GIANT SQUID können auf eine bewegte Bandgeschichte zurückblicken. Gegründet in Sacramento veröffentlichten sie ihr Debüt “Metridium Field” 2004 im Alleingang bevor sich The End Records ihrer annahm und 2006 das Album unter dem Titel “Metridium Fields” wiederveröffentlichte. Nach einem längeren Aufenthalt in Texas ist die Band mittlerweile wieder nach Kalifornien zurückgekehrt. Von der Ursprungsbesetzung sind nur noch Aaron Gregory (Gitarre, Gesang) und Bryan Beeson (Bass) übrig geblieben. Jackie Perez Gratz (Cello, Gesang) und Chris Lyman (Schlagzeug) kamen hinzu. Außerdem entschloss sich die Band ihr zweites Album “The Ichthyologist” zunächst auf 1000 Exemplare zu limitieren und in Eigenregie herauszubringen. Im folgenden Interview gab uns Aaron Gregory ausführlich Auskunft über sein Denken und Schaffen. Das Bildmaterial stammt von Lauren Wiest.
? Im Februar ist euer zweites Album “The Ichthyologist” erschienen. GIANT SQUID existieren bereits seit 2002. Kannst du unseren Lesern kurz die Bandgeschichte von GIANT SQUID näher bringen?
Eigentlich existiert die Band bereits seit den späten 90ern, jedoch unter verschiedenen Namen und wir spielten einen vollkommen anderen Musikstil: Reggae/ Punk, wie THE SUBHUMANS. Dann spielten wir epische, langsame Rockriffs, die sich aufbauten und dann explodierten und das ganze Post/ Rock-Zeug, bevor es die Bezeichnung Post/ Rock überhaupt gab. Wir entschieden uns letztendlich 2002, in der Mitte unserer Aufnahmen zu “Metridium Field” den Namen GIANT SQUID zu verwenden. Auf den Originaltapes von dieser Session steht eigentlich NAMOR drauf, was für eine kurze Zeit unser Name war. Wir spielten mit der Idee uns METRIDIUM FIELDS zu nennen, aber niemand wusste, was das bedeuten sollte und wir mussten immer wieder den Namen erklären, was auch ursprünglich damit zusammenhing, dass wir unseren Namen so häufig gewechselt hatten. GIANT SQUID war sehr nahe liegend und überraschenderweise noch nicht vergeben. Zudem klang er sehr “stoner-ish”, eine Richtung in die sich unser Sound entwickelt hatte. Wir veröffentlichten “Metridium Field” selbst und es geriet in die Hände von The End Records. Sie wollten es sofort herausbringen, aber wir hatten bereits die EP “Monster In The Creek” veröffentlicht. Ganz ehrlich: Uns gefiel einfach nicht mehr, wie “Metridium Field” klang, insofern wollten wir ihnen zumindest das Angebot machen, es zu remixen, da sie nicht so sehr an “Monster In The Creek” interessiert waren. Unglücklicherweise war die Festplatte hin, und wir sagten uns: Scheiß drauf! Wir haben all diese ganzen neuen Leute in der Band. Lass es uns noch einmal aufnehmen. So entstand “Metridium Fields”, das Album, wegen dem uns die meisten kennen und das bei den Kritikern auch gut ankam. Wir haben The End Records nach ungefähr drei Jahren verlassen. Sie hatten das Gefühl, dass wir noch nicht bereit wären, ein weiteres Album zu veröffentlichen, was zunächst traurig, aber im Grunde ein Segen für uns war. Daher das self release “The Ichthyologist” im Februar!
? Euer neues Album ist ein Konzeptalbum, das auf einer gleichnamigen Graphic Novel von dir basiert. War von vornherein angedacht, dass es ein Zusammenfließen dieser beiden künstlerischen Ausdrucksformen gibt? Inwiefern hat das eine das andere bedingt?
