Eventuell ist Kal Cahoone dem ein oder anderen Leser aus der Zusammenarbeit mit Jay Munly oder LILIUM bekannt. Richtig aufmerksam auf ihre Arbeiten wurden viele durch ihre Band TARANTELLA, welche sie gemeinsam mit John Rumley gründete. Das erste Album der Gruppe, die gekonnt Einflüsse lateinamerikanischer Musik mit Country und europäischer Folklore verbindet, trägt den Titel “Esqueletos“ und erschien 2005 auf Alternative Tentacles, dem Label des ehemaligen DEAD KENNEDYS- Frontmannes Jello Biafra. Neben Bands wie THE DENVER GENTLEMEN, WOVEN HAND, 16 HORSEPOWER und SLIM CESSNA`S AUTO CLUB, die alle für einen morbiden und bisweilen exzentrischen Country-Stil berüchtigt sind, gelten TARANTELLA als ein integraler Bestandteil der Denver Szene, des so genannten Denver Sounds. Kal Cahoone ist eine der wenigen Frauen in dieser Szene. Als Musikerin hat sie eine ganz eigene Art des Schaffens und des Live-Spiels. So wirkt sie bei Live-Auftritten immer ein bisschen entrückt – fast außerweltlich – als würde sie nur für sich spielen. Ferner fällt bei ihren Auftritten auf, dass das scheinbar Schwere ihr leicht fällt, ohne dass sie ihrerseits dem Schweren leichtfertig gegenüber tritt. In der Tradition des amerikanischen Folk kann man in ihr aber auch eine Storytellerin sehen, deren Geschichten sich in einer Art abgeschlossenen Kosmos bewegen und sich nicht selten zu etwas Außergewöhnlichem transformieren. In ihrer unverstellten Art hat sie sich unseren Fragen gewidmet. Vor kurzem ist Kal Cahoones erste Solo-Ep “Built The Fire“ bei Helmet Room Recordings erschienen. Ihr Debütalbum wird im Laufe des Jahres veröffentlicht.
? Wir haben gelesen, dass deine Mutter eine große Leidenschaft für Folk Musik hatte und du dir nie hättest vorstellen können, dass du eines Tages ebenfalls ein Fan davon sein würdest. Welche Musik hat dich als Teenager begeistert? Gab es Musik, mit der du gegen den “Familienkanon“ rebellieren wolltest?
Es gab da nicht so viel, gegen das ich mit Musik hätte rebellieren können, denn meine Mutter war auf ihre Art sicher ebenso revolutionär (als allein erziehende Mutter, als berufstätige Frau in den 70ern und als Hippie). Das einzige, worüber ich als melancholisches Kind klagen konnte, waren die furchtbar traurigen Lieder über das Vergehen der Zeit oder Songs von GORDON LIGHTFOOT und ähnliches, das sich meine Mutter mit ihren männlichen Freunden anhörte, während ich zu schlafen versuchte. Die 80er Jahre kamen gerade richtig für mich, als ich dreizehn war, hatte ich eine große Obsession für all die neuen Veränderungen und fühlte mich verstanden.
? Wie hast du letztendlich das traditionelle Songschreiben für dich entdeckt?
Als ich damit begann alleine zu spielen, entwickelte es sich einfach, wahrscheinlich weil ich keine andere Art des Schreibens kenne. Zu meinem großen Bedauern habe ich anstelle von Klavier nicht Gitarre spielen gelernt. Ich versuche es aber immer noch!
? Wie entstehen deine Songs?
Ich spiele einfach, wenn ich Zeit dafür habe, improvisiere viel und lasse mich beim Spielen treiben.
? Gab es Bands, in denen du vor der Gründung von TARANTELLA gespielt hast?
Ich habe ein bisschen herumprobiert. Ich wusste, dass ich singen wollte. Dann machte ich einige Dinge mit dem argentinischen Komponisten Christian Basso. Eigentlich gründete ich meine erste Band in Buenos Aires mit seinen Freunden.
? Deine Band TARANTELLA ist nach einem italienischen Volkstanz benannt, der in der frühen Renaissance aufkam und vor allem als Heilungsritual gegen Spinnenbisse genutzt wurde. Wie eng ist deine Beziehung zu diesem Hintergrund? Versuchst du mit deiner Musik einen Effekt auf die Hörer zu haben, vielleicht in einem kathartischen Sinne?
