SANKT OTTEN – Interview

SANKT OTTEN ist eine elektronische Formation, die ursprünglich von Mastermind Stephan Otten als Soloprojekt gegründet wurde und aus hiesigen Landen kommt, nämlich aus Osnabrück. Das heutige Duo – verstärkt durch Oliver Klemm – wurde im Jahr 1999 gegründet und erzeugt atmosphärisch melancholische Elektroklänge, die mir hörbaren Einflüssen der Berliner Schule (Tangerine Dream) versehen wurden und driften dadurch stark in den Trip Hop/ Ambient Bereich ab! Die Veröffentlichungen von SANKT OTTEN tragen solch opulente und romantisch verklärte Titel wie „Eine kleine Traurigkeit“ oder „Gottes Synthesizer“ und “Stille Tage im Klischee“, zudem traten Gastmusiker wie Jaki Liebzeit und Harald Großkopg bei ihnen auf. Ich traf die beiden nun bei einem Konzert in Osnabrück und durfte gleich mal ein paar Fragen stellen, viel Spaß.

? Hallo Stephan, ich hatte zur Einstimmung noch diese Tage Euren Auftritt beim Electronic Circus Festival in Gütersloh Revue passieren lassen und habe Euch in Eurer Heimatstadt Osnabrück zum Gig live besucht, habt Ihr spezielle Konzepte zu Euren emotional und energiegeladenen Live-Auftritten geplant oder lasst ihr es einfach „fließen“ ?

Da wir bei unserer Live-Umsetzung nur vier Hände zur Verfügung haben, sind wir, was „freies Spielen“ angeht, recht eingeschränkt. Wir stellen aber individuell zu jedem Konzert ein spezielles Programm zusammen. Je nach Feedback vom Publikum wird gerne auch spontan die Titelauswahl noch während der Show verändert, aber sonst ist alles doch schon recht durchgeplant bei uns.

? Wie ist bei Euch zweien der Einstieg zur „Droge“ Musik entstanden, wie und wann habt Ihr zur elektronischen Musik gefunden, da Ihr ja nun auch schon seit 1999 synthetische Klänge zaubert – habt Ihr zudem eine musikalische Ausbildung genossen?

Das Wort Droge trifft es schon richtig. Ich persönlich mache schon seit 30 Jahren Musik. Oli und ich haben auch schon vor SANKT OTTEN zusammen Musik gemacht. Ab Anfang der 90er waren wir mit einem anderen Projekt in Richtung Post/Noise-Rock unterwegs. Oliver hat damals Bass gespielt und ich habe getrommelt und gesungen. Ich bin Autodidakt, aber Oli hat es mal „richtig“ gelernt und er gibt selbst heute Unterricht an der Gitarre.

? Welche musikalischen Einflüsse und Inspirationen sind es, die Euch zum Musikmachen motivieren und haben sich hierbei Eure Musikausrichtung und elektronischen Sounds über die Jahre weiterentwickelt, teils sicherlich auch der neuen Technik geschuldet ?

Ja, bis Ende der Neunziger waren wir mehr im handgemachten Rock Zuhause. Damals gab es dann die Möglichkeit mit einfachen und günstigen technischen Mitteln selbst am Computer aufzunehmen. Vorher musste mal halt für brauchbare Aufnahmen erst in Studio gehen. Das war auch die Inspiration und der Anfang von SANKT OTTEN. Ich habe zu der Zeit (Album „Eine kleine Traurigkeit“) die Tracks in der Hauptsache aus Audiosamples zusammengebaut. Midi kam da noch gar nicht zum Einsatz. Jetzt reizen wir die Softsynth aus, bis der Arbeitsspeicher vom Computer in die Knie geht.

? Die gelungenen Cover Artworks Eurer Veröffentlichungen passen meiner Meinung nach gut zu Eurer Musikausrichtung und ebenfalls zu den Themen der Platten/ CDs – seid Ihr hier selbst der kreative Part?

