TOMTE – hinter all diesen fenstern (CD, LP)

Eigentlich peinlich, dass ich auf TOMTE erst durch ein Interview auf Viva Zwei aufmerksam wurde. Na ja, zumindest wurde es von einer der wenigen wirklich sympathischen Menschen des Musicbusiness geführt – Charlotte Roche. Jedenfalls faszinierte mich das Gespräch mit Sänger, Texter und Gitarrist Thees Uhlmann und die kurz angespielten Lieder dermaßen, dass ich mir das aktuelle und dritte Album der vier Jungs aus dem Norden zulegte.

Eine weise Entscheidung, fürwahr, denn TOMTE verstehen es auf diese einzigartige Art und Weise, melancholisch-mitreißende Melodiebögen mit metaphorisch verschachtelten, misanthropischen und dennoch lebensverliebten deutschen Texten zu verbinden, wie es nur ganz wenige, dafür aber umso hervorragendere Gruppen je geschafft haben. TOMTE geht unmittelbar mitten ins Herz, so wie es (zumindest bei mir) nur wenige Bands schaffen; z.B. EA80, FLIEHENDE STÜRME, BOXHAMSTERS oder auch THE CURE. Zwischen den Zeilen der Texte kann man unendlich viel lesen (ich denke, Eigeninterpretationen sind erwünscht) – umso spannender, die ausführlichen Kommentare von Thees zu neun von zehn Liedern zu lesen; die in die Gedankenwelt eines scharfsichtigen Lyrikers einführen, aber auch in die Welt der Herren TOMTE – sowohl abstrakt als auch ganz konkret. Beim Durchlesen des Booklets sowie beim Hören der Musik fühlt man sich diesen Menschen und ihren Erlebnis- und Kopfwelten nahe und hat eigentlich nur einen Gedanken – TOMTE dafür zu danken, dass sie es verstehen, den eigenen Schmerz im Herzen in Musik umzusetzen, so dass sich beim Zuhören und Mitrocken automatisch eine wohltuende Katharsis einstellt und man sich nicht mehr so ganz allein mit seinen merkwürdigen Gedanken fühlt (dazu passt: „es könnte trost geben, den es gilt zu sehen, zu erkennen, zu buchstabieren. sich gehen zu lassen in liebe und angst.“ aus „für immer die menschen“). Lebensretter möchte ich solche Musik immer wieder nennen, würde dann aber wieder beschimpft werden, dass ich pathetisch bin. Nun, mir persönlich bedeutet bestimmte Musik eben so viel – wer nicht durch diesen Kosmos trudelt, dem wird der Raum „hinter all diesen fenstern“ wahrscheinlich verschlossen bleiben und der wird das Album vielleicht einfach unter „Hamburger Schule“ in der Schublade eines realen oder gedanklichen Regals einordnen und vergessen. Selbst schuld. Ich jedenfalls möchte euch hier Lieder ans Herz legen, die rocken, Tränen rollen lassen, ein wehmütiges Lächeln entstehen lassen, zum Tanzen durch die Wohnung verleiten und einfach unglaublich gut sind. Ein kleiner Ausflug auf die erste 7“ ist mit dem Lied „insecuritate“ gegeben („…die insecuritate hat meinen zuversichtlichen Bruder erschossen…“) und weil auch das wirklich gut ist, denke ich, ich kann hier einfach TOMTE an sich empfehlen, auch wenn ich selbst die anderen Alben (noch) nicht kenne. „…die schönheit der chance, dass wir unser leben lieben, so spät es auch ist – das ist nicht die sonne, die untergeht, sondern die erde, die sich dreht…“ (aus: „die schönheit der chance“) (FS)

Format: CD, LP
Vertrieb: Grand Hotel van Cleef/Indigo
 

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