LAIBACH – LaiBachKunstDerFuge (CD)

Dass LAIBACH keine Angst vor großen Namen haben, dürfte hinlänglich bekannt sein. 2006 präsentierten die abenteuerlustigen Slowenen eine 90-minütige Performance, zu der die elektronisch umgesetzten Klänge von Bachs „Kunst der Fuge“ erstmals zu hören waren.

Zuerst im Rahmen des Leipziger Bachfests, später auch an anderen ausgewählten Orten präsentiert, veranstaltete man 2008 damit gar eine Mini-Tournee. Während die Performance als typisch LAIBACHsche No-Action auf unterschiedlich starke Begeisterung stieß, weil die „IV Personen“ nach einer Viertelstunde, die sie an ihren Laptops verbrachten, die restliche Zeit auf der Bühne an einem Kreuzschachbrett spielend, rauchend und trinkend herumlümmelten, während die Bachschen Technosounds weiter fröhlich aus den Rechnern tuckerten, also kein „Concerto“ gaben, muss das Tondokument dieser Auftritte als mindestens ebenso bedeutend wie der „Macbeth“-Soundtrack (1989) eingeschätzt werden. Schade allerdings, dass die CD-Version nur auf dem slowenischen Label Dallas (www.dallas.si) als Import erhältlich ist; Mute records bietet das Werk als digitalen Download an – wohl um zu signalisieren, dass es sich hier nicht um ein „offizielles“ neues Album handelt, aber auch konsequent hinsichtlich der virtuellen Wiederauferstehung Bachs als Cyber-Zombie, wie er von LAIBACH digital beschworen wird. Dunkel, voll und dräuend dröhnen die Flächen, manisch und irrwitzig zirpen die Effekte, und wo sich Reminiszenzen an ordinäre Techno-Sounds anschleichen, werden sie von verspult-verspielten, irrwitzigen und hochkomplexen Melodiebögen an die Wand gefahren. Statt den bisher bekannten Synkretismen aus Techno und klassischer Musik (wie z.B. bei Rob Dougan oder Clint Mansell) handelt es sich hier um einen echten Hybriden in der Tradition von Wendy Carlos, dessen elektronische Arrangements von Beethoven-Stücken für „A Clockwork Orange“ als klangliche Reminiszenzen zitiert werden. Während LAIBACH wie Hirsche durch das kulturelle Unterholz des Abendlandes brettern, produzieren sie wie ganz nebenbei großartige Kunst aus anderer Leute Material, ob Stones, Beatles oder Bach. Wer, am wenigsten Bach selbst, hätte gedacht, dass die teilweise als unspielbar geltende „Kunst der Fuge“, am Rechner programmiert und elektronisch abgespielt, von NSK-Veteran Iztok Turk ausproduziert, ein futuristisch-barockes Klangbild voller Wucht, Wahn und Exzentrik abgeben würde? Auf 14 Tracks, die die maximale Spieldauer der CD einnehmen, werden den Fugen eindrucksvolle, bombastische, aber auch ruhige und bescheidene Momente abgewonnen. Die Produktion ist erstklassig, und es kommen auch seltener verwendete Digitalinstrumente wie der „Delay Lama“ zum Einsatz. LAIBACH-typischen Grollgesang wird man jedoch in jedem „Contrapunctus“ vergeblich suchen; bis auf eine verspielte Sprach-Sampelei („Lai – Bach“) und das anschließende Publikumsgelächter sind sämtliche Stücke instrumental. Langweilig wird es nie, die Kompositionen wandeln sich ständig, permutieren und wandern; fordern das geistige Auge und kreieren teils hochintensive Stimmungen und Fliehkräfte – ein Sog, dem man sich schwer entziehen kann. Die Kritik hatte Bach für die „Kunst der Fuge“ Größenwahn und Elitismus attestiert; Attribute, mit denen auch seine slowenischen Nachfahren gut leben können. Nicht nur mit der gesampelten Namensreferenz inszenieren LAIBACHKUNST sich selbstironisch in der Rolle der Kunst-Usurpatoren. Im Cover des slowenischen Digipak kontrastiert das endlos abgehobene Bach-Zitat „It’s easy to play any musical instrument: all you have to do is touch the right key at the right time and the instrument will play itself“ mit der LAIBACH-Variante: “It’s easy to play Bach: all you have to do is open the right program on the right computer and Bach will play itself.” Tja, wenn’s so einfach wäre. (AN)

Format: CD
Vertrieb: Dallas / Mute
Mailorder: Going Underground
 

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