SEA & AIR – Interview

9780_screenSea & Air haben mich mit ihrem Livekonzert in Bremen letztes Jahr so sehr begeistert, dass ich Daniel Benjamin und Eleni Zafiriadou – übrigens seit 2004 verheiratet – am Merchandisestand zu einem Interview angesprochen hatte, diese Woche kamen dann die Antworten. Sea & Air ist also ein deutsches Indie Pop Rock Duo das – Ghost Pop – einspielt ( so ihre eigene Bezeichnung für ihre Sounds ) mit Weltmusik, Jazz, Klassik und weiteren Einflüssen -so möchte ich die beiden musikalisch einmal betiteln- das aus den zwei Multi Instrumentalisten Daniel und Eleni seit ca. 2011 besteht, die zwei spielen vom Cembo, Gitarre, Schlagzeug, E – Gitarre über Keyboard und einer Vielzahl an anderen Geräten alles live ein. Die beiden wurden auch schon in der in der Kategorie – Bester Newcomer- für den Music Award Region Stuttgart ausgezeichnet und haben den Deutschen Musikautorenpreis in der Sparte -Nachwuchs – erhalten. An Filmmusik wurde sich auch schon abgearbeitet und probiert – Für Miriam 2009, Schuld sind immer die Anderen 2012, Heißkalte Seele 2012 – wurde fleißig komponiert, so dass man sieht, was Sea & Air für ein großartiges Potenzial besitzen, hier dann die spannenden Antworten auf meine Fragen.

? Hallo Eleni und Daniel, lieben Dank nochmal für das sehr gelungene Konzert in Bremen, ich bin wahrlich begeistert von Eurer “livehaftigen” Spielfreude. Man merkt natürlich sofort, das Ihr zwei die musikalische Klangerzeugung wirklich lebt- und daher ganz einfach gefragt : Wie kam es zum Projekt SEA & AIR das seit Januar 2011 existiert und vor allem wie kamt Ihr zueinander, zu dem Bandnamen und auf die Idee das Duo SEA & AIR zu starten?

D: Wir haben seit 1999 in verschiedensten Bands zusammen gespielt und nachdem andere Bandmitglieder immer gekommen und gegangen sind und nur wir übriggeblieben sind, haben wir uns dazu aufgerafft, eine alte Idee endlich in die Tat umzusetzen: nur noch als Duo Musik zu machen und dafür von der Musik leben zu können. Das machen wir seit 2011 und wir sind sehr dankbar, dass es hingehauen hat!
E: Wie bei allen guten Ideen, kam diese zu uns. Wir lieben Wortspiele, dafür eignet sich der Bandname sehr gut. Wir kennen uns seit wir Teenager sind. Daniel begleitete mich eines abends nach Hause während ich schlafwandelte. Meine Eltern hatten vergessen die Türe abzuschließen und ich war ausgebüchst. Am nächsten Tag musste ich meine Schüchternheit überwinden und mich bei ihm bedanken. So kam unsere erste Unterhaltung zustande, in der er mich auch gleich fragte ob ich singen kann. Als ich Schreien als Alternative anbot, fand er das noch besser. So gründeten wir unsere erste Punk Band Jumbo Jet.

_MG_6566seaair_schwarz_vorhang (3)seaair_schwarz_vorhangscratched? Habt Ihr eine musikalische Ausbildung genossen, ich habe gelesen ihr beherrscht jeder jeweils ca. 5 Instrumente, wie seid Ihr zur Musik gekommen und seit wann seid Ihr jeweils aktiv ?

D: Nein. Ich hatte ein bisschen Schlagzeugunterricht, aber ansonsten entstand alles aus Neugier an verschiedenen Instrumenten autodidaktisch. Jeder von uns beschäftigt sich, seit er denken kann aktiv und passiv mit Musik.
E: Autodidakten durch und durch. Wir können beide keine Noten lesen. Jedoch habe ich das nie als Mangel empfunden. Eher als Stärke, weil man dadurch einen anderen Zugang zur Musik findet und unkonventionellere Pfade einschlägt.