Danke. Für die letzten drei Alben hat uns der spanische Maler Salustiano (www.salustiano.com) mit seinen wunderbaren Bildern für die Cover unterstützt. Darauf sind wirklich stolz. Salustiano verkauft sonst seine Bilder schon zu ansehnlichen Sümmchen in diversen Galerien. Das gesamte Albumkonzept gestalten wir aber selbst. Unser Label DENOVALI legt sehr großen Wert auf speziell aufgemachte Veröffentlichungen, was uns sehr entgegen kommt. Es gibt kaum noch Label, die Alben z.B. Doppel-Vinyl Alben mit Gatefold-Covern veröffentlichen. Ich finde, sonst wird im Bereich der Elektronischen Musik leider dem Artwork zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Wir wollten eben nicht das x-te Cover mit Weltraum und Raumschiff-Motiven veröffentlichen.

? Erklärt uns doch bitte das Konzept der letzten Veröffentlichung “ Messias Maschine “ – aus 2013 – wieviel Arbeitszeit wurde für das tolle Album investiert und wie läuft der Entstehungsprozess inkl. Studioarbeit bei Euch ab?

Generell brauchen wir knapp ein Jahr, bis wir ausreichend Material für ein Album haben und damit zufrieden sind. Bei der MESSIAS MASCHINE spielt fast bei jedem Song ein Gast mit. Das zu koordinieren war natürlich zusätzlich nicht ganz so einfach. Idee war, Gäste einzuladen, von denen wir selbst auch „Fan“ sind. Teilweise haben wir Sie persönlich im Studio besucht und zusammen etwas aufgenommen. Anderen haben wir Aufnahmen geschickt und Ihren völlig freie Hand gelassen, hierzu etwas aufzunehmen.

? Wie wurde die Auswahl der Gastmusiker auf diesem tollen Album der „Tradition und Moderne“ festgelegt, auf dem ihr ja doch ein klein wenig neue „Krautrock“ Wege geht?

Wir wollten „Alte Helden“ wie z.B JAKI LIEBEZEIT oder HARALD GROSSKOPF aber auch jüngere Akteure, wie z.B. ULRICH SCHNAUSS oder CHRISTOPH CLÖSER von BOHREN & DER CLUB OF GORE verbinden. Durch diese Mischung sollte einfach ein abwechslungsreiches Album entstehen.

? Als ich zum ersten Mal mit Eurem sehr eigenwilligen Bandnamen SANKT OTTEN in Berührung kam und dann noch den wunderbaren Titel der Platte aus 2011 – „Gottes Synthesizer“ nachlas, dachte ich tatsächlich zuerst an eine christliche Musikcombo – welcher Art auch immer, wie kam es zu dem außergewöhnlichen Gruppennamen und den ebenso auffälligen und kreativen Titeln Eurer Veröffentlichungen?

Der Bandname ist quasi nur die eine Abkürzung meines Namens (STEPHAN OTTEN = ST. OTTEN). Ich hatte damals das ganze als Solo-Projekt gestartet und wir sind bis heute bei dem Namen geblieben. Wir haben ein Faible für Songtitel mit klerikalem Anstrich (Es ist nicht alles Gott was glänzt/ Wir sind Deine Propheten / Auf Sünde folgt Strafe / Da kann selbst Gott nur staunen), was bei dem Bandnamen ja naheliegend ist. Was aber in keiner Weise mit einer besonderen Sympathie mit der christlichen Kirche zu tun hat. Ganz im Gegenteil. Wir hatten schon immer eine Vorliebe für ausgefallene Titel und kleine Wortspielereien. Wenn man instrumentale Musik macht, kann man dem Hörer hiermit eine schöne Vorlage geben, um sich selbst eine Geschichte zu jedem einzelnen Titel zu erdenken. Allerdings muss man sagen, den Humor vergessen wir auch bei der Sache nicht ganz.

