DBPIT & XXENA Interview

Das Berliner Georg von Rauch-Haus gilt als eines der ersten besetzen Häuser Deutschlands und ist mittlerweile das älteste Hausprojekt der Stadt. An einem kalten Abend im Januar sollte hier der erste gemeinsame Berlin-Auftritt von Flavio Rivabella und der Videokünstlern xXeNa stattfinden. Flavio Rivabella? Genau, Der Bekannte Postindustrielle Trompeter. Trat er früher vornehmlich als Solokünstler in Erscheinung, verfolgt er seit 2008 das gemeinsame Projekt DBPIT & xXeNA. Nicht zuletzt das Mitwirken von xXeNa und der historische Ort führten dazu, dass DBPIT seinen Live-Sound noch stärker verdichtete. So leuchteten die einzelnen Soundpartikel noch stärker aus sich heraus, schwebten einerseits frei und nahmen andererseits ein. Nach einem kurzen Gespräch am Ende des Auftritts wurde das Interview per Mail fortgeführt. Vorhang auf für den Soundzauberer DBPIT und seine Partnerin xXeNA.

? Ich glaube, das war eure erste gemeinsame Performance in Deutschland. Wie war es für euch, und was sind eure Eindrücke?

Bevor wir mit diesem Interview beginnen, möchten wir uns zunächst für das Interesse an unserer Arbeit bedanken, und natürlich auch für den Besuch unserer Performance in Berlin. Wir hoffen, eure Leser sind von dem, was wir machen, nicht enttäuscht. Tatsächlich haben wir zuvor noch nie in Berlin gespielt. Wir sind auch der Agentur “Idroscalo Digitale” sehr dankbar für die Gelegenheit, an einem so historischen und symbolträchtigen Ort wie dem Rauchhaus auftreten zu können. Das Publikum war sehr aufmerksam und wir denken, dass sie unser Bemühen schätzten, etwas Neues und Eigenes auf die Beine zu stellen. Berlin ist ein großartiger Ort, wir lieben es, da zu sein. Viele Freunde von uns sind in der letzten Zeit dorthin gezogen. Es scheint, wie Deutschland generell, für Künstler ein sehr attraktiver Ort zu sein.

? Ihr tretet eher sporadisch auf. Hat es für euch immer noch den Charakter des Besonderen? Mit zunehmender Routine lässt Lampenfieber und Vorfreude ja wahrscheinlich etwas nach.

In der Vergangenheit hat DBPIT durchaus regelmäßiger Konzerte gegeben, aber in den letzten Jahren hat die Gruppe, die wir jetzt sind, ihre Einstellung zur Kunst und zum Leben generell stark revidiert. Infolgedessen mag die “Quantität” der Auftritte abgenommen haben, aber wir hoffen, dass sich die “Qualität” dabei verbessert hat. Außerdem ist die Performance, bei der du anwesend warst, ziemlich neu. XxeNa hatte vor unserem Duett noch nie live gespielt. Sie ist schon lange als Bildende Künstlerin tätig, hatte aber zuvor noch nie einen Fuß auf eine Bühne gesetzt. Von daher ist gerade in ihrem Fall das Lampenfieber schon sehr akut. Nach Riga und Rom fand hier in Berlin unsere “Drawings At An Exhibition”-Performance zum dritten Mal statt. Das Planen und Komponieren, die vielen Proben und Planänderungen zogen sich über ein Jahr hin, und wir hoffen, dass es noch mehr Gelegenheiten geben wird, das aufzuführen.

? Ihr arbeitet jetzt seit ein paar Jahren zusammen und seid ihr auch privat ein Paar. Wie kam es zu eurer künstlerischen “Symbiose”? Entstanden eure ersten gemeinsamen Arbeiten eher spontan, oder gab es im Vorfeld schon Ideen und Überlegungen?

