Zum wiederholten Male liefert das amerikanische Label Kranky eine musikalische Überraschung. Mittlerweile scheint es als könne man den Hörhunger allein dadurch befriedigen, indem man jede Veröffentlichung des Labels abonniert. Mit einer ergreifenden Melange aus Folk- und Ambientthemen spielen sich BODUF SONGS in die erste Reihe. Damit dies auch für die Herzen der Hörerschaft gilt, soll ein Gespräch mit Mat Sweet die wenigen Informationen, die über BODUF SONGS im Umlauf sind, anreichern, beleuchten und erklären.
? Kannst du uns einen kurzen Abriss über deine musikalische Entwicklung geben? Siehst du Unterschiede zwischen der Musik, die du früher gemacht hast und der von BODUF SONGS, oder würdest du sagen, dass die Ideen gleich sind und nur die Form eine andere ist?
Während meines musikalischen Werdegangs habe ich mit verschiedenen Stilen gearbeitet: von Hardcore, Punk über Post Rock hin zu mehr gedämpften Gitarrensounds und Experimental- sowie Noisesounds. Doom Metal war auch dabei. BODUF SONGS ist hingegen stilistisch ganz anders. Ich habe vornehmlich in instrumentalen Bands gespielt oder in Bands, in denen ein anderer die Vocals geschrieben hat. Der Hauptunterschied besteht für mich darin, dass ich jetzt für die Lyrics verantwortlich bin.
? Wofür steht der Name BODUF SONGS? Selbst das umfangreiche Collins-Lexikon muss vor dem Wort “Boduf“ kapitulieren.
Wenn ich euch das sagen würde, müsste ich jemanden töten. Nicht unbedingt euch, aber ein gewisses Opfer wäre notwendig.
? Du hast eine Demo-CDR an Kranky geschickt. Was schätzt du an diesem Label?
Kranky hat einige meiner Lieblingsalben, so zum Beispiel STARS OF THE LID`s “The Tired Sounds Of Stars Of The Lid“ und LOW`s “Trust” veröffentlicht. Ihre Stellung in dem so häufig schmutzigen Musikgeschäft ist vorbildlich. Ich kann nur meinen Hut vor ihnen ziehen.
? Die Betreiber von Kranky waren von deinem Demo so begeistert, dass sie es ohne Überarbeitung unter dem Titel “Boduf Songs“ veröffentlicht haben. Wie empfandest du diesen musikalischen “Ritterschlag“?
Eigentlich war das eine gegenseitige Abmachung. Ich nehme schon seit langer Zeit zu Hause auf und ich ziehe es vor, diese Aufnahmen als fertige Produkte zu bezeichnen und nicht als “Demos“ – es sind keine rauen Versionen von einer möglichen zukünftigen Sache, sondern fertige Artefakte und die verschiedenen Kompromisse bei der Genauigkeit gehören dazu. Dennoch sehe ich eine Aufnahme nicht unbedingt als die definitive an. Es handelt sich nur um eine bestimmte Version eines Liedes. Aber beim ersten BODUF SONGS-Album waren wir alle der Ansicht, dass da etwas Bestimmtes passiert ist, und dass der Versuch, es unter besseren Bedingungen zu wiederholen, nicht unbedingt eine gute Idee ist. Das Zischen und das Knacken sind einfach ein Teil davon.
? Dieser Tage erscheint deine zweite Veröffentlichung “Lion Devours The Sun By Boduf Songs“auf Kranky. Das Vorgängeralbum, so haben wir gelesen, hast du mit einfachem Equipment (Akustikgitarre, Computer, Spielzeugklavier etc) zu Hause aufgenommen. Was hat sich diesbezüglich beim neuen Album verändert?
Das Basisequipment ist dasselbe geblieben und ich habe das Album auch wieder zu Hause aufgenommen. Jedoch habe ich ein paar neue Effekte verwendet und auch sonst einiges dazugelernt.
? Wie zufrieden bist du mit der Covergestaltung und welchen Stellenwert nimmt die habtische Komponente bei einer Veröffentlichung im Allgemeinen für dich ein?
Ich bin zufrieden mit dem Cover. Ich versuche Musik zu machen, die einen bestimmten visuellen Aspekt besitzt. Die Songs sind für mich gemalte Bilder und das Album-Artwork ist ein Weg, um dies alles zusammenzufassen. Es ist ein Sprungbrett für die Heraufbeschwörung der eigenen Geister.
? Dein zweites Album beginnt “Lord Of The Flies“. War dies eine bewusste Anspielung auf den gleichnamigen Roman von William Golding?
Nein, es hat nichts mit dem Roman von Golding zu tun. Wir haben beide den Namen aus der gleichen Quelle, den Namen Beelzeb. Herr der Fliegen, mein Herr, der summt und murmelt.
