Ähnlich der “Blauen Blume“, dem Sehnsuchtssymbol der Romantik, haben auch die Veröffentlichungen VOICE OF EYEs eine Sehnsuchtsymbolik. Die Verbindung von Natur, Mensch und Geist eint beide. “Die Blaue Blume aber ist das, was jeder sucht, ohne es selbst zu wissen, nenne man es nun Ewigkeit, Liebe oder Gott.“ (R.Huch). Das Gleiche ließe sich auch über die musikalischen und kompositorischen Suchbewegungen der beiden Amerikaner Bonnie McNairn und Jim Wilson sagen. Seit nun fast 20 Jahren forschen sie in den Tiefen der Klänge und durchstöbern die fast vergessenen Archive der Erde. Ihre tief ausgeloteten Kompositionen und ihre harmonischen Arrangements setzen die Fähigkeit zur dramaturgischen Tiefe voraus. Ihr inneres Kerngehäuse ist auch als Resonanzraum des eigenen Unterbewussten zu verstehen. Gleichzeitig verfügen ihre Kompositionen über die Qualität den Raum um sie herum zu verflüssigen und die Zeit anzuhalten. Letzteres gelingt ihnen, indem sie mittels ihrer Kunst Splitter aus den Zeitbehältern schlagen.
? VOICE OF EYE existieren schon seit einiger Zeit. Einerseits kann man euch als Veteranen bezeichnen. Andererseits seid ihr vielen noch unbekannt. Könntet ihr unseren Lesern bitte deshalb berichten, wie es zu der Gründung von VOICE OF EYE kam?
Bonnie und ich brauchten eine musikalische Veränderung. Wir wollten eher Musik komponieren und weg von den chaotischen Improvisationen von ESOTERICA LANDSCAPES 7. Obwohl wir seit 1989 zusammen gespielt und aufgenommen haben, beschlossen wir 1991 ein anderes Projekt zu gründen. Wir begannen mit Marlon Porter und Paul Valsecchi zu spielen, woraus unsere erste CD “Mariner Sonique“ resultierte.
? Welche Beweggründe lagen vor, den Namen VOICE OF EYE zu wählen? Und was bedeutet er für euch?
Wir haben den Namen vor 20 Jahren gewählt, weil wir damit musikalisch das ausdrücken wollten, was wir visuell wahrnehmen. Wir verstehen uns eher als Künstler, die Musik machen und weniger als reine Musiker. Bei VOICE OF EYE ging es immer schon darum etwas auszudrücken, was über die Musik hinausgeht. Es geht uns um unsere Liebe zur Natur, zum Unterwegsseins und um inneres Erleben. Musik ist für uns ein Mittel, um diese Ideen und Erlebnisse auszudrücken. Musik kann dich an Orte bringen, an die es dir ansonsten zu gelangen unmöglich ist.
? Könnt ihr euch noch daran erinnern, wie ihr mit Musik in Berührung gekommen seid?
Wir hatten damit begonnen, Effekte miteinander zu verbinden und kreierten melodische Geräusche durch Improvisation. Nicht viel hat sich seitdem verändert, mehr Effekte, weniger Geräusche, mehr Komposition. Das ist alles. Wir waren schon immer an dem musikalischen Potential von normalen Sounds interessiert. Wir begannen damit unsere formalisierten Ideen für freie Sounds vom rauen, emotionalen Ausdruck zu lösen. Mit der Zeit sind wir besser geworden, vor allem in Bezug auf die Verbindung von Sounds und Effekten.
? Was sind daher eurer Ansicht nach, die wichtigsten Wegmarken VOICE OF EYEs?
Als wir unsere erste CD veröffentlicht haben, konnten wir uns einem internationalen Publikum vorstellen. VOICE OF EYE wurde so “legitimiert“. “Mariner Sonique“ hat sich mehr als selbst finanziert. Dadurch wurde es ein existenzfähiges Projekt. Das Touren war für uns ebenfalls ein großer Durchbruch, weil wir viele Leute in der Szene kennengelernt haben, was wiederum zu vielen Kollaborationen und Inspirationen geführt hat. Als wir 2007 begannen, neue Musik zu veröffentlichen, war die damit verbundene Europa-Tour die Verwirklichung unseres persönlichen Traums. Dadurch verstärkte sich bei uns der Wille wieder viel mehr Zeit in unsere Musik zu investieren und somit auch in die Entwicklung unseres künstlerischen Ausdrucks.
? Wie bereits in eurer Antwort angedeutet, habt ihr eine musikalische Pause eingelegt. Ein Grund dafür war u.a. der Bau eines “earthship“ in Taos, New Mexico. Welche Motivation steckte hinter diesem Vorhaben?