Flavio: Alles begann zunächst damit, dass ich xXeNa fragte, ob sie das Artwork für meine Musik bereitstellen würde, was ihr großartig gelungen ist! Als wir schon zusammen waren, kam es zur ersten Split-CD “Alien Symbiosis”, die sehr krachig ist. Bei der Gelegenheit arbeitete xXeNa, die bisher ausschließlich als Malerin, Grafikerin und Videokünstlerin tätig war, zum ersten Mal mit Sounds. So gesehen markierte “Alien Symbiosis” einen Wendepunkt für uns beide, es ist der Beginn eines neuen kreativen Abschnitts. Und es ist letztlich die Feier unserer neu geborenen “Alien Union”. Nach den ersten sehr spontanen Experimenten beschlossen wir, mit unserer Zusammenarbeit weiter zu machen und unsere Besonderheiten verschmelzen zu lassen. So konnten wir die Beschränkungen unserer jeweiligen Kunstsparten überwinden. Bisher haben wir gemeinsam an einigen Ausstellungen teilgenommen, zwei CDs veröffentlicht (“Alien Symbiosis” – Deserted Factory -JP- 2008 und “Drawings At An Exhibition” CD + 11 Farbdrucke – Finalmuzik/Gattoaliano – IT- 2009) und eine audiovisuelle Liveperformance konzipiert, die auf diesen Aufnahmen basiert. Aber wir werden bald noch ein neues Musikprojekt ins Leben rufen, unter einem anderen Namen und mit einem komplett anderen Sound. Der kreative Prozess folgt keinen feststehenden Regeln, manchmal steht eine Idee am Anfang, ein anders Mal ist es vielleicht ein Klang oder ein Bild.

? Dann darf man ja sehr auf eure nächste Zusammenarbeit gespannt sein. Die audiovisuelle Kohärenz eurer Arbeiten ist beeindruckend – was denkt ihr, warum es so gut harmoniert?

Wie gesagt ist die Liveperformance eine Art Experiment, bei dem Klänge und Bilder von xXeNa manipuliert werden, die ihre Alienfish-Zeichnungen mit einem Marker zeichnet, der mit einem Mikro verbunden ist. DBPIT kann die Sounds dann filtern und in Echtzeit bearbeiten und zugleich seine eigenen Instrumentaleinlagen hinzusteuern. Eine Webcam projiziert die live entstandenen Zeichnungen dann auf einen Schirm oder eine Leinwand, so dass die Zuschauer Zeugen der ganzen Entstehung sein können. XxeNas zentrales Thema sind Fische und Fische sind bekanntlich stumm. Dennoch erzeugen sie zwangsläufig eine Art Krach, wenn sie schwimmen, atmen, sich paaren etc. Auch das versuchen wir in unseren Shows zu repräsentieren.

? xXena, ich hatte vor kurzem dieses “Platanum”-Video gesehen, für das du auch den Soundtrack eingespielt hattest. Hast du zuvor jemals in anderen Gruppen gespielt?

XXeNa: Nein, mein erster Versuch, mit Klängen zu spielen, war “Alien Symbiosis”. Es machte mir großen Spaß, deshalb versuchte ich weiter mein Glück und kreierte die Soundtracks zu meinen halbautobiografischen Kurzfilmen. Jetzt da Flavio und ich das eben erwähnte neue Projekt angefangen haben, wird mein Anteil an der Musik sogar noch größer werden. Die bisherigen Ergebnisse scheinen vielversprechend, und ich bin selbst ganz zufrieden mit mir. Das bedeutet nicht, dass ich aufhören werde zu malen und zu zeichnen, aber ich habe sicher einen weiteren interessanten Weg gefunden, meine künstlerische Persönlichkeit auszudrücken.

? Da dies in erster Linie ein Musikmagazin ist, kannst du unseren Lesern etwas über die Art von Kunst erzählen, die du machst und über deine Ausbildung?

