Selten- sehr selten ist die Faszination für ein neu entdecktes Projekt nach der Rezeption des ersten Tonträgers Ausgangspunkt einer auditiven Liebesaffäre. Bei dem Album “Englabörn” von dem Isländer JOHANN JOHANNSSON ist dieser seltene Fall eingetreten. Warum? “Englabörn” scheint ein Versprechen zu sein, ein Versprechen von Größe. Und ein Schlüssel, ein Schlüssel um die Tür zu öffnen, und die Flucht aus einer schlechten Erfindung, genannt reale Welt vorzunehmen, denn warum sollte jemand der eine Welt selbst erfinden kann, an der schlechten Erfindung dieser realen Welt teilnehmen? Das musikalische Talent JOHANN JOHANNSSONs wird sich jedem halbwegs geübten Ohr sofort erschließen.
Die unglaublich dichte, feinkörnige, prosaische und schwelgerische Anwendung dessen offenbart sich jedem, der sich darauf einlassen will, um einen Blick abseits der kaum greifbaren Gegenwartskonstrukte zu riskieren. Die Voraussetzung für das “sich Verzaubern lassen” ist jedoch die Fähigkeit zu staunen. Und zu staunen gibt es eine Menge bei JOHANN JOHANNSSON. Nicht nur, dass er mit Größen wie THE HAFLER TRIO, MARC ALMOND und PAN SONIC zusammen gearbeitet hat. Nicht nur, weil seine Soundtrackarbeiten die Zuschreibungen kontemplativ und somnambul auf eine nächst höhere Ebene definieren. Nicht nur, weil er in puncto Virtuosität locker mit Größen wie ARVO PÄRT Schritt halten kann. Nicht nur, weil er neben seinen Soloveröffentlichungen in zahlreiche Projekte (APPARAT ORGAN QUARTET, IBM 1401, A USER`S MANUAL) involviert ist und nicht nur, weil er es schafft scheinbar unversöhnliche Antagonismen miteinander zu versöhnen. Die Arbeiten des Isländers schenken ein so reichhaltiges Füllhorn an Schönheit, dass es für diese mediokere Welt ein gerütteltes Maß an Kraft braucht, sich darauf einzulassen.
? Wie bist du mit Musik in Kontakt gekommen?
Als ich 5 Jahre alt war, habe ich die Blaskapellenplatten meines Vaters angehört und mit 10, die Platten von BOWIE und VELVET (und ABBA!) meiner Schwester. Seit dem 10. Lebensjahr spiele ich zudem die Familienorgel. Ich habe unaufhörlich geübt, zur “Bestürzung” der restlichen Familienmitglieder. Es machte mir sehr viel Spaß und füllte mein Leben mit Sinn und Schönheit aus.
? Nach “Englabörn” ist “Virthulegu Forsetar” bereits deine zweite Veröffentlichung auf Touch. Die beigefügte DVD scheint eher ein Audiogimmik zu sein und weniger darauf angelegt, die Möglichkeiten des Mediums auszuschöpfen. Steht ein Konzept dahinter?
“Virthulegu Forsetar” habe ich für Hallgrimskirkja geschrieben, eine große Kirche in Reykjavik mit einer besonders schönen Akustik. Bei der Aufführung saßen Musiker hinter und vor dem Publikum. Die Drones wurde elektronisch erzeugt und durch zwei Orgeln, welche jeweils an den Enden der Kirche standen. So hatten die Hörer das Gefühl, als ob der Sound sie einschließen würde. Ich wollte dieses Ereignis unbedingt festhalten und dafür stellt eine DVD die besten technischen Voraussetzungen. Außerdem konnten wir eine Version mit 96khz, 24 bit Auflösung aufnehmen, was wirklich ein Hörerlebnis ist. Ich wollte nicht, dass die Veröffentlichung zu teuer wird, deshalb ist die DVD eher als eine Art Bonus zu der CD zu verstehen. Die Stereo-Version ist das, was die meisten Menschen hören können inklusive mir, da ich kein 5.1 System besitze. Aber das Konzept, was dahinter steht hat mich begeistert. Ich bin kein Hi-Fi – Enthusiast, mein bevorzugtes Medium ist immer noch die Kassette.
? Wie siehst du die Entwicklung zwischen “Englabörn” und “Virthulegu Forsetar”?
