Pianoharmonien für die Nacht: Federico Albanese im Interview

102095Neoklassik ist mit seinen Protagonisten längst im Feuilleton angekommen. Olafur Arnalds, Nils Frahm, Yann Tiersen, Hauschka oder Max Richter sind die Namen, die es mit eleganter Kammermusik aus der Subkultur längst in die bürgerlichen Stuben geschafft haben. Mit dem aus Mailand stammenden Federico Albanese, der seine Wahlheimat in Berlin gefunden hat, gesellt sich ein weiterer Künstler dieser illustren Riege dazu und überzeugt seine suchenden Zuhörer mit dezentem Pianospiel, gepaart mit minimalistischer Elektronik. Mit „The Blue Hour“ ist dem Italiener ein stimmungsvolles Konzeptalbum gelungen, mit dem er den dämmrigen Zeitabschnitt zwischen Tag und Nacht Tribut zollt und das Berliner Nachtleben in seiner melancholischen Note einzufangen vermag. Bereits sein Debüt „The Houseboat And The Moon“ (via Denovali Records) war ein gefeiertes Stück todtrauriger Klavier-Elegien, die für die Nacht geschrieben wurden. Im neuen Sublabel von Berlin Classics “Neue Meister” ist Albanese mit seiner träumerischen Musik bestens aufgehoben. Grund genug, einen der interessantesten Protagonisten der Neoklassik-Szene, zum Gespräch zu bitten.

? Hallo Federico, bei deiner Musik würde mich zu aller erst interessieren, wie du den Prozess deiner Kompositionen beginnst? Gibt es direkte Reflektionen deines Inneren Ichs, auf die sich ein Stück beziehen?

Tatsächlich gebe ich mich täglich all den Inspirationen und Eindrücken hin, denn meiner Meinung nach sind es genau diese alltäglichen Begegnungen, die einen Künstler formen und daraus Musik entstehen lassen. In der Regel lasse ich mich von sehr simplen Dingen inspirieren, möchte aber immer den Kern einer bestimmten Atmosphäre einfangen oder. bewahren. Dann sitze ich am Piano und versuche diese Gefühle in Musik zu „übersetzen“. Während ich komponiere lasse ich meinen eigenen Emotionen und Gefühle freien Lauf. So reflektiert die Musik gleichzeitig meine Stimmungslage, oder der Idee eines Gefühls, welches ich in exakt diesem Moment habe. Das versuche ich schließlich festzuhalten. Letztendlich lasse ich mich von allem inspirieren, was kreative Menschen anzieht: einem Gemälde, einem Buch, einem Film, einer Idee. Alles, was meine Kreativität antriggert. Oft verstehe ich erst im Nachklang was mich zu einer Melodie oder einem Stück wirklich bewegt hat. Das läuft ganz unterschiedlich und selten planbar ab.

? Auf deinem neuen Album „The Blue Hour“ widmest du dich der gespenstischen Stunde zwischen 4 Uhr und 5 Uhr morgens. Gibt es hier poetische oder romantische Verklärungen, die du persönlich mit dieser Geisterstunde verbindest?

Die „blaue Stunde“ ist generell eine Übergangsstunde. Dennoch ist es diese eine Stunde, die die Nacht vom Tage trennt und die sichtbarste Darstellung dieses Vorgangs. Für viele Nachtschwärmer ist es aber genau die Stunde, in der wir entscheiden wie die Nacht weiter verlaufen wird. Während ich „The Blue Hour“ geschrieben habe, befand ich mich in meinem Leben in einer metaphorisch ähnlichen Situation, daher ist dieses Gefühl in den neuen Stücken konzeptionell stark an die „Blaue Stunde“ angelehnt. Mir ging es vor allem darum, einen atmosphärischen Titel für das Album zu finden, der diesen Status „in between“ transportiert.

? Deine Musik wirkt ziemlich minimalistisch und dezent arrangiert. Dennoch können sich alle, die etwas von Musik verstehen, denken, das der Teufel im Detail liegt und der kompositorische Aufwand groß ist. Wann entscheidest du, wann ein Song fertiggestellt ist?

