“Wie hört sich Koblenz an?“ – Christopher und Maik von /ˈnɔɪzɪz/ im Gespräch

Nischen besetzen oder von in Nischen Heimischem besetzt sein – hier entspinnt sich der alten Faden Subkultur. Da fällt es in den Zentren weniger ins Gewicht, wenn hie und da mal ein Faden reißt, schließlich wurden immer mehrere nebeneinander gesponnen. In der Peripherie sieht dies anders aus. Reißt dort solch ein Strang, findet oftmals keine Wiederaufnahme oder Neuverknüpfung statt. In einigen Ecken gar wurden bislang keine Fäden gesponnen. In Koblenz beispielsweise. Daran muss etwas geändert werden, dachten sich Maik und Christopher. Sie gründeten die Initiative /ˈnɔɪzɪz/ und legten los. Dass sich dabei interessante Geschichten anhäufen, Blickwinkel verschieben und Fragen nach dem Sound einer Stadt stellen, zeigt das nun folgende Gespräch.

? Was verbirgt sich hinter Eurer Veranstaltungsreihe /ˈnɔɪzɪz/?

Maik: Die ganze Initiative ist entstanden, als wir als Studierende der Kulturwissenschaft im letzten Jