KATZENJAMMER KABARETT – Grand-Guignol & Variétés (CD)

Dass die Dunkle Szene eine Affinität mit der Freizügigkeit und Dekadenz der (gar nicht so goldenen) 1920er Jahre besitzt, ist ein offenes Geheimnis. Rotgetünchtes Nachtleben und die Glut der Leidenschaft, die das Dunkel durchströmt; die Verzweiflung, dem Leben wenn nicht Sinn, so doch Ekstase zu entlocken, möglichst noch vor Morgengrauen. Einem Mimikry-Impuls gehorchend, oder weil die Zeit wieder reif ist, drängt die Kultur der burlesquen Bohème wieder in den Mainstream: Erotik- und Variété-Festivals im Stil der 20er Jahre allerorten, und die erotische Cabaret-Szene in London, die in ihrem Streit wegen Lizenzvergaben gegen die Stadtverwaltung die Medien mobilisiert. Der „Salon“ wird wieder salonfähig. Und KATZENJAMMER KABARETT liefern den Soundtrack dazu, der sich dementsprechend mal manisch nach vorne drängend, mal verspielt zurückhaltend, aber stets kokett und sexy gibt.

Das Songwriting ist im besten Sinne exzentrisch; mit theatralischen und dramatischen Einlagen wird nicht gespart, um einen Reigen bizarrer kleiner dadaistischer Geschichten zu erzählen, die sich weigern, Geschichten zu sein. Stellenweise beschleicht den mit zusammengekniffenen Augen die Lyrics entziffernden Rezensenten (das Booklet ist grafisch exzellent gestaltet, allerdings auf Kosten der Lesbarkeit) der Verdacht, dass das Prinzip l’art pour l’art dominiert – aber diese Tyrannei ist eine der fröhlichen Hysterie, ist der Tanz auf dem Vulkan, der Wahnsinn des letzten Überlebenden einer grotesken Katastrophe. Zerlegte Beats treffen auf Spieluhrengeklimper, Disco vergewaltigt Jahrmarkt und verpasst dem Ganzen eine drängende, von unterdrückter Panik geprägte Note, die sich in der eineinhalbminütigen Distortionpunk-Nummer „Wondered Colonel killed couple“ entlädt, der wiederum eine bizarre kleine Erzählung in Form einer barocken New-Wave-Perle namens „Collage“ folgt. Zusammengehalten und getragen wird die musikalische Zitatenschlacht zwischen Nouveau Vague, Lounge-Geklimper, Elektrohäppchen und treibendem Gitarrenwave mit Depri-Rock-Einschlägen von der markanten Stimme der Sängerin Mary Komplikated, die irgendwo zwischen PINKscher Nöligkeit und SIOUXSIEschem Klagegesang oszilliert, aber das Kunststück fertig bringt, die verquasten und verästelten Texte stilsicher auf markante Weise vorzutragen. „Romance“ geht in seiner klanglichen Reverenz an treibenden Postpunk am Weitesten, ist als Clubhymne wahrscheinlich am eingängigsten und vielleicht deshalb als Soundtrack eines französischen Werbespots zu hören gewesen. „45“ setzt mit seinem dramatischen Arrangement aus verdreckten Synthiklängen und echten Streichern und Blasinstrumenten einen kontrastreichen Schlusspunkt. Gesamteindruck: Empfehlenswerte Platte, auf der es außer der starken  Mary Komplikated etliche kompositorische Einfälle zu bestaunen gibt; eine musikalische Freakshow, wie sie die Ohren nicht oft geboten bekommen, die zu fesseln versteht und zu überzeugen weiß. (AN)

Format: CD
Vertrieb: Projekt / Dark Vinyl
Mailorder: Going Underground
MP3-Download: GU-Digital  

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