Ist der Wille zur Kunst sozial korrupt? Nun, dieses Theodizeeproblem der Kunst streifen Mark Spybey und Robin Storey mit ihrem Projekt REFORMED FACTION. Waren beide in den vergangenen Jahren vornehmlich als Solokünstler aktiv, entschlossen sie sich nun erneut zusammenzuarbeiten. Erneut? Richtig, da war doch was. Beide waren Mitglieder der legendären ZOVIET FRANCE. Einschneidend und wesentlich wirkten sie am Hauptcharakteristikum von ZOVIET FRANCE mit: dem Differenzerlebnis. Im Laufe des bis zum heutigen Tag andauernden Bestehens von ZOVIET FRANCE verließ Mark Spybey 1989 das Projekt. Robin Storey tat es ihm 1992 gleich. Was also trieb die beiden an, wieder an ihrem Klangpanorama zu arbeiten? Dieser – und anderen Fragen – soll das folgende Interview Abhilfe schaffen.
? Als ehemalige Mitglieder von ZOVIET FRANCE arbeitet ihr seit kurzem unter dem Namen REFORMED FACTION. Was gab den Ausschlag wieder gemeinsam Musik zu machen?
Mittlerweile arbeiten wir nur noch zu zweit: Robin Storey und Mark Spybey. Andy Eardley hat die Band im Juli 2006 verlassen. Bereits vor einigen Jahren haben wir beschlossen wieder gemeinsam Musik zu machen. Jedoch dauerte es eine Weile, bis die Phase jeglichen Darüber-Sprechens beendet und die des eigentlichen Tuns, nämlich des Kreierens von Musik, begonnen werden konnte. Oftmals ist es einfacher über Dinge zu reden als sie tatsächlich umzusetzen. Wir würden gern sagen, dass wir aus den richtigen Gründen die Entscheidung für eine Zusammenarbeit getroffen haben: das Bedürfnis kreativ zu sein, bis an die Grenzen unserer Möglichkeiten zu gehen etc. Vermutlich waren es aber andere Faktoren, die uns anfangs motivierten. Natürlich ist das, was ZOVIET FRANCE waren, ein Teil von uns und daher war es ein Stück weit frustrierend, dass wir nicht einfach so daran nahtlos anknüpfen konnten. Über die Gründe diesbezüglich wollen wir jedoch nicht sprechen. So gesehen, waren wir bestrebt uns selbst mit unserer Vergangenheit auszusöhnen.
? Zunächst lautete der Name eurer aktuellen Veröffentlichung “The Reformed Faction Of Soviet France“. Jedoch gelangten nur wenige Exemplare in den Verkauf. Die CD wurde eingestampft und unter dem Titel “Vota“ veröffentlicht. Könntet ihr unseren Lesern diese abenteuerlich klingende Geschichte kurz näher bringen?
Was ihr beschrieben habt, stimmt nicht ganz. Ursprünglich sollte die CD unter dem Titel “Reformed Faction Of Soviet France“ erscheinen. Als wir uns entschieden hatten den Namen zu ändern, waren die CDs schon gedruckt. Daraufhin produzierte das Label neue Cover, die CDs wurden jedoch nicht eingestampft. Wir dachten, dass es falsch wäre, den Namen SOVIET FRANCE zu verwenden, da er für die Vergangenheit steht. Unsere Musik hingegen steht für das Jahr 2006. Natürlich sind wir ehemalige Mitglieder von ZOVIET FRANCE, aber wir haben noch mehr zu bieten als diese Tatsache allein. Deshalb heißt das Album nun “Vota“.
? Es gibt Gerüchte, die besagen, dass ihr immer wieder betont, dass diejenigen, die ZOVIET FRANCE nach euch betrieben haben, eigentlich nichts mit ZOVIET FRANCE zu tun hätten. Gibt es eurerseits noch Kontakt zu diesen Mitgliedern und wie sieht die rechtliche Frage des Outputs von ZOVIET FRANCE aus?
Das scheinen Gerüchte zu sein, die uns vollkommen unbekannt sind. Zu den Leuten, die unter den Namen ZOVIET FRANCE arbeiten, haben wir keinen Kontakt. Wir haben versucht mit ihnen zu sprechen, jedoch ohne Erfolg. Rechtliche Probleme bestehen nicht.
? Die Veröffentlichungen von ZOVIET FRANCE waren berühmt für die unkonventionellen Verpackungen. Gibt es auch ähnliche Pläne für REFORMED FACTION?
Ja und nein. Wir beide sind der Ansicht, dass die Verpackung einer CD wichtig ist, dennoch gibt es mittlerweile so viele Variationen, dass es zu zeitraubend wäre, etwas zu kreieren, das einzigartig ist. Deshalb haben wir beschlossen, unsere Veröffentlichungen kompatibel zu den Systemen der Vertriebe zu halten. Das Cover der zweiten CD ist mit der Hilfe des Labels entstanden. Wir bevorzugen es mittlerweile, unsere Energie ausschließlich in die Musik zu investieren.
