Bei der Beschäftigung mit der Arbeit von John Duncan und der damit zusammenhängenden Auseinandersetzung mit seinem Werk ist eine Tatsache unumstößlich und soll als Sprungbrett für das folgende Gespräch dienen: Die Zahl der Künstler, die ähnlich polarisierend wirken, ist überschaubar. So kann John Duncan sicherlich als Grenzgänger bezeichnet werden. Die Frische seines Werkes und das Unverbrauchte seines Ansatzes machen die Beschäftigung mit ihm so spannend. Dabei steht nicht nur sein Facettenreichtum im Mittelpunkt. Ferner ist er mitnichten ein sich auf der Projektionsfläche des Stilmittels der Provokation Ausruhender. Vielmehr zeigt seine Arbeit vor allem eins, nämlich dass die Auflösungseffekte von Provokation in eine eindimensionale Verführungskultur münden, um Inhaltsarmut zu überdecken.
Duncans Arbeit ist jedoch vielschichtig, schwingt insbesondere bei seinen musikalischen Veröffentlichungen eine imaginäre synästhetisierende Assoziation mit. Seine Lautpoesie verwehrt sich der simplen Geräuschexegese und Überaffirmation. Am besten lassen sich seine Arbeiten mit einem Zitat von Jörge Borges beschreiben: “Niemand kann eine Silbe artikulieren, die nicht gleichzeitig voller Zärtlichkeit und Schauer ist.”
? Hat dein familiärer Hintergrund dazu beigetragen, dass du begonnen hast, dich für Kunst zu interessieren, die weiter geht als das, was manchmal von der Gesellschaft akzeptiert wird?
Absolut. Die Angewohnheit, es zu vermeiden, über persönliche Konflikte zu reden, bis sie ausbrechen und es unmöglich ist, sie zu ignorieren, die Angewohnheit Fragen der Moral mit einem “Man macht das einfach nicht” abzutun, hat mich wiederholt völlig unbefriedigt gelassen und hat mich schon sehr früh erkennen lassen, dass die Antworten, die ich brauchte, aus meinen eigenen Erfahrungen kommen müssten. Als ich anfing, die Arbeiten anderer Künstler zu entdecken, die obsessiv und in machen Fällen rücksichtslos alles dafür taten, um solche Antworten zu erhalten, wusste ich, dass das die Richtung war, die ich weiter verfolgen musste – nicht rücksichtslos zu sein, aber dass die Antworten so essentiell sind und dies schien der einzige Weg zu sein, um sicherzugehen, dass man sie finden würde. Gleichzeitig war ich nicht darauf vorbereitet, mir die Risiken vorzustellen, ganz zu schweigen davon mit ihnen klarzukommen.
? Welchen Einfluss hatte dein sechsjähriger Aufenthalt in Japan auf deine Arbeit?
In 25 Wörtern oder in wenigem? Er hatte einen sehr großen Einfluss. Ich bin schon immer sehr selbstbeobachtend gewesen, aber das Leben und die Arbeit dort haben mich gelehrt noch weiter ins Innere mit einer gewissen Größe ins Innere zu gehen. In Japan begann ich, die Existenz als solche viel tiefgehender zu verstehen, mir des Lebendigseins bewusst zu sein und Schönheit in allen Arten des Lebens zu finden.
? Du hast in vielen verschiedenen Bereichen gearbeitet. Gibt es einen, den du bevorzugst?
Na ja, natürlich ist der Klang normalerweise ein wichtiges Element bei den Sachen, die ich mache -nicht immer, aber doch meistens. Ich bevorzuge nicht wirklich etwas und gehe Projekte auch nicht unter bestimmten Kategorien an. Jedes Projekt bestimmt das Medium, das es am besten trägt. Wenn die fertige Arbeit da ist, kann eine Kategorie gefunden werden oder aber eine neue erfunden werden.
? Denkst du, dass deine Arbeit von Leuten mit verschiedenen Hintergründen unterschiedlich wahrgenommen wird?
