MADELINE VON FOERSTER – Interview

Von Theodor Lessing stammt der Gedanke, dass ein Maler sich selbst immer mitmalt – unabhängig davon, ob er denn nun abstrakt malt oder etwa figurativ. Madeline Von Foersters Bilder bergen eine Reichhaltigkeit, die, wenn man Lessings These zugrunde legt, von einem großen inneren Reichtum der Malerin künden. Von Foerster münzt ihre Ideen in Bilder um und beschert den Betrachter somit ein Fest für die Augen. Sie zeugen von einem hohen Maß an Innerlichkeit und meiden die schreckensumwitterten Gemeinplätze, strahlen in ihren ohne Scheu das Gestern mit einbeziehenden Formen der Darstellung. Das sonnendurchglänzte Alleinstellungsmerkmal ihrer Kunst hat Von Foerster mittlerweile einen größeren Interessentenkreis beschert. Man sieht ihre Bilder nicht nur in internationalen Galerien und in renommierten Kunstmagazinen, auch Bücher und Tonträger bereicherte sie bereits durch ihre visuelle Gestaltung. Das Gestern fest im Blick läuft sie auf das Kommende zu. Dabei wirken ihre Bilder wie ein machtvoller Gegenzauber zu den Zentrifugalkräften der Moderne. Ausdrucksstark in ihrer Darstellung, farbenreich in ihrer Ausführung, schweben ihre Ideen über die Leinwand, jedoch täuscht der erste Eindruck des scheinbar Schwerelosen, denn an den Wurzeln ihrer Ideen hängt “das größte Gewicht“. Wen Madeline Von Foerster “mitmalt“, soll das folgende Interview zeigen.

Die Werke welcher Künstler stellen für dich Wegmarken dar? Wer inspiriert dich bei deinem Schaffen?

Aus der Vergangenheit sind die Inspirationen vielseitig! Bei aktuellen Künstlern bin ich von einigen sehr begeistert: Isabella Kirkland (besonders ihre „Taxa“ Serie), Alexis Rockman, und Walton Ford. Was sie gemein haben, ist ziemlich offensichtlich: ihre Arbeit handelt von der menschlichen Beziehung zur natürlichen Welt und alle beherrschen dazu auch noch ihr Handwerk.

Du hast unter anderem A.S. Byatt als Inspirationsquelle erwähnt. Ich fragte mich, was du speziell an ihrem Werk magst. Ich vermute, dass Du ihre Novellen aus dem Band „Angels & Insects“ gelesen hast, in denen (bis zu einem bestimmten Grad) Transformationen ein wichtiges Element darstellen. Ich hatte den Eindruck, dass Verwandlungen auch in Deinem eigenen Werk eine große Rolle spielen. Würdest Du zustimmen?

Oh, ja, sowohl im Leben, als auch bei der Arbeit. Verwandlung ist eine der interessantesten Fragen des Lebens.

Wie sehr bist du während des Malens bei dir bzw. außer dir?

Das ist schwer zu sagen, weil meine Arbeit viele Aspekte hat. Jedes Gemälde hat viele Arbeitsgänge. Bei einigen Arbeitsschritten, z.B. wenn ich meine Ideen skizziere, wird meine rechte Gehirnhälfte stärker beansprucht. Währenddessen bin ich kaum zu einem vernünftigen Gespräch fähig. Ich würde das weder bei noch außer mir nennen – ich bin nur bei einem bestimmten Teil von mir.

Kannst du beim retrospektivischen Betrachten deiner Bilder die Momente der Inspiration nachzeichnen?

Ja, aber ehrlich gesagt inspiriere ich mich selber sehr gezielt. Und danach kommt viel Arbeit, bei der es darum geht, eine Idee aufzubereiten. Das passiert dann weniger durch Geistesblitze.

Spielt Erinnern als Thema für dich eine Rolle als Künstler?

Sehr wenig, obwohl meine Erinnerungen mich teilweise natürlich zu dem machen, was ich bin.

Zudem setzt Du Stilistika der Renaissance in Deinen Bildern ein. Würdest Du dem zustimmen und wenn ja, was reizt Dich an dieser Epoche?

Ich finde die Kunst dieser Epoche mitreißend. Die herausragendsten Gemälde der Renaissance haben etwas ikonisches und auch etwas mysteriöses. Kraft und Schönheit sind in einem guten Gleichgewicht. Es ist eine besondere Erfahrung, solche Bilder anzuschauen. Ich würde sehr gern ein ähnliches Gefühl mit meinen Bildern vermitteln.

Generell scheinen viele Deiner Motive im Kontext der Vergangenheit (oder einer imaginären Vergangenheit) zu stehen. Denkst Du, die Vergangenheit ist interessanter als die Gegenwart?

Nein, eigentlich male ich nur über die Gegenwart. Aber ich habe Spaß daran, mich der alten Ikonographie zu bedienen. Ich habe ein Bedürfnis, gegenwärtige Angelegenheiten in meine Kunst einzubeziehen; zum Beispiel Abholzung oder bedrohte Arten.

In vielen Deiner Bilder (beispielsweise in „The Serious Game“) finden sich mythologische Figuren. Würdest Du sagen, dass sie zentrale Aspekte des Menschen (re-)präsentieren?

Ich glaube ja, dafür wurden diese Figuren erfunden. Solche Symbole sind noch in unserem Bewusstsein verwurzelt und sie sind sehr nützlich.

