Neben Michael Gira war JARBOE das prägende Gesicht der SWANS. Nach dem Split der Kapelle begann für sie eine Solokarriere, auf deren zahlreiche Ergebnisse sie mittlerweile zurückblickt. Wenige Frauen haben subkulturell so viel ausgelöst und bewegt wie die Amerikanerin. Und dabei ist sie eine ständig Suchende geblieben. Denn was ist das Leben mehr, als ein langer ungewisser Heimweg (nach Beckett). Foto: Jill Williams
? Es hat den Anschein, dass du in letzter Zeit häufig auf Tour bist. Gibt es bestimmte Vorerwartungen, wenn du auf Tournee gehst?
Ich habe keine Erwartungen. Touring is the wild west!
? Gibt es vor einem Auftritt für dich feste Rituale, und wenn ja welche?
Nein, das Ritual beginnt genau in dem Augenblick, wenn ich die Bühne betrete und die Performance anfängt.
? Suchst du nach einer Show den Kontakt zum Publikum?
Ja, ich unterhalte mich nach den Shows sehr gern mit dem Publikum.
? Auf deiner Homepage kann man verschiedene DVDs deiner Live-Shows bestellen. Bekommst du bei der Durchsicht des Live-Materials einen anderen Eindruck der jeweiligen Show als während der Show? Was muss ein Auftritt für dich persönlich haben, damit ihm eine unikate Stellung in deinen Erinnerungen zukommt?
Die DVDs sind Dokumente. Ich bewerte sie nicht, da jede einzigartig und authentisch ist.
? Ein Freund von uns, hat uns gegenüber geäußert, dass seiner Ansicht nach, dein künstlerisches Wirken mit der literarischen Gattung der Dramatik vergleichbar sei. Natürlich kann man einen dramatischen Text einfach nur für sich lesen bzw. deine CDs zu Hause hören. Tatsächlich, so meinte er, findet der dramatische Text erst seine Vollendung auf der Bühne. Darin sieht er die Parallele, wenn du deine musikalischen Schöpfungen live performst. Kannst du diesen Ausführungen etwas abgewinnen und wenn ja, welche Rolle spielen deine jeweiligen Veröffentlichungen als singuläre Objekte?
Nun einige sagen, dass ich ein Orakel sei. In dem Augenblick, in dem das Konzert beginnt, füllt sich der Raum mit Energie.
? Lass uns auf dein “The Men Album” zu sprechen kommen. Auf diesem Album arbeitest du mit einer Vielzahl von Künstlern zusammen. Kannst du unseren Lesern etwas über das wie du es im Booklet selbst sagst “six year chapter in my life” berichten?
Es ist ein Abschnitt meines Lebens. Eine persönliche Hölle, die mich umringt hat. In dieser Zeit bin ich mit meinen eigenen Ängsten konfrontiert worden.
? Betrachtet man sich die Liste der beteiligten Künstler könnte man sagen, dass diese sich wie das who is who der musikalischen Underground-Künstler liest. Beispielsweise unterstützt dich BLIXA BARGELD (EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN) auf “Into Feral” und “Feral Blixa”. Was macht das “Ungezähmte” dieser Stücke aus und wie kam die Zusammenarbeit zustande?
“Feral” ist wild. Ich singe “I am wild in my sorrow”. Ich bat BLIXA die Stimme von “sorrow” zu sein. BLIXA kenne ich seit 1984. Es ist großartig ihn auf dem Album zu haben. Er ist natürlich ein außergewöhnlicher Künstler.
? Auch das Folgestück “Feral” scheint in diesem Zusammenhang eine thematische Verbindung zu den zwei vorangegangenen Stücke aufzuweisen. Würdest du dem zustimmen und wenn ja, könntest du unseren Lesern die zugrunde liegende Intention kurz umreißen?
“Feral” ist eine Oper, die sich entfaltet.
? Bei “Reason To Live” spielt Joseph Budenholzer (BACKWORLD) Gitarre. Was kannst du zur Schöpfung dieses Stückes sagen?