Die Idee kam mir vor ungefähr einem Jahr. Ich wusste, dass ich unser neues Album “The Ichthyologist” nennen wollte. Ich hatte aber einfach keine Gründe dafür. Ein Rockalbum so zu betiteln, ist eine ziemlich seltsame Sache, deshalb muss es eine Art Erklärung geben. Zur gleichen Zeit sprach ich mit Freunden aus der Comicbranche über Ideen, die ich für Geschichten hatte, die ich Firmen anbieten wollte. Meine Hauptidee eines Seeabenteurer-Typs blieb bestehen; es war offensichtlich eine solche Geschichte “The Ichthyologist” zu nennen. Dann ging es darum, eine handlungsreiche Graphic Novel zu entwickeln, die sowohl emotional als auch episch breit genug war, um daraus eine relevante poetische/ musikalische Interpretation für ein ganzes Album zu machen. Von da an ging mir wahnsinnig viel im Kopf rum und das Ganze entwickelte ein Eigenleben. Das Schreiben des Albums änderte Elemente der Geschichte und anders herum war es genauso. Ich wusste ganz genau, dass ich gewisse Songs für gewisse Elemente der Geschichte brauchte. Dann schrieben wir Songs, die Bilder hervorriefen und damit einen bestimmten Songtitel. Dann musste ich mir überlegen, wie ich so etwas wie die La Brea Tar Pits in Los Angeles in meine Geschichte einbauen konnte, einfach nur, weil wir dachten, dass La Brea Tar Pits ein toller Songtitel wäre. Das gab dann die Idee für ein ganz anderes Element der Geschichte und von da an ging es einfach weiter. All das ließ meine ursprüngliche Idee der Graphic Novel viel größer werden als anfangs geplant und das ist großartig!
? In welchem Zeitraum sind die einzelnen Stücke entstanden und wie gestaltete sich der Aufnahmeprozess?
Nun, fast alle Songs sind im Laufe des letzten Jahres geschrieben worden. Einige Riffs hatten wir schon seit 2006, als wir in Texas lebten und einige der Songs waren soweit fertig, dass wir sie live spielen konnten, als wir letztes Jahr mit dem ursprünglichen Schlagzeuger JD, der auf “Metridium Field” gespielt hatte, auftraten. Aber der Großteil nahm erst Gestalt an, als ein Schlagzeuger aus der Gegend, Chris Melville Lyman zur Band dazu stieß und wir damit begannen regelmäßig in San Francisco zu proben, anstatt nach Sacramento zu pendeln, das zwei Stunden entfernt ist, um mit JD und Bryan zu spielen. Wir haben sechs Monate damit verbracht, die verbleibenden acht Songs auszuwählen, einige von ihnen wurden erst einige Wochen bevor wir ins Studio gingen fertig.
? Gab es in deiner Vorstellung einen speziellen Sound, eine Art innere Vorgabe, wie das Album klingen sollte?
Die einzige Vorgabe, die ich mir zu Beginn gesetzt hatte war, dass es zehn Songs sein sollten, dass es keine Füllsounds oder Samples geben sollte, und dass kein Song fünfzehn Minuten lang sein sollte. Es gab zu viel zu erzählen für eine Stunde Spielzeit. Ich stellte mir vor, dass es ein Album werden sollte, welches man gut während einer Autofahrt hören kann. Anneke von THE GATHERING erzählt mir, dass dies etwas sei, was sie an uns so mögen würde. Es stellte sich heraus, das sie “Metridium Fields” vor allem hörte, wenn sie unterwegs war. Deshalb wollte ich, dass diese zehn Songs eine Art Reise sind. Man steigt in sein Auto, startet die CD und ein kleines Abenteuer beginnt. Meine Lieblingsalben fühlen sich so an!
? Seit 2007 ist Jackie Perez Gratz (GRAYCEON, AMBER ASYLUM) festes Mitglied bei GIANT SQUID. Wie kam diese musikalische Verbindung zustande und welche Auswirkung hat das Cello deiner Ansicht nach auf den Klang von GIANT SQUID?