? Welche musikalischen Einflüsse und Inspirationen sind es, die Euch immer wieder zum Musikmachen motivieren und inspirieren?

D: Ganz unterschiedliche! Man kann sie am Besten so zusammenfassen: alle machen zu 100% ihr eigenes Ding, sie schauen nicht nach links oder rechts, sondern machen total einzigartige Musik, die nur sie machen können. Ob das Einzelkünstler wie DJ Shadow oder Kate Bush sind oder Konstellationen wie U2 oder Dead Can Dance. In jeder Musikrichtung gibt es ein paar dieser Leute, die lieber Kopf sind als Schwanz und diese suchen wir.
E: Ja, großen Respekt für alle, die etwas wagen und nicht den bequemen Weg des Kopierens wählen oder ihre Musik nach Markttauglichkeit prüfen.

? Haben sich über die Jahre Eure individuellen Musikausrichtungen und musikalischen Sounds von SEA & AIR weiter entwickelt, teils eventuell sicherlich der neuen Technik geschuldet?

D: Man darf sich von der neuen Technik nicht blenden lassen. Wer die ersten vier Scott Walker Platten kennt, weiß, dass sich Aufnahmequalität seit den späten 60ern nicht mehr verbessert hat. Stile haben sich verändert, Technik hat vieles einfacher und günstiger gemacht, aber da hört ihr Einfluss auch schon auf. Das große Problem der digitalen Technik ist: durch die vielen Möglichkeiten die mit ihr kommen, wird Musik leider nicht vielfältiger, sondern immer langweiliger und austauschbarer. Weil es keine Grenzen gibt, die Lust auf’s Ausbrechen machen.

? Erklärt den Lesern doch bitte einmal das Konzept des neuen, letzten Albums -EVROPI – wieviel Arbeitszeit wurde für das großartige Album investiert und wie läuft der Entstehungsprozess, inkl. Studioarbeit bei Euch ab, mich haben u. a. die letzten beiden Tracks sehr begeistert?

D: Das ist ja schön, dass du bis zum Schluss durchgehalten hast. Hehe. Die Geschichte hinter dem Album ist sowohl textlich als auch musikalisch eine Reise. Unsere große Europatour mit 600 Konzerten in 22 Ländern in den Jahren 2011 – 2013. Die verschiedenen Stationen, an denen die Platte in ihrem Entstehungsprozess halt gemacht hat. Eine Alpacafarm in Kanada, Ost – Berlin, eine Dorfkirche auf der schwäbischen Alb, ein kleines Strandhaus in Griechenland und ein kleines, mit analoger Technik vollgestopftes Studio in Bristol. Und die Geschichte von Elenis Vorfahren, die von Kleinasien über Griechenland bis nach Deutschland immer wieder umziehen mussten, ohne je richtig Wurzeln zu schlagen. Das Konzept ist auf allen Ebenen also erlebte Heimatlosigkeit.

? Habt Ihr jemals vor , auch Deutsche Songs zu produzieren, könnt ich mir bei Eurer Kreativität persönlich durchaus vorstellen ( oder etwas in Griechisch)?

D: Griechisch kam bisher auf jeder Platte subtil zum Einsatz. Deutsch wird schwierig, weil Deutsch eine sehr limitierte Singsprache ist. Aber man sollte niemals nie sagen!
E: Deutsch klingt meistens nicht sehr flowig. Das überlassen wir mal lieber Bands wie Kraftwerk, die das gut in Szene setzen können.

? Euer auffallend, persönliches Cover Outfit zur CD EVROPI – wer ist für das Thema bei Euch zuständig?

E: Die Pose, das Outfit, die Grafik. Das alles passiert sehr intuitiv. Ich tausche mich dabei mit unserem Fotografen und Grafiker aus. Spreche mit ihnen über meine Ideen. Da wir uns schon länger kennen, wissen beide was ich im Sinn hab. Dann geht es relativ fix mit der Umsetzung. Und ich liebe spontane Aktionen, speziell bei Shootings. Da kommen meistens die besten Sachen bei raus, weil man sich nicht zu starr an ein bestimmtes Konzept hält.