XXeNa: Ich hatte Kunst und Grafik-Design studiert und arbeite seit einigen Jahren als Art-Director für Magazine und Buchpublikationen. Als Künstlerin bin ich ein Kind der Cyberpunk-Ära und stark fasziniert von konzeptuellen Künstlern wie William S. Burroughs oder Pop-Künstlern wie Keith Haring, der einen großen Einfluss auf meine früheren Arbeiten ausübte. Die Fische als Thema habe ich mir im Grunde nicht einmal ausgesucht, sie kamen einfach zu mir, gewissermaßen als ein Jung’sches Symbol des Unbewussten. Ich denke, ihre monströsen, teilweise mechanischen Formen stammen von meinem Cyberpunk-Hintergrund, und die  metallische Oberfläche, die ich seit neuerem verwende, soll einen noch stärkeren Eindruck auf den Betrachter machen, der sich wie vor einem Abgrund zwischen Mythos und Science Fiction fühlen soll. Für meine Bilder benutze ich meist Acryl auf Leinwand, sowie einiges an Mixed Media: Pflaster, Draht, Abfallstücke…

? Entwickelt eigentlich jeder von euch seine Ideen separat, oder beginnt das von Anfang an zusammen?

Flavio: Wie gesagt haben wir keine Regeln. Bei “Drawings..” zum Beispiel kam einer von uns mit einer Idee, die wir dann zusammen ausgearbeitet haben. Ein anders Mal gab eben ein Bild oder ein Klang die Initialzündung. Auf “Drawings..” haben wir gegenseitig unsere Arbeiten mit dem jeweils anderen Medium interpretiert. Manche Zeichnungen entstanden während xXeNa die Musik hörte, andere Musik entstand wiederum durch das Betrachten oder das Nachdenken über die Bilder. Speziell der zweite Track, “La Revancha Del Pescado”, wurde extra für die gleichnamige Ausstellung komponiert.

? Wenn wir gerade bei dem Thema sind, Flavio, du hattest von xXeNas Vater gesprochen, der ebenfalls Fische malt, obwohl die beiden die ganze Zeit über keinen Kontakt hatten. Wollt ihr diese interessante Geschichte noch mal erzählen?

XXeNa: Es ist in der Tat sehr merkwürdig. Aus verschiedenen Gründen hatte ich die Spur meines Vaters für rund fünfzehn Jahr völlig verloren, so dass ich gar nichts über seine Malerei wusste. In der Zwischenzeit hatte ich schon mit meiner eigenen Kunst begonnen und hatte eine Reihe von Ausstellungen in der Galerie, für die ich zu der Zeit auch arbeitete. Irgendwann vor ein paar Jahren googelte ich aus einer spontanen Inspiration heraus den Namen meines Vaters und stolperte über seine Webseite und… seine Fischbilder! Ich konnte nicht widerstehen, Kontakt aufzunehmen und ihn wieder zu treffen. Mit der Ausstellung, deren Titel “Die Rache der Fische” heißt, haben wir unsere neu begonnene Freundschaft besiegelt. Fische, oder deren symbolische Bedeutung, müssen irgendwie in unserem Gencode verankert sein, auch wenn unser beider Schaffen aus ganz unterschiedlichen Motivationen heraus entsteht und total verschiedene Hintergründe hat. Über meine Bilder habe ich schon gesprochen. Mein Vater war Taucher und Fischer bis zu dem Moment, als die Fische in seinen Alpträumen erschienen, dann gab er das Fischen auf und begann mit der Malerei. Seine sehr bunten und doch beängstigenden Figuren, die sich oft aus Duzenden kleiner Fische zusammensetzen sind nur auf den ersten Blick fröhlich. Beim genaueren Hinsehen offenbaren sie das Leiden und die Angst eines wirklichen Alptraumes. Er sagt, dass seine Feinde oft in den Bildern repräsentiert sind, aber ihre Namenwerden nicht enthüllt!

? Gibt es eine Art erzählerisches oder zumindest prozessuales Element in “Drawings At An Exhibition”? Während der Show hatte ich den Eindruck einer dramatischen Geschichte hinter den abstrakten Formen und Klängen, als die Musik lauter und krachiger wurde und xXeNas Zeichnen immer aggressiver und expressiver wirkte.