Der Moment, in dem ich glaube, dass ein Stück fertig ist, kommt sehr plötzlich. Bei instrumentaler Musik kann man eine Komposition immer weiter fortsetzen, Arrangements umschreiben, Sounds verstellen, hier noch ein elektronisches Element hinzufügen. Doch ab einem bestimmten Punkt, spüre ich eine äußerliche Energie, die mir sagt, dass es jetzt genug ist und die Komposition fertig ist. Es ist schwierig das mit Worten zu beschreiben, aber der Moment stellt sich von alleine ein.

? In deiner Musik setzt du fragmentarisch kleine Elektronik-Frickeleien ein. Dieses dezente Knistern und Rauschen schafft meiner Meinung nach einen Wiedererkennungswert innerhalb deines Musikkosmos. Fügst du diese nachträglich oder bereits beim Schreiben der Musik hinzu?

Bisher nutze ich elektronische Elemente sehr simpel. Meist soll eine Schicht aus Sounds das Pianospiel atmosphärisch unterstützen und die Stimmung zusätzlich einfangen. Manchmal kann es sinnvoll sein, Computer-Beats oder Elektronik zu kombinieren um als Solo-Künstler alle Ideen auch live umzusetzen. Ich beschäftige mich aber nicht wirklich mit alten Instrumenten, dazugehöriger Technik oder „elektronischen Sounds“ an sich, sondern benutze die Utensilien, die mir gerade zur Verfügung stehen. Manchmal ist das ein alter Synthesizer, aufgenommene Field Recordings aus dem Archiv, ein Glas oder eben alles, was sich gerade in Reichweite befindet.

MI0003985790? Kannst du dir vorstellen auf kommenden Platten mit Gesang oder Samples zu arbeiten?

Als Musiker kann ich mir das prinzipiell sehr gut vorstellen. Ich liebe Musik unabhängig vom Genre. Jedes erzählt seine ganz eigene Geschichte. Daher kann ich mir schon gut vorstellen, eines Tages mit Stimme zu experimentieren oder weitere Instrumente in meine Musik zu implementieren. Im Moment fasziniere ich mich sehr für orchestrale Arrangements. Möglicherweise schlägst sich das auf kommenden Veröffentlichungen nieder.

? Magst du uns etwas über deine Musik-Sozialisation, dein Musikstudium und möglicherweise auch dein subkulturelles Dasein in Italien erzählen?

Ich habe mich bereits als Kind intensiv mit Musik auseinandergesetzt. Ich hatte bereits mit vier Jahren Klavierunterricht und das Instrument intensiv bis zu meinem 13. Lebensjahr studiert. Doch als Kind hat man noch andere Interessen und ich habe mich nicht weiter um das besondere daran gekümmert. Es fühlte sich damals alles recht gezwungen an. Zum damaligen Zeitpunkt fühlte ich auch kein besonderes Talent in mir. Als Jugendlicher sah ich viele Musiker, die einfach schneller und besser spielen konnten als ich. Meine Mutter war schon immer von Klassischer Musik begeistert. Fast jeden Sonntag haben wir uns Orchesterproben angeschaut. In dieser Zeit bin ich sehr oft in die Oper und auf Konzerte gegangen und habe sehr viel neue Musik und phänomenale Talente und Musiker kennengelernt. Diese Momente meiner Jugend habe ich geliebt. Zu Highschool-Zeiten habe ich mein eigenes Gespür für Musik entwickelt und habe mich zwischen den Genres Punk, Hardcore und Stoner-Rock wohlgefühlt. In diesen Teenagerjahren war das Klavier für mich nicht existent, sondern eher der ganze laute Kram. Hauptsache Krach. Doch ab einem bestimmten Punkt meiner Reife kam alles irgendwie zusammen. Ich habe das Klavier wieder für mich entdeckt und wusste, dass ich mich durch dieses Instrument ausdrücken wollte. Noch ein Wort zu Italien: Als ich jung war, war Italien ein großartiges Land, wenn es um Musik ging – all diese Kreativität, hunderten von besuchten Konzerten und die spürbare Leidenschaft zur Musik. Musik war einfach omnipräsent und durch Musik konnten wir uns vorstellen, wie die Welt außerhalb in Italien tickt – in den USA, Großbritannien und so weiter. Selbstverständlich spielt Musik noch immer eine große Rolle in Italien, nur ist die Subkultur wohl momentan eher am schwächeln.