Wir wollten eigentlich immer an einem schöneren Ort als in Houston, Texas leben. Während wir reisten, entdeckten wir die “earthships“. Das sind Häuser, die aus gebrauchten Autoreifen, Dosen, Flaschen und Erde bestehen. Es ergab für uns den größten Sinn eine musikalische Pause einzulegen, da wir, wenn wir uns auf eine bestimmte Sache konzentrieren, all unsere Zeit und all unser Geld da hinein investieren. Es sind außerdem schöne Häuser, in denen man sich wohl fühlt. Unsere kreativen Anstrengungen konzentrierten sich zu diesem Zeitpunkt mehr auf den Bau einer riesigen Skulptur und weniger auf Musik.
? In den letzten zwei Jahren habt ihr eine Reihe von Tonträgern veröffentlicht. Wie steht ihr diesem Unterfangen retroperspektivisch gegenüber?
Nachdem wir unser “earthship“ verkauft hatten, konnten wir uns wieder unserem Bedürfnis Musik zu kreieren widmen. “Emergence“ und “Immersion“ erschienen 2007. Sie waren Ergebnisse einer kathartischen Improvisation und unserer Sehnsucht wieder Musik zu machen. Bei “Substantia Innominata“ wurden wir von Drone Records während unserer Tour mit TROUM gefragt. Zu dieser Zeit arbeiteten wir an Musik, um in meditative Stadien zu gelangen. “Seven Directions Divergent“ entstand entlang unseres Vorhabens, musikalische Stile zu erforschen, für die wir uns schon immer interessiert haben. Unsere musikalischen Fähigkeiten und unser Equipment haben sich mittlerweile so weit entwickelt, dass wir in der Lage sind, diese verschiedenen Stile miteinander zu verbinden.
? Könnt ihr uns diesbezüglich eure Arbeitsweise näher erläutern?
Entweder improvisieren wir und warten ab, wohin es sich entwickelt oder wir haben eine bestimmte Idee für ein Stück und beginnen diese zu bearbeiten.
? Ihr verwendet dafür vor allem selbstgebaute Instrumente. Welche Gedanken leiten euch dabei?
Wir bauen Instrumente, um bestimmte Sounds zu erreichen. Diese Instrumente haben jeweils ihren eigenen Klang und ihren eigenen Charakter. Wir können diese kleinen Lebewesen auffordern Musik zu kreieren, zu sprechen, zu singen oder zu kreischen. Sie sind ein integraler Bestandteil unseres Kompositionsprozesses. Ich weiß nicht, ob es spezielle Favoriten gibt – aber wir haben Favoriten für unterschiedliche musikalische Bedürfnisse.
? Erhaltet ihr so Rückschlüsse auf euer Inneres, und wenn ja welche Rückschlüsse sind das?
Ja, das ist ein Grund dafür, warum wir Musik machen. Das “Reisen”, über das wir vorhin bereits gesprochen haben, ist für uns selbst und auch für den Hörer gedacht. Manchmal sind wir über das Ergebnis überrascht. Das ist kein bewusster Prozess, sondern es läuft eher unbewusst ab. Wir haben das Gefühl dabei Kontakt zu etwas Göttlichem zu bekommen und lassen uns treiben.
? Dabei scheinen auf allen euren Veröffentlichungen leise Passagen ein zentrales Thema zu sein. Würdet ihr zustimmen, wenn man sagt, dass Stille mehr ausdrücken kann als Lärm?
Stille und leise Passage sind wie die Spanne zwischen dem Ausatmen und dem Einamten. Das ist der Punkt, wo alle Gedanken enden und unendliche Expansion existiert. Wir sind nach all der Zeit sehr dankbar für die Macht der leisen Passagen.
? Gibt es in diesem Kontext Präferenzen bei der Wahl des Mediums? Welche Rolle spielt Vinyl für euch und welche Meinung vertretet ihr beim Thema Downloads?
Wir glauben, dass Vinyl immer präsent sein wird, es ist ein Format, was sich bei Sammlern und DJ´s nach wie vor großer Beliebtheit erfreut. Das Abspielen einer CD ist nicht zu vergleichen mit dem Abspielen einer LP. Mittlerweile gibt es hochauflösende CD-Formate, aber ich denke, dass dies nur von kurzer Dauer sein wird, weil es mittlerweile hochauflösende Download-Service gibt. Es gibt eine generationsbedingte Zuwendung zum Downloaden, weil es sehr einfach ist. Man kann es von zu Hause aus machen. Es ist etwas sehr besonderes, ein kunstvoll gestaltetes Cover in den Händen zu halten, während man die Musik dazu hört. Wir denken nicht, dass das komplett verschwinden wird.
? Aufgrund der Downloads ist mittlerweile so viel Musik verfügbar, dass es schwer fällt, sich in diesem Dschungel zurechtzufinden. Wie geht ihr damit um?
