NO MORE – Interview

NO_MORE-swWieder einmal bin ich über eine Post Punk, Dark Wave und Minimal Elektro – Gruppe aus dem Norden – genau genommen aus Kiel – gestolpert und das vor kurzem beim Live Konzert in Bremen. Das äußerst sympathische Duo um TINA SANUDAKURA und ANDY A. SCHWARZ taufte sich im Jahre 2006 nach der erneuten Gründung – das erste Mal gab es die Gruppe bereits im Jahr 1979 – auf den Namen NO MORE und hat seitdem etliche CDs, EPs, Singles und Remixe veröffentlicht und sind oft und viel getourt. Was die beiden uns aus ihrem reichhaltigen Fundus zu erzählen haben, folgt im ausführlichen Interview mit bemerkenswert, authentischen und knackigen Aussagen, so wie man die Nordeutschen eben kennt und schätzt, dann lassen wir also die beiden Musiker nun zu Wort kommen.

? Hallo Tina und Andy, vielen Dank nochmal für das wunderbare Konzert in Bremen, nun gibt es Euch als Duo eigentlich schon seit 1979 – dem Startjahr der neuen deutschen Welle – aber erzählt doch einfach mal selbst, wie Ihr Euch musikalisch gefunden habt und seit wann ihr aktiv seid – denn ihr hattet zum Anfang Eurer Karriere eine komplette vier Mann Band?
Tina: Wir haben NO MORE im Sommer 1979 gegründet, als Quartett. Später waren wir zwischenzeitlich zu dritt – in dieser Zeit haben wir auch „Suicide Commando“ aufgenommen, später wieder zu viert bis zur Auflösung Ende 1986. Seit 2008 treten wir wieder live auf – als Duo.
Andy: Wir haben vor NO MORE zusammen mit unserem späteren Drummer in einer Schülerband gespielt. Als Punk und New Wave uns erreichten, wollten wir mit der Band auch in diese Richtung gehen, aber das war mit dem damaligen Sänger nicht zu machen. So haben wir dann NO MORE gegründet.
Tina: Das Startjahr für die NDW ist allerdings eher 1978 oder vielleicht sogar 1977, zumindest für die NDW in ihrer ursprünglichen Bedeutung. Heute versteht man unter NDW wohl eher die Hitparaden-NDW ab ca. 1982 – das hatte allerdings so gut wie nichts mit der Indie-DIY-NDW des Ursprungs zu tun.
Andy: Allerdings markierte das den Anfang des Niedergangs der 80er, die – trotz viel guter Musik, wie es sie ja in jedem Jahrzehnt gibt, eigentlich echt Mist waren. Die besten Jahre waren zwischen ’76 und `82.
Tina: Unsere Einflüsse stammten zum großen Teil aus den 70ern – Glam, Punk, New Wave, No Wave, Kraut, Electronica. Wir waren also eine 70er Jahre Band, keine 80er Band.

? Seid Ihr musikalisch ausgebildet worden, welches sind Eure Lieblingsinstrumente im Studio oder Live?
Tina: Ich hatte früher Klavierunterricht, aber alles was danach kam, habe mir selbst beigebracht.
Andy: Ich habe als Bassist angefangen. Gitarre und Gesang kamen erst mit NO MORE, weil wir keinen Sänger hatten und es für unseren vierten Mann leichter war Bass als Gitarre zu lernen. Ich habe mich früher auch eher als Sänger, oder sagen wir lieber als Interpret, denn als Gitarrist gesehen.
Tina: Wir sind keine Musiker im klassischen Sinne, versuchen aber trotzdem unser Handwerk immer weiterzuentwickeln.

NO_MORE-live2? Welche musikalischen Einflüsse und Inspirationen sind es, die Euch immer wieder zum Musikmachen motivieren und inspirieren?
Tina: Nach einem guten Auftritt weißt du einfach, warum du das alles machst.

? Haben sich über die Jahre Eure individuellen Musikausrichtungen und musikalischen Sounds von NO MORE weiterentwickelt, teils eventuell sicherlich der neueren Technik geschuldet?
Andy: Sie haben sich natürlich verändert, aber die schon erwähnten aus den 70er Jahren und die Kernzeit zwischen ’76 und ’82 sind immer noch präsent. Sie sind Teil unserer musikalischen DNA. Aber die DNA ist ja nicht allein verantwortlich für das Handeln und so hat sich das Spektrum im Laufe der Jahre erweitert bzw. ist auch Manches nicht mehr so relevant oder wird anders beurteilt.
Tina: Die elektronische Musik der „Neuzeit“, TripHop, Radiohead, The Strokes oder Lana Del Rey und Florence And The Machine haben genauso Einfluss auf uns, wie früher Rock’n’Roll oder elektronische Avantgarde à la Delia Derbyshire.