Vielleicht, ja. Das gefällt mir. Musik sollte eine kathartische Funktion besitzen.
? Du hast für einige Jahre in Chile und Argentinien gelebt. Wir haben gelesen, dass darin deine Hauptinspirationsquelle für dein Songschreiben liegen würde. Wie hat alles begonnen?
Mein Schreiben für TARANTELLA ist stark durch Argentinien, Chile und Spanien beeinflusst worden, vor allem nach all der Zeit dort und den verrückten Erlebnissen, die ich verarbeiten musste. Außerdem mag ich es in verschiedenen Sprachen zu singen und natürlich ist es, neben meiner Muttersprache, auf Spanisch am einfachsten für mich.
? In Europa weiß man eine Menge über die Anglo-Amerikanische Kultur, sei es nun im Mainstream- oder im Underground-Bereich. Obwohl Leute wie Astor Piazzolla oder Antonio Carlos Jobim und der Magische Realismus hier auch bekannt sind, haben viele eher eine klischeehafte Vorstellung von Südamerika. Welche kulturellen Unterschiede hatten den größten Einfluss auf dich?
Nun, ich habe mich schon immer für Literatur interessiert und da bin ich das erste Mal mit Lateinamerika und Spanien in Berührung gekommen. Als ein rebellierender, wütender, sich deplatzierend fühlender Teenager fuhr ich nach Mexiko, ging dort zur High School (was nebenbei gesagt, mir das Leben rettete) und wohnte bei einer Gastfamilie. Mit 17 sprach ich ziemlich gut Spanisch, aber ich hatte keine Ahnung, was ich damit anfangen sollte. Alles, woran ich mich erinnern kann ist, dass ich die letzten drei Wochen dort eine Menge geweint habe. Ich weiß bis heute nicht wirklich warum, aber die gemeinsamen Familienessen, die Besuche bei der Oma, die Cousins, Kirche und Familie, Familie, Familie und Liebe, Liebe, Liebe etc. Ich konnte nichts anderes als weinen. Das hat mein Leben verändert, wohlmöglich zum Guten. Von da an musste ich das Land von Pablo Neruda, Alfonsina Storni, Ernesto Sabato etc kennen lernen.
? Würdest du sagen, dass das Tragische ein wichtiges Element beim Schreiben deiner Songs ist?
Ja und nein. Ich verstehe den Unterschied zwischen Tragödie und Aufklärung im Sinne eines besseren Weltverständnisses nicht wirklich. Vielleicht vermeide ich nur das Prozac mit allen Mitteln. Man kann das Tragische schon als ein unbequemes und starkes Element in der Denver-Szene betrachten.
? Deine Songs beschäftigen sich häufig mit den vielen Gesichtern der Liebe. Was macht deiner Ansicht nach ein gutes Liebeslied aus?
Ich denke, es kommt auf das jewelige Verständnis von Liebe an. Erst seit ich Mutter bin, habe ich Liebe auf einer anderen Ebene verstanden. Das Leben ist wahrhaftig, schmerzvoll und manchmal leicht und gleichzeitig schwer. Und genauso ist es bei der Liebe.
? Wir finden, dass du einen einzigartigen Gesangsstil besitzt. Der Klang deiner Stimme ist einerseits warm, lebhaft und leidenschaftlich. Andererseits klingst du manchmal auch etwas angestrengt und müde. Ist es einfach deine Art des Singens oder ist es ein künstlerisches Element?
Dazu kann ich nicht viel sagen, außer dass meine Stimme echt ist. Als allein erziehende Mutter bin ich häufig angestrengt und müde. Früher war ich nur leidenschaftlich und zornig romantisch. Das ist eine nette Kombination, oder?
? Was waren die Hauptgründe dafür, dass du dein Soloprojekt gegründet hast? Bedeutet dies das vorübergehende Ende für TARANTELLA oder wirst du dich auf beide Projekte parallel konzentrieren?
Sorry, wieder die “Mom“-Sache.
? Momentan arbeitest du an deinem ersten Soloalbum. Was kannst du uns über das Album berichten? Und welcher Teil deiner Persönlichkeit findet sich auf dem Album wieder? Auf Youtube ist gerade ein neuer Song zu hören, bei dem du Akordeon spielst.
