ZOLA JESUS – Interview

Es gibt wenig Berichte über ZOLA JESUS, die nicht auf die Musik der frühen 80er, auf melancholischen New Wave und klassischen elektronischen Pop referieren. In der Tat klingen viele Aufnahmen der aus dem amerikanischen Mittelwesten stammenden Sängerin Nika Roza Danilova wie der Soundtrack zu einer Zeitreise in eine Ära, in der die Musik Kate Bushs oder der Eurythmics in aller Munde war, und wer was auf sich hielt, auch Sängerinnen wie Lene Lovich oder Siouxsie Sioux etwas abgewinnen konnte. Nicht, dass es Musik dieser Art nicht auch in der Zwischenzeit gegeben hätte, doch mittlerweile ist sie auch wieder in den Grenzbereichen zwischen subkulturellen Nieschen und “alternativem” Mainstream salonfähig, und so stammen die meisten Reaktionen auf Zola Jesus auch weniger aus dem Gothic-Bereich als aus der Indie- und Blogger-Szene. Dass waveinspirierte Klänge im Indie-Kosmos jahrzehntelang verpönt waren und akuter Nachholbedarf besteht, mag mit ein Grund für das Interesse an Danilovas Musik sein, aber man wäre ungerecht, ließe man es dabei bewenden. Die auf den ersten Höreindruck unterkühlten, bei genauerem Hinhören jedoch sensiblen und hochemotionalen Songs lassen eine Ernsthaftigkeit erkennen, die weit entfernt ist von billigen Posen und Effekthascherei. In Kürze erscheint “Stridulum II”, die erweiterte Version ihrer letzten EP, und bald wird die Sängerin auch auf deutschen Bühnen zu sehen sein, die sie sich u.a. mit FEVER RAY teilen wird. Wer den Einstieg in den Kosmos Zola Jesus sucht und an Hintergrundinformationen interessiert ist, findet im folgenden Kurzinterview sicher den ein oder anderen Tipp zur weiterführenden Recherche.

? In den nächsten Tagen wird eine erweiterte Version deiner letzten EP bei Souterrain Transmissions erscheinen. Welche Gedanken bewegten dich bei der Entscheidung, diese EP in einer neuen Version zu veröffentlichen?

Die Entscheidung, “Stridulum” auch in Europa zugänglich zu machen, kam von mir. Viele Europäer konnten leider kein Exemplar mehr in den Läden finden, was sehr ärgerlich war. Was die zusätzlichen Songs angeht, so wollte ich einfach denen, die die älteren Stücke schon gehört hatten, noch etwas Neues bieten. Es war eine sehr nette Erfahrung, mit Souterrain an der europäischen Wiederveröffentlichung zu arbeiten, und ich freue mich schon darauf, mit ihnen auch in Zukunft wieder zusammen zu arbeiten.

? Wie ging deine musikalische Sozialisation von statten und was waren letztendlich die Einflüsse auf dein Projekt Zola Jesus?

Als Kind mochte ich vor allem Musik, die mir die Möglichkeit gab, mich in meinem eigenen Körper stark zu fühlen. Ich kann es vielleicht nicht besser erklären, aber es ist das, was ich auch mit Zola Jesus auszudrücken versuche.

? Deine früheren Aufnahmen sind stark durch einen individuell dargebotenen Lo-Fi-Charme geprägt. Deine jüngsten Veröffentlichungen weisen unserer Ansicht nach andere Produktionsmuster auf. Was bedeutet dir der Lo-Fi-Gedanke und welchen Raum wird dieser zukünftig bei deinen Arbeiten einnehmen?

Ich fühlte mich immer sehr zu Lo-Fi hingezogen, weil mir das die Möglichkeit gab, neue Sounds in dem Sumpf niedriger Frequenzen und Qualitäten zu erforschen. Es eröffnete mir nach und nach ein komplett neues Spektrum an Klängen und den dazu passenden Kompositionsstrukturen. Wie sehr ich auch in Zukunft so arbeiten werde, wird sich zeigen, ich kann es jetzt noch nicht sagen.