Es gibt keine wirkliche Narration, aber eine Art Entwicklung, ein Durchgang durch verschiedene Stufen, in denen verschiedene Monster repräsentiert werden, bis zu dem letzten Chaos, wo alles in einem primordialen/ endgültigen formlosen Brei vermischt wird. Das Ende ist der Anfang, oder umgekehrt.

? Euren Arbeiten wird immer eine Art “außerweltliche” Qualität bescheinigt, und ihr spielt ja selbst auch oft darauf an (der Weltraum, die Unterwasserwelt – beides Sphären des Mysteriösen und Fremdartigen). Könntet ihr euch auch ein erdverwurzeltes Konzept vorstellen, und wie würde das aussehen?

Das ist in der Tat eine sehr aktuelle und interessante Frage. Dein Vergleich bezieht sich auf zwei mysteriöse und vor allem kaum erforschte Welten. Jede kann mit dem Ursprung und dem Ende der menschlichen Spezies in Verbindung gebracht werden, und beide sind sicher von fremdartigen Wesen bewohnt, die viel faszinierender und kennenswerter sind als die Mehrzahl der Menschen. Wir fühlen uns oft wie “Marsmenschen”, die nicht zu diesem unglückseligen Planeten gehören, der so sehr misshandelt wird von seinen eigenen Kindern. Was uns zu unserem neuen “Embryo”-Projekt zurück bringt: Es wird sich mit den Menschen und deren Engherzigkeit und Belanglosigkeit befassen. Der Klang wird eher in eine Techno- und Elektronik-Richtung gehen, eher als Industrial, die visuelle Seite ist noch im Entstehen. Etwas Aggressives, Verzweifeltes und Hoffnungsloses, das ist es, wonach wir suchen.

? Würdet ihr sagen, dass Humor und Ironie wichtig sind in euren Arbeiten? Ich erinnere mich an xXeNas Aussage über das Fisch-Motiv als Metapher zwischen Sushi und CG Jung, und war da nicht auch ein aufblasbarer Gummifisch in dem einen Video?

Definitiv. Wir denken, dass man ernsthaft und zuverlässig arbeiten sollte. Man sollte aber auch niemals seine Ironie vergessen und auch über sich selbst lachen können. Wir sind keine Propheten und wir spotten auch nicht über andere Projekte, wir versuchen lediglich originell zu sein und unser eigenes Ding zu machen, unsere eigene Qual und unsere Einstellung zum Leben auszudrücken. Und das Leben ist nun einmal sehr oft ironisch.

? Flavio, ich habe den Eindruck, dass die Trompete in deinen neueren Aufnahmen etwas aus dem Zentrum gerückt ist – während der Show hattest du ein anderes Blasinstrument benutzt. Ist dies einem vorübergehenden Interesse geschuldet, oder ein Zeichen einer neuen Entwicklung?

Flavio: Das Instrument, das du gesehen hattest, ist tatsächlich auch eine Trompete, man nennt sie auch Taschentrompete. Sie ist kleiner als normale Trompeten und so leichter im Fluggepäck zu transportieren, aber sie klingt genau so wie ihre größere Schwester. Aber ihr habt das schon richtig beobachtet, ich benutze die Blasinstrumente nicht mehr ganz so häufig wie früher, allerdings habe ich nicht vor, das völlig aufzugeben.

? Du sagtest einmal, dass du Free Jazz nicht so magst, und in der Tat ist die Trompete bei deinen Aufnahmen immer für den harmonischeren Part zuständig. Könntest du es dir auch anders herum vorstellen – ruhige und leicht zugängliche Hintergrundklänge und ein verrücktes, sprunghaftes Trompetenspiel?

Flavio: Ich halte im Moment sehr viel von der Idee, und früher oder später wird es dazu kommen.

? Gibt es irgendwelche Pläne für deine Projekte SPACE ALLIANCE und THE GROWING CRYSTALS LAB?