Eigentlich, ist “Virthulegu Forsetar” ein älteres Stück. Es ist bereits 1997 geschrieben worden, während die überwiegenden Teile von “Englabörn” aus dem Jahr 2001 stammen. Ich wollte “Virthulegu Forsetar” immer veröffentlichen. Man fragte mich, ob ich nicht Lust hätte etwas für das Musikfestival in der bereits erwähnten Kirche zu machen. Ich empfand es als perfekt für dieses Ereignis, nicht zuletzt aufgrund der Akustik. So baute ich das Stück weiter aus und arbeitete dabei eng mit den Musikern zusammen. Ich habe auch früher lange Stücke geschrieben. Mit 20 habe ich beispielsweise ein Album aufgenommen, was ausschließlich aus einem minimalistischen Gitarrendronestück besteht, jedoch ist es nie veröffentlicht worden.
? 2004 ist das Album “Dis” in Island erschienen. Da es in Deutschland keinen Vertrieb hat, ist es leider nur schwer erhältlich. Wird sich dieser Umstand in naher Zukunft ändern und kannst du unseren Lesern etwas über das Album sagen?
Es ist auf 12Tonar in Island erschienen. In einigen Wochen wird es auch in den USA veröffentlicht. Pläne für Deutschland gibt es derzeit nicht. Es ist ein Soundtrack zu einem Film namens “Dis”. Ich habe einige Soundtracks gemacht und denke, dass “Dis” der beste von allen ist. Das Album weist starke Bezüge zum Krautrock (NEU etc.) auf und ist meiner Meinung nach sehr zugänglich und melodisch. Auch tauchen vereinzelt einige Pianoversätze auf. Zudem ist es äußerst melancholisch, jedoch eher auf eine trashige, spielerisch elektronische Art und Weise. Leute, die die anderen Alben gekauft haben, werden sicherlich sehr überrascht sein, jedoch hoffe ich in einem positiven Sinne.
? Vor einigen Jahren gab es in der Musikwelt einen großen Island-Hype (ausgelöst durch SIGUR ROS, MUM, BJÖRK). Mittlerweile scheint das Interesse etwas zurückgegangen zu sein. Wie schätzt du die gegenwärtige Situation ein? Magst du die Musik der oben genannten Projekte und kannst du unseren Lesern weitere isländische Projekte empfehlen?
Ja, ich mag sie, aber eher als Personen, da ich ihre Veröffentlichungen nicht oft höre. Wir gehen in dieselbe Bar hier in Island … Es gibt viele empfehlenswerte Projekte, wie zum Beispiel STILLUPPSTEYPA, KIRA KIRA, SLOWBOW, KIPPI KANINUS, AUXPAN, BENNI HEMM HEMM, MUGISON. Erst gestern bin auf einem Konzert gewesen, auf dem einige neue Bands gespielt haben, deren Musik ich großartig fand. Jedoch kann ich mich nicht mehr an deren Namen erinnern.
? Nicht zuletzt durch die Filme von FRIDRIK THOR FRIDRIKSSON hat man den Eindruck, dass Island und die dort lebenden Menschen eine mystische Aura umgibt, die nirgendwo vergleichbar auf der Welt zu finden ist. Wie ist für dich das Leben in Island und welchen Einfluss hat dies auf deine Musik?
Meiner Meinung nach, hat die Umgebung immer bestimmte Auswirkungen auf einen. Den Großteil meines Lebens lebe ich schon hier. Es ist meine Heimat. Ich mag es zu verreisen, deshalb bin ich auch häufig nicht da, aber ich werde immer wieder hierher zurückkehren. Für mich hat Island keine mystische Aura. Ich denke, dass Berlin auch eine mystische Aura umgibt, aber ein Berliner wird das nicht so empfinden.
? Diese Frage steht eng im Verhältnis zur vorherigen. Es existieren viele Klischees über Island. Jedem Künstler aus Island werden Fragen über Elfen etc gestellt. Verärgert dich manchmal diese verkürzte Sichtweise?
Ein bisschen, aber so etwas ist unvermeidbar. Menschen neigen dazu, Dinge zu vereinfachen, egal wie komplex sie sind. Über jedes Land existieren Klischees. Ich denke, dass die meisten Menschen intelligent genug sind, um zu wissen, dass das lediglich nur Vereinfachungen sind. Aber man darf nicht vergessen, dass in allen Klischees auch eine Menge Wahrheiten versteckt sind.
? Im Verhältnis zur geringen Population Islands gibt es eine große Anzahl von Künstlern, welche einen qualitativ-hohen Output haben. Hast du eine Erklärung dafür?
