Konzertbericht: HAUSCHKA bei der Ruhrtriennale

hauschka fotoIm Rahmen der diesjährigen Ruhrtriennale gastierte der Düsseldorfer Pianist und Komponist Volker Bertelmann alias Hauschka im Maschinenhaus der Zeche Carl in Essen. Hauschka präsentierte dort sein 2014 erschienenes Album Abandoned Cities, das Orten gewidmet ist, die irgendwann vom Menschen aufgegeben wurden und nun sich selbst überlassen sind. Siedlungen wie der ehemaligen Walfangstation Stromness in Südgeorgien oder der kanadischen Goldgräberstadt Barkersville wird dort ebenso ein kleines Denkmal gesetzt wie dem im namibischen Diamantensperrgebiet gelegenem Elizabeth Bay. Da Hauschka nicht nur ein Meister des präparierten Klaviers sondern auch ein Meister der Improvisation ist, spielt er die Stücke seines jüngsten Longplayers nicht einfach nach, sondern nimmt sie als Ausgangspunkt für eine musikalische Reise, deren genauer Verlauf sich erst während des Abends ergibt. Nahezu jedes seiner Konzerte wird so zu einem einmaligen, unwiederholbaren Ereignis. Wie schon auf seinem Album schafft es Hauschka auch auf der Bühne, die melancholische Poesie jener Geisterstädte in Musik zu verwandeln, die wehmütigen Erinnerungen der ehemaligen Bewohner hörbar zu machen und den Empfindungen der Zurückgebliebenen oder Zurückgekehrten Gestalt zu verleihen. Aber auch die bedrohlichen Halluzinationen, die sich an vergifteten Orten wie dem in direkter Nachbarschaft zum havarierten Kernreaktor von Tschernobyl gelegenen Pripyat einstellen können, gibt Hauschka eine Form, insbesondere wenn er sein Klavierspiel ergänzt um ebenso sparsam wie akzentuiert eingesetzte Elektronikelemente, die vor allem im ersten Teil des Auftritts für ein düster-bedrohliches Hintergrundrauschen sorgen. Hauschkas Konzert fand statt innerhalb der Ruhrtriennale-Reihe „Höllenfahrten“, allerdings muss man sich fragen, ob die Höllenfahrten heute nicht doch eher in den pulsierenden Metropolen stattfinden, während die verlassenen Städte, deren besonderen Zauber Hauschka an seinem Piano beschwört, den Nährboden bilden für kommende Idyllen. Auch die ehemaligen Industriestandorte des Ruhrgebietes, die Zechen, Kokereien und Stahlwerke, waren für eine Zeit lang aufgebebene Orte: Brachgelände, über denen das Gras wuchs, bevor sie als Standorte für Konzerte, Theateraufführungen und Museen entdeckt und mit anderem Leben gefüllt wurden. Besser als jeder plüschige Konzertsaal bildete so das Maschinenhaus der Zeche Carl mit seinen kahlen Backsteinmauern den perfekten Rahmen für die Musik von Volker Bertelmann mit ihrer spröden Schönheit, die nach eineinhalbstunden eigentlich viel zu schnell verklang.

(M. Boss)

 

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