Flavio: Nun, das letztere ist ein totes Projekt, wie ich denke. Ich komme immer noch gut aus mit den restlichen Mitgliedern, aber G.C.L. war ein ungemein forderndes Projekt. Außerdem wird der Sänger Italien wohl bald verlassen. Von daher macht es wenig Sinn, mehr Mühe in ein Projekt zu investieren, das interessant und spaßig war, sich am Ende aber doch als kurzlebiges Experiment herausstellte. SPACE ALLIANCE ist theoretisch immer noch aktiv, aber sowohl ich als auch S-Ex Voto (aka SPECTRE von AIN SOPH) sind so beschäftigt mit unseren eigenen Projekten, dass wir nie die Zeit finden, uns zu treffen und an der Allianz zu arbeiten. Was im Grunde eine Schande ist, denn die erste CD war meiner Meinung nach sehr gut und hätte mehr Beachtung und Erfolg verdient gehabt. Vielleicht lief etwas schief mit dem Vertrieb, der Promotion oder dem Label. Ich habe keine Ahnung.

? Als Hörer stellt man sich die Entstehung einer Musik wie deiner gerne in drei wesentlichen Schritten vor – das Auffinden von Sounds, deren Bearbeitung am Computer (was natürlich auch ausfallen kann, wie auf deinem rein akustischen Album „S.U.T.U.B.“) und zum Schluss das Zusammensetzen zu irgendeiner Art Struktur. Gibt es einen Teil des kreativen Prozesses, dem du besonders gerne nachgehst, oder wechselt das von Aufnahme zu Aufnahme?

Flavio: “S.U.T.U.B.“ (“Special Unplugged Transonic Urban Bondage”) war das einzige reine “Unplugged Industrial”-Album, das ich je aufgenommen hatte. Ein großes und herausforderndes Experiment, welches wohl das einzige dieser Art für mich bleiben wird. Ich habe Sounds aller erdenklicher Arten verwendet, inklusive dem eines Mobiltelefons. Wenn immer ich etwas Schräges oder Rhythmisches hörte, das sich verwenden ließ, nahm ich es auf. Dann kommt freilich das Auswählen und Neuarrangieren in eine Struktur oder was auch immer.

? Flavio, du sagtest einmal, dass Musik machen ein Weg ist, um Zerstörung und Niedergeschlagenheit auszudrücken. Würdest du sagen, dass Musik ebenso sehr ein Weg sein kann, um der emotionalen Verrohung unserer Zeit zu begegnen?

Flavio: Auch da kann ich wieder nur zustimmen. Seine inneren Gefühle ausdrücken und sie gegen die äußere Realität setzen ist alles, das Kunst sein sollte!

? Wie reagiert ihr als Privatpersonen auf die “akustische Möblierung des öffentlichen Raumes”?

Flavio: In der Tat ist Krach der dauerhafte Soundtrack unseres alltäglichen Lebens. Er mag ärgerlich und manchmal sogar schmerzhaft sein – für mich ist das Erschaffen und Umgestalten von Krach und seine Verwandlung in Musik auch eine Art, Rache zu nehmen und den Krach für meine eigenen Interessen auszubeuten.

? Denkt ihr, dass Subkulturen immer noch identitätsstiftend sind – auch als Gegen-Kultur in Opposition zu Uniformität und Konformismus?

Nun, wir denken, dass man in Italien beinahe schon von einem neuen dunklen Zeitalter sprechen kann, es handelt sich um eine der schlimmsten politischen und sozialen Perioden seit dem Zweiten Weltkrieg. Wir hoffen, dass sich auch weiterhin Underground-Kulturen gegenüber dem Establishment in Opposition stellen werden, nur leider beobachten wir oft, dass jüngere Generationen  immer weniger an gesellschaftlichen Zusammenhängen interessiert sind. Sie tendieren eher zum Schein, als zur Aktivität. Vermutlich haben sowohl die Medien als auch das Internet ihren Anteil daran. Alles geht heute so schnell und scheint leicht zu erreichen, und irgendwie sieht das alles mehr nach einer Rennerei aus, als nach einer Art von Ausdruck. Keine Ahnung, vielleicht sind wir zu pessimistisch, aber wir befürchten eine graue Zukunft, wenn nicht irgendetwas Starkes passiert.

