“We Wake To The Ruins Of Morning“ singt – jawoll – singt Aidan Baker auf “Ruins Of Morning”. NADJA sind mittlerweile wohl das Projekt Bakers, welches die größte Aufmerksamkeit genießt. Erdig und roh sind ihre Veröffentlichungen, sie gewinnen auch hier über ihre analoge Erzeugung eine Unmittelbarkeit, die durch Bakers Sprechgesang untermalt wird.
OM`sche Langsamkeit und ein die Platte durchpulsendes Schlagwerk sind die am stärksten hervortretenden Momente. Leah Buckareff, seit 2003 festes Mitglied, unterstützt Baker auf “Ruins Of Morning“ am Bass und bei den Vocals. Ihr Beitrag ist ein zurückgenommenes Nuschelflüstern, das des Bakers Gebrumme auffrischt und aufhellt. Dennoch fließen beider Vocals ineinander, gleich zwei Flüssen bei der Vereinigung. Besonders interessant dabei ist, dass auf der vorliegenden 10“ beide Seiten ein Stück abbilden, welches nur durch den Charakter des Mediums unterbrochen wird.
Gleichzeitig schließen sich mit dieser Veröffentlichung Kreise. So bildet der zweite Teil von “Ruins Of Morning“ die noisigere und krachigere Seite NADJA´s ab. Hier holzen die beiden, als ob es kein Morgen gäbe, hier wird das Gaspedal durchgedrückt und der Motor jault auf. Das Gefährt setzt an zum Sprung, gleichzeitig wären NADJA nicht NADJA, wenn allein die Beschleunigung und der Pegel im Fokus ihres Interesses stünden. Vielmehr verschleppen sich die Sounds nach anfänglichem Beschleunigen in eine analog erzeugte Feedbackorgie, die nicht weniger als eine dunkle Feier des Moments ist. Kreis Nummero zwei schließt sich um die literarischen Einflüsse Bakers. Boyle, Lem und Ballard lauten die Einflüsse des auch als Literaten tätigen Ideenschmieds. “Ruins Of Morning“ ist laut Eigenaussage inspiriert durch das Output James Graham Ballards, jenem vom Bizarren stets faszinierten Autor. Seine dystopischen Bilder und die impliziten Untergangsszenarien werden von Bakers Wort und Klang verarbeitet und fortgeschrieben. Eventuell ist diese Veröffentlichung daher deutlich songorientierter, gemessen am sonstigen Outputs NADJA`s. Ballard, bekannt für seine literarische Bandbreite kann daher auch als Entsprechung zur Vielseitigkeit des kanadischen Drone- und Dröhnmagiers gesehen werden. Die Fragen der Wahrnehmung nahmen bei Ballard und nehmen bei Baker einen großen Raum ein. NADJA bedienen sich dabei einer eindrucksvollen Taktik. Das vorliegende Stück wird mit fortdauernder Spieldauer aufgestockt, gleichzeitig wächst mit der Höhe das Misstrauen gegenüber der Stabilität der Fundamente.
So schlägt diese Veröffentlichung hasenhafte Haken und flitzt über den Plattenteller. Mittels dieser Taktik befördern sie die Verflüchtigung des Allumgebenden. Dadurch wird der Hörer zum sich selbst Mithören gezwungen und erst nach dem Verklingen des letzten Soundfetzens entlassen. Die Verflüchtigung des Allumgebenden scheint zudem ein großes Thema bei Bakers Veröffentlichungen zu sein. Dafür sorgt stets die Bandbreite der genutzten Soundquellen, denn NADJA erliegen dabei nie der Gefahr der Verwässerung. Kein Staksen durch nordmanndurchprollte Tümpel, kein pseudodeleuzesches Gefrickel, keine zur Schau getragenen Weltschmerzeleien – Baker ist nicht der Leiter des Spielmannzugs der passiv Mangelhaften. Das Wohltuende seiner Arbeiten findet sich auch in der Verweigerung, den Gedankenunrast der zur Tiefe Unfähigen in “neuer – alter“ Schau vorzutragen.
Und noch ein Kreis schließt sich. Blickten die Augen der “subkulturellen Öffentlichkeit“ erstmals auf Bakers Antlitz als dieser via Drone Records seine “Same River Twice“ – 7“ in die Welt schickte, schaut Baker nun via Substantia Innominata zurück in deren Augen. Man kann die Rolle Stefan Knappes in diesem Zusammenhang – und in so vielen anderen Zusammenhängen – gar nicht laut genug betonen. Wie heißt der schöne Untertitel bei Substantia Innominata? „… is a release series from Drone Records about the unknown.“ Mir scheint Baker ein besonderer Fährtenleser auf der Spur des Unbekannten zu sein. Fast schein es, als würde sich hier ein weiterer Kreis schließen … (S.L.)
Format: 10" |
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