JOHNNY CASH – American VI: Ain`t No Grave (CD)

Was ist der Tod dem Menschen? In der römischen Mythologie zeichnen sich für diese Fragen die drei Parzen verantwortlich. Nona spinnt den Lebensfaden (Klotho), Decima vermisst ihn und Morta durchtrennt ihn schließlich. Augustinus von Hippo hat in die “Confessiones” u.a. seine Erfahrungen vom Verlust naher Menschen einfließen lassen.

Dabei schildert er, dass beim Verlust eines nahen Menschen ein Riss durch den zurückbleibenden, den Verlust erleidenden, Menschen geht. Der zurückbleibende Mensch wird sich selbst danach zu einer “magna quaestio“. Der dahinter stehende Gedanke ist der der “Erfahrbarkeit des Todes“ (vgl. P.L. Landsberg). Erfahrbar wird der Tod durch den Tod des nächsten Menschen in seiner Totalität. Ähnlich muss es Johnny Cash gegangen sein, als er seine Frau June Carter verlor. Nicht wenige meinen, dass Johnny Cash starb, als June starb. So sehr wie der Tod ein Ende ist, war er für Cash selbst nicht das Ende. Zeugnis darüber legt nun die wohl letzte Veröffentlichung des “man in black“ ab. Mit “There Ain`t No Grave“ scheint die American Recordings-Reihe endgültig abgeschlossen, jene Reihe, die bedenkenlos in jede Liste moderner Klassiker Aufnahme findet. Wenn Cash intoniert, “There ain´t no grave can hold my body down…”, dann lässt sich daraus ein tiefes Vertrauen an einen Weg nach dem eigenen Ableben ablesen. Vielleicht klagt er deshalb nicht. Fast trotzig scheint er sich ein letztes Mal aufzustellen und knurrt, brummt, kratzt und schnurrt, “Well meet me Jesus/ meet me/ meet me in the middle of the air“. Die große Qualität dieser Veröffentlichung ist, dass sie auf zwei Säulen steht. Zum einen ist sie ein klares Statement, das Leben nicht nur von postmodern geschulten Infragestellern lesen zu lassen, welche stets an der passenden Metaebene interessiert sind. Jene, die mit verzogenen Mundwinkeln seine Offenheit im Umgang mit dem Schmerz, den der Tod June Carters ausgelöst hat, bespötteln. Zum anderen dringt die brüchige Stimme Cashs durch Mark und Bein. Zehn der elf Stücke sind Bearbeitungen. So wirken die Versionen des großen Wanderers, als hätte er die Originale bis auf deren Knochen abgenagt. Die Instrumentierung ist sparsam, meist verlässt sich Cash auf den charakteristischen Anschlag seiner Gitarre. Hier und da wurden Orgel- bzw. Klaviersequenzen hineingetupft. All dies unterstreicht die Abgeklärtheit des späten Johnny Cash. Zudem ist auffällig, dass auf dieser Darbietung die Stücke am ehesten ihm entsprechen. Anders als bei den vorangegangenen Alben der Serie, als Rick Rubin, der natürlich auch hier wieder als Produzent agierte, und sein Sohn John Carter Cash, ihn von einigen Stücken, die es wert seien, von ihm gecovert zu werden, überzeugen mussten. Das eindringlichste Stück ist sicherlich seine Version des Kris Kristofferson Klassikers “For The Good Times“. Wenn Cash in der ganzen Bandbreite seiner brüchigen Stimme singt, “Don´t look so sad, I know it`s over/ but life goes on/ and this old world will keep on turning”, meint man sein Vermächtnis zu hören. Wem dies zu prätentiös klingt, der sollte diese Platte ignorieren. Cashs innere Ruhe und seine Demut dem eigenen Ende gegenüber lassen Raum für Trost, denn die drei Parzen arbeiten Tag und  Nacht. Durch alle Stücke hindurch ist das Geklapper der Schere zu hören. Morta lässt sie klappern. Cash wirkt nicht mehr interessiert daran, wer die Schere hält, er ahnt ihren nahen, finalen Schnitt. Vielmehr scheint sein Blick auf Decima gerichtet zu sein. Jene hat June Carters und Johnny Cashs Lebensfaden etwas gleicht lang bemessen. Ich glaube, dass Johnny Cash ihr dafür dankbar gewesen ist. (S.L.)

Format: CD
 

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