VINCENT BUGLIOSI: Helter Skelter. Der Mordrausch des Charles Manson. Eine Chronik des Grauens (Buch)

Im Herbst 2009 wurde der Regisseur Roman Polanski gleich in doppelter Hinsicht von seiner Vergangenheit eingeholt: zunächst starb am 25. September Susan Atkins, die Mörderin von Polanskis Ehefrau Sharon Tate, an den Folgen einer Krebserkrankung. Und nur einen Tag später wurde Polanski bei der Einreise in die Schweiz wegen der Vergewaltigung einer Minderjährigen im Jahr 1977 verhaftet und wartet seitdem auf seine Auslieferung in die USA, wo er sich vor Gericht verantworten soll.

Auch wenn es müßige Spekulation ist: möglicherweise hätte es nie eine Vergewaltigung gegeben, wäre Polanski vierzig Jahre zuvor Familienvater und nicht Witwer geworden. Als geistiger Urheber jener zwei mörderischen Sommernachtsalbträume vom August 1969, in denen neben Tate sechs weitere Personen bestialisch abgeschlachtet wurden, konnte einige Wochen nach den Taten Charles Manson, ein notorischer Kleinkrimineller mit einem erheblichen Vorstrafenregister, ermittelt werden. Dass Manson und einige Mitglieder seiner Family überhaupt überführt und im April 1971 verurteilt wurden, war das Verdienst des Staatsanwalts Vincent Bugliosi, der im November 1969 den Fall übernommen hatte. „Helter Skelter“, sein Buch über den Fall Manson, das sich vor allem auf Zeugenaussagen und Prozessakten stützt, erschien in den USA 1974 und liegt nun, gerade mal 36 Jahre später, zum ersten Mal in deutscher Sprache vor.

Ausgehend von der detaillierten Darstellung der sieben Morde beschreibt Bugliosi den Verlauf der Ermittlungen sowie den sich anschließenden Prozess und rekonstruiert die Geschichte der Family und ihres Anführers Manson. Danach war der damals 32-jährige Charles Manson 1967 auf Bewährung aus dem Gefängnis entlassen worden und tauchte ein in die Hippiekultur von Haight Ashbury. Rasch gelang es Manson, eine zunehmende Zahl entwurzelter Teenager um sich zu scharen und durch den Einsatz diverser psychologischer Tricks an sich zu binden. Zunächst lebte die Gruppe in einem VW-Bus, später in einem umgebauten Schulbus und mietete sich schließlich in der außerhalb von Los Angeles in der Wüste gelegenen Spahn Movie Ranch ein, um ihren ganz eigenen amerikanischen Traum aus freier Liebe, Vegetarismus und Nudismus zu leben. Zeitweilig hauste die Family auch in der Villa von Dennis Wilson, dem Schlagzeuger der Beach Boys. Die Kontakte zu Wilson und anderen Leuten aus der Musikbranche ermöglichten es Manson, in einem Studio einiger seiner Songs aufzunehmen. Die von ihm angestrebte Karriere als Rockstar kam nie über falsche Hoffnungen und diverse Demotapes hinaus, letztere werden jedoch bis heute immer wieder neu veröffentlicht. Finanziert wurde das Leben der stetig wachsenden Kommune vor allem mit kleinkriminellen Aktivitäten wie Diebstahl, Drogenhandel und Prostitution, ideologisch eingebettet war es in der Privatmythologie Mansons, der einen kruden Mix aus Rassismus, eigenwilliger Interpretationen der Bibel und Beatles-Liedern sowie einer apokalyptischen Weltausdeutung lehrte und behauptete, sowohl Satan als auch Jesus Christus zu sein.

Ein besonderes Augenmerk richtet Bugliosi darauf, das Motiv für die Bluttaten herauszuarbeiten. Danach beauftragte Manson Morde an reichen Weißen, die den Schwarzen in die Schuhe geschoben werden sollten, um so einen Rassenkrieg, den nach einem Song der Beatles benannten „Helter Skelter“, zu provozieren. Zwar würden die Schwarzen als Sieger aus dem Bürgerkrieg hervorgehen, aber schnell merken, dass sie nicht zum regieren taugen. Begleitet von seinen Getreuen wäre dann Manson aus seinem Wüstenversteck gekommen, um als König eines neuen Goldenen Zeitalters zu herrschen.

Der Helter-Skelter-Theorie haben vor allem Manson und seine Anhänger widersprochen, und in der Tat sind auch andere Mordmotive denkbar, etwa Streitigkeiten wegen Drogendelikte, die Vertuschung anderer Verbrechen (insbesondere die Ermordung des Dealers Gary Hinman durch den Musiker Bobby Beausoleil) oder ein Racheakt für Mansons gescheiterte Musikerkarriere. Für die Anklageerhebung allerdings war die Konstruktion eines derartigen Motivs zwingend notwendig, da Manson andernfalls nicht hätte verurteilt werden können, war er doch an keinem der Tatorte anwesend.

Bugliosi spricht mit der Stimme des amerikanischen Establishments – Verständnis für die Anliegen der Gegenkultur der 1960er- und 1970er-Jahre sind seine Sache nicht. Vielmehr stehen für ihn Hippiekultur, Kommuneleben, Drogenkonsum, freie Liebe und brutale Morde aus niederen Beweggründen in einem ursächlichen Zusammenhang. Die Sympathie, die Manson aus Teilen der Subkultur entgegenbracht wurde – ein Underground-Magazin etwa erklärte Manson zum „Man of the Year“, und der Studentenführer Jerry Rubin verkündete, er hätte „sein Herz an Charles Manson verloren“ – sind für ihn nur der Ausdruck einer „kollektiven Geistesstörung“.

Die deutsche Ausgabe von „Helter Skelter“ enthält auch Bugliosis Nachwort zur amerikanischen Neuausgabe von 1994 über das Fortleben der Protagonisten nach Abschluss des Manson-Prozesses. Leider wurde es aber versäumt, die weitere Entwicklung des Mansonkultes seit Mitte der 1990er Jahre darzustellen. An dieser Stelle sei daher auf die Monographie „Charles Manson. Coming Down Fast“ von Simon Wells verwiesen, der jüngsten Veröffentlichung zum Thema.

Aufgrund seiner Materialfülle ist „Helter Skelter“ aber trotz aller Einwände als ein lesenswertes Standardwerk  zu empfehlen, zumal andere in deutscher Sprache erschienene Titel, allen voran Ed Sanders‘ Kultbuch “ The Family. Die Geschichte von Charles Manson und seiner Strand-Buggy-Streitmacht “ schon lange vergriffen und nur zu happigen Preisen antiquarisch erhältlich sind. (M.Boss)

Format: Buch
Vertrieb: RIVA VERLAG
 

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