Building, herum, vor dessen Eingang er den Ex-Beatle am Abend des 8. Dezembers 1980 erschießt.

In seinem ersten Spielfilm Chapter 27 zeichnet Regisseur und Drehbuchautor J.P. Shaffer nun Mark David Chapmans Tage in New York nach, wobei er dessen Vernarrtheit in das Buch Salingers besonders detailreich in Szene setzt. So schließt der Titel direkt an die 26 Kapitel des Romans an, wird im Vorspann das Buch selbst durchgeblättert, findet der Zuschauer sich kurz in einem windbewegten Roggenfeld wieder, dass leitmotivisch den gesamten Film durchzieht. Und wenn Chapman gleich zu Beginn aus dem Off die ersten Sätze vom Fänger im Roggen vorliest wird deutlich, wie eng Holden Caulfields und seine eigene Geschichte miteinander verwoben sind. In der Folge schlüpft der Lennon-Mörder immer wieder in die Rolle des Romanhelden: er imitiert dessen Sprachduktus, schimpft auf die Verlogenheit der Welt, lügt selber hemmungslos, sorgt sich um den Verbleib der Enten aus dem Central Park im Winter, lädt erfolglos einen Taxifahrer auf einen Drink ein, bestellt sich eine nervöse Prostituierte in einem grünen Kleid auf sein Hotelzimmer und gibt vor, Filme zu hassen. In einer Vision sieht er gar jenen kleinen Jungen zu sehen, der über den Broadway läuft und das Kinderlied „Wenn einer einen fängt, der durch den Roggen kommt“ singt und es bleibt offen, inwieweit sich hier eine Kindheitserinnerung Chapmans mit einer Reminiszenz an das Buch mischt. So gelingt Shaffer mit Chapter 27 nicht nur eine sensible Charakterstudie Chapmans, sondern auch eine freie Adaption von Salingers Roman.

Als Mark David Chapman glänzt, beklemmend intensiv, Schauspieler und Sänger Jared Leto. Ganz in der Tradition des Method Acting hat er sich seine Rolle erarbeitet und tappst nun, mit etlichen Kilos Übergewicht am Leib, als ein großer, ebenso unbeholfener wie abgründiger Junge durch den New Yorker Winter, ständig seine getönte Brille zurechtrückend.

An Letos Seite bezaubert Skandal-Celebrity Lindsay Lohan als gänzlich unglamouröser Lennon-Fan Jude, die sich vorm Dakota Building mit Chapman anfreundet. In einer der anrührendsten Szenen des Films treffen Jude und Chapman im Central Park Lennons Sohn Sean mit seinem Kindermädchen. Während des Gesprächs mit dem Fünfjährigen enthüllt Chapman, der auch mal als Betreuer vietnamesischer Flüchtlingskinder gearbeitet hatte, für einen Moment die helle Seite seines Wesens. Da Jude jedoch nur wenige Minuten zuvor einen durch eine Nichtigkeit ausgelösten Wutausbruch Chapmans erleben musste, wendet sie sich verschreckt von ihm ab.

Die eigentliche zweite Hauptrolle des Films aber spielt das Dakota Building, das für Chapman direkt dem Wizzard of Oz entsprungen zu sein scheint. Mit Schwenks, Zooms, Totalen sowie Detail- und Luftaufnahmen gelingt es Regisseur Schaffer, das Haus so in Szene zu setzen, dass zwar alle Facetten seiner Fassade zur Geltung kommen, die Geheimnisse aber, die hinter seinen Mauern liegen, verborgen bleiben: ein haunted house, das mit seiner dämonischen Anziehungskraft ständig im Bildhintergrund lauert. Vor dem Haus trifft Chapman den Fotografen Paul Goresh, der nur wenige Stunden später Lennon fotografieren sollte, wie er dem Mann, der ihn ermorden wird, ein Autogramm gibt. Als Chapman von Goresh erfährt, dass Roman Polanski im Dakota Building Rosemaries Baby gedreht hat, kommt ihm die Erleuchtung, in der sich das Gesamtbild zusammenfügt: John  Lennon lebt in einem Gebäude, wo ein Film entstand, in dem Satan die Erde betrat, gedreht von einem Regisseur, dessen schwangere Frau auf Befehl von Charles Manson ermordet wurde, der wiederum inspiriert worden war von Liedern, die John Lennon geschrieben hatte. In diesem Moment, wo der Eingangsbereich des Dakota zu einem Brennglas wird, unter dem wesentliche Trivialmythen Amerikas verschmelzen, nimmt Chapman entgültig seine tödliche Mission an; mit den fünf Schüssen, die er am Ende des Tages auf John Lennon abgibt, macht er sich selbst zu einem Teil dieser dunklen Mythologie.

Vergleichbar einem Priester, der sein Brevier studiert, liest Chapman in der kurzen Zeit zwischen den Schüssen und seiner Festnahme in einer Ausgabe des Fänger im Roggen, die er zuvor in einem Antiquariat erworben hatte. Auf dem Vorsatz des Buches hinterlies er die die Widmung „Für Holden Caulfield von Holden Caulfield. Das ist meine Aussage“, womit er einmal mehr unterstrich, wie weit seine Identifikation mit dem Roman ging.

Mark David Chapman, mittlerweile ein wiedergeborener Christ, sitzt immer noch im Gefängnis. Die Gnadengesuche, die er seit 2001 stellen durfte, wurden allesamt abgelehnt, und es ist anzunehmen, dass sich daran auch in Zukunft nichts ändern wird: Der Fänger im Roggen wird wohl bis zu seinem Lebensende ein Gefangener bleiben.

(M. Boss)

Format: DVD
Vertrieb: ALIVE
 

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