Ich hoffe, dass es bald fertig sein wird, ich habe vor, es im Juni zu veröffentlichen, sein Titel lautet “Poor Sebastian”. Es wird sehr klavierlastig sein, was mich sehr an meine Kindheit erinnert. Der “Carpenter Song” aus dem Video wird auch darauf zu hören sein. Er ist einer der eher traditionellen Songs, definitiv, auch wenn ich ihn selbst geschrieben habe. Für mich hat gerade dieser Song sehr viel damit zu tun, das “Hier sein” zu würdigen, wenngleich er vom Text her auch eine geheime Hommage an die Menschen im israelisch-palästinensischen Konflikt darstellt und an andere, die in Kriegsgegenden leben. Bei den neuen Aufnahmen von LILIUM werde ich übrigens auch wieder dabei sein. Das Album erscheint wohl im Mai.
? Nach welchen Faktoren entscheidest du, während du Stücke komponierst, ob ein Song eher zu Kal Cahoone oder zu TARANTELLA passt?
Zurzeit schreibe ich nur an meinen eigenen Songs. Wir haben so viele TARANTELLA-Songs, die wir noch nicht aufgenommen haben. John und ich arbeiten aber daran. Meine Solo-EP “Built The Fire” hat definitiv mehr mit mir selbst zu tun. Während TARANTELLA eine Kombination aus sehr vielen unterschiedlichen Dingen war, ist “Built The Fire” etwas sehr intimes. Die letzten drei Songs wurden für die belgische Tanztheatergruppe ULTIMA VEZ aufgenommen, es ging um eine Performance, die auf einer Geschichte um Maria Magdalena und Herodes basierte.. Ich weiß gar nicht mehr genau, wie der Titel dieser Arbeit war.
? Wir nehmen an, dass auch andere Leute auf deinem Debütalbum vertreten sein werden. Würdest du diese unseren Lesern kurz vorstellen?
Elin Palmer und Julie Davis von LEA KAROLI werden mit dabei sein, und vielleicht auch noch Shane Trost von SLIM CESSNA`S AUTO CLUB.
? Viele Leute, kennen dich im Zusammenhang mit dem so genannten “Denver Sound“. Es existiert das Bild eines großen subkulturellen Netzwerkes um Smootch Records, Absinthe Studios, John Rumley, Slim Cessna etc. Gibt es wirklich diese geschlossen Szene oder handelt es sich nur um ein Medienkonstrukt?
Ich spreche eigentlich fast täglich mit John über alles Mögliche. Ich sehe Bob Ferbrache regelmäßig. Ich liebe Andrew von Smooch, aber wir alle haben ein eigenes Leben. Glaubt es oder nicht, John und ich haben erst jetzt entdeckt, dass mein Haus (ich habe es mir vor einigen Jahren gekauft) früher, als er ein Kind war, seinem Vater für 15 Jahre gehört hat. Verrückt!
? Hast du mit Leuten Kontakt, die deine Musik hören? Bekommst du häufig Feedback?
Ich muss mich an dieser Stelle vor allem bei den Hörern aus Frankreich und Deutschland bedanken. Aus Denver selbst habe ich noch nicht viel Feedback erhalten.
? Wir glauben, dass deine Songs eine filmische Qualität haben, viele Aspekte in deiner Musik scheinen Anspielungen auf Westernfilme zu haben. Zudem sagtest du, dass du die Arbeiten von Komponisten wie beispielsweise Ennio Morricone mögen würdest. Kannst du dir vorstellen, einen kompletten Soundtrack zu schreiben, und wenn ja, für welchen Film?
Ja und nein. Ich bin ein großer Theaterfan und weniger eine Kinogängerin. Ich schätze die Intimität im Theater und habe damit begonnen, die Idee für das Schreiben von Musicals oder ähnlichem auszubauen. Gute Filme brauchen nicht unbedingt Musik.
? Die letzte Frage bezieht sich auch ein bisschen darauf, dass du Musik für einen Film mit Gael Garcia Bernal gemacht hast. Um welchen Film handelt es sich und befindet sich dieser Track auch auf deiner CD?
Der Film mit dem Titel “Dot The I“ (dt.: “Ein gefährlicher Kuss”) war interessant, aber nicht so mein Stil, und letztendlich war es nur ein Song mit Christian.
? Wirst du in naher Zukunft in Europa auftreten?
Heute Abend? Ihr nennt mir den Ort … Vielen Dank für das Interview!
(U.S., D.L.)
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