? Mit was für einer Flüssigkeit wurdest du denn für das Cover der aktuellen EP überschüttet?

Mit Schokosyrup.

? Clay Ruby, der gemeinhin als einer der Innovatoren des „Noise“ gilt, spielt eine nicht unwesentliche Rolle, wenn man sich deine Veröffentlichungen anschaut. Kannst du für unsere Leser noch einmal kurz die Geschichten eurer ersten Begegnung nachzeichnen? Wie stehst du seinem Werk gegenüber, und findest du Einflüsse seiner Kunst auf deine Arbeiten?

Ich würde nicht unbedingt sagen, dass Clay sehr wichtig für meine Aufnahmen ist. Was wir zusammen herausgebracht haben, ist eine Split-12”. Wir kennen uns, weil wir beide aus der gleichen Stadt kommen. Ich denke, dass er sehr talentiert ist, aber ich denke nicht, dass er meine Musik wirklich beeinflusst hat. Wir haben bloß sehr viele Gemeinsamkeiten, gerade was unsere Vorliebe für manche Noisemusik betrifft.

? Da du gerade deine Herkunft in Wisconsin erwähnst. Welche sub- oder gegenkulturellen Verflechtungen gibt es dort, von denen du unseren Lesern berichten kannst?

In Madison, der kleinen Stadt aus der ich komme, gibt es eine ziemlich gute Szene für allerhand Noise und Dronemusik. Es ist keine sehr große Szene, aber die Leute, die man dort trifft, sind alle ziemlich gut.

? Deine Biografie besagt, das du russische Wurzeln hast – bist du auch dort geboren und wenn ja, was für Erinnerungen hast du noch daran?

Genau genommen stammt meine Familie aus der Ukraine. Ich bin dort allerdings nicht geboren und auch nicht aufgewachsen.

? In allen subkulturellen Kontexten schimmert immer auch die Sehnsucht nach dem Authentischen durch. Jemanden als authentisch zu bezeichnen, heißt auch, dass man einen Blick auf dessen Kern erhaschen kann, eine Art unverstellten Blicks gleich. Was bedeutet so verstandene Authentizität für dich persönlich und für dich als Künstlerin?

Nun, ich hoffe mal, dass Authentizität den meisten Künstlern etwas bedeutet. Ich würde keine Musik machen, wenn ich nicht das Gefühl hätte, etwas zu machen, das in irgend einer Form ehrlich und authentisch ist. Es wäre sonst wohl keine Kunst, sondern nur ein Produkt.

? Als sehr junge Frau bist du bereits in den Fokus einer subkulturellen Öffentlichkeit getreten, und viele Kommentare von Musikinteressierten enthalten ein hohes Maß an Wertschätzung. Welche Eindrücke hast du in dieser Zeit gesammelt und wie stark prägen diese dich?

Zu dem Echo kann ich nur sagen, dass es mir sehr gut tut. Generell hatte ich viele unschätzbare Möglichkeiten zur Verfügung, für die ich sehr dankbar bin. Sie erfüllen mich mit Stolz für mein hartes Arbeiten und machen mich auf die Zukunft gespannt.

? Speziell als junge Künstlerin ist es gerade am Anfang schwierig, Einfluss auf die Wahrnehmung der eigenen Kunst zu haben. Welche Taktiken nutzt du, um dich den nicht genehmen Umarmungsstrategien zu entziehen?

Ich versuche, das was die Leute für wahr halten, in Frage zu stellen, denn sehr oft ist es das nicht.

? Deine Auftritte strahlen eine angenehme unbekümmerte Frische aus. Welche Rolle spielen Live-Auftritte im Kontext des Systems Zola Jesus?