Sie war die erste, die mir als möglicher Ersatz für Aurielle einfiel, als diese die Band verlassen hatte. Ich dachte vor allem an sie, weil sie einen ähnlichen Gesangsstil hat und war weniger auf das Cello fixiert. Eine neue Sängerin zu finden, stand für mich über allem. Um ehrlich zu sein, dachte ich nicht, dass Jackie zustimmen würde, ich meine sie ist das Mädchen von AMBER ASYLUM! Wir konnten es dann kaum glauben, als sie ja sagte. Ihr Cello sorgt dafür, dass wir uns anstrengen, um mitzukommen! Sie kann einmal völlig um uns herumspielen, insofern ist es großartig, dass sie uns als Musiker antreibt. Außerdem klingt das, was sie zu unseren Riffs hinzufügt, als ob es aus einer anderen Welt stammen würde und außerdem so zeitlos – das hat sicher zu dieser “Weltmusik”-Stimmung, die das Album manchmal hat, beigetragen. In anderen Momenten bekommt man aber auch den Eindruck von alter westlicher Musik. Was wirklich Wahnsinn ist, ist der Fakt, dass sie, während sie mit uns nach “Metridium Fields” getourt ist, immer wieder, Leadmelodie der zweiten Gitarre, Keyboard-Melodien oder Trompetensoli gespielt hat– alles auf ihrem Cello und alles während sie die Gesangsparts gesungen hat, die sie noch nicht einmal geschrieben hatte! Manchmal hatte ich sogar vergessen, dass sie nicht die ursprüngliche Sängerin der Songs war, weil es so natürlich klang, wenn sie diese vortrug.
? Auf “The Ichthyologist” gibt es eine Vielzahl von Gastauftritten u.a. von Anneke Van Giersbergen (ehemalige Sängerin von THE GATHERING) oder Kris Force (AMBER ASYLUM). Kannst du unseren Lesern kurz erzählen, wie es zu den jeweiligen Gastbeiträgen kam?
Kris haben wir durch Jackie kennen gelernt, da die beiden für mehr als zehn Jahre gemeinsam bei AMBER ASYLUM gespielt haben. Bryan und ich sind große AMBER ASYLUM-Fans, deshalb war es eine Ehre für uns, sie auf dem Album zu haben. Mit ihrer Geige verwandelt sie den Song “Mormon Island” in ein überwältigendes, sehnsuchtsvolles und wunderschönes Stück Musik. Niemand kann das so wie sie. Eine ebenso große Sache war, dass Anneke ihre Vocals zu “Sevengill” beigesteuert hat. Vor einigen Jahren waren GIANT SQUID und THE GATHERING zusammen auf Tour. Wir sind seitdem Fans von ihr. Es stellte sich heraus, dass sie unsere Musik ebenfalls mochte, deshalb sind wir in Kontakt geblieben. Ich wollte schon immer, dass sie an einem GIANT SQUID-Song beteiligt ist, bei dem es krachende Riffs gibt. Ich wusste, dass ihre emotional aufgeladene, wirklich süße und manchmal zarte Stimme, ein toller Kontrast zu etwas Härterem ist. Etwas viel Härterem, was THE GATHERING normalerweise machen würden. Das Ergebnis war pure Magie und es berührt mich immer wieder aufs Neue, wenn ich das Stück höre.
? Zudem gibt es eine neue Version des bereits auf der EP “Monster In The Creek” veröffentlichten Tracks “Throwing A Donner Party At Sea”. Warum habt ihr euch entschieden, das Stück noch einmal neu aufzunehmen?