Zum Glück haben wir begonnen Musik zu machen, als es das Internet und Downloads noch nicht gab. Alt zu sein, kann manchmal von Vorteil sein. Wir suchen immer nach neuen Möglichkeiten, um auf unsere Arbeit aufmerksam zu machen. Manchmal ist dies schwierig. Wir hoffen, dass Leute, die unsere Musik mögen, sie auch so finden werden.
? In euren Kollaborationen ist eine Art “roter Faden“ der Bandgeschichte zu sehen. Gibt es Künstler, mit denen ihr darüber hinaus zusammenarbeiten würdet?
Obwohl wir bereits mit TROUM getourt sind und eine CD (“Actualization“) mit ihnen veröffentlicht haben, würden wir gern noch mehr Zeit in gemeinsame Projekte mit ihnen stecken.
? Welche Musik hört ihr privat?
Andy Gibb!
? Ihr spracht es bereits vorhin an. 2007 seid ihr gemeinsam mit URE THRALL/ ASIANOVA und TROUM auf Europa-Tour gewesen. Welche Erinnerungen habt ihr an diese Zeit? Gibt es eurer Meinung nach Unterschiede in Bezug auf das Publikums an verschiedenen Orten?
Mit der Europa-Tour haben wir uns einen Traum erfüllt. Es war unglaublich. Unsere Gastgeber in den jeweiligen Städten zeigten uns die Sehenswürdigkeiten. Das Publikum war überall sehr aufgeschlossen und empfänglich. Das Publikum in Italien war wahrscheinlich das verrückteste und was am meisten mitgegangen ist.
? Wie steht ihr Live-Auftritten prinzipiell gegenüber?
Live-Auftritte sind großartig. Normalerweise legen wir in der Zeit der Vorbereitung unseren Fokus auf die Shows für einige Monate anstatt neues Material aufzunehmen. Es kostet eine Menge Kraft zu touren, deshalb machen wir das nicht so oft. Wenn alles funktioniert und wir fühlen, dass das Publikum mit uns mitgeht, ist das ein magischer Moment. Es ist ein Gefühl, was mit nichts anderem vergleichbar ist.
? Wenn ihr live auftretet, spielt ihr eher die Songs eins zu eins von euren Alben oder improvisiert ihr lieber?
Da wir nur zu zweit sind, bereiten wir unsere Shows selber vor. Wir versuchen immer eine Mischung aus Tracks von den Alben und neuem Material zu finden. Wir kreieren unsere Shows, um einen Spannungsbogens aufzubauen, um dann in harmonische Passagen zu münden, währenddessen die Energie die gesamte Zeit aufrechterhalten wird.
? Wenn ihr heute zurückblickt, gibt es einen Auftritt, der euch im Nachhinein besonders beeindruckt hat?
Das Stella Natura Festival letztes Jahr war sehr besonders für uns. Dort gab es den richtigen Energiemix, um eine gute Show zu spielen. Es gab eine Art heidnische Eröffnungszeremonie, an der alle Beteiligten teilnahmen und die eine bestimmte Energie freisetzte. Das Festival fand im Wald statt. Wir spielten die erste Nacht für ein großartiges Publikum. Die Energie, die vom Publikum ausging, war außergewöhnlich. Vor allem zu Beginn eines Festivals weiß niemand, was einen erwartet, aber das Publikum war sehr offen.
? Wird es denn demnächst eine Wiederholung der Europa-Tour geben?
Wir planen eine Europa-Tour für 2011. Deutschland wird definitiv auf unserer Reiseroute ganz oben stehen.
? Und wie sieht die Zukunft für VOICE OF EYE aus?
Dadurch, dass wir über 10 Jahre keine Tonträger herausgebracht haben, haben wir Tonnen von fertigem Material, das wir veröffentlichen können. 2010 und 2011 wird viel passieren. Das erste Album aus einer Reihe einer VOICE OF EYE/ NUX VOMICA- Zusammenarbeit unter dem Namen NVVOE ist vor kurzem veröffentlicht worden. Diese Reihe reicht von Aufnahmen, die wir mit ihnen während unserer US-Herbsttour 2009 gemacht haben bis zu unserer ersten Zusammenarbeit aus dem Jahr 1994. Drone Records wird die erste Veröffentlichung der 5-CD-“Anthology“-Reihe herausbringen. Diese Aufnahmen stammen aus den 1990ern und bestehen zu 90% aus bisher unveröffentlichtem Material. Vinyl On Demand wird eine 3-LP-Box mit einer Auswahl einiger unserer früheren Tapes veröffentlichen. 2010 wird zusätzlich noch eine Solo-CD von Jim, “Metamorphic Mindphase“, sowie ein Album unseres Nebenprojekts WILHELM UND KATISHKA erscheinen. Außerdem wird es noch einige digitale Downloads geben, u.a. “The Portland Improvisations“ und eine remasterte Version von “Transmigration“. Besucht einfach unsere Homepage für weitere Neuigkeiten.
Fotos: Craig Morse
(D.L., S.L.)
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