? Manchmal tendiert Folk dazu, sich nach einer Art verlorenem Paradies zu sehnen. Würdest du sagen, dass du so etwas vermeidest, indem du Titel, wie “That Angel Was Pretty Lame“ (fast schon antiklimatisch) wählst und Geräusche, wie am Anfang von “Please Ache For Redemptive“ einsetzt?
Es stimmt, dass Folk eine wunderliche Seite besitzt, aber ich glaube nicht, dass ich Gefahr laufe, derart missverstanden zu werden. Ich mag es, verschiedene Geräusche und Texturen zu verwenden, um gewisse Teile der Musik besonders zu färben und ich mag es, mit verschiedenen Geräuschen zu experimentieren, um zu sehen, was daraus entsteht.
? Auf der Kranky-Webseite heißt es über deine Musik, “dass man an eine englische Weise erinnert wird, wobei der Tod hinter einem nahe gelegenen Baum genau zuschaut“. Glaubst du, dass hinter den manchmal pastoralen Elementen immer ein Bewusstsein des Todes, der Vergänglichkeit steht, das selbst in freudigen Momenten immer da ist. Was Philip Larkin in einem seiner Gedichte als “rastlosen Tod“ und als “das Anästhetikum, von dem niemand wieder erwacht“ bezeichnet?
Es ist wahr, dass es eine morbide Unterströmung in vielen dieser Dinge gibt. Ich denke, die pastoralen Elemente werden regelmäßiger auf dem ersten Album zitiert, hauptsächlich wegen einer Besessenheit bezüglich der Vorstellung einer idyllischen Landschaft, die ganz ruhig und wunderschön ist, während unterdessen im hohen Gras eine Libelle von einer Hornisse bei lebendigen Leib gefressen wird und ein junger Vogel von einem Baum gefallen ist und in der sengenden Sonne brät und alles in allem gibt es in jeder Ecke Schrecken. Die gleiche Idee wird wesentlich eleganter in den “Die Brüder Karamazov“ ausgedrückt.
? Ohne große Umschweife können wir behaupten, dass deine beide Alben die besten folklastigen Veröffentlichungen seit langem sind. Welche Dinge beeinflussen deine Arbeit?
Danke für das Kompliment. Die Einflüsse verändern sich immer wieder. Zurzeit tendiere ich eher zu Ambient- oder Experimentalmusik. Anscheinend reicht eine Akustikgitarre dieser Tage aus, um den Stempel “Folk“ zu erhalten.
? Die Folkelemente auf deinen Alben haben zudem eine sehr subtile Note. Glaubst du, dass leise Töne mitunter in Wahrheit den Lärm “übertönen“?
Ich glaube Stille und Fragilität erzeugen eine seltsame Spannung, die in bestimmten Situationen, den Hörer genauso in den Bann zieht, wie den Performer. Das ist aber nur teilweise der Fall bei Live-Shows. Wir haben mal in einer Bar in London gespielt, in der die Leute nur trinken wollten und sich unterhalten haben. Es war so laut, dass man unsere Akustikgitarren nicht gehört hat. Wir haben uns dann das Schlagzeug und die elektrischen Gitarren von einer anderen Band geborgt und ein 25minütiges Noise-Set gespielt. Es war sehr lustig mit anzusehen, wie diese ganzen Typen mit ihren Handys in Scharen weggelaufen sind.
? Planst du demnächst Live-Auftritte in Deutschland und welche Rolle spielt die visuelle Komponente bei deinen Performances?
Nach dem Erscheinen des Albums hoffe ich auf Tournee gehen zu können. Eine Europa-Tour wäre fantastisch. Ich denke, es wäre gut, wenn ich als Vorband für ein ähnliches Projekt auftreten könnte. BODUF SONGS treten live zu dritt auf. Unsere Lichtshow besteht aus einer kleinen orangefarbenen Tischlampe, auf der Bären abgebildet sind. Sie ist essentiell für unsere Performance.
? Du hast vor kurzem eine Live-Session für VPRO gemacht. Hast du dort auch neue bzw. unveröffentlichte Songs oder Coversongs gespielt?
Diese Session hat wahnsinnig Spaß gemacht. Wir haben vor allem Tracks vom ersten Album gespielt und einen Track vom neuen Album. Ich glaube, dass man auf der VPRO-Webseite unsere Session noch einmal hören kann. Das Arrangement der Songs hat sich stark zu den Studioaufnahmen unterschieden. Wir haben unter anderen ein Glockenspiel und eine automatische Harfe verwendet.
? Was erwartest du noch von diesem Jahr und was können wir noch von dir erwarten?
Hoffentlich können wir einige Live-Auftritte spielen. Zudem habe ich damit begonnen, einen Kurzfilm für einen der Songs des neuen Albums zu drehen. Vor einiger Zeit habe ich bereits einen für den Song “Two Across The Mouth“ gemacht, der demnächst online zu sehen sein wird.
(D.L., S.L., M.G.)
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