Ein weiterer Song mit einem überragenden Gastbeitrag. Karyn Crisis ist einfach brutal auf dem Track, sie klingt wie ein Berglöwe. Ich habe den Song immer sehr gemocht und hatte das Gefühl, dass er beim Publikum immer besonders gut ankam, wenn wir ihn live spielten. Wir alle haben dem Material von “Monster In The Creek” bei Live-Auftritten wenig Beachtung geschenkt, was eigentlich bedauerlich ist, da einige tolle Songs auf dieser EP sind. Aber fast alle Songs sind das Ergebnis aus dem besonderen Line Up, was wir zum damaligen Zeitpunkt hatten, mit der Ausnahme von “Throwing A Donner Party”. Während der Rest der Band half dem Song seinen damaligen Charakter zu geben, ist es der einzige Track auf der EP, der nur aus den Riffs von Bryan und mir geschrieben worden ist. Ich dachte, es wäre großartig den Song der Welt noch einmal zugänglich zu machen und mit allen jetzigen Bandmitgliedern aufzunehmen. Was mich erstaunt ist, dass “Throwing A Donner Party” vor fast fünf Jahren geschrieben worden ist und immer noch mitreißend und frisch klingt. Das sagt einiges über die Musik von GIANT SQUID, hoffentlich werden in zehn Jahren nicht Leute uns hören und sagen: “Oh, that`s so 2005, Cult Of Neurisis metal!”.
? Euer aktuelles Album wurde von Matt Bayles produziert, der u.a. bereits mit ISIS zusammengearbeitet hat. Warum habt ihr ihn als Produzenten ausgewählt und inwieweit hat er den Sound des Albums beeinflusst?
Aufgrund der Vita von dem Kerl – “Oceanic” (ISIS) und “Leviathan” (MASTODON) und die Alben von BOTCH und BURNT BY THE SUN. Wir wollten unbedingt diese fehlerfreie, erdige und warme Produktion von ihm. Ich denke, dass “Oceanic” eines der am besten klingenden Alben ist, die ich besitze. Dasselbe gilt für “Leviathan”. Für ein Metalalbum klingen die Gitarren auf “Leviathan” sehr warm und unbearbeitet. Ebenso liebe ich Matt`s Schlagzeugsounds. Vollkommen gewaltig und echt, aber nicht zu rau und dröhnend. Manchmal denke ich, dass die Leute besessen davon sind, diesen Albini-Sound zu haben (Schlagzeug in einem Riesenraum). Das ist ein unglaublicher Sound, aber manchmal passt er nicht zu jedem Projekt. Das Schlagzeug auf “Oceanic” und “Panopticon” ist perfekt und ich mag, was Matt mit unserem Schlagzeugsound gemacht hat. Er hat auch ein gutes Gespür für Indierock, etwas, das definitiv mit GIANT SQUID zu tun hat. Er war gut darin, unsere manchmal etwas extreme Dynamik auszugleichen, von Gitarrengezupfe bis zu richtig fuzzy, verzerrten Gitarren und alles was dazwischen ist. Außerdem lässt er unseren Sound dichter klingen. Da er ein Arbeitstier ist, hat er niemanden aus dem Studio gelassen, bis wir nicht jeden Song perfekt gespielt hatten. Und perfekt für die meisten Musiker ist nicht das, was den Ansprüchen von Matt Bayles genügt. Ich war mit vielen meiner Performances zufrieden, doch er ließ sie mich immer wieder und wieder spielen. Teilweise war es sehr anstrengend, aber dann erinnerte er uns daran, dass er das von jedem verlangt, egal ob es Brent von MASTODON oder Aaron von ISIS ist.
? Das Cover basiert auf einer Zeichnung von Ernst Haeckel. Wie entstand die Idee, diese Abbildung zu verwenden?
Ich bin auf seine Tafeln von Seesternabbildungen gestoßen, als ich im Internet nach Seesternen gesucht habe. Wenn man auf die Wikipedia-Seite geht, kommt man sofort auf diese Abbildung. So habe ich ihn und seine Illustrationen entdeckt. Wir gingen los und kauften einige schöne Kunstbücher über seine Bilder. Wir haben das Glück, dass seine Arbeiten schon lange keinem Copyright mehr unterliegen und wir dadurch legal seine Bilder verwenden können. Ich fühle, dass das in Ordnung für ihn wäre. Er war offensichtlich genauso von Seesternen und der Natur beeindruckt, wie wir es sind. Warum mir die Bilder wirklich sehr gefallen, liegt daran, dass er eine Menge menschlich aussehender Formen gemalt hat, die er in den Seesternen gesehen hat. Der Hauptcharakter bei “The Ichthyologist” ist ein Mann, der mehr oder weniger ein Seestern wird. Haeckel´s Bilder passen perfekt zu diesem Konzept.
