THE JESUS AND MARY CHAIN – Damage and Joy (CD/LP)

Nennen wir es wie es ist: „Damage And Joy“ ist das „Chinese Democray“ des Wave-Rock. Obwohl die beiden Streithähne und Geschwister-Revialen Jim und William Reid bereits seit 2007 wieder Konzerte spielen, hat es weitere zehn Jahre gedauert, bis ihr siebtes Studioalbum erscheinen sollte. 30 Jahre nach dem kultisch verehrten „Psychocandy“ wird wieder in typischer THE JESUS AND MARY CHAIN-Manier gesägt. Wer Gutes kann, der soll dabei bleiben – und gewinnt! Das kann man so sehen. Doch mit ihrem ersten Studioalbum seit 20 Jahren muss auch Kritik angebracht sein: Denn THE JESUS AND MARY CHAIN machen genau dort weiter, wo sie aufgehört haben. Weiterentwicklung oder stilistische Experimente findet man auf der ziemlich aus der Zeit gefallenen Indie-Rock-Platte nicht. 14 Stücke, die eher dazu manifestiert sind, wieder die Sonnenbrille aus der Lederjacke zu holen und diese selbst bei Sturm und Regen zu tragen. Denn JESUS AND MARY CHAIN waren schon immer diese Band, die Coolness nicht nur propagiert, sondern tatsächlich gelebt hat. Legendär ihre Riot-Konzerte in den späten 1980er-Jahren, in denen sie sie dem Publikum den Rücken zugewandt performten oder dieses sogar mit Flaschen beworfen haben. Das waren noch Zeiten, als man dem Künstler auf der Bühne noch nicht bedingungslos verfallen war, sondern als Fan die Musik der Idole als Dienstleistung an ein zu befriedigendes Szenepublikum verstanden hat.

Und sicher ist es langweilig, die ständig aufgewärmte Geschichte von THE JESUS AND MARY CHAIN immer wieder auf das legendäre Debüt „Psychocandy“ zu reduzieren, dass noch heute vielen Menschen etwas bedeutet und daher zurecht als Kult definiert und an dieser Stelle natürlich als zwingendes „Must Have“ deklariert werden muss. Wie klingt nun aber „Damage And Joy?“ Stilistisch knüpft man an „Munki“ von 1998 an: Eingängige Noise-Pop-Songs mit dem typisch nöligen britischen Gesang von Jim Reid. Lyrisch wird es, wie so oft im gesetzten Alter von älteren Herren, nostalgisch. Man zelebriert die ewige Jugend, den verklärten Rock´n´Roll-Lifestyle und die gängigen und völlig ausreichenden drei Akkordfolgen für den perfekten Popsong. Bei 14 Songs sind selbstredend keine 14 Meisterwerke zu erwarten – einige Stücke wirken zwischen vielen Ohrwürmern leider als Lückenfüller. Die Wahrheit ist, dass sich auch ältere Lieder aus vergangenen Sessions auf das Album geschlichen haben. Hymnische Songs wie „Amputation“, „Los Feliz“ oder „Sing For A Secret“ zeigen aber, dass es die schottischen Krawallbrüder noch immer drauf haben und ihre Fanbase befriedigend können. Auch den Wunsch weibliche Gesang-Duetts auf die Platte zu bringen, hat sich die Band gleich auf mehreren Stücken erfüllt. Darunter Isobel Campbelloder oder die wunderbare Sky Ferreiras, deren gehauchte Parts frisch daherkommen und im Gedächtnis bleiben.

Zwar hätte man sich nach all den Jahren einen Paukenschlag artverwandter Bands gewünscht, die ihr Comeback mit großartigen Alben eingeläutet haben – man denke an die letzte großartige NEW ORDER-Platte oder das vor Kreativ sprudelnde letzte MY BLOODY VALENTINE-Album. THE JESUS AND MARY CHAIN bleiben weiterhin ihre eigene Marke. Wahrscheinlich ist das auch gut so. Diese verdammte Erwartungshaltung. Fans sind schließlich die grausamsten Menschen. Mehr wäre vielleicht zu viel verlangt, daher Danke an die Herren Reid für ihre Wieder-Existenz. Lassen wir es daher einfach lapidar sagen: Mit Unterstützung des Produzenten Youth (Killing Joke) haben THE JESUS AND MARY CHAIN ein durchschnittliches, aber dennoch zufriedenstellendes Album abgeliefert. Insgesamt ist „Damage And Joy“ als inspirationlos zu betrachten, schafft aber durch seinen charmanten Nostalgie-Flash das Kunststück eine Zeit einzufangen, die heute zwar maximalst idealisiert und stilisiert wird, dafür allen Altgrufties, Wavern und Sonnenbrillen-Fetischisten zeigt, dass sie noch immer auf der „richtigen“ Seite stehen.

(D. Charistes)

 

Format: CD/LP
Vertrieb: Artifical Plastic Records
 

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