EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN – Strategies Against Architecture IV (2 CDs)

Wenn man die Tatsache ausspricht, dass es die EINSTÜRZENDEN NEUBAUTEN nun schon 30 Jahre lang gibt, glaubt man kaum, was man da spricht und hört. Die Wegstrecke, die innerhalb von drei Dekaden zurückgelegt wurde, erscheint ohnehin schwer überschaubar. Bei einer Band wie den NEUBAUTEN lässt sich ein Gesamtüberblick kaum formulieren. Allein die zahlreichen Metamorphosen und Transformationen der Kapelle – sei es entlang ihrer stets konkreten Erzeugung von Musik (in all ihren Variationen), ihrer Besetzung, ihrer Körperlichkeit oder sei es entlang der Fragen der Maximierung beziehungsweise Reduktion des musikalischen Ausdrucks und Sprache – erschweren den Ansatz einer alles umfassenden Betrachtung. Womöglich haben sie deshalb in der von Max Dax und Robert Defcon betreuten Rückschau “Nur was nicht ist, ist möglich“ eine Erzählstruktur präferiert, die einer Kompilation von Episoden und Ankedoten, Fußnoten und Bemerkungen entspricht. Kompilation soll an dieser Stelle auch als Gegenentwurf einer Interpretation verstanden werden.

Mit Interpretationen verhält es sich zum Output der EINSTÜRZENDEN NEUBAUTEN seit jeher schwierig. Es lassen sich zwar diverse “rote Fäden“ spinnen, so zum Beispiel die verrätselte Lyrik Bargelds, die konkrete Erzeugung von Musik, die Liveauftritte, die den Betrachter der bis zur Erschöpfung spielenden Band in unterschiedlichen Graden beiwohnen lassen, sowie ihre transparente Formensuche. All diese Fäden durchziehen und umspannen das Output der NEUBAUTEN, doch verwirren sie – auch in der Verknüpfung eher, als dass sie einem kohärenten Interpretationsansatz dienlich wären.

Am ehesten lässt sich der Kosmos der Band entlang einer Konzentration und eines Ausschlusses erschließen. Ausgeschlossen werden müssen die Seitenpfade der Band, die Soloaktivitäten der einzelnen Mitglieder, ihre Soundtrack- und Theaterarbeiten, ihre Film- und Theateraktivitäten und all das in diesem Kontext Anhängliche.

Ein Verständnis der NEUBAUTEN lässt sich am wahrscheinlichsten entlang der Konzentration auf die “Strategies Against Architecture“ -Veröffentlichungen gewinnen. Die vorliegende Nummer vier umfasst den Zeitraum von 2002 bis heute, also die dritte Dekade. Dabei tragen die “Strategies Against Architecture“–Veröffentlichungen nicht den Werkschaucharakter im eigentlichen Sinne. Sie sind vielmehr Ausdruck ihrer eingangs erwähnten transparenten Formensuche. Der Hörer wird mit Raritäten, Live-Stücken, Frühversionen und alternativ Abgemischten konfrontiert. Auch hier ist das Muster der Kompilation zu finden, allerdings nicht im werksfeindlichen Sinne, abseits also des von Cicero verlegten Verständnisses einer Aktensammlung. Bei den NEUBAUTEN heißt es vielmehr, dass sich eine Kommentierung entlang der Zusammenstellung erschließt, ein Subtext, der ein Verständnis kundtut, eine Rückschau auf sich, angelegt als Versuch, das ihr Werk Grundierende, das Arkane, von anderer Seite zu beleuchten und zu beschauen. Auch um sich über eine präzisierte Fragestellung, beziehungsweise über eine Konzentration auf Arbeitskerne, hin zu dem zu tasten, was einem Verständnis des Ausdrucks Blixa Bargelds und seiner Mitstreiter nahe kommt.

Anders als die vorangegangenen “Strategies“ ist auf Nummer vier auch eine organisatorische und formale Zäsur mitschwingend. Hier sei auf das Unterstützermodell der Band hingewiesen. Ein Modell, das im Sinne einer Vorfinanzierung durch die Hörer eine Umgehung der Veröffentlichungspfade früherer Jahre möglich machte. So überrascht es nicht, dass aus den diversen Unterstützerphasen ein Großteil der Stücke auf diesem Album stammt. Besonders die Ergebnisse der “Grundstück-Phase“ bezeugen dies und so bilden allein vier (beziehungsweise fünf) Stücke dieser Phase das Rückrat der Veröffentlichung. Daneben kommen die Stücke der “Jewels“ vergleichsweise kurz weg, wobei sich speziell mit “Jeder Satz mit ihr hallt nach“ eine der stärksten Arbeiten der letzten Jahre den Weg auf diese Veröffentlichung gefunden hat.