? Bereits euer Debüt “Metridium Fields” und die EP “Monster In The Creek” setzen sich mit dem Thema “Meer” auseinander. Außerdem haben wir gelesen, dass du als Taucher arbeitest. Welche Assoziationen ruft bei dir das Meer hervor und was berührt dich am Meer – der Zauber des Meeres oder seine verschlingende Kraft?
Ich könnte ein Buch darüber schreiben, aber ich werde versuchen es so kurz wie möglich zu halten. Ich bin das schon häufig gefragt worden, deshalb werde ich mich auf das Wesentliche beschränken, obwohl ich nicht garantieren kann, dass es einen Sinn ergeben wird. So lange man nicht streng religiös ist, muss man die Tatsache akzeptieren, dass alles Leben aus dem Meer kommt. Deswegen stammt unser gesamtes Bewusstsein und die Dinge, die es erzeugt, wie zum Beispiel Religion, Liebe, Spiritualität, Eifersucht und all die anderen aufregenden, emotional gesteuerten Konzepte, mit denen wir uns beschäftigen, von Geschöpfen (Menschen), die aus dem Meer gekommen sind. Wenn es einen Gott gäbe, der all das geschaffen hat (wenn man jetzt mal all diesen Bibelquatsch über die Schöpfungsgeschichte beiseite legt), warum hat er dann mit dem Meer und seinen fast unendlich vielen Variationen begonnen? Gott – wenn er/ sie existiert – muss einfach Kiemen oder zumindest Flossen haben. Sind wir wirklich nach seinem Bild geschaffen worden oder sind wir eigentlich ein Unfall, ein ärgerliches Nebenprodukt seines ursprünglichen ozeanischen Konzepts? Es sieht so aus, als wären dann Wale die ultimative Lebensform – ein Höhepunkt all der unglaublichen Dinge im Meer – und sie könnten intelligenter als wir sein, auf eine Weise, die wir nicht verstehen können. Vielleicht ist Gott oder der große Geist ein Wal? Wenn man erst einmal aufhört, das Meer lediglich als riesigen Wasserkörper voller Salz und stinkender Tiere, die einen essen, stechen oder beißen können, zu betrachten, und es in solch einem spirituellen Kontext sieht, wird es ziemlich aufregend. Es ist so, als wenn man sich die Sterne anschaut und akzeptieren muss, dass das Unmögliche existiert – das heißt Unendlichkeit, da der Weltraum nicht enden kann. Das ist einfach zu viel, um darüber nachzudenken, deshalb nehmen wir es als selbstverständlich hin und bezahlen einfach unsere Hypotheken oder trinken einen Kaffee. Wenn ich auf dem Meeresgrund sitze, außer Sichtweite der Oberfläche, auf dem dunklen, kalten Grund umgeben von Seetang oder auf dem Schoß eines Riffs und dann in den Abgrund blicke, habe ich den Eindruck, als ob ich direkt in den Uterus aller Existenz auf der Erde schaue, den Innbegriff des Lebens, wie wir es mit unserem schwachen Verstand verstehen.
? “The Ichthyologist” ist auf tausend Exemplare limitiert und nur über eure Myspace-Seite erhältlich. Was hat euch letztlich bewogen, diesen Weg der Veröffentlichung zu wählen?
