RUFUS WAINWRIGHT – All Days Are Nights: Songs For Lulu (CD)

Gut gelingt sie ihm, die Reduktion aufs Wesentliche. Rufus Wainwright konzentriert sich auf seinem neuen Longplayer „All Days Are Nights: Songs For Lulu“ auf Piano und Gesang und stellt sein Klavierspiel, das sich auf den Vorgängeralben oft hinter den üppigen Arrangements versteckte, in den Vordergrund. Und natürlich seine Stimme.

Sie klingt uns noch in den Ohren nach, die erhabene, über weite Strecken jedoch beschwingte Poppigkeit der Alben „Want One“ und „Want Two“. Obwohl nicht Rufus Wainwrights erste Veröffentlichungen, waren sie (und jener zum Soundtrack des Films „Brokeback Mountain“ beigesteuerte Song) für Viele die Entdeckung eines neuen, zwischen Pop und Folk pendelnden Singer-Songwriters mit Hang zu Melodramatik und gepflegter Tristesse. Puristen war das nicht puristisch genug, Freunde des weltzugewandten Folks, der sich moderneren Einflüssen nicht verschließt, kamen auf ihre Kosten. Der Nachfolger „Release The Stars“ konnte als konsequente Weiterführung des etablierten Stils ebenso überzeugen wie das Bisherige (na ja, bis auf die Lederhosen- und Trachten-Fotos im Booklet – die waren schon ätzend, oder hab ich einfach keinen Humor?).

Was Rufus Wainwright nun auf  „All Days Are Nights“ darbietet, nähert sich verdächtig dem klassischen Liederzyklus an. Die introspektiven Texte setzen sich mit Krankheit und Tod der Mutter des Künstlers, Kate McGarrigle, auseinander und vermitteln Einblick in das nicht ganz ungetrübte Familienleben einer Künstlersippe. Bis auf das letzte Stück verzichten sämtliche Songs auf zusätzliche Instrumentierung. Dafür ist das Klavierspiel ausgefeilter, die Kompositionen geben sich vertrackter und schwerer zugänglich. Von Pop-Appeal kaum eine Spur. Ob Rufus das von Antony gelernt hat, mit dem er auf  „Want Two“ ein Duett bestritt? Die Konsequenzen, die sich aus den besagten Veränderungen ergeben, kann man Rufus jedenfalls wahlweise als Vor- oder Nachteil auslegen: Die Platte wirkt fast wie ein einziges langes Stück, das nur zufällig durch Trackmarks in zwölf Teile zerlegt ist. Da kommt insbesondere gegen Ende doch schon mal ein wenig gepflegte Langeweile auf; auch, weil die Stimme des Meisters sich desöfteren recht konstant in denselben Tonhöhen aufhält. Überhaupt wäre, was den Gesang betrifft, weniger vielleicht mehr gewesen – die Piano-Kompositionen könnten dann ihre Wirkung noch eindrucksvoller entfalten.

Aber wir wollen nicht meckern. Wer obenstehende Erfolgsalben veröffentlicht hat und dennoch den Mut besitzt, eine relativ unkommerzielle Platte wie „All Days Are Nights“ auf den Markt zu bringen, verdient Anerkennung. Und noch etwas muss man Rufus Wainwright zugute halten: Er ist nie banal, peinlich oder kitschig (solange er keine bayrischen Lederhosen trägt). Die „Songs For Lulu“ glänzen ausnahmslos durch anspruchsvolles, stilsicheres Songwriting. Gerade auf dem aktuellen Longplayer steht die Musik (und nicht etwa die Persona des Künstlers) im Vordergrund wie nie zuvor. (M.R.)

Format: CD
Vertrieb: DECCA/ UNIVERSAL
 

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