Zudem zeigt sich in der Anordnung der Stücke das Fortschreiten der Sound- und Klangexperimente. Auf “Alles Wieder Offen“ schimmerten unter der Oberfläche des Reduzierten wahre Soundkleinode und Lyrikperlen, exemplarisch vertreten durch “Susej“. Die gewählten Stilfiguren, sowie die Reihung der Textbausteine (man denke hierbei an Bargelds endloses Reservoir von Wortlisten und Assoziationen) veredelt, indem Banales neben Erhabenen steht. Zugleich taucht auch in diesem Stück die von Bargeld in den letzten Jahren häufig verwendete Schichten-Metapher auf. Das Eingravierte erinnert hier an die aufgeworfene Frage des “WOHIN“ mit dem, was bewegt, der Frage, ob man von sich wegschreibt – oder tiefer in die eigene Seele schreibt. Zudem ist “Susej“ das NEUBAUTEN-Stück, was wohl auf die längste Entstehungsgeschichte zurückgreift, wurden doch die Gitarrenspuren dafür schon 1983 im Hamburger Hafenklang-Studio aufgenommen. “Birth Lunch Death“ wurde einst mit “Susej“ verfugt, quasi als Kehrseite der Medaille, später jedoch wurden die Stücke wieder getrennt, so dass hier ebenso eine der zentralen lyrischen Qualitäten Bargelds zu Ausdruck kommen kann. Es sind scheinbar kleine Sätze, wie “Ist jemand außer mir noch hier“, die im Ozean des Arkanen und der Golfströme des Undurchschaubaren auftauchen. Sätze, die ihre Wirkung entfalten, indem sie zwar in den Songkontext eingebettet scheinen, aber auch gleichzeitig dem Verständnis entfliehen und der angesprochenen Verrätselung anheim fallen.

Auffällig ist ferner, dass bestimmte Motive in immer stärkeren Maße die Wände der Bargeld`schen Textgebäude durchziehen. Da sind die Motive des Entferntseins, des Entortseins, der Suche und des Abreisens, was wohl nicht zuletzt auf die diversen Wohnorte Bargelds zurückzuführen ist, wenngleich natürlich Autor und lyrisches Ich nicht zusammenfallen. Gleichzeitig schöpft – wie angesprochen – ein jeder aus dem eigenen Behälter, sucht sich Punkte, zu denen hingeschrieben wird.

Darüber hinaus fällt auf, wie stark die gewachsenen musikalischen Fertigkeiten der Band diese in einem immer höheren Maße in die Lage versetzen, detailversessen und punktgenau zu agieren. Dabei kann die Rolle Alexander Hackes im Bandgefüge gar nicht deutlich genug herausgestrichen werden. Der Bass spielte im Unterschied zur von Jochen Arbeit bedienten Gitarre immer eine zentrale Rolle im Sound- und Klangkosmos der NEUBAUTEN. Die Gitarrenspuren sind im Vergleich dazu immer in ihrem additiven Charakter zu hören gewesen. Hackes Bassspiel kann mittlerweile als virtuos bezeichnet werden, ähnliches lässt sich über das Schlagwerkspiel Rudi Mosers behaupten. Speziell seine Fertigkeiten bestimmen den Sound der letzten Veröffentlichungen elementar. Moser und Hacke stellen das Gerüst fast aller Stücke, an das die übrigen Mitglieder jeweils ihre Beiträge anfügen. Parallel zu der Verfeinerung der Sprache ist vor allem die Sound- und Klangverfeinerung auf die Beiträge N.U. Unruhs zurückzuführen, jenem Mitglied, welches wohl am stärksten dafür steht, was heute landläufig unter dem Schlagwort “NEUBAUTEN-Sound“ firmiert.

Das Testcard raunte vor Jahren hämisch, dass die NEUBAUTEN in ihrem Wirken einem “Einsturz auf Raten“ glichen. FM Einheit stichelt immer wieder, indem er betont, dass die NEUBAUTEN aufgehört hätten einzustürzen. In Bezug auf ihre Anfänge kann man eine Bestätigung der FM Einheit-Aussage finden. Gleichzeitig ist – wie angesprochen – die Transformation der Band ihre mittlerweile größte Stärke. Architektur bleibt die zentrale Metapher, wenngleich die Band die Wände nicht mehr einreißt. Vielmehr singt und spielt sie dergestalt, dass die Wände porös – und von feinen Haarrissen durchzogen werden. Kleine Wandstücke platzen ab und die Risse werden neu verfugt.

Man kann den NEUBAUTEN natürlich immer ihre Metamorphosen und Transformationen vorwerfen. Mann kann sich auch von ihnen abwenden und als Kronzeuge dieser Abwendung FM Einheit aufrufen. Gleichzeitig ist es keiner deutschsprachigen Kapelle derart gelungen, die Charakteristika der deutschen Sprache, vor allem die die Sprache prägende Auslautverhärtung so signifikant auf den Rhythmus abzustimmen. Gleichzeitig hat wohl kaum eine Kapelle in den letzten Jahrzehnten derart konsequent eine eigene Sound- und Klangtradition begründet, erspielt und fortgeschrieben.

Und da ist es wieder. Die NEUBAUTEN. Jahrzehnte. Unglaublich! (S.L.)

Format: 2 CDs
Vertrieb: MUTE RECORDS
 

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