Seit wir für die gesamte Produktion des Albums (das Anheuern von Matt Bayles, die CD- und Verpackungskosten, das Anstellen der PR-Leute, die das Album der Presse geben) selbst aufkommen mussten, müssen wir nun versuchen die große Menge Geld, die das Ganze verschlungen hat, wieder zurückzuerhalten. Kein Label wollte uns einen ausreichend großen Vorschuss geben, deshalb entschieden wir uns es alleine durchzuziehen. Wir machten eine sehr limitierte Version in Bezug auf die Verpackung und den Sound (Wir planen einige Elemente zu remixen, wenn das Album offiziell bei einem Label erscheinen wird), um unsere Fans zu begeistern und um Leute zu ermutigen es zu kaufen. Bis jetzt ist alles sehr befriedigend verlaufen, aber es ist eine Menge Arbeit! Tausend CDs in die gesamte Welt zu verschicken, verschlingt sehr viel Zeit. Die örtliche Post hasst uns! Aber aus erster Hand zu sehen, wohin die CDs verkauft werden, ist fantastisch. Von Rumänien über Japan, von Mexico City über Helsinki. Es ist großartig zu wissen, dass wir Leute auf der ganzen Welt erreichen und nicht nur in unserem Land.
? Eine Veröffentlichung im Eigenvertrieb herauszubringen, birgt auch eine Reihe von Risiken. Hattet ihr diesbezüglich Erwartungen beziehungsweise Befürchtungen und wenn ja in welche Richtung haben sich diese entwickelt? Ist es schon möglich ein Fazit zu ziehen?
Nun, wir haben fast alle tausend Exemplare verkauft! Wer das hier liest und interessiert ist das Album zu kaufen, sollte sich beeilen, ansonsten muss man bald ebay-Preise dafür zahlen. Ehrlich gesagt, waren wir ziemlich nervös, da wir uns nicht genau vorstellen konnten, was uns erwartet. Wir wussten wie viele Kopien von “Metridium Fields” bei The End Records verkauft wurden. Wenn wir also einen Prozentsatz dieser Käufer und Fans der Gastkünstler, die uns das erste Mal hören und Fans von Matt Bayles, die dasselbe tun erreichen, bräuchten wir uns im Grunde keine Sorgen zu machen. Aber es gab keine Garantie. Kein Label zu haben, das die Kosten aufhängt, war hart, aber wir haben es trotzdem gemacht. Wir haben alles aus unserer eigenen Tasche bezahlt und haben fast unser gesamtes Geld zurückbekommen.
? Vor einigen Jahren stieß man vor allem auf neue Bands, wenn sie auf einem bestimmten Label veröffentlichten. Denkst du, dass man aufgrund der Möglichkeiten im Internet heute kein Label mehr als Plattform benötigt, um als Künstler auf sich aufmerksam zu machen?
Sicherlich ist das möglich, vor allem wenn man hört, dass es Bands auf Myspace gibt, deren Seite millionenfach aufgerufen worden ist, bevor sie einen Plattenvertrag unterschrieben haben. Es ist auf jeden Fall möglich alles alleine zu machen. Aber man muss auch sagen, dass wir nicht so schnell die Exemplare von “The Ichthyologist” verkauft hätten, ohne unser Zeit bei The End Records. Und um ehrlich zu sein, nachdem wir so viele CDs selbst verschickt haben, sind wir sehr daran interessiert, dass das von einem Label übernommen wird! Labels können eine Menge für eine Band tun, wenn beide Parteien sich verstehen und angemessene Erwartungen aneinander haben. Wenn nicht kann alles in die Brüche gehen. Es ist einfach unbeschreiblich, die Freiheit zu haben, das zu tun, von dem man glaubt, dass es die Band weiterbringt, zu einem Zeitpunkt, wenn man dazu bereit ist, während man Spaß hat und seine kreativen Ziele erreicht – und das ohne irgendeinen, der in einem Büro sitzt und einem das Gegenteil sagt.
? 2007 veröffentlichte The End Records eine Split-7” mit GRAYCEON. Euer Track “Sutter`s Fort” ist von dem Goldrausch in Sacramento beeinflusst. Was fasziniert dich an diesem Thema?