? Die Texte von SEA & AIR im allgemeinen und speziell vom neuen Album, was inspiriert Euch dazu und wer schreibt diese, woran orientiert Ihr Euch hierbei?

E: Für EVROPI lieferte meine Familiengeschichte viel Stoff. Die Texte lassen sich jedoch universell deuten, wenn man die Namen und Orte austauscht. Das war uns wichtig, dass Leute ihren individuellen Zugang dazu finden. Wir schreiben beide Texte. Jeder für sich, oft entstehen diese auch zusammen. Einer fängt den Text an, der andere setzt ihn fort.

? Ist die Zukunft – für mich als alten Plattensammler übrigens eine grauenvolle Vorstellung – tatsächlich der digitale Megatrend – das Streaming – wo Millionen von Songs überall und sogar legal jederzeit bequem und billig wie nie zuvor, verfügbar sind?

D: Es ist sowohl Zukunft, als auch Vergangenheit. Der Musikoverkill wird die Leute noch ein paar Jahre begeistern, aber irgendwann werden sie sich wieder mehr Substanz wünschen und zum Plattenformat oder ähnlichen “größeren” Werken zurückkehren. Das war ja in den 50ern auch schon mal so. Damals war der Song der Star und kaum einer kannte die Interpreten oder Songwriter. Und das war irgendwann so verwirrend, dass mit den Beatles die Langspielplatte kam. In ein paar Jahren werden sich die Leute dran erinnern, dass es noch Bands wie unsere gibt und sich darüber freuen.
E: Ich hoffe ja auf die echten Musikliebhaber. Und die wird es immer geben. Ich denke es ist eine Typsache, ob jemand ziellos mal hier und da reinhört oder sich bewusst mit dem gesamten Kosmos eines Musikers / einer Band auseinandersetzt. Letztere werden auch zukünftig noch Platten kaufen.

? Wie steht Ihr zum Thema Musikvideos, ich habe Eure Livespots wie – In Bed, Inas Nacht, SWR3 Late Night – usw. begutachtet, bringt es Vorteile in diesen audiovisuellen Zeiten Clips für You Tube, Facebook oder andere Kanäle zu erstellen?
D: Ganz klar, da die Leute heutzutage viel visueller Hören und um sich auf Musik einzulassen auch ihr Auge gefordert sehen möchten.

? Hattet Ihr schon Auftritte im Ausland absolviert, teilweise gibt es Künstler, die dort erfolgreicher als in der Heimat sind und gab es Livekonzerte an ungewöhnlichen Orten, habe hier auch etwas von vier Auftritten als Support bei der göttlichen WHITNEY HOUSTON gelesen?

D: SEA + AIR ist tatsächlich unsere erste Band, die in Deutschland verhältnismäßig am meisten Erfolg hat. Obwohl es auch in anderen Ländern viel besser läuft als je zuvor. Mit meinem Soloprojekt und unserer Punkband Jumbo Jet hatten wir z.B. in Skandinavien und England mehr Erfolg als in Deutschland.
E: Ein weiterer Grund warum wir es nie in Betracht gezogen haben auf Deutsch zu singen: Wir wollten immer schon im Ausland touren und möglichst viele Leute mit unserer Musik erreichen.

? Der Synth Dino – Jean Michel Jarre – hat vor ca. 8 Jahren seine erste Veröffentlichung “Oxygene” mit den Original Instrumenten aus 1976 live auf einer Tour performt, wäre das z.B. mal ein Anreiz für Dich Daniel – Deine älteren Tracks und Platten aus 2003 nochmal neu performed oder gar unplugged zu präsentieren?

D: Na klar! Spätestens wenn sich die Platten so oft verkauft haben wie “Oxygen”!