? Und vor wir grad dabei sind, wie ist Eure Meinung zum Thema – Musik-Piraterie – oder ist das in Ordnung, wenn man Eigentum von Superstars wie oben genannt von irgendwelchen Seiten herunterladen kann und was sollte eine CD im Gegenzug aktuell kosten, um den Verkauf anzukurbeln?

Ich persönlich habe mir das illegale Downloaden schon lange abgewöhnt. Speziell kleine Künstler und Bands können jeden Cent gebrauchen. Selbst bei den großen Acts ist das nicht OK. Ich denke, es sind nicht unbedingt die CD-Preise, die ein Problem sind. Man muss dem Hörer einfach einen guten Grund geben, einen Tonträger zu kaufen. Unser Label macht das z.B. mit den tollen Vinylausgaben mit kostenlosem Mp3-Code schon richtig. Die Verkäufe bestätigen das auch. Das hat mal für sein Geld auch etwas in der Hand.

? Noch etwas zum Thema Musikvideos – selbst von Euch gibt es da eine ganze Menge auf Youtube – ich genieße gerade Euer Clipvideo „Da kann selbst Gott nur staunen“ – bringt es Vorteile in diesen audiovisuellen Zeiten Clips für YouTube oder andere Kanäle zu erstellen?

Ja, ich denke, hier und da wird man selbst als unbekannter Künstler schon mal dort gefunden. Ich selbst nutze es auch dafür, mir mal einen kurzen Eindruck über eine Band zu verschaffen, über die ich etwas gehört habe, und über die ich mich weiter informieren möchte.

? Habt Ihr auch schon Auftritte im Ausland absolviert, teilweise gibt es Künstler, die dort erfolgreicher als in der Heimat sind ?

Ja, wir haben auf jeden Fall mehr Hörer im Ausland als Zuhause. Ich denke, USA und England sind da am wichtigsten für uns. Wir haben mal in Istanbul und einige Termine in Belgien gespielt. Das ist aber schon alles. Wir touren aber eh nicht so viel.

? Welche Technik/ Synthesizer habt Ihr am Anfang Eures Schaffens eingesetzt und welche Instrumente sind heute Eure Favoriten, nehmt Ihr die Samples selber auf und wie verplant Ihr diese dann aktiv in Eurem Klanggerüst einzusetzen?

In den Anfangsjahren haben wir komplett ohne Synties gearbeitet. Wir haben die Tracks ausschließlich aus Samples zusammengebaut und dann Gitarren und Schlagzeug hierzu aufgenommen. Wir haben damals viel mit Samples aus dem Klassischem Bereich gemacht. Heute nutzen wir überhaupt keine Samples mehr und programmieren oder spielen alle harmonischen Sachen selbst am Computer.

? Der „Dino“ der Synthesizer – der Franzose Jean Michel Jarre – hat vor ca. 7 Jahren seine erste Veröffentlichung “Oxygene“ mit den Original Instrumenten aus 1976 live auf einer Tour performt, wäre das mal ein Anreiz für Euch, z. B. die „Stille Tage im Klischee“ oder „Eine kleine Traurigkeit“ live zu präsentieren ?

Die “Oxygene“ – Neuvertonung finde ich gelungen. Unsere frühen Sachen reizen uns aktuell allerdings nicht sonderlich. Die sind musikalisch auch zu weit entfernt von unserem aktuellen Sound. Das erste Album war ja noch mit deutschsprachigem Gesang. Wir werden erstmal instrumental bleiben.

? Teilweise steht man in Studios von Ambientmusikern vor einem Arsenal von Synth und Drumcomputer, sowie Sequenzer Hardware, wie sieht es bei Euch aus und mit welcher Software arbeitest Ihr am liebsten, welches System benutzt ihr für das Recording im Studio ?

Wir arbeiten ausschließlich mit ABLETON LIVE. Damit kommen wir für unsere Zwecke bestens klar. Unser damaliger Bassist Volker hat auch bei der Entwicklung der Software mitgearbeitet, da sind wir hierbei hängen geblieben.

? Wird im Studio bei Euch viel herum experimentiert und getestet?