Ich bin in Sacramento aufgewachsen und als Kind lernt man dauernd etwas über die regionale Geschichte und es gibt nur wenig in der Geschichte von Sacramento, das nicht die unaufhörliche Suche nach Gold beinhaltet. Mein Vater hat als Wildwasserrafting-Guide gearbeitet; seit ich also fünf Jahre alt bin, habe ich Zeit damit verbracht, auf dem American River flussabwärts zu reisen, an all diesen historischen Orten vorbei, wie Sutter’s Mill und der Minenstadt Coloma. Es hat sich einfach in meine Psyche eingebrannt. Mir gefällt das Abenteuer der Frontier und ich bin fasziniert von der unglaublichen Not, mit der sich die Pioniere konfrontiert sahen, nur um ihr Leben zu verbessern. Heutzutage würden sich die Amerikaner schwer tun, nur halb so schwere Torturen zu überleben. Dieses Gefühl der Freiheit, das die Pioniere gehabt haben müssen – die Zivilisation hinter sich zu lassen, um ganz von vorne in einem völlig wilden und unbewohnten Land anzufangen – ist etwas, das wir nie mehr wirklich kennen lernen werden, was traurig genug ist. Ich wäre der erste, der sich melden würde. Die tragische Geschichte vom Untergang von Sutter`s Fort ähnelte dem, was ich in der Zeit durchgemacht habe, als es zu der sehr emotionalen und schmerzvollen Trennung von Aurielle kam, mit der ich damals verheiratet war. Ich habe sie wirklich seitdem sich unsere Wege nach der letzten Studiosession zur Aufnahme des Songs trennten nicht mehr gesehen. Wir verabschiedeten uns, ich ging wieder hinein, trank eine Menge Whiskey und einen Sixpack und habe dann meinen Gesang aufgenommen. Es sind also eine Menge ernsthafter Gefühle und Ärger in dem Song porträtiert, deshalb fällt es mir schwer ihn anzuhören.
? Als wir in Sacramento waren, schien die alte Stadt eine Art Touristenfalle zu sein, es stellte sich heraus, dass im Grunde eine neue alte Stadt aus den alten zur Verfügung stehenden Häusern gebaut worden ist. Wie stehst du dieser Form von “Geschichtsunterricht” gegenüber?
Nun, teilweise habt ihr Recht. Es ist eine Touristenfalle und ein toller Ort, um geschmacklose T-Shirts, mit der Aufschrift Sacramento zu kaufen. Und leider schämt sich Sacramento nicht für diese Tatsache. Aber eigentlich sind diese alten Gebäude die ursprünglichen, die genau dort stehen, wo sie sich befunden haben. Das Lied “Sutterville” auf “The Ichthyologist” handelt davon. Die ursprüngliche Stadt wurde jährlich überflutet, wodurch massiver Schaden entstand und es gab wegen des abgestandenen Wassers, das der Sacramento River zurückließ, wenn er sich wieder in sein Flussbett begab, tragische Ausbrüche von Cholera. Sacramento war eine Art Malariawüste aus Sümpfen und Morast. Anstatt den Ort als Hauptstadt Kaliforniens aufzugeben und stattdessen San Francisco zu nehmen, wie es die meisten Menschen wollten, entschloss sich die Regierung von Sacramento dazu, alle Straßen vierzehn Fuß in die Luft anzuheben. Die Vorderseiten der Geschäfte wurden plötzlich zu Kellerkatakomben, als Bürgersteige über den Eingängen errichtet wurden und sie so begraben wurden. Dadurch entstanden Tunnel, die eine lange Zeit zu einer Art Unterwelt wurden; es hieß, dass chinesische Gleisarbeiter dort Opiumhöllen errichteten und andere ungesetzliche Aktivitäten dort stattfanden. Als ihr dort wart, seid ihr also über einige dieser Katakomben gelaufen, die noch immer existieren, auch wenn viele von ihnen leider zerstört oder begraben worden sind. Städte wie Seattle haben es besser hinbekommen, ihre Untergrundstädte zu erhalten. GIANT SQUID haben Auftritte in kleinen Kellerclubs gehabt, die ein Teil dieser 150 Jahre alten Strukturen sind. Als die armen INTRONAUT in der Stadt waren, schleppten wir sie in einen dieser unterirdischen Clubs, um eine ziemlich miserable Show zu spielen. Im De Young Museum in San Francisco hängt ein Gemälde des ursprünglichen Bahnhofs von Sacramento aus dem Jahr 1850. Alles auf dem Bild ist genauso, wie es heute noch aussieht.