? Du bist in Mailand aufgewachsen und lebst seit einiger Zeit in Berlin. Wie kamst du zur Hauptstadt? Und gibt es – in kreativer Sicht – etwas, dass du in Berlin verglichen mit Mailand, bevorzugst?

Vor einigen Jahren, als ich das erste Mal Berlin besucht habe, habe ich mich sofort in die Stadt verliebt und beschlossen eines Tages hier zu leben. Irgendwie kann man die Städte schwer miteinander vergleichen. Mailand ist eine Wirtschaftsstadt, alles dreht sich ums Business, Mode, Geld – es gibt dort kaum eine aktive oder pulsierende Kunstszene. Berlin ist genau das Gegenteil. Hier findest du an jeder Straßenecke Kunst und großartige Musik-Kultur. Viele die ich in Berlin kennengelernt habe, sind aus genau diesen Gründen gekommen – um Gleichgesinnte zu treffen und sich auszutauschen. Das kreiert einen eigenständigen Vibe, eine Szene, ein Zusammengehörigkeitsgefühl!

? Dein erstes Album wurde via Denovali Records veröffentlicht. Mit „The Blue Hour“ bist du bei „Neue Meister/Edel“ gelandet. Was waren die konkreten Gründe hierfür?

Denovali ist noch immer ein großartiges Label und „The Houseboat and The Moon“ war perfekt für sie. Für den Nachfolger wollte ich aber etwas anderes. Etwas, das mehr nach Berlin klingt beziehungsweise einen direkten Berlin-Bezug aufweist. „The Blue Hour“ ist deutlich von der Stadt und dem Nachtleben beeinflusst. „Berlin Classic“ war von Anfang an sehr enthusiastisch bei dem Projekt und hat mich von Beginn an dabei unterstützt. Ich fand es von Anfang spannend bei dem Prozess dabei zu sein, ein eigenes Sublabel für moderne Neoklassik mitzugestalten.

? Gibt es artverwandte italienische Künstler, die du selbst hörst und an dieser Stelle weiterempfehlen magst?

Ich habe aktuell nicht so ein breites Wissen über die italienische Subkultur, aber ich kann ohne zu Zögern meinen Freund SAFFRONKEIRA aus Sardinien empfehlen. Seine Platte „Cause & Effect“, auch bei Denovali Records erschienen, höre ich nahezu täglich – das ist ein fantastisches Stück Musikkunst.

? Wenn dich ein unbefangener Zuhörer fragt, was der perfekte Ort oder Stimmung zum Hören deiner Musik ist, was würdest du ihm antworten?

Oh, da mag ich ihn gar nicht beeinflussen. Meine Musik kann man zu jeder Tages- oder Nachtzeit spielen. Dennoch würde ich der Person die Musik auf Vinyl empfehlen – denn das ist nach wie vor das Medium, das der Musik wahrhaftige Bedeutung schenkt. Heutzutage passiert so viel, alles läuft so schnell ab. Ich finde es wichtig, sich Zeit für Musik zu nehmen, zu entspannen und diese zu genießen.

? An welchen Orten favorisierst du es persönlich aufzutreten?

In der letzten Zeit habe ich festgestellt, dass ich es mag in schönen Räumlichkeiten aufzutreten, die an ein Theater oder einen schummrigen Club angelehnt sind. Ich liebe den Vibe dieser Locations. Ich glaube auch, dass es das perfekte Match für meine Musik ist.

? In der Vergangenheit bist du auch mit einigen Kompositionen für kleinere Filme in Erscheinung getreten? Kannst du uns erzählen, ob du gegenwärtig an einem Score arbeitest?

Ja, im Moment arbeite ich hier an einem Projekt. Aber ich kann aktuell noch nichts konkretes dazu sagen.

? Bitte nenne uns zum Abschluss fünf Künstler, die dir persönlich am Meisten bedeuten.

Da kann ich nur vier für mich wirklich bedeutende Größen nennen: Television, Traffic, Brian Eno und Miles Davis.

Vielen Dank für das Interview.

(D. Charistes)

 

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