Das Künstlerdasein hat hier eine große Tradition. Ein Künstler zu sein, ist nichts Verrücktes oder Bizarres. Es ist ein anerkannter Beruf und man wird nicht sozial geächtet. Das führt dazu, dass die meisten Eltern das Talent ihrer Kinder fördern. In jeder Familie gibt es jemanden, der Bücher veröffentlicht, Gedichte schreibt oder Mitglied einer Band ist. Es ist nicht so, dass Isländer begabter sind, aber die Bedingungen sind hier bessere. Ich meine damit nicht unbedingt die finanziellen, sondern die sozialen.
? Wenn wir deine Musik hören, haben wir vor allem zwei Assoziationen. Zum einen GUSTAV MAHLER. Hat er einen Einfluss auf dich und wenn ja welchen? Zum anderen fühlen wir uns HÖH erinnert, insbesondere bei den elegischen Momenten. Würdest du dem zustimmen?
Ich mag Hilmar als Person und Geschichtenerzähler. Ich glaube, dass wir einige Gemeinsamkeiten haben. Wir haben öfter über CAN, BACH und Filmmusik gesprochen. GUSTAV MAHLER liebe ich, jedoch hat er keinen direkten Einfluss auf mich gehabt. BERNHARD HERRMANN hat mich hingegen geprägt, der wiederum stark durch die Arbeiten von Mahler beeinflusst worden ist.
? Würdigst du die Arbeiten von ARVO PÄRT?
ARVO PÄRTs “Aline” ist mein Favorit. Sehr häufig höre ich auch “Cantus For Benjamin Britten” und “In Pari Intervallo”, ein Orgelkonzert. Die CD “Arbos” rotiert regelmäßig in meinem Player. Er macht großartige Musik, jedoch ist sie mir manchmal zu klinisch und ästhetisiert. Ich bin sehr durch Philip Glass beeinflusst. Auch wenn er heutzutage nicht mehr so modern ist, aber seine Arbeiten faszinieren mich und ich bin erstaunt über die Kraft und Intelligenz, die er auf der Bühne ausstrahlt.
? Johann, könntest du bitte kurz beschreiben, wie deine Stücke entstehen?
Sie entstehen vorwiegend in meinem Kopf während ich spazieren gehe. Manchmal beginnt auch alles, indem ich auf einem Instrument improvisiere, obwohl das sehr selten der Fall ist. Das Rohmaterial entsteht überwiegend auf einer unbewussten Ebene und ich versuche, dass sich alles so natürlich wie möglich entwickelt. Die Gestaltung und Formung des Materials geschieht dann bewusster und Ziel gerichteter, wobei ich immer noch Raum für Zufälle lasse, aus denen sich weitere Veränderungen ergeben können. Zufall und Gelassenheit sind mir sehr wichtig, um Musik zu komponieren.
? Im Booklet von “Virthulegu Forsetar” grüßt du Andrew McKenzie (THE HAFLER TRIO). Hat THE HAFLER TRIO eine Rolle für deine musikalische Entwicklung gespielt und was hältst du von den Arbeiten McKenzies?
Andrew und ich haben uns über einen Zeitraum von mehreren Jahren ein Studio geteilt. Ich war in der glücklichen Position Zugang zu seiner enormen Sammlung von seltsamen und raren Platten zu haben. Er spielte mir Musik vor, mit der ich vorher nie in Berührung gekommen war. Ich bin vor allem durch seine Arbeitstechniken und Arbeitsphilosophie beeinflusst und weniger von seiner aktuellen Musik, obwohl ich diese großartig finde. Sein Name steht im Booklet, weil Andrew einer der ersten Verehrer von “Virthulegu Forsetar” war und mich immer wieder ermutigt hat, es weiter zu entwickeln. Es ist wahrscheinlich auch das Album, wo man seinen Einfluss auf mich am stärksten hört, insbesondere bei dem Dronepart. Bei seinem Album “Cleave: 9 Great Openings” hat er einen Teil von “Virthulegu Forsetar” verwendet. Dadurch haben beide Alben eine Beziehung zueinander.
? Spielt das Dramatische für dich eine Rolle? Gibt es Parallelen zwischen deiner Bühnenarbeit und deiner Musik?
Ja sie beeinflussen sich gegenseitig. Ich mache keine Unterschiede zwischen den verschiedenen Arten meines Outputs. Ich mag es, in unterschiedlichen Sphären zu arbeiten. Meine Zusammenarbeit mit der Choreografin ERNA OMARSDOTTIR war großartig und ich war dabei vor allem an der konzeptionellen Seite interessiert, das heißt an der Inszenierung und dem Theater.
? Wie kann man sich ein Konzert von JOHANN JOHANNSSON vorstellen und wirst du in der nächsten Zeit in Deutschland auftreten?
