GEMMA RAY – Lights Out Zoltar! (CD)

Selten sind sie, die Musikerinnen (und Musiker!), die einen experimentellen state of mind mitbringen, ohne die „banale“ Popmusik zu fürchten wie der Teufel das Weihwasser – doch die britische Künstlerin Gemma Ray ist eine solche Ausnahmeerscheinung. Lange hat sie gebraucht, bis sie sich entschließen konnte, mit ihrer Musik ernstzumachen und an die Öffentlichkeit zu gehen. Laut Eigenangabe befinden sich in ihren privaten Regalen einige fertige Alben, die nie auf einem Label erschienen sind. Schade! Was dem Hörer da entgeht, darauf lassen nur die beiden offiziellen Scheiben Gemmas schließen: das 2008 veröffentlichte Debüt „The Leader“ und der Ende 2009 erschienene Longplayer „Lights Out Zoltar!“.

Herrschte auf dem Debüt noch eine gewisse handgemachte, auf sympathische Weise improvisiert wirkende Klangästhetik vor, getragen von Gemmas Gitarrenspiel und einem Xylophon, hört man „Lights Out Zoltar!“ nun an, dass der Künstlerin etwas mehr Geld und Mittel zur Verfügung standen. Auch musikalisch ist die neue CD alles andere als eine Neuauflage des in Indie-Kreisen gut aufgenommenen Erstlings. Dieser war in etwa vergleichbar mit frühen Werken CAT POWERS und deren rauem Charme. Die Songs pendelten zwischen ruppig und sanft, klangen nach Schlafzimmerstudio Marke Eigenbau und wirkten intim und introvertiert, nicht ohne ein düsteres Strahlen auszusenden. Das ist auf „Lights Out Zoltar!“ schon deutlich anders: Hier scheint die Sonne, wenn auch nicht ohne Ironie, und Gemma widmet sich ihrer zweiten Vorliebe gleich nach der Experimental- und Progmusik – dem 60er-Jahre-Girlgroup-Pop! Klingt furchtbar? Wäre es wahrscheinlich, wenn nicht Gemma Ray die Regisseurin dieses Musik gewordenen Sixties-Retro-Films wäre, der da mit fetten Background-Chören und Singalong-Melodien aus den Lautsprechern schallt, dass es einfach Frühling werden muss und die herbstlichen Klangfarben von „The Leader“ verblassen. Ganz so extrem ist es dann aber doch nicht mit dem Retro-Charakter der Platte. „Lights Out Zoltar!“ ist verspielter Indie-Rock von heute mit immer ironisch daherkommenden Verweisen auf den Radiopop der Flowerpower-Ära. Bei aller Poppigkeit merkt man der Musik aber dennoch Gemmas Vorliebe für Soundscapes und Klangexperimente an, und auch auf der neuen Platte setzt sie eine ihrer Lieblingstechniken ein: die mit der Schneide eines Küchenmessers angeschlagenen Gitarrensaiten, die dann – wie Gemma in einem Interview verrät – einen schön seekranken Drone-Sound abgeben.

Alles in allem verbirgt „Lights Out Zoltar!“ so manche musikalische Tiefe, die sich angesichts der zunächst an der Oberfläche treibenden eingängigen Melodien erst bei mehrmaligem Hören erschließt. Dann aber merkt der Hörer, wie vielschichtig die Arrangements der einzelnen Stücke aufgebaut sind und wie ungewöhnlich einzelne Sounds klingen. So klischeefrei und originell wie die musikalische Gestaltung – und ebenso ironisch – sind Gemmas Texte. Gottlob verzichtet sie sowohl auf plakative Düsterkeit als auch auf Ratgeberweisheiten. Stattdessen singt sie locker und mit knappen, treffenden Phrasen über im Grunde ernste Angelegenheiten. So kann man beispielsweise vermuten, dass einige Textzeilen von Gemmas mysteriösem Erschöpfungssyndrom, einer Art Narkolepsie, handeln, die beim Aufnehmen ihrer ersten Platte zu längerem Krankenhausaufenthalt führten. Doch diese Erfahrungen werden fast gelassen und heiter verarbeitet; Anspieltipp ist in dieser Hinsicht „Fist of a Flower“: „Grows darker by the hour / closing up like the fist of a flower / hour by hour by hour / someone turned down the power”, singt Gemma lakonisch im fast unbeschwerten Sixties-Refrain. Selten hat man eine Musikerin gehört, die mit einer derart interessanten Klangästhetik so bedenkenlos ein Hybrid aus Alternativ- und Mainstream-Musik samt pophistorischen Zitaten schafft, um daraus letztendlich ihren ureigenen Stil zu schöpfen. Für den Gemma Ray hoffentlich noch lange bekannt sein wird.

(M.R.)

Format: CD
Vertrieb: Soulfood Music
 

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