? Welche Platten sind Eure All Time Heros im heimischen Plattenregal? 0055_bw_screen

D: Soll ich jetzt alle 1000 aufzählen? Prägend waren und sind für mich unter anderem diese: “Six” von Mansun, “Abyss in B Minor” von Serena Maneesh, “The Unforgettable Fire” von U2, “Scott 1 – 4″ von Scott Walker, “Hounds Of Love” von Kate Bush. Und viele mehr. Darüber hinaus falle ich immer gerne mal vom Stuhl, wenn es heutzutage noch jemand schafft ein komplett perfektes Album rauszubringen. Wie Prefab Sprout mit “Crimson/Red”. Trotzdem darf man die Leute nicht vergessen, die auf jeder Platte 3-4 Übersongs veröffentlicht haben, ohne eine komplette Klassikerplatte geschafft zu haben. Das sind deutlich mehr.
E: Also ich bin Fan von Gesamtwerken, deswegen kann ich mich bei Kate Bush auch nicht auf eine Platte beschränken, weil auf jeder Spitzentitel dabei sind.
Sie ist also meine unangefochtene Nummer eins. Ansonsten bin ich kein Fan von all-time-listen. Dafür hab ich zu krasse Launen, hehe.

? Sind Nebenprojekte für einen Künstler notwendig, da sich hier musikalisch etwas anders ausgelebt werden kann – oder braucht man eventuell überhaupt keine Nebenprojekte, wenn sich solch Prozesse vielleicht sogar integrieren lassen?

D: SEA + AIR wird eines Tages so positioniert sein, dass musikalisch ALLES möglich ist. Bis dahin braucht es Nebenprojekte, um sich weiterzuentwickeln und um dem Fluss an Ideen gerecht zu werden.

? Was sind eigentlich jeweils Eure Lieblingsinstrumente am Live Set oder bei Studioaufnahmen?

D: Das ist jeden Tag anders.
E: Live ist es die E-Gitarre. Im Studio experimentiere ich gerne mit allen Instrumenten.

? Was sagt Ihr zum Kavaliersdelikt “CD Piraterie” – ist es in Ordnung, wenn man von irgendwelchen Seiten den musikalische Eigentum von z.B. Superstars wie U2, DM usw. einfach runterladen kann und – oder ist es eine Vorteil für junge und neue Bands, dadurch vielleicht überhaupt erst bekannt zu werden?

D: Klar kann jeder gerne soviel er möchte Superstarmusik bei Spoitfy hören, ohne schlechtes Gewissen. Solange er nicht vergisst, dass es auch die kleinen da draussen gibt, wie uns, die jede Platte die sie live verkaufen können brauchen, um von der Musik leben zu können.

? Wie ist Eure geschätzte Meinung zum Thema – Radiotracks – also in Eurem Fall ” Ghost Wave” auf den Radiokanälen dieser Republik, kann man das beeinflussen, das auch solch Avantgarde Musik wie von SEA & AIR dort einmal eingesetzt wird, ansonsten wir ja nur langweiliger und sich ständig wiederholender Mainstream bis zum bitteren Ende geboten?

D: Ehrlich gesagt verstehe ich bis heute nicht, wie man Radio hören kann. Das heißt doch, dass man keinen eigenen Musikgeschmack hat. Natürlich gibt es noch Sendungen, wo man tolle Musik entdecken kann, wie bei Klaus Fiehe im WDR oder bei Angela Gobelin im NDR oder kleinere Sender wie FluxFM. Aber bei 95% der Radiosendungen muss man 20 mittelmäßige Tracks hören müssen um auf einen guten zu stoßen. Da kann ja keiner beleidigt sein, dass Spotify etc. das Radio bald ablöst. Danke an alle, die sich im Radio noch was trauen. Die werden immer weniger und dadurch wichtiger.

? Und zum Schluss ein kleiner Ausblick : Was möchtet Ihr in der nahen oder späteren Zukunft noch mit SEA & AIR ( eventuell der erwähnte Megahit von Daniel ) umsetzen und erreichen?

D: 60 Jahre Musik. Von Megahit zu Megaflops wird alles dabei sein. Nur verbiegen werden wir uns nie. Und daher immer die Musik spielen, von denen unsere Herzen überlaufen.
E: Mehr Konzerte außerhalb von Europa.

(S.Ericksen)

 

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