? Zurück zum Thema Musik. Ihr seid auf der Compilation “Like Black Holes In The Sky – The Tribute To Syd Barrett” mit dem Track “Octopus” vertreten. Warum habt ihr dieses Stück gewählt und welche Rolle spielt Syd Barrett/ PINK FLOYD für eure musikalische Sozialisation?
Tatsächlich waren die meisten von uns nicht mit Syd Barrett vertraut, außer Jackie. Wir waren aber so begeistert von den Bands, die an dem Album beteiligt waren, dass wir einfach mit dabei sein mussten. “Octopus” war im wahrsten Sinne des Wortes der erste Syd-Song, den ich gehört hatte, und ich war davon beflügelt, dass ein Lied mit solch einem passenden Namen, so toll ist. Ich habe darin einfach einen Riesenrocksong gehört und dann haben wir losgelegt. PINK FLOYD haben erst später, mit dem Post-Syd-Material, wie “Dark Side Of The Moon” und “Animals”, auf uns alle einen Einfluss gehabt. Und noch mal, ehrlich gesagt, haben sie mich nicht wirklich beeinflusst. Ich bin eher ein DOORS-Typ! Ich weiß, dass sie einen großen Einfluss auf Zack von GRAYCEON, der Schlagzeug auf dem Coversong spielt und einen riesigen auf unseren aktuellen Schlagzeuger Chris hatten. Bei Bryan und Jackie weiß ich es nicht genau. Ich werde sie mal fragen!
? Anfang Februar gab es eine kurze Tour von euch an der Westküste zusammen mit der Band 16. Wie ist die Tour verlaufen? Welche Eindrücke konntet ihr sammeln? Gibt es Facetten bezüglich des Unterwegsseins, die du nicht magst?
Es war die erste Tour, die wir seit einer längeren Zeit gemacht haben, deshalb hat es eine Weile gedauert, um uns auf die Dinge bezüglich des Unterwegsseins einzustellen. Leider war es keine wirklich lange Tour, mit der Zeit haben wir uns immer wohler gefühlt, jeden Abend auf der Bühne zu stehen. Nach elf Shows war die Tour zu Ende. Alle waren gut. Wir hatten einige wirklich harte Auftritte, wie beispielsweise in L.A. in der Knitting Factory mit unseren Kumpels von INTRONAUT, aber wir hatten auch einige fantastische Shows, bei denen einfach alles stimmte, wie zum Beispiel in San Francisco, Ashland, OR und Seattle. Touren mit 16 war großartig und sie ließen uns härter aussehen, als wir wirklich sind. Was witzig war, ist die Tatsache, dass sie sagten, dass sie es gut fänden mit uns auf Tour zu sein, weil wir sie aussehen ließen, als ob sie aus einer Kunstecke kämen. Sie alle sind diese Art von böse aussehenden Typen, die brutale “sludge music” spielen, aber in Wirklichkeit sind sie ein Haufen von niedlichen Softies! Sie gehören jetzt zur Familie! Leider wurden beide Bands ziemlich krank auf der Tour. Alle von uns liefen mit Taschen voller Grippe- und Erkältungsmedikamenten herum. Ich schwöre, dass das nicht damit zusammenhing, weil wir mit ihnen rumgemacht haben oder so.
? Wie sehen die Zukunftspläne von GIANT SQUID aus und wird es demnächst die Möglichkeit geben, GIANT SQUID live in Europa zu sehen?
Hoffentlich! Das ist unser größtes Ziel. Wir verkaufen genauso viele CDs in Europa wie in den USA, besonders in Deutschland und Frankreich. Eines Tages – möglicherweise bereits diesen Sommer. Vielleicht haben wir Glück und eine europäische Band nimmt uns mit auf Tour. Das wäre toll!
? Abschließende Worte…
Das Interview ist lang genug! Vielen Dank für die sorgfältig ausgewählten Fragen!
(D.L., MG.)
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