Wir brauchen recht lang, bis wir mit einem Sound zufrieden sind. Da wir gerne z.B. stundenlang an einem Flächensound gedreht, bis wir zufrieden sind. Generell sollen unsere Sounds und Songs „berühren“ und einen leicht melancholischen Anstrich haben.

? Was könnt Ihr uns zu eventuellen Nebenprojekten sagen. Auf der aktuellen Veröffentlichung habt Ihr Euch ja musikalisch schon etwas anders ausgelebt – braucht man eventuell überhaupt keine Nebenprojekte, wenn sich solch Prozesse vielleicht sogar integrieren lassen?

Oliver spielt noch Gitarre bei PHILLIP BOA AND THE VOODOOCLUB, damit der Kühlschrank voll wird. Ich beschränke mich komplett auf SANKT OTTEN. Mehr ist zeitlich auch nicht drin.

? Einige Musiker arbeiten auch in diesen Zeiten mit analogen Synthies anstatt mit digitalen Computern und Software, seid Ihr auch der Meinung das analoge Sounds wärmer klingen und somit durchaus eine wichtige, emotionale Komponente in der elektronischen Musik darstellen, teils werden neue technologische Entwicklungen für den Verlust von Kreativität verantwortlich gemacht?

Die alten Kisten klingen schon gut, keine Frage. Ob sie nun wirklich „emotionaler“ klingen, ist wohl quatsch. Es kommt darauf an, was man aus einem Gerät raus holt. Emotionalität hat nicht immer etwas mit Kreativität zu tun. Es ist natürlich heute einfacher geworden Musik zu erzeugen und aufzunehmen. Gerne kann heute Musik schnell am PC zusammenbauen. Dadurch kommt auch vieles Neues raus, was belanglos ist.

? Stehen bei Euch im Studio noch etwaige Klassiker an Hardware von Moog, Korg usw. – wie steht ihr zu kopierenden, virtuellen Instrumenten und was haltet ihr von Software Synthesizern?

Viele glauben es uns nicht, aber wir arbeiten ausschließlich mit Soft-Synth. Wir haben zwar einen Roland Juno 106. Den nutzen wir allerdings bisher nur Live. Wir kommen mit Vst-Synth bestens klar. Das arbeiten hiermit ist einfach und effektiv.

? Was sind im Plattenregal zuhause Eure „All Time Heroes“ und was war die erste und letzte Scheibe, die Ihr gekauft / bzw. downgeloaded habt?

Meine letzte Scheibe war PSYCHIC von DARKSIDE. Ich glaube Olis ist es die neue von BOARDS OF CANADA. Zu unseren Top – Alben aller Zeiten gehören: Shellac – At Action Park, Kraftwerk – Computerwelt, King Crimson – Red, Ashra – New Age Of Earth, Bohren & der Club of Gore – Black Earth

? Welche Limitierung erfahrt ihr aufgrund der technischen Möglichkeiten, was würdet ihr als Entwicklung für die Zukunft wünschen?

Wir brauchen nichts an neuer Technik. Wir haben nicht den Tick immer die neuesten Synth haben zu müssen. Ich spiele auf einem E-Drum aus Mitte der Achtziger. Das Ding funktioniert noch immer und ich habe keinen Anlass es auszutauschen. Oli kauft sich dann und wann mal eine neue Gitarre, aber das sind dann auch eher Vintage-Modelle.

? Und zum Schluss, ein kleiner Ausblick: Was möchtet Ihr in der nahen oder späteren Zukunft noch mit Euren musikalischen Projekten umsetzen und erreichen?

Wir arbeiten gerade an einem Konzept zum nächsten Album. Es ist noch völlig offen, in welche Richtung es gehen wird. Es wir aber auf jeden Fall anders werden. Wir lassen uns selbst überraschen. Zwischendurch haben wir gerade ein paar Remixe für andere Künstler in Arbeit.

Foto 1: Markus Werner, Foto 3+4: Sascha Göpel

(Sven Ericksen)

 

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