Wenn ich ehrlich sein soll, ich spiele nicht gerne live, es ist für mich eher etwas Unbequemes. Aber ich denke auch, dass ich letztlich keine andere Wahl habe. Wenn du etwas veröffentlichst, also einen Teil von dir selbst nach außen trägst, schuldest du die Aufführung gewissermaßen, sowohl deinem eigenen Werk als auch deinen Fans.

? Live wirst du u.a. von dem Drummer von Jex Thoth unterstützt. Welche Facetten des künstlerischen Ausdrucks dieser Band bewegen und begeistern dich? Was bedeutet für dich die Einbindung einer Band für dein Live-Konzept?

Normalerweise mag ich es nicht, mit einer Band zu spielen. Aber ich hab mich überzeugen lassen, es mit einem Schlagzeuger zu probieren, und stellte dabei fest, wieviel Energie so jemand in eine Performance bringen kann. (Anm. d. Red.: Da es immer wieder interessant ist zu beobachten, wie Musiker aus ganz unterschiedlichen Richtungen zusammen etwas Neues schaffen, hätten wir gerne gewusst, wie du die Musik seiner anderen Band beurteilst, wo du die Gemeinsamkeiten und Unterschiede siehst u.s.w.)

? Gibt es für dich ein zentrales Bedürfnis oder Motiv, welches dich bei der Schöpfung deiner Kunst antreibt? Und woraus schöpfst du deine kreative Energie?

Es ist einfach das Bedürfnis, etwas zu erschaffen. Wenn du das, was du kannst nicht als Herausforderung begreifst, verlierst du dein Ziel. Ohne ein Ziel ist alles verloren.

? Wie definierst und besetzt du persönlich die Vokabeln „Stil“ und „Ästhetik“?

Ordnung.

? Alle deine Veröffentlichung sind auch immer im Vinyl-Format erhältlich – ist das ein Zufall oder schätzt du dieses Old School-Format besonders und wenn ja, warum?

Ich habe ja schon auf Vinyl veröffentlicht, bevor ich meine erste CD herausbrachte. Ich selbst kaufe keine CDs, deshalb hatte ich auch gar kein großes Verlangen, eigene CDs herauszubringen. Als dann die Nachfrage kam, habe ich es natürlich gemacht.

? Auf der „New Amsterdam“ CD-R/LP ist eine Coverversion des Songs „Lady In The Radiator“ aus dem David Lunch-Film „Eraserhead“ zu finden – was verbindest du mit diesem Klassiker bzw. was war der Grund, ihn zu covern?

Es ist eines meiner Lieblingslieder.

? Aktuell ist gerade eine Kollaboration von dir mit LA VAMPIRES auf Vinyl erschienen – was gibt es dazu Interessantes zu berichten bzw. sind in Zukunft weitere solche Projekte geplant?

Amanda von POCAHAUNTED fragte mich, ob ich ein paar Songs zusammen mit ihr singen wollte. Sie schickte mir die unfertigen Aufnahmen, ich nahm meine Parts auf schickte sie ihr zurück. (Anm. d. Red.: Gut möglich, dass viele Kollaborationen auf größere Entfernung so ablaufen…)

? Bei dem Projekt FORMER GHOSTS triffst du auf Jamie Stewart von XIU XIU, der eine recht interessante wie zerrissene Person zu sein scheint – was verbindet euch beide und wird es eine Fortsetzung des Projektes geben?

Wir wurden durch Freddy Ruppert zusammengebracht, der eigentlich treibenden Kraft des Projektes. Former Ghosts ist seine Band, Jamie und ich haben lediglich geholfen, wo wir konnten. Aber durch diese Gelegenheit haben Jamie und ich uns auf einem persönlichen und musikalischen Level kennen gelernt. Wir werden im November zusammen auf Tour gehen und in Zukunft vielleicht noch mehrfach zusammen arbeiten.

(Interview: D.L., M.F., S.L. & U.S., Fotos: Indra Dunis)

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