DRANGSAL – Harieschaim (CD/LP)

DRANGSAL – HarieschaimDas 80s-Wave-Revival ist in vollem Gange. Spätestens mit DRANGSAL, vor dem es in hippen Szenezirkeln momentan kein Entkommen gibt. Gibt es eigentlich ein Musikmedium, einen Blog, eine hippe Zeitungsredaktion, einen top-informierten Radiosender, der noch nicht über den 22-jährigen Max Gruber berichtet hat. Alles schreit nach kalkuliertem Hype und Kommerz, endlich mal wieder ein Künstler auf den sich Fachpresse- und Underground einstimmig einigen kann! Aber Moment einmal! Da steht dieses fantastische Debütalbum „Harieschaim“ im Raum, auf dem der Wunderknabe zeigt, wie man poppige 80s-Referenzen mit zeitgemäßer Elektronik und Düsterästhetik verbinden kann, um gekonnt gleichzeitig die dauernörgelnde Vice-Klientel, wie auch Alt-Grufies und FAZ-Leser einzusammeln. Genug der Gehässigkeit, denn DRANGSAL ist gut. Verdammt gut. Der Hype ist (ausnahmsweise) verdient.

Selbstverständlich müssen auch in dieser Rezension die Namen THE CURE, BAUHAUS, JOY DIVISION oder NEW ORDER fallen. Zu offensichtlich bedient sich das blutjunge Nachwuchstalent an den Größen des Wave-Pop und Post-Punk jener Zeit, die er sicher selbst nur aus romantisierenden Jim Jarmusch-Filmen oder den nostalgischen Shows von LYDIA LUNCH kennt. Gut geklaut ist eben immer noch besser, als schlecht komponiert. Wer hier Neid, Skepsis oder Argwohn herausliest, muss einfach den Versuch einer kritischen Betrachtung registrieren. Denn die elf Songs auf „Harieschaim“ sind leider viel zu gut um ignoriert zu werden. Hier wurde der Zeitgeist einer schwarzweißen Retro-Ästhetik ala LANA DEL REY oder HURTS mit den poppigen Evergreens verganener NDW-Tage kombiniert und ein ästhetisches Gesamtpaket geschnürt, welches mit zusätzlicher Black Metal-Runenschrift wirklich alle subkulturellen Codes beinhaltet, die ein gefeiertes Popwunde dieser Tage im Repertoir haben muss. Dabei ist das Gesamtpaket auch noch so scheißegrundauthenthisch und grundsympathisch, denn bei al dem schwarzen Konfetti und coolem Geposte nimmt Gruber die Attitüde vollkommen ab. Chapeau!

Seinen Sinn für Ästhetik und Selbstinszenierung hat sich der Jungmusiker von MARC ALMONDE oder PETER MURPHY abgeschaut (nicht die schlechtesten Vorbilder), sein Gesangstil erinnert stark an ROBERT SMITH und die Musik schafft es mühelos eingängige Popsongs mit nichtabnutzbarer Eingängigkeit zu vereinbaren – das hat in dieser Symbiose zuletzt ein von uns hochgeschätzter JOHN MAUS hinbekommen.

Es benötigt gerade mal einen Hördurchgang und man ist dem hübschen Max sofort verfallen. Schon bei den ersten Synthie-Klängen mag man sich an grobkörnige Werbespots der 80er-Jahre erinnern. All die hochtoupierte Frisuren und Schulterpolster, Sicherheitsnadeln im Ohr und Nieten an den Jacken. Hach, was waren sie schön – diese gruftigen 80er. Wer damals nicht dabei war, darf jetzt nach vorne treten.

Tatsächlich begeistert „Harieschaim“, welches altertümlich nach Grubers Heimatort Herxheim tituliert wurde und in der Vergangenheit immer mal wieder mit Kannibalismus-Fällen in die Schlagzeilen rückte, auf Albumlänge. Die erste Single „Allan Align“ hat es mittlerweile auf einigen Radio-Sendern auf Heavy Rotation geschafft, was immer einen gefährlichen Beigeschmack auslöst. Aber auch die weiteren zehn Stücke zeugen von Hit-Potenzial, begeistern mit ihrer verhallten Unterkühltheit, allen voran das großartige „Will Ich Nur Dich“. Schade, dass es der einzige deutschsprachige Song auf dem Album bleibt, hier liegt die eindeutige Stärke und das Alleinstellungsmerkmal seines Düsterpops. Immer tanzbar, gleichzeitig grundmelancholisch und weltabgewandt. Das ist DRANGSALS Rezept, was sowohl in düsteren Dark Wave-Clubs beim Knutschen, als auch bei Coverbands der 2010er-Jahre funktioniert – Gott bewahre!
Gruber singt über „Wolpertinger“, „Moritzzwinger“ oder „Slice Bread“, schafft den Spagat zwischen Kunst und Selbstironie und gesteht den Melodien galant elementaren Platz ein. Man kann Herrn Gruber zu diesem gelungenen Werk nur gratulieren und viel Erfolg bei seiner Reise wünschen – alles andere wäre von Seiten unseres Portals einfach nicht angemessen. Repräsentiere und erlöse uns, du cooler Knabe! Wir glauben an dich.

(Dimitrios Charistes)

Format: CD/Vinyl/Download
Label: Caroline International

Format: CD/LP
Vertrieb: Caroline International
 

Stichworte:
, , ,