Der wichtigste deutsche Maler der Gegenwart, Neo Rauch, wird dieser Tage 50 Jahre alt. Parallel dazu werden zwei Ausstellungen seiner Werke eröffnet. Bist Du mit den Arbeiten von Neo Rauch vertraut und wenn ja, wie schätzt Du seine Arbeiten ein?

Ich liebe seine Bilder, weil er eine Welt schafft, die so vollkommen scheint. Aber die Bilder stehen irgendwie auch für unsere Welt. Man hat ein starkes Gefühl von Normalität, obwohl alles außergewöhnlich ist. Das finde ich genial!

Um noch einmal auf A.S. Byatt zurück zu kommen: Vor rund zwei Jahren erschien von ihr eine short story (“Dolls’ Eyes”) in einer Anthologie namens “The new uncanny” (in Anspielung auf Freuds Essay). Würdest Du sagen, dass Deine Bilder ebenfalls etwas „Unheimliches“ haben?

Hoffentlich… Die besten Texte von A.S. Byatt sind wunderschön, haben aber auch etwas Unangenehmes. Gleichzeitig sind sie herzbewegend und regen zum Nachdenken an. Das ist auch genau das, wonach ich als Malerin strebe.

Deine Bilder „Invasive Species“ I & II (aus der Reihe „Waldkammer“) sind sehr beliebt. In beiden scheint sich die menschliche Figur gleichsam zu zeigen und zu verstecken, während die andere Kreatur (ein Insekt) den Raum des Bildes betritt. Ich denke, dass es eine aengstliche, aber auch zugleich eine spielerische Stimmung ausdrückt. Würdest Du zustimmen?

Ich wollte ein Gefühl von Angst erzeugen. Beide Bilder handeln von Neozoon und Neophyt, die Bäume umbringen. Statt der Bäume habe ich Frauen gemalt. Es soll eine gefährliche Stimmung entstehen.

Redwood Cabinet“ (ebenfalls aus „Waldkammer“) scheint eine Natur-Allegorie auf das Biotop eines Sequoya-Baumes zu sein. Mir ist eine Nähe zu Mariendarstellungen aufgefallen, war das beabsichtigt?

Ja natürlich war das Absicht, weil diese Tiere abhängig sind von dem Sequoya-Baum. Der prächtige Baum ist die Mutter dieses Ökosystems. Ich wollte auch eine Heilige und das Martyrium einbringen. So, wie die Holzschnitzerei Symbol ist für den Baum, dem sie entstammt, steht sie hier für unser störendes Eingreifen in Ökosysteme und unsere eigennützige Unterwerfung der Natur. Weil 95% der Sequoya-Bäume abgeholzt sind, ist dieses Kabinett fast ein Reliquienschrein.

Oft scheinen Rahmen Teil Deiner Bilder zu sein, und manchmal treten Figuren und Gegenstände fast aus ihnen heraus. Welche Funktionen haben Rahmen für Deine Bilder?

Diese Rahmen repräsentieren unsere beschränkte Auffassungskraft, besonders bei unserer Beziehung zur Natur. Alles was wir sehen und erleben, wird durch unser menschliches Verständnis gefiltert. Natürlich können wir nichts dafür (Einstein schreibt, dass wenn es eine objektive Realität gäbe, wir nie wissen würden, wie sie ist). Aber es hat selbstverständlich auch Folgen. Die Rahmen in den Bildern sind eigentlich ein Zitat Martin Heideggers, der diesen Begriff in „Die Frage nach der Technik“ beschreibt. Das hat mich sehr beeinflusst. Er nennt unsere Sicht der Natur und das problematische Verhältnis zu ihr, „Ge-stell.“ Ins Englische übersetzt bedeutet das „Enframing“. Durch diesen „Frame“ sehen wir die ganze Erde nur als Bestand.

Welche Eindrücke/ Gefühle beschleichen Dich, wenn Du vor einem gerade fertigen Bild stehst?

Erleichterung, wenn ich Zeit dazu habe. Und ich weiß, dass ich etwas einzigartiges geschaffen habe – das freut mich.

Wie schwer fällt es Dir deine Bilder loszulassen, wenn Du sie verkaufst? Kannst Du Dich gut trennen?

Wenn Bilder zu lange bei mir blieben, würde ich nur Fehler entdecken. Und ich fühle mich besser, sie in der ganzen Welt verteilt zu wissen. Ich halte es wie Bhagavad Gita: „You have a right to your actions, but never to your actions’ fruits.“

Machst Du Dir Gedanken um Dein Image als Malerin?

Ja, aber nicht genug, dass ich es jetzt leugnen würde.

Denkst du, dass eine gute Künstlerin auch eine gute Handwerkerin sein muss?

Nein. Es gibt unendlich verschiedene Wege, eine bedeutsame Künster/in zu sein. Etwas Wertvolles auszudrücken ist wichtiger als Handwerk. Aber Handwerk hat heutzutage auch einen besonderen Wert, als Gegenpol zu unserer Plastik-Neuzeit.

Vielen Dank, dass Du Dir die Zeit für das Interview genommen hast und alles Gute für die Zukunft.

Ich danke Euch auch. Ich hoffe Euch persönlich kennenzulernen, bei meiner Vernissage 12. November! (Strychnin Gallery, Boxhagenerstr. 36, 10245 Berlin).

www.madelinevonfoerster.com

(D.L.,M.G.,S.L. & U.S.)

 

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