Ich litt unter meiner Zuneigung zu einem besonderen Mann. Es fiel mir schwer loszulassen. Der Song handelt von gegenseitiger Abhängigkeit. Im Text steht, dass die Liebe eines Menschen nicht der Grund für das eigene Leben sein darf. Joe ist ein Freund von mir und hat mir in dieser Zeit spirituell sehr geholfen. Der Song wurde in einer Nacht in seinem Apartment in New York City geschrieben und aufgenommen.
? Auf “Bass Force” hört man Kris Force (AMBER ASYLUM) Bass spielen. Das Stück scheint als Intro für “Angel Jim” (feat. Jim Thirlwell/ FOETUS) gedacht zu sein. Welche Idee stand hinter der Verknüpfung dieser beiden Elemente?
Es sollte nach einem epischen Stück Lebensfilm a la JARBOE klingen. Man tritt in die Welt von Jim Thirlwell ein. Man hört ein Glas zerbrechen und eine Frau schreien. Das Stück kann man ebenfalls als Oper verstehen.
? Vor kurzem ist “The Jarboe Flag Project”, ein Spoken Word-Album erschienen. Dazu findet sich folgende Information auf deiner Homepage: “A Very Limited Edition Of Benefit Amnesty International And Shackleton`s Unfinished Journey”. Könntest du unseren Lesern die dahinter stehende Idee kurz darstellen?
Ich habe die Texte in keinem dramatischen Ton aufgenommen, sondern eher in einer Art Gesprächston, da die Worte allein bereits starke Ausdruckskraft besitzen. Das Konzept zu dem Album kann euch am besten mein langjährigen Kollaborateur Cedric Victor erklären. Er war in der Antarktis und hat die gesamte Musik auf dem Album geschrieben und aufgenommen.
Cedric Victor: Das Album vereint verschiedene Dinge: die Zusammenarbeit mit Amnesty International, die Expedition zum Südpol und natürlich JARBOE. Ich kann mich nicht erinnern, dass sie jemals zu etwas “nein” gesagt hat, was in eine neue Richtung für sie ging. Ich wollte sehen, wie sie die Texte verarbeiten und sich zu eigen machen würde. Mein Respekt gegenüber JARBOE´s Reichtum an Erfahrungen ist stark gestiegen. Sie hat ein genaues Ohr für das Detail, was den Unterschied zwischen jemandem ausmacht, der sein Glück im Spoken Word-Bereich sucht und jemandem, der es aufgrund seiner mentalen und physischen Fähigkeiten im Blut hat, was bei ihr der Fall ist. Sie besitzt ein enormes Arbeitsethos. Wir waren besessen von den Details. Ich hatte 11-12 Takes für jeden Satz auf dem Album. An der Musik feilte ich über Wochen. Der Titel des Albums ist eine Referenz an die Antarktis – dem kältesten, trockensten und windigsten Platz der Erde. Die Antarktis ist nicht nur aufgrund ihrer geografischen Lage die kalte Hölle, sie ist “das Ende der Welt”.
? Auf dem Album rezitierst du einen gnostischen Text. Wie stehst der gnostischen Ideen generell gegenüber?
Ich studiere gnostische Texte. Ich werde ihren Einfluss auf mich in meiner neuen Band (2007) verarbeiten.
? Es ist dein erstes Spoken Word-Album. Bist du in diesem Zusammenhang an Techniken wie innerer Monolog und Bewusstseinsstrom interessiert?
Ja, teilweise.
? Siehst du Gemeinsamkeiten mit anderen Künstlern, die in diesem Genre tätig sind, zum Beispiel Lydia Lunch und Henry Rollins?
Ich kenne beide seit vielen Jahren. Sie sind großartige Künstler. Mit Lydia bin ich befreundet.
? Deine Arbeiten sind gekennzeichnet durch ein hohes Maß an Spiritualität. Siehst du prinzipiell einen Unterschied zwischen Spiritualität und Religion und wenn ja welchen?
Ja, auf jeden Fall. Religion ist ein Glaubenssystem. Spiritualität umfasst viele Facetten, die sich außerhalb eines Systems befinden. Buddhismus ist eine Philosophie.
? Gegenwärtig ist leider festzustellen, dass im Umgang mit Religion weltweit ein unglaubliches Potential an Antiaufklärung hervorgerufen wird. Scheinbar tritt die Weltgeschichte in ein antiaufklärerisches Zeitalter ein. Teilst du diese Beobachtung und welche Meinung hast du zu dieser Entwicklung?