? Wie schwierig war es für euch nach Jahren als Solokünstler wieder gemeinsam zu arbeiten? Schließlich sind bei einem Projekt ja auch andere Ideen als die eigenen vorhanden.
Schwierig ist es nicht, sondern anders. Wir haben eine ähnliche Arbeitsweise, deshalb müssen wir nicht unseren Kreativitätsprozess analysieren. Wahrscheinlich verständigen wir uns besser durch die Kunst des Musikmachens als durch einen verbalen Austausch.
? Auf eurer Homepage findet sich ein Manifest. Dabei beschreibt ihr acht Leitprinzipien, die eure Arbeit lenken. Lasst uns einige dieser Gedanken aufgreifen. Unter anderen schreibt ihr im Punkt drei folgendes “We Have No Bosses In REFORMED FACTION, Only Workers“. Daraus spricht ein deutlicher Kollektivgedanke. Könntet ihr diesbezüglich eure Arbeitsweise unseren Lesern schildern?
Wir streben nach einer kollektiven Arbeitsweise. Wir waren in Projekte involviert, in denen jemand versucht hat die Verantwortung zu übernehmen, oder es gab Gedränge um Machtpositionen. Solche Situationen bekommen eine seltsame Dynamik und erschweren den Prozess des Musikmachens. Wir leben nicht zusammen, wir teilen nicht all unsere Interessen, wir haben nicht immer die gleichen Ansichten, aber wir respektieren unsere Unterschiede.
? Welche Rolle spielen dabei Konsense und Kompromisse?
Kompromisse sind essenziell. Sie sind unverzichtbar für die Entwicklung des Sounds, damit er satt und voll klingt und nicht nur wie die Summe seiner Teile ist. Viele Bands klingen so, als ob sich die einzelnen Mitglieder nicht zuhören würden. Sobald die einzelnen Egos in einer Band zu sehr in den Vordergrund treten, wird der Geist der Musik zerstört. Viele Bands machen trotzdem eine große Karriere, aber für unsere Ohren ist dieser Sound ungenießbar und unharmonisch.
? Sind kollektive Arbeitsweise- und Lebensformen schlussendlich für euch auch eine gesellschaftliche Perspektive? Ihr lehnt ein Aufgehen im kapitalistischen Business ab. Welche Taktiken nutzt ihr, um der weltumspannenden Krake zu entfliehen?
Es ist völlig unvorstellbar, dass unser Tun globale Auswirkungen hat. BONO glaubt das vielleicht, aber er hat das Recht zu denken, dass er die globale Politik beeinflussen kann. Wir sind da anderer Ansicht. Wir sind so wie wir sind, weil wir denken, dass es der einzige Weg für uns ist erfolgreich Musik zu machen. Wir glauben an die Maxime “a fair days pay for a fair days work“. Wir arbeiten hart und sind stark mit dem Projekt beschäftigt.
? Im achten Leitgedanken eures Manifestes heißt es: “We Are Anti-Art. The Art Establishment Is The Enemy Of Art. We Do Not Collaborate With The Enemy”. Was genau versteht ihr unter Anti-Art und welche Facetten des gängigen Kunstbetriebes lassen euch zu diesem in Feindschaft stehen?
Wir streben nicht danach die Art von Musikern zu sein, die eine Idee oder Technik höher schätzen als den Drang nach Erfindung. Wir interessieren uns für die innere Aufregung bei der Erfindung. Die akademische Kunstwelt ist wirklich langweilig. Sie bringt langweilige Kunst hervor. Sie gehört der Mittelschicht. Wir haben kein Bedürfnis, einen Bezug zu diesen Institutionen zu entwickeln. In vielen Techniken, die wir verwenden, sind wir ziemlich untrainiert. Man könnte sagen, dass wir Außenseiter sind; ehrlich gesagt, passen wir in keine Schublade hinein. Vielleicht ist es das, was unter dem Begriff “Isolationists“ verstanden wurde, aber das ist ein aufgeblasenes Konzept. Wir glauben nicht, dass wir die Kunstwelt durch unsere Einstellung ändern werden. Einige unserer Mitstreiter haben versucht mit Kunstinstitutionen zusammenzuarbeiten, indem sie konzeptionelle Arbeiten gemacht haben, aber wir sind von dem Bedürfnis angetrieben, zusammen Musik zu machen. Das ist eine ernsthafte Bestrebung und in diesem Sinne haben wir vielleicht mehr gemeinsam mit Jazzmusikern, die versuchen eine Verbindung zum Publikum herzustellen, Geschichten zu erzählen oder schlicht zu feiern. Unsere Geschichten mögen etwas indirekt sein, unsere Feiern etwas gedämpft, aber für uns ergeben sie einen Sinn.
? Vor vielen Jahren sagten THE NEW BLOCKADERS: “Even Anti-Art Is Art And That’s Why We Reject It”. Fühlt ihr da eine gewisse Nähe?
Nein. Kunst wird von allen besessen, nicht nur von Künstlern oder denjenigen, die privilegiert genug sind, ihren Lebensunterhalt damit zu verdienen. Es gibt ein Kunst-Establishment, es gibt Menschen, die “experimentelle“ Musik (eine schreckliche Bezeichnung) machen, die sich selbst sehr wichtig nehmen und versuchen eine Art moralischer und intellektueller Überlegenheit auszustrahlen. Dazu haben wir keinen Bezug zu. Wir tun, was wir tun, weil wir es tun wollen. Es scheint ganz natürlich zu sein. Wir fügen Ideen aus der Rockmusik, dem Blues, Jazz, Folk, aus der Oper, Chorälen und Weltmusiken in das, was wir tun, ein. Es gibt bei solcher Musik eine Universalität der Sprache. Diejenigen, die sich im Spiegel des Akademischen eitel betrachten oder über sich selbst mythologisieren, um intellektuelles Lob zu bekommen, können das gerne tun, nur wollen wir damit nichts zu tun haben. Wir machen Musik!
? Ferner findet man auf eurer Homepage in eine Collage eingebunden das Emblem der DDR-Fahne. Wie steht ihr dem Grundgedanken der sozialistischen Idee gegenüber? Wie bewertet ihr die vergangenen sozialistischen Experimente?
Wir beide interessieren uns sehr für die DDR. John F Kennedy hat einmal sinngemäß gesagt, dass unsere Demokratie zwar nicht perfekt sei, wir aber keine Mauer bauen müssen, damit das Volk im Land bleibt. Es ist sehr leicht die DDR zu kritisieren, dennoch hatten und haben beispielsweise auch die USA große Probleme. Mauern, wie die an der Grenze der DDR, können eingerissen werden, allerdings ist es schwerer, die immer stärker sichtbaren Mauern zwischen den verschiedenen sozialen Milieus der westlichen Zivilisationen zu zerstören. Unserer Meinung nach sind die Bürokraten, die sich für den Abriss des Palastes der Republik gestimmt haben, niederträchtige Kreaturen. Beantwortet das eure Frage?
? Glaubt ihr prinzipiell, dass egalitäre Gemeinschaften Alternativen bieten?
Ja.
? Wie steht ihr dem Gedanken gegenüber, dass Gesellschaften und Systeme, die sich der Produktion des Mehrwertes verschrieben haben, gar nicht untergehen können, da sie den Einzelnen bei seinen Bedürfnissen packen und diese Schwächen gezielt ausnutzen?
FRANZ KAFKAs “Der Prozess“- das ist alles was wir dazu sagen möchten.
? Ferner findet sich in eurem Manifest, dass ihr bereit für Kollaborationen seid. Wer käme für eine Kollaboration eurer Meinung nach in Frage? Habt ihr Interesse daran, Kollaborationen mit Künstlern anderer Genres einzugehen?
Wir gehen Kollaborationen mit Künstlern ein, die bestimmte Wertvorstellungen mit uns teilen: den Wunsch kreativ zu sein, den Wunsch zu zuhören, den Wunsch aufmerksam zu hören, den Wunsch manchmal nichts zu tun, den Wunsch Technik zu zerstören, den Wunsch kollektiv zu arbeiten, den Wunsch Verantwortung zu teilen und den Wunsch Konflikte zwischen Egos zu vermeiden.
? Ihr habt bereits einige Gigs im September in Deutschland gespielt. Ist mit einer ausgedehnten Tour zu rechnen?
Wir hoffen, dass dies klappen wird. Deutschlands musikalische Infrastruktur ist hervorragend und vergleichbar mit Großbritannien. Selbst kleinere Städte bieten eine Vielzahl von guten Auftrittsmöglichkeiten.
? Auf eurer Homepage war zu lesen, dass ihr euer zweites Album auf Soleilmoon im späten Herbst veröffentlichen werdet. Spielt die Labelauswahl in Bezug auf euer Manifest eine Rolle?
Nein, nicht direkt. Mit den Leuten von Klanggalerie und Soleilmoon verbindet uns eine lange Freundschaft. Ich denke nicht, dass sie einzig und allein in den Kategorien von Profit denken, noch dass sie sich selbst in den Bankrott treiben. Sie respektieren und unterstützen unsere Arbeit.
? Welche anderen Labels (neben Klanggalerie und Soleilmoon) kämen außerdem in Frage? Schließlich hast du Mark ja auch auf Kranky veröffentlicht.
Wir möchten keinen exklusiven Vertrag mit einem Label. Wir wollen die Freiheit haben, mit verschiedenen Leuten zu arbeiten.
? Was erwartet ihr noch von diesem Jahr und was können wir noch von euch erwarten?
Im Dezember treten wir in Prag auf, danach wird es diverse Soloaktivitäten geben. Im März 2007 werden wir in Holland am Toon Festival teilnehmen, was eine große Ehre für uns ist. Danach gehen wir wahrscheinlich auf Nord Amerika-Tournee. Außerdem wird es weitere Shows in Europa geben, hoffentlich mit den Leuten des Dresdner Projekts SCATOLOGY, die auch unsere letzten Shows in Ostdeutschland organisiert haben. Unser zweites Album wird Anfang 2007 erscheinen.
(D.L., S.L., M.G.)
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