Die Wahrnehmung der Menschen scheint normalerweise von irgendwo anders zu kommen und ihre jeweiligen Hintergründe tragen dazu bei, ihre Wahrnehmungen zu kontextualisieren, zumindest für eine gewisse Zeit. Etwas anderes, das mir in Japan sehr klar geworden ist, ist wie oberflächlich und einschränkend es ist, sich nur auf Unterscheide in den Kulturen zu konzentrieren, da es etwas in unseren intimsten Erfahrungen gibt, das universell gilt.
? Gibt es Menschen, die dem, was du machst, besonders offen gegenüberstehen?
Ja. Menschen, die sich nicht zufrieden geben mit vorgefertigten Reaktionen auf ihre beunruhigendsten Fragen, die in der Arbeit einen Schlüssel gefunden haben oder die von der Arbeit auf irgendeine Weise berührt worden sind. Das ist ihre Rolle in dem Prozess – ihre Belohnung und ihre Verantwortung.
? Du hast mit vielen Künstlern gearbeitet (Ch. Heemann, M. Springer, A. mc Kenzie, F. Lopez, Giuliana Stefani, um nur einige zu nennen). Gibt es Augenblicke, in denen sich zeigt, ob eine Zusammenarbeit erfolgreich war? Gab es Momente, als du aufhören wolltest (es scheint, dass selbst wenn du und deine Mitstreiter verschiedene Ansichten habt, es immer noch möglich ist, eine gelungene Arbeit zu veröffentlichen, wie “Das ich die Machtgier…”zu beweisen scheint)?
Die Zusammenarbeit ist erfolgreich, wenn das Ergebnis erfolgreich ist. Natürlich ist es noch befriedigender, wenn der gesamte Prozess ein Vergnügen ist und man eine echte Verbindung zu seinem Partner spürt, aber ist nicht unbedingt notwendig. Tatsächlich ist es manchmal nicht nötig, sich überhaupt zu treffen.
? Von welcher Zusammenarbeit hast du a) als Künstler und b) persönlich am meisten profitiert?
Sie sind alle so verschieden: Es ist mir nicht möglich, das zu beantworten. Als Künstler habe ich überall etwas gelernt. Persönlich habe ich das meiste bei der Arbeit mit Giuliana Stefani gelernt, besonders etwas darüber, wie man wirklich mit der Person, mit der man arbeitet, kommuniziert und ihr Freiheit gibt, anstatt darauf zu bestehen, Reibungen zu erzeugen oder ihr meine eigenen Methoden aufzuzwingen.
? Du hast zahlreiche Alben veröffentlicht. Ist es jemals passiert, dass du nach einiger Zeit eine deiner Aufnahmen ganz anders wahrgenommen hast?
Auf jeden Fall. Das Titelstück von “Riot” war ursprünglich als so harsch und verstörend geplant, dass es unhörbar sein würde. Ich habe absichtlich jede Erwartung und Regel gebrochen, an die ich denken konnte. Technische Details, wie die Aufnahmeregler den normalen Einstellungen bei einer LP-Produktion völlig entgegengesetzt einzustellen, eingeschlossen. Zehn Jahre später habe ich mir das Album noch einmal angehört und war erstaunt darüber, wie durchkomponiert es eigentlich war, wie präzise die Edits waren, wie strukturiert und komplex, offen gesagt, wie schön es war. Ich war wirklich erfreut darüber, dass es seinen ursprünglichen Zweck nicht erfüllt hat. Es ist jetzt viel reicher, als ich mir das je hätte vorsteilen können.
? Es gibt kaum rhythmische Passagen auf deinen Stücken. Gefällt dir Rhythmus prinzipiell nicht?
Normalerweise vermeide ich ihn. Nicht, weil er mir nicht gefällt, sondern um zu sehen, wie weit man ohne ihn gehen kann. Ein Teil bei der Forschung dessen, was Musik ist, ist soviel wie möglich der erwarteten Elemente hinauszuwerfen, inklusive Rhythmus und traditionelle Instrumente. Wenn diese Standardelemente fehlen, neigen Menschen dazu, sich stärker zu konzentrieren, sie passen eher darauf auf, was sie hören und wie sie darauf reagieren.
? Manche argumentieren, dass Rhythmus den Herzschlag simuliert. Ein Freund sagte kürzlich, er möge keinen Rhythmus, weil er dann das Gefühl des Außer-sich-seins habe, das Gefühl den eigenen Körper zu verlassen. Was hältst du davon?
