ARCADE FIRE – The Suburbs (CD)

Stammt man selbst aus dem deutschen Äquivalent jener kanadischen Suburbs, die in ARCADE FIREs neuen Stücken besungen werden, kommt es einem vor, als hörte man die vertonte Version der eigenen Biografie. Wie ist sie also, die Adoleszenz im Vorort? Bonjour tristesse, antwortet eine der erfolgreichsten Indie-Bands unserer Zeit und trifft damit den Nagel auf den Kopf – ohne uns etwas wirklich Neues zu erzählen.

Schon das Cover, die verblasste Fotografie eines vor einem Grundstückszaun geparkten Autos in idyllischer, aber menschenleerer Wohnsiedlung, stimmt auf das ein, was uns musikalisch erwartet. Win Butler, Régine Chassagne und Mitstreiter beschreiben in ihren Texten die wenigen Höhen und zahlreichen Tiefen, die Ziel- und Orientierungslosigkeit einer Jugend in den Suburbs. Wenn ein Lichtschimmer am Ende der Sackgasse ohne Wendemöglichkeit auftaucht, ist es allenfalls die vage in Aussicht stehende Flucht – entweder ins künstlerische Schaffen oder in die Weite der Welt.

Die Musik passt sich dem tristen Thema der Lyrics an. Bratzige Gitarren und Violinenverzierung wie gehabt; doch ARCADE FIRE haben ihren Songs nun weitgehend die Rock-Zähne gezogen. Es geht weitaus weniger stürmisch zur Sache als auf dem Debut “Funeral“ (2004), das gerade deswegen noch in guter Erinnerung geblieben ist, weil der schräge Gesang und die leicht schiefen Melodien eine Abwechslung zum Mainstream-Alternative und zum Major-Label-Indie-Rock dieser Jahre boten. Die Band nimmt jetzt trotzdem erst mal den Fuß vom Gaspedal ihres Vorortflitzers. Richtig rockig wird es kurzfristig in der Hälfte mit “Month of May“, einem allerdings recht konventionellen Kracher, bevor es dann im zuvor etablierten Midtempo-Bereich weitergeht.

Hervorzuheben ist noch der Song “The Sprawl II“, gesungen von Régine. Hier experimentiert man mit leichten Disco-Anleihen, und es kommt etwas Schwung in die graue Vorortexistenz, bevor Win Butlers Stimme dann alles sehr melancholisch beschließt.

Was im Bezug auf “The Suburbs“ als erstes auffällt, ist Wins Gesang, der nun viel zivilisierter und harmonischer ertönt als jemals zuvor. Das klingt prinzipiell sehr schön, aber auch ein bisschen langweilig – wie eigentlich alles an ARCADE FIRE im Jahr 2010. Nach dem Hören stellt sich jedenfalls nicht die angesichts des Medienrummels zu erwartende Euphorie ein – eher der Eindruck: “Oh, das war ja nett, das muss ich irgendwann noch mal auflegen.“ Aber eben nicht sofort, und nicht dauernd…

Fazit: ARCADE FIRE sind hinsichtlich der vorliegenden Themenwahl ihres “Konzeptalbums“ eine sympathische Band, aber angesichts einer musikalisch nur leicht über dem Indie-Durchschnitt liegenden dritten Platte fragt man sich zwischendurch – wenn keiner zuhört, um mit Tomaten zu werfen – ob denn der ganze Hype, der ARCADE FIRE zu den Königen der alternativen Musik erhebt, in diesem Umfang gerechtfertigt sei. (M.R.)

Format: CD
Vertrieb: CITY SLANG/ UNIVERSAL
 

Stichworte:
, , ,