Meine Reaktion auf diese Entwicklung ist, dass ich in meiner neuen Band mit gnostischen Texten arbeiten werde und bestimmte Aspekte aus dem Buddhismus unterstütze.
? Würdest du zustimmen, dass Menschen mit einem starken Glauben (im Sinne von Anhänger einer Religion) möglicherweise ein leichteres Leben haben, da sie sich nicht mit dem Fakt Sterblichkeit bzw. Vergänglichkeit auseinander setzen müssen?
Ja, diese Leute versuchen den leichtesten Weg zu gehen. Aber das ist nicht der Weg von JARBOE!
? Religion ist wie Kultur letztlich der menschliche Gestaltungsversuch gegenüber dem Nichtverstehen. Jeder einzelne versucht schließlich ein eigenes Konzept von Welt in seinen Verstehenshaushalt zu integrieren. Gibt es für dich Elemente des Nichtverstehens, welche du auch nicht verstehen möchtest aus Sorge über die dahinter stehende Erkenntnis?
Absolut nicht! Ich bin schon mein gesamtes Leben lang eine Seherin. Ignoranz bedeutet nicht Glücksseligkeit! Jedoch ist Wahrheit immer ein klein wenig außerhalb des menschlichen Verstehens. Meditation ist für mich der einzige Weg, um Antworten zu finden. Ich meditiere beim Rennen, bei Musik, beim Sitzen und beim Sex!
? Ein wesentlicher Bestandteil deines Wirkens ist deine Internetpräsenz. Ohne dir schmeicheln zu wollen, lässt sich feststellen, dass dir diesbezüglich eine Art Pionierrolle zukommt. Welche Rolle spielt deiner Ansicht nach das Internet für die Künstlerin JARBOE?
Eine bedeutende. Vor einigen Jahren habe ich damit begonnen auf meiner Seite eine persönliche Interaktion zu inszenieren. Es war eine Möglichkeit Barrieren zu überwinden. Heute im Zeitalter von MySpace kann jeder so etwas machen.
? Welche Rolle spielen subkulturelle Netzwerke mit anderen Künstlern darüber hinaus?
Darüber bin ich mir nicht sicher. Ich bin eine Einzelgängerin und Intimität mit anderen Künstlern erzeugt man durch Arbeit. Es hat sich einiges verändert. Wenn man über eine Zusammenarbeitet diskutiert, trifft man sich nicht mehr im Cafe oder in einer Bar wie es noch vor Jahren der Fall war, sondern es läuft viel über das Internet.
? Glaubst du, dass Musik auch eine befreiende Komponente haben kann?
Absolut! Ich spüre das jeden Tag.
? Bei Wikipedia wirst du beschrieben als jemand, der in verschiedenen Genres arbeitet: Experimental Vocalist, Psych Folk, Rock, Modern Blues Singer. Mit welcher Beschreibung kannst du dich am ehesten einverstanden erklären?
Eine leidenschaftliche, ehrliche und ausdrucksstarke Sängerin und Künstlerin, die alles gibt – das klingt gut.
? Verspürst du eine Affinität zu der so genannten “modern primitive”- Bewegung?
Ich bin schon als “modern primitive” bezeichnet worden und fühle eine Affinität zu roher und erdiger Kraft.
? Was erwartest du noch von diesem Jahr und was können wir von dir noch erwarten?
Das Album von THE SWEET MEAT LOVE AND HOLY CULT wird 2006 erscheinen. Es handelt sich dabei um ein Kollektiv unterschiedlicher Künstler. Die Instrumentierung ist eklektisch. Aber mein Schwerpunkt liegt auf 2007-8. Ich werde mit Nic Le Ban und anderen eine neue Band gründen. Der Sound wird schwer sein. Meine Stimme ist ein Bestandteil des Sounds, live und im Studio. Wir haben den Bandnamen mittlerweile gefunden und werden nach der Veröffentlichung des Albums auf Tour gehen. Klanglich könnte es ein Kind der SWANS sein.
(D.L., S.L., M.G.)
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