Mich stört es nicht, wenn andere Rhythmus in ihrer Musik benutzen, ich mag es für gewöhnlich einfach nicht in meiner.
? Deine neueren Arbeiten scheinen ein bisschen distanzierter zu sein. Es scheint zum Beispiel einen Unterschied zwischen “Send” und “Palace of Mind” zu geben.
Ganz bestimmt, allerdings sehe ich meine neuere Arbeit nicht als distanziert. Mir scheint sie komplexer und reicher, mit weniger Elementen, etwas, was ich noch vor einigen Jahren nicht hätte machen können.
? In nächster Zeit wird die Asmus Tietchens-Monographie in einer aktualisierten Ausgabe wiederveröffentlicht. Hättest du Interesse daran, so etwas über deine Arbeiten zu veröffentlichen?
Ja. Und tatsächlich habe ich gerade beschlossen an so etwas mit Brandon LaBelle zu arbeiten, er will das im Laufe des Jahres veröffentlichen.
? Deine Arbeit – besonders im Bereich Performance – hat und polarisiert noch immer. Ist Provokation immer beabsichtigt?
In meinem Fall hatte ich nicht die Absicht zu provozieren oder Leute wütend zu machen nur um des Wütendmachen willens. Ich habe mich nur dafür interessiert, Situationen zu erschaffen, die auf soziale Wahrheiten fokussiert waren, die ich als nachdenkenswert erachtete, um Leute zu ermutigen, sich diese in ihnen selbst anzuschauen und zu sehen, was sie entdecken können.
? Kann Provokation ein Stilmittel sein?
Ja, und ich finde es sehr enttäuschend, sehr leer, wenn Provokation auf diese Weise eingesetzt wird. Der positive Aspekt dieses Ansatzes ist, dass er nur ein paar Mal funktioniert und dann wird klar, dass die wahre Absicht des Künstlers es ist, zu unterhalten. Es gibt einige wenige Menschen, wie zum Beispiel den Komiker Bill Hicks, die beides schaffen. Die Übrigen bleiben nicht lange und für mich ist es eine ziemliche Erleichterung, wenn sie sich für eine schnell vergessene Karriere in Hollywood entscheiden oder irgendwo anders.
? Wurde “The Black Room” viel Feindseligkeit entgegengebracht? Das ist ja ein ziemlich scharfer Angriff auf die Familie.
Soviel ich weiß, wurde es zum größten Teil ignoriert, abgesehen von Beschwerden über den unaufhörlichen summenden Lärm hinter der Tür, der Teil der Installation war.
? Gab es gewalttätige Reaktionen von denjenigen, die bei “Stress Chamber” mitgemacht haben?
Nie. Im Gegenteil. Teilnehmer sind durchgängig angetan und überrascht, dass die Erfahrung völlig anders ist, als sie erwartet haben. Die feindseligste Reaktion kam von einer lesbischen Frau, die sich um ihre Freundin, die drinnen war, zu Tode ängstigte und die darauf bestand, dass ich die Sitzung abkürze. Als ihre Freundin rauskam, erfreut und gleichzeitig enttäuscht darüber, dass es nicht länger gedauert hatte, schien die arme Frau draußen erleichtert zu sein, dass es endlich vorbei war, sie hüllte ihre naive Freundin in eine Jacke wie ein geschlagenes Kind und zog sie weg, so schnell es ging. Davon abgesehen gab es einmal von Organisatoren negative Reaktionen, weil sie dachten, das Ganze sei eine Folterkammer. Sobald sie aber sahen, wie sich die Leute anstellten, um daran teilzunehmen, wurde ihnen klar, dass ihre Angst grundlos gewesen war.
? Gibt es Grenzen für die künstlerische Freiheit?
Ja. Die Grenze ist etwas, das jeder Künstler selbst entdecken muss, sie ist selbst auferlegt.
? Das ist eine persönliche Frage, die du nicht beantworten musst. Warst du jemals von ablehnenden Reaktionen persönlich verletzt worden?
Oh ja, schrecklich. Sehr oft.