? Erklärt den Lesern doch bitte einmal das Konzept des neuen, letzten Albums – Silence & Revolt – wieviel Arbeitszeit wurde für das Album investiert und wie läuft der Entstehungsprozess inkl. Studioarbeit bei Euch ab?
Andy: Wir hatten zwei Ausgangspunkte. Der eine war, dass wir einfach richtige Popsongs in der heutigen Musikszene vermissen. Der zweite war der Titel des Albums, der schon ziemlich früh feststand. Silence & Revolt ist ein Begriffspaar, das man sowohl gegensätzlich als auch ergänzend sehen kann. Das ist sozusagen die inhaltliche Hookline des Albums.
Tina: Wir haben über ein Jahr lang sehr viele musikalische Skizzen aufgenommen und versucht daraus jeweils Songs zu machen. Dann haben wir nach und nach aussortiert. Und irgendwann hatten wir genug Songs, die wir fertig produziert haben. Am Schluss haben wir die Songs für das Album ausgesucht.

? Habt Ihr jemals vor auch German Tracks zu produzieren, könnte ich mir bei Eurer kreativen Ausrichtung durchaus vorstellen?
Andy: Nein, das ist undenkbar.

? Euer früherer Klassiker und Szene Hit „Suicide Commando“ wurde wirklich nach der gleichnamig belgischen EBM Formation benannt?
Tina: Nein – umgekehrt – „Suicide Commando“ wurde erst 1986 gegründet und Johan hat seine Band nach unserem Song benannt.
(https://de.wikipedia.org/wiki/Suicide_Commando)

? Eure Texte im allgemeinen und speziell vom neuen Album „Silence & Revolt – was inspiriert Euch dazu und wer schreibt diese, woran orientiert Ihr Euch hierbei?
Andy: Ich schreibe die Texte, aber ich mag keine Fragen nach Inspirationsquellen und Einflüssen, weil sich mich dazu verführen, etwas Profanes zu sagen. Und das führt dann im besten Fall auf eine falsche Fährte. Es ist zu komplex um es in wenige Worte zu fassen. Also passe ich da jetzt einfach mal.

? Ist die Zukunft – für mich als alten Plattensammler übrigens eine grauenvolle Vorstellung – tatsächlich der digitale Megatrend – das Streaming – wo Millionen von Songs überall und sogar legal jederzeit bequem und billig wie nie zuvor, verfügbar sind?
Andy: Abwarten.
Tina: Wer Vinyl oder CDs kaufen möchte, kann das sicherlich auch in Zukunft tun.

? Was sagt Ihr zum Thema Musikvideos, ich habe Eure Aufnahmen zu Tracks wie – Turnaround, das elegische The Grey, das catchy Leaving Berlin, Stardust Youth, All is well…sogar im kunstvoll, eleganten Schwarz Weiss – eingesehen, bringt es Vorteile in diesen Audiovisuellen Zeiten Clips für You Tube, Facebook oder andere Kanäle zu erstellen?
Andy: Pop war schon immer mehr als nur Musik.

? Habt Ihr schon Auftritte im Ausland absolviert, teilweise gibt es Künstler, die dort erfolgreicher als in der Heimat sind, gab es Livekonzerte an ungewöhnlichen Orten und mit welchen Bands spielt ihr am liebsten zusammen, egal ob als Vorband oder Hauptact?
Tina: Wir haben die letzten Jahre viel im Ausland gespielt.
Andy: Ist eine Sportsbar ein ungewöhnlicher Ort?

? Der Synth Dino – Jean Michel Jarre – hat vor ca. 8 Jahren seine erste Veröffentlichung „Oxygene“ mit den Original Instrumenten aus 1976 live auf einer Tour performt, wäre das z.B. mal ein Anreiz für Euch, die ganz, alten Scheiben aus 1980 nochmal neu performed oder gar unplugged zu präsentieren?
Tina: Solange uns immer noch etwas Neues einfällt, müssen wir die alten Sachen sicherlich nicht der Fünftverwertung zuführen.
Andy: Suicide Commando auf der Akustikgitarre und im Hintergrund ein Orchester für den „Nehmt-Uns-Ernst-Wir-Können Auch-Klassik“-Anspruch?

? Zudem habe ich vor kurzem einen Liveauftritt von TOMITA aus den 70er Jahren gesehen und war erstaunt, mit welch aufwendiger Analogtechnik er damals arbeiten musste, gefällt es Euch in aktuell digitalen Zeiten besser oder sehnt ihr die „good old analog times“ zurück, die angeblich die Sounds „weicher“ machen sollen?
Tina: Ich weiß stimmstabile und programmierbare Synthesizer vor allem live zu schätzen.
Andy: Wir nutzen alles, was uns zur Verfügung steht und was uns nützt. Und mittlerweile ist die Diskussion digital vs analog auch unter technischen Gesichtspunkten im Grunde überflüssig.