Am 23. November werde ich mit meinem Ensemble in Köln auftreten. Während dieses Festivals kollaboriere ich mit Jaki Liebezeit von CAN und FRANK SCHULTE. Es wird außerdem ein Konzert mit APPARAT ORGAN QUARTET, einem weiteren Projekt von mir, geben und IBM 1401 A USER´S Manual wird am 10. September in Dortmund einen Auftritt haben.
? Du hast in verschiedenen Genres gearbeitet. Insbesondere in Deutschland gibt es eine strenge Unterscheidung zwischen Popmusik und Klassischer Musik. Siehst du dich selbst als jemanden der Grenzen überschreitet bzw. existieren diese Grenzen für dich überhaupt?
Ich bin weniger darin interessiert, Grenzen zu überschreiten, sondern mir geht es um die Grenzen selbst und den Raum zwischen ihnen. Dinge zu verändern oder zu kreuzen, ist sehr interessant. Dabei arbeite ich aber nicht nach der Methode “lass uns alles mit allem zusammenmischen”. Ich will die Grenzen ausloten und erforschen was dazwischen passiert. Das Konzept “infra-mince” von MARCEL DUCHAMP hat mich in diesem Zusammenhang stark beeinflusst. Dabei geht es um die Frage, was in einem Raum zwischen zwei Dingen, zwischen zwei Materialien oder ähnlichem geschieht.
? Du hast vorhin das APPARAT ORGAN QUARTET erwähnt. Kannst du unseren Lesern das dahinter stehende Konzept erklären von APPARAT?
APPARAT ORGAN QUARTET war eigentlich ein Projekt von KITCHEN MOTORS. Ich fragte einige Freunde, ob sie nicht Lust hätten mit mir ein Orgel-Quartett zu gründen. Zu Beginn spielten wir Konzerte, bei denen wir überwiegend improvisierten. Ein Haupteinfluss dafür war STEVE REICHs “Four Organs”. Wir entfernten uns aber schnell von der Idee nur zu experimentieren und zu improvisieren und fingen an Musik zu schreiben, die sehr melodisch ist und teilweise auch Songstrukturen hat, obwohl wir keine Vocals im herkömmlichen Sinne verwenden, da wir diese elektronisch verfremden. Später kam noch ein Schlagzeuger hinzu, der davor vor allem in Metalbands gespielt hatte. Die Musik ist sehr minimalistisch, wobei sie trotzdem starke Rock- und Metal-Bezüge aufweist. Die einzige Regel bei APPARAT ORGAN QUARTET ist, dass wir nur mit Orgeln und Synthesizer spielen, die an einen Gitarrenverstärker angeschlossen sind. Es gibt keine Piano-, Gitarren- oder Streichersequenzen und keine Vocals (außer den beschriebenen, elektronisch veränderten). Jedoch haben wir diese Regel auch manchmal schon gebrochen.
? Bevorzugst du eher die Arbeit and Soundtracks oder an “regulären” Veröffentlichungen, bei denen du ja die komplette künstlerische Freiheit besitzt?
Ich mag beide Arbeitsformen. Der Zeitdruck unter dem man beim Schreiben von Soundtracks steht, ist für meine Arbeit ebenso förderlich, wie die Tatsache, dass ich mir meine Zeit frei einteilen kann. Wenn ich an meinen eigenen Tracks schreibe, bleibt vielmehr Raum für Veränderungen. Ich liebe es zwischen den verschiedenen Arten von Projekten zu wechseln und mit unterschiedlichen Leuten zu arbeiten. Das macht die Sache interessant.
? Wie stehst du der Verwendung von Gesangparts in deiner Musik gegenüber (der Eröffnungstrack von “Englabörn” ist sehr eindrucksvoll)?
Ich arbeite gerade an einem Stück, welches nur aus Gesang besteht. Auf meinem nächsten Album wird es einige vereinzelte Vocals geben. Ich bevorzuge es, bereits vorhandene Texte zu verwenden. Ich habe einige Texte für APPARAT ORGAN QUARTET geschrieben, jedoch haben diese eher etwas Sloganhaftes. Bei “Englabörn” habe ich ein Gedicht von CATALLUS verwendet, weil ich fand, dass es sehr gut zur Melodie gepasst hat.
? Was erwartest du noch von diesem Jahr und was können wir noch von dir erwarten?
Ich arbeite gerade an einem neuen Album, welches zu Beginn des nächsten Jahres veröffentlicht wird. Es wird im November einige Auftritte mit meinem Ensemble und APPARAT ORGAN QUARTET geben. Auch IBM 1401, A USER´S MANUAL wird touren und dann werde ich nach einem geeigneten Film für einen Soundtrack suchen.
(D.L., S.L., M.G.)
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