? Du hast einmal gesagt, dass du deine Arbeit mit der menschlichen Stimme begonnen hast (das erste Bild auf deiner Homepage zeigt Lippen von “Hall of Words”) und du benutzt sie häufig. Ist die Stimme etwas für dich, das die direkteste Verbindung zu den Menschen ist?
Absolut. Es ist das simpelste und gleichzeitig komplexeste Instrument, das die meisten von uns haben, es bedarf fast keiner Anstrengung es zu benutzen, man kann es selbst bei extremer Verzerrung sofort erkennen und bis jetzt widersetzt sie sich noch selbst den ausgefeiltesten Versuchen, sie zu imitieren.
? Würdest du sagen, dass deine Arbeit ein persönliches wie auch ein universelles Element hat?
Ja, ich denke, dass das bei jedem Künstler unvermeidlich ist.
? Du hast einmal gesagt: “Wenn etwas plötzlichen Stress ausübt und man keinen Kontext hat, in den man es einrahmen kann, dann widersetzt man sich dem ganz instinktiv”. Würdest du nicht sagen, dass das etwas ist, warum Religion(en) so erfolgreich ist/sind? Menschen brauchen einen Rahmen um mit ihrer eigenen Sterblichkeit klarzukommen und sie versuchen verzweifelt ihrem Leben eine Bedeutung zu geben.
Ja, das ist meine Erfahrung. Aber diese Idee, dass man einen Rahmen braucht, kann auch auf die spirituelle Suche bezogen werden, die eine Offenheit verlangt, die sich sehr vom festen Dogma von Religion unterscheidet. Ich habe versucht, ein “existentielles” Tor zu beschreiben, mit dem wir manchmal konfrontiert werden; und wie viele Menschen darauf regieren: Mit Feindseligkeit gegenüber der Person, die uns das gezeigt hat. Dieser Moment kann auch eine ausgezeichnete Gelegenheit sein, eine tiefe Wahrheit in uns selbst zu erkennen, wenn wir dazu bereit sind, zu schauen.
? Manchmal wird der Begriff “kathartisch” gebraucht, um über manche deiner Arbeiten zu reden. Stimmst du solch einer Interpretation zu oder denkst du, dass es manchmal nur ein Versuch ist, manches zu rationalisieren?
Das hängt davon ab, ob sie “kathartisch” als bedrohlich empfinden. Wenn das so ist, verdienen sie unser Mitleid.
? Fühlst du eine Affinität zu der Arbeit von Georges Bataille?
Ich respektiere sie und bin froh, dass er sie gemacht hat, aber ich fühle keine direkte Affinität damit.
? Ich erinnere mich daran, über deine Arbeit gelesen zu haben, dass sie Probleme in der Gesellschaft kritisiert, dass du aber nie Lösungen anbietest. Dies wiederum wurde von dem Schreiber kritisiert. Kannst du das nachvollziehen oder fühlst du dich durch so etwas völlig missverstanden?
Es stimmt, dass ich keine Lösungen anbiete, das ist beabsichtigt. Was ich versuche, ist Situationen zu erzeugen, bei denen jeder Teilnehmer dazu gezwungen wird, sich bewusst zu werden und seine eigenen Reaktionen zu untersuchen. Fertige Lösungen anzubieten schneidet diesen Prozess ab und erstickt ihn. Ich glaube, dass das Leuten vorschreibt, was sie denken sollen und ich denke, das passiert schon oft genug. Jeder Künstler, der annimmt, er oder sie wisse genug über uns alle um eine Lösung aufzuzwingen, die für jeden funktioniert, wird sicher scheitern. Jeder, der so etwas von einem Künstler erwartet, ist hoffnungslos unrealistisch
? Was sind deine Pläne für dieses Jahr und die nahe Zukunft (Veröffentlichungen, Installationen etc.)?
November 2005 ist eine Audioinstallation für die Galleria Ninapi in Ravena geplant. Leif Elggren und ich arbeiten gerade an einer handgedruckten Version von “The Error”, die in Leder gebunden ist und und speziellen Drucken der Bilder, diese Edition ist auf zehn Stück limitiert. Es gibt Pläne verschiedene CD-Projekte zu veröffentlichen und zumindest eine DVD. Und Brandon sagt, dass er sofort mit der Monographie beginnen möchte.
M.G., S.L.
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