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? Welche Platten oder CDs sind Eure All Time Heroes im heimischen Plattenregal?
Tina: Das wird man ja relativ häufig gefragt und jedes Mal fallen einem dann wieder andere ein, weil es so viel gute Musik gibt. Bowie, Reed, Eno und Roxy Music aber gehören auf jeden Fall zu den All Time Favorites.

? Euer ehemaliges „Walzer, Tango, Chanson“ – Projekt „Nijinsky Style“, was könnt ihr uns dazu sagen und sind Nebenprojekte generell für einen Künstler notwendig, da hier musikalisch etwas anders ausgelebt werden kann – oder braucht man die eventuell gar nicht, wenn sich solch Prozesse vielleicht sogar integrieren lassen?
Tina: „Nijinsky Style“ war kein Projekt, sondern eine Band, die wir nach der Auflösung von NO MORE 1986 gründeten. Wir hatten keine Lust mehr auf den ganzen „Schwarze Szene-Kram“ und wollten etwas vollkommen Anderes machen. Die Musik war gut, das Bandgefüge leider nicht.
Andy: Ich habe heute keine große emotionale Verbindung mehr dazu, aber ich weiß, warum wir das damals gemacht haben – machen mussten. Danach war allerdings auch erst einmal Schluss mit dem Musikmachen. Der Begriff Projekt klingt schon so hippiemäßig unverbindlich – und ist doch gleichzeitig so neo-liberal. Auch deshalb sind Projekte Blödsinn und Nebenprojekte noch mehr.
Tina: Mach’s ganz oder gar nicht.

? Eure Klänge werden als Post Punk, No Wave oder Minimal Elektro tituliert, was haltet ihr von diesen Schubladen Einteilungen und woher kommen Eure Fans?
Andy: Das sind schon mal drei Schubladen (und es gibt noch ein paar mehr); was im Umkehrschluss bedeutet, dass wir nicht eindeutig einzuordnen sind.
Tina: Und das ist sowohl gut, als auch schlecht. Das heißt, unsere Musik wird als abwechslungsreich und individuell wahrgenommen. Das Marketing ist dann eher schwierig.
Andy: Wir sind froh, dass wir in den letzten Jahren auch viele szene-unabhängige „Freunde unserer Musik“ gewonnen haben. Ich nenne sie deshalb so, weil ich den Begriff Fan nicht passend finde.

? Was sagt Ihr zum Kavaliersdelikt „CD Piraterie“ – ist es in Ordnung, wenn man von irgendwelchen Seiten das musikalische Eigentum von z. B. Superstars wie Beatles, U2, DM, Pink Floyd usw. einfach runterladen kann und – oder ist es ein Vorteil für junge und neue Bands, dadurch vielleicht überhaupt erst bekannt zu werden ?
Tina: Das neue Bands durch illegale Downloads bekannt werden, ist ein Mythos. Natürlich schlägt Piraterie bei Superstars nicht so ins Kontor wie bei einer Indieband, aber das macht es nicht besser. Und es ist auch kein Kavaliersdelikt.
Andy: Es geht nicht nur um den wirtschaftlichen Schaden bzw. um das wirtschaftliche Überleben von Musikern, sondern auch um die allgemeine Entwertung künstlerischer Tätigkeit. Warum soll ich für Musik bezahlen, wenn ich sie umsonst bekommen kann? Weil es sich sonst keiner mehr leisten kann, professionell Musik zu erschaffen!

? Wie ist Eure geschätzte Meinung zum Thema – Radiotracks – auf den Kanälen dieser Republik, kann man das beeinflussen, das auch solch Post Punk Klänge wie von NO MORE dort einmal gespielt wird, denn eigentlich wird sich ständig wiederholender Mainstream von Sony und Co. bis zum bitteren Ende durchgezogen?
Andy: Ehrlich gesagt war das früher auch nicht so viel besser, zumindest nicht in den musikalischen Bereichen in denen wir uns bewegen. Allerdings sind schon einige „specialinterest“-Sendungen dem „MusikDieNichtAuffälltZwischenWerbungUndQuizfragen“ Format zum Opfer gefallen.
Tina: Man muss sich dann eben andere Wege suchen.

? Und zum Schluss ein kleiner Ausblick : Was möchtet Ihr in der nahen oder späteren Zukunft noch mit NO MORE umsetzen und erreichen?
Tina: Noch besser werden.
Andy: Let the chips fall where they may.

(S.Ericksen)

 

 

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