Vom Heidentum entflammt: Allan Brown erzählt die Geschichte von The Wicker Man (Buch)

Es gibt Filme, deren Entstehungs- und Vertriebsgeschichte dermaßen verworren und skurril ist, dass sie einen eigenen Film verdient hätte. Zu diesen Filmen zählt zweifelsohne der 1973 gedrehte Okkultthriller The Wicker Man. Diesem hat der englische Journalist Allan Brown zwar keinen Film, dafür aber ein mehr als lesenswertes Buch gewidmet, das, nach seiner Erstveröffentlichung im Jahr 2000, nun in einer überarbeiteten Form neu aufgelegt wurde.

Brown erzählt, wie der Drehbuchautor Anthony Shaffer und der geschäftlich mit ihm verbundene Werbefilmer Robin Hardy zu Beginn der 1970er Jahre beschließen, einen englischen Gruselfilm zu produzieren, der das in der  Sackgasse der Hammer Productions steckende Genre reformieren sollte. Gemeinsam entwickelten sie die Geschichte des strenggläubigen Polizisten Neil Howie, der auf die vor der schottischen Küste gelegene Insel Summerisle reist, um das Verschwinden eines Mädchens aufzuklären. Vor Ort sieht Howie sich konfrontiert mit einer Bevölkerung, die einem heidnischen Fruchtbarkeitskult anhängt und Riten praktiziert, die seinen christlich-puritanischen Überzeugungen diametral gegenüberstehen und ihn mit Abscheu erfüllen. Lebensgrundlage der Bewohner von Summerisle ist der Anbau einer bestimmten Apfelsorte, die vom Großvater des aktuellen Inselherrn gezüchtet wurde. Allerdings ist die letzte Ernte ausgeblieben, und nun sollen die Götter der Insel durch ein Menschenopfer besänftigt und die Fruchtbarkeit wiederbelebt werden. Zu spät muss Howie erkennen, dass er dieses Opfer ist, ausgewählt wegen seiner Jungfräulichkeit und unter Vortäuschung falscher Tatsachen auf die Insel gelockt: eingesperrt in eine mehrere Meter hohe Figur aus Weidengeflecht, dem Wicker Man, geht Howie in Flammen auf.

Von Anfang an unterstützt wurde das Projekt von Christopher Lee, der in dem Film eine Möglichkeit sah, endlich von seinem Dracula-Image wegzukommen; später sollte Lee seine Darstellung des Lord Summerisle als die beste schauspielerische Leistung seiner gesamten Laufbahn bezeichnen. Für die Rolle des Sergeant Howie konnten Shaffer und Hardy den seinerzeit populären englischen Seriendarsteller Edward Woodward gewinnen. Eine der weiblichen Hauptrollen übernahm Brit Ekland, damals weniger für ihre schauspielerischen Fähigkeiten bekannt als für ihre körperlichen Reize und ihre Ehe mit Komiker Peter Sellers. Die Dreharbeiten für den Film fanden im Herbst 1972 an verschiedenen Orten der schottischen Westküste statt: während es dort bereits empfindlich kalt war, mussten die Darsteller, oft nur spärlich oder gar nicht bekleidet,  Frühlingsgefühle mimen.

Die eigentliche Odyssee des Films jedoch begann nach Abschluss der Dreharbeiten: Brown berichtet von den verschiedenen Schnittfassungen, über die die Macher des Films sich heillos zerstritten, sucht unter dem Asphalt einer Autobahn nach verschollenen Filmrollen und führt seine Leser durch die labyrinthischen Vertriebswege der englischen und amerikanischen Filmindustrie, bis The Wicker Man mit einigen Jahren Verspätung endlich die verdiente Anerkennung fand und zum Kultfilm avancierte. Teil dieses Kults ist auch der außergewöhnliche, an traditioneller keltischer Folkmusik orientierte Soundtrack von Paul Giovanni, dessen handlungstragende Lieder auch Pate standen bei der Geburt des Neofolk; einen der Titel haben NATURE AND ORGANISATION 1994 auf ihren Debütalbum gecovert.

Brown stützt seine Monographie vor allem auf Interviews mit einer Vielzahl der am Film Beteiligten. So kann er manches Geheimnis lüften und diverse Gerüchte, etwa was das Bodydouble von Brit Ekland betrifft, auflösen. Die zuweilen gegenteiligen Aussagen zu bestimmten Episoden während der Dreharbeiten bzw. der Postproduktion zeigen aber auch, wie unterschiedlich von den Beteiligten die damaligen Ereignisse wahrgenommen, erinnert und interpretiert wurden. Dass es Brown stellenweise nicht gelingt, das entstehende Knäuel mehrerer Wahrheiten zu entwirren, kann man ihm kaum zum Nachteil anrechnen – den Kultstatus des Film fördert es allemal.

Abgerundet wird das Buch zum einen durch einen üppigen Bildteil, der viele Standfotos bisher unbekannter Szenen präsentiert, zum anderen sind ihn in diversen Anhängen das Exposé zu einer Fortsetzung, die komplette Besetzungs- und Stabliste, gestrichene Stellen aus dem Drehbuch, ein Auszug aus den Memoiren von Christopher Lee sowie ausgewählte Kritiken beigegeben.

Vor der Lektüre des Buchs sollte man sich natürlich zunächst den Film selbst anschauen. Da im Jahr 2009 auch in Deutschland endlich eine DVD-Edition erschienen ist, die beide bekannte Fassungen präsentiert und einiges Bonusmaterial enthält, ist dies mittlerweile problemlos möglich.

Allan Brown: Inside The Wicker Man. How Not To Make A Cult Classic. Foreword By Edward Woodward. Polygon 2010. ISBN 9781846971440.

(M. Boss)

Format: Buch
Vertrieb: POLYGON
 

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