AVALON BRANTLEY – Aornos (BUCH)

image001Wenn ein Dichter aus der Zeit, in der er lebt, keine Impulse mehr für die eigene Arbeit empfängt, kann es sinnvoll für ihn sein, sich seine Inspirationen in früheren Epochen zu suchen. Diesen Weg schlägt auch Avalon Brantley mit seinem Erstlingswerk, dem Drama Aornos, ein: gestützt auf die formalen Regeln der griechischen Tragödie, führt Brantley seine Leser in das Griechenland der archaischen Ära. Hauptfigur des Stücks ist Alektor, der schwärmerische und musisch begabte Sohn eines Winzers. Getrieben von der Sehnsucht nach seiner Angebeteten, der jungen Philomena, bricht Alektor eine Geschäftsreise mit seinem Vater ab und kehrt ohne dessen Erlaubnis in die Heimat zurück. Dort erfährt er, dass Philomena während seiner Abwesenheit gestorben ist. In dem Glauben, er sei für ihren Tod verantwortlich, setzt Alektor nun alles daran, in den Hades zu reisen, um Philomena wieder in die Welt der Lebenden zu führen. Mit Hilfe der trickreichen Zauberin Kirke schafft es Alektor, in die Unterwelt zu gelangen, doch wird diese verhängnisvolle Fahrt für ihn zu einem persönlichen Desaster voller seelischer Grausamkeiten: zunächst begegnet er seinem Bruder und muss erfahren, dass er ihn, getäuscht von Kirke, eigenhändig erstochen hatte in dem Glauben, er töte ein Opferlamm. Dann trifft er seinen Vater, der bei der Suche nach seinem Sohn von Piraten ermordet wurde. Schließlich findet er Philomena, die ihm eröffnet, dass sie ihn nie geliebt habe und auf dem Weg zu ihrem wahren Geliebten tödlich verunglückt sei. Gebrochen kehrt Alektor in die Welt der Menschen zurück. Dem Wahnsinn verfallen, gibt er nur noch Krählaute von sich und macht damit seinem Namen alle Ehre, ist Alektor doch das altgriechische Wort für ‚Hahn‘.
Die mythologischen und literarischen Vorbilder, auf die Brantley sich bezieht, sind offenkundig: die Geschichte von Orpheus und Eurydike vor allem, aber auch Odysseus‘ Fahrt in die Unterwelt, von der Homer im 11. Gesang der Odyssee berichtet. Unwillkürlich fällt einem aber auch Hölderlins Hyperion ein, dessen Geliebte Diotima tatsächlich an gebrochenem Herzen stirbt. In einem ebenso kunstvollen wie altertümelnden Englisch beschwört Brantley das archaische Griechenland mit seinen auf der Erde wandelnden Göttern und den blutigen Opfern, die ihnen die Menschen darbringen mussten. Alektors Reise in das Totenreich wird zu einer Reise in die Abgründe der menschlichen Seele, und bei der Darstellung der erschütternden Erlebnisse des jungen Helden braucht Brantley den Vergleich mit Aischylos und Sophokles nicht zu scheuen. Und wenn er zu Beginn seines Stückes den Gott Dionysos auftreten lässt, der in einem Monolog die Handlung des Dramas erzählt, bewegt Brantley sich in der Tradition der Tragödien des Euripides.
Während der kulturhistorische Kontext, in dem Aornos wurzelt, recht offenkundig ist, bleibt der Autor des Buchs selbst ein Rätsel. Sein deutscher Verleger Jonas Ploeger vermutet hinter dem schön gewählten Pseudonym Avalon Brantley einen namhaften Phantastik-Autor, letzte Antworten bleibt dieser jedoch schuldig und verschanzt sich lieber hinter mysteriösen und anspielungsreichen Aussagen zu seiner Person. So ist immerhin zu erfahren, dass Brantley sich selbst vor allem als Verfasser von phantastischer Literatur betrachtet und die Beschäftigung mit Geschichte, Mythologie und Okkultismus zu seinen besonderen Vorlieben gehört. Als wesentliche literarische Einflüsse für seine Arbeit benennt er antike Klassiker wie Homer und Vergil ebenso wie eine illustre Reihe europäischer Dichter, die von Dante und Milton über Shelley, Lord Byron und Yeats bis zu Dylan Thomas und James Joyce reicht, um nur einige zu nennen. Zu seinen bevorzugten Autoren der Phantastik zählt er u.a. Arthur Machen, C.S. Lewis, M.R. James, Ray Bradbury und Reggie Oliver.
Aornos ist ein Gemeinschaftsprojekt der Verlage EX OCCIDENTE PRESS (Bukarest) und ZAGAVA BOOKS (Düsseldorf). Wie alle ihre bisherigen Veröffentlichungen ist auch dieser Band eine bibliophile Kostbarkeit: aufwendig gestaltet und mit Illustrationen versehen, sorgfältig verarbeitet und nur in einer limitierten Auflage gedruckt spiegelt es die Absicht der Verleger wieder, Bücher für ein das Besondere schätzende Publikum von Sammlern zu schaffen. So möchte man sich einerseits von den billigen Produkten des Massenmarktes abgrenzen, andererseits aber auch die hohe Kunst des Büchermachens lebendig erhalten. Äußere Form und Inhalt sollen dabei eine symbiotische Einheit bilden. Mit Aornos ist dies in vorbildlicher Weise gelungen, und so verwundert es nicht, dass Avalon Brantley auch sein neuestes Werk Descended Suns Resuscitate, eine Sammlung phantastischer Erzählungen, dem rumänisch-deutschen Verleger-Duo anvertraut hat.

(M. Boss)

Format: BUCH
Vertrieb: Zagava Books Düsseldorf
 

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