VORTEX – Rockdrill (CD)

vortex rockdrillAuch wenn bereits 2010 im tiefsten US-Untergrund, mit nur insgesamt 500 bei Cyclic Law erschienen, ist mir durch geglückte Zufälle das zweite Album von Dr. Marcus Stiglegger, seines Amtes Filmwissenschaftler, Kritiker, Buchautor und Professor für Film und Fernsehen, in diesem Fall alias VORTEX in die Hände gefallen. Der umtriebige Allrounder, Herausgeber des legendären Ikonen Magazins und schon immer ein Teil der aktiven deutschen Schwarzen Szene komponiert nicht nur Filmmusik, sondern veröffentlicht in regelmäßigen Abständen Alben mit seinem Dark Ambient- & Ritual-Projekt VORTEX. Bereits sein 2008 erschienenes Debüt „Phanopoeia“ ist in der Post-Industrial-Szene positiv aufgefallen. Der intellektuelle-akademische Gestus und die zum Teil extremst sperrige Geräuschmusik haften aber auch seinem zweiten Album an. Wer Musik gerne im tiefen künstlerischen Kontext sucht und die tiefe Einarbeitung in ein konzeptionelles Werk nicht scheut, klopft hier an der richtigen Pforte.

Als Inspiration zum Werk diente dem Künstler die Skulptur „Rock Drill“ vom amerikanischen Bildhauer und Zeichner Sir Jacob Epstein, welche „ein Symbol des neuen Zeitalters darstellt und das Monster Frankenstein abbildet, in das wir uns selbst verwandelt haben.“So interpretieren Kunstkritiker die Skulptur als kritische Thematisierung mit der Mechanisierung des modernen Lebens jener Zeit. Im ersten Weltkrieg wurde die Skulptur schließlich teilweise zerstört, anschließend verlor Epstein sein Interesse daran, goss den Torso in Bronze und widmete sich fortan weiteren Projekten. Dem Betrachter gibt sie vordergründig destruktive Gefühle. Da ich aber kein Kunstkenner bin, sollte dies nur als Randnotiz zum konzeptionellen Verständnis der Platte gelten, denn die elf Stücke stehen exemplarisch als akustische Dokumente zur thematischen Rekonstruierung dieser Geschichte.

Für den Inhalt muss man sich wahrlich Zeit nehmen, Geduld mitbringen und sich voll und ganz auf das komplex Dargebotene einlassen. Die düsteren Soundflächen, die uns der Mainzer hier um die Ohren haut, sind zum Teil meditativ, minimalistisch, verstörend – manchmal auch rhythmisch, aufopferungsvoll und schwer. Mal plätschern Tropfen, mal wird es gar herbstlich-melancholisch. Es ist vor allem die intensive Hingabe zum Thema, welche hier beeindruckt. Im Stück „Canto Spoleto“ kommen gezupfte Gitarrenklänge zum Einsatz und begleiten sanft den vorgetragenen Poem. Andere Stücke wie „Spiral“ oder „Iron Cage“ klingen kosmisch fremd – entrückte Klänge mit sparsam eingesetzten Drone-Passagen. Fast wie, als ob wir die Reise durch das kreative Gehirn des Künstlers beim Erschaffen seiner „Steinmaschine“ erfühlen können. Viel mehr archaisch als heroisch.

„Rock Drill“ benötigt mehrere Hördurchgänge um alle Details, Geräusche und Samples zu erfassen und zwingt Angesteckte zur weiteren Auseinandersetzung. Es wabert und tropft, läutet und schmerzt. Vielleicht Höhlenmusik, vielleicht Atelier-Hintergrundbeschallung. Nie wirklich eingängig, aber faszinierend-bedrückend, wenn man die Fenster abdunkelt und sich wie ich, nach dem repetitiven Genuss der Platte, mit einem Kunstgeschichte-Buch an die Arbeit zur Recherche macht. Das hat Doktor Stiglegger mit VORTEX zumindest erreicht. Mein Interesse an einer mysteriösen Skulptur zu entfachen, der ein ganzes Album gewidmet ist. Wobei, das stimmt nicht – gewidmet ist das Album seiner Ehefrau! Ein neue VORTEX-Platte ist übrigens für 2016 angekündigt.

Fazit: Überdurchschnittlich promovierter Ritual-Ambient aus deutschen Landen für Kunsthistoriker und Tiefentaucher.

(Dimitrios Charistes)

Format: CD
Vertrieb: CYCLIC LAW
Mailorder: Going Underground
 

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