? Gab es einen bestimmten Grund für das Anti-Nazi-Symbol auf eurer Webseite und bei Myspace?

Nun, wir denken, dass das Symbol für sich spricht. Wir sind gegen jede Art von Zwangsherrschaft, Kontrolle und Einengung, sei sie nun offen oder unterschwellig praktiziert. “Noise” und “Industrial”-Musik ist immer mit dunklen Genres in Verbindung gebracht worden, und was schlimmer ist, mit dem politisch rechten Rand. Wir wollen klar stellen, dass wir damit nichts zu tun haben. Solche Vorurteile mögen nicht nur für unser Land typisch sein, aber sie sind schon sehr zu spüren. Wie jeder Noise-Musiker weiß, haben wichtige und unterschätzte Künstler wie Luigi Russolo, Pietro Grossi und Maurizio Bianchi dafür gesorgt, dass Italien eine führende Rolle in der zeitgenössischen Musik spielt. Wir kommen ebenso vom Dadaismus, Surrealismus und Futurismus her, aber wir gehen sicher nicht mit, was gewisse politische Themen der letzteren angeht.

? Auf Myspace kann man eure Version von JOY DIVISIONS  ”Love Will Tear Us Apart” hören, es gibt auch ein Video, bei dem Statuen im Museum den Text zu untermalen scheinen, denn sie erscheinen wie Überbleibsel von etwas, das zum Ende gekommen ist. Was war der Grund, dass ihr gerade diesen Song gecovert habt, und wird er auf einer eurer zukünftigen Veröffentlichungen zu finden sein?

Flavio: Es gab eine Menge Gründe, weswegen ich diesen Song ausgewählt hatte. Meiner Meinung nach ist das einer der besten Songs, die je geschrieben wurden und ich liebte JOY DIVISION schon immer, deshalb wollte ich sie meinem siebzehnjährigen Sohn näher bringen. Er spielt Klavier und hat einen klassischen Hintergrund, aber in der letzten Zeit interessiert er sich sehr für klassischen Rock – ihr wisst schon, diese riesigen Bands aus den 70ern. Ich versuche gerade, ihm weniger klassische Sachen zu zeigen, so fingen wir mit Punkrock an, mit Technopop und elektronischer Musik, und obwohl er anfangs skeptisch war, ist er mittlerweile schon sehr geneigt, diese neuen Welten zu entdecken. Ich lasse ihn an so vielen meiner eigenen Arbeiten mitwirken wie möglich. Wir haben einige großartige Aufnahmen zusammen gemacht, und er hat sogar eine eigene mit dem japanischen Cyberpunk Autor Kenji Siratori gemacht. Der JOY DIVISION-Song hat ihm spontan gefallen und er spielt die Keyboardpassagen mit einer großen Leichtigkeit. Dann entschieden wir uns, diesen Clip zu machen, den man auf Youtube und Myspace findet, wo wir als zwei verlorene Seelen agieren, die irgendwie die gleichen Straßen entlang laufen ohne sich je zu treffen, zwischen den Statuen, die mir ihren leeren, reglosen Gesichtern wie Vertreter einer kalten, fernen, uninteressierten Menschheit wirken, unempfänglich gegenüber den dramatischen Ereignissen, deren Zeuge sie sind.

? Kannst du noch etwas zu dieser Kollaboration zwischen deinem Sohn und Kenji Siratori sagen? Du hattest ja auch schon Sachen mit Siratori aufgenommen. Wird es da auch eine CD geben?

Flavio: Pusio, mein Sohn, hat ein Stück zusammen mit Kenji aufgenommen, das auf Kenjis neuer  CD enthalten sein wird, die bald erscheinen müsste. Es wird eine CD mit vier Stücken sein, drei von Kenji und mir und einer von Pusio und Kenji. Pusio spielt dort hauptsächlich Keyboard und Piano.

? Vielen Dank für das Interview und euch alles Gute!

Wir danken euch und den Lesern. Es war uns eine große Freude, das Interview zu geben und wir wünschen euch auch alles Gute!

(U.S. & D.L., S.L.)

 

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