UNICAZÜRN – Temporal Bends (CD)

Weit entfernte Nebelhörner entführen in windige Weiten, wo von unter der Wasseroberfläche erst dunkles Wabern, dann schwebendes Strömen den Reisenden empfangen, bevor zu einem blubbrigen Puls und warmen Sequenzersounds, stets begleitet von Flächen an der Grenze zur Atonalität, die in den oberen Schichten die Horizonte ausspähen, die es auf diesem Album zu entdecken gibt. Stephen Thrower (COIL, CYCLOBE) und David Knight (DANIELLE DAX, ARKKON) erforschen auf ihrem Debutalbum “Temporal Bends” die Tiefen und Untiefen, aber auch die Höhen experimenteller Psychoakustik, andernorts auch bekannt als Ambient.

Aber die aufgrund der einschlägigen elektronisch-avantgardistischen Vergangenheit der Herren an Reglern und Instrumenten darf das deep-listening-geprüfte Publikum von einem solchen Duo zu Recht mehr erwarten, und diesem Anspruch wird “Temporal Bends” auf angenehme Weise gerecht: In dieser Musik kann man sich verlieren, davon schweben, hinfortträumen was das Zeug hält, und Zeitkrümmungen sind dabei nicht auszuschließen. Das Titelstück eröffnet mit einer Dauer von 25 Minuten ein Album, das Zeit beansprucht, um unter den richtigen Umständen gehört zu werden. Intensive, einen hypnotischen Sog erzeugende Frequenzteppiche werden im letzten der vier Kapitel von dunkel-rituellen, lang gezogenen Klarinetten- und Saxophontönen ergänzt, die in ihrem verlorenen Glanz an die eisigsten Momente von JAN GARBAREK erinnern, ergänzt um den explorativen Elektroklangkosmos der frühen TANGERINE DREAM, doch dann trägt “Nautilus” das Gehör/Gehirn zu sonnendurchfluteten Küstengestaden fremder Planeten, da klingt’s schon fast verdächtig nach Cosmic Rock, doch eh man sich’s versieht, ist man in eine Unterwelt getaucht, die durchwirkt ist von dunklen, alten machtvollen Strömungen. Die “Six Fabulous Mutilations” wuchern aus den atmosphärischen, an Horrorfilme der 60er Jahre erinnernden Sprachsamples und Sounds heraus, bis sie, auf ihrem Höhepunkt in bizarrer Intensität erstrahlend, in ein schwarzes Loch gesaugt werden, aus dem im Gegenzug hochenergetische akustische Entladungen dringen, durch den Raum dringen, Tiefe erzeugen, durch die sie wummernd hindurch mutieren: urplötzlich erklingen schrill-knallige Powernoise-Breakbeats, bevor es ein letztes Mal in die digitalen Abgründe geht. Auf dem eineinhalb Minuten kurzen Abschlussstück “Jack Sorrow” singt Danielle Dax mit gute-Nacht-mein-Kind-Intonation vor einem beklemmenden Klangvorhang ein schräg-schönes Abschiedslied. Mit der effizienten Nachbearbeitung von improvisierten Live-Sessions ist es Thrower und Knight gelungen, die magische Intensität freier Musik einzufangen, produktionstechnisch zu akzentuieren, und durch den langwierigen Prozess des Arrangements ein Ambient-Album zu schaffen, für das der “Ambient”-Begriff zu einschränkend ist, denn zu mannigfaltig sind die Remeniszenzen an psychedelisch vertrippte Vorbilder aus guten alten Krautrock-Tagen, inklusive ihrer Neigung zur szenischen Strukturierung ihrer Stücke. UnicaZürn bauen ihre Stücke ebenfalls kapitelweise auf; assoziative Bildlandschaften geraten mit dem Wechsel der intensiven Stimmungen ins Fließen und schon ist man wieder in ihren unwiderstehlichen Strudel geraten. Für diejenigen, die das Album auf dem Release-Konzert gekauft haben, gab’s noch eine Bonus-CD (“Temporal Lapses”) mit fast einer halben Stunde Outtakes aus den “Temporal Bends”-Sessions auf fünf Tracks. Die Aufnahmen sind ebenso verspult und halluzinogen wie auf dem Album, klingen insgesamt aber roher und weniger verdichtet. Die genussvolle Verwendung alter Analog-Synthis lässt die geistig-ästhetische Verwandtschaft mit den experimentellen Vorfahren aus Deutschland noch stärker zur Geltung kommen. UnicaZürn ist ein erklecklicher Genuss für alle, die sich die Zeit nehmen, Musik auf sich wirken zu lassen, und sich dabei nicht von dem einen oder anderen unerwarteten Abbiegevorgang erschrecken lassen. (AN)

Format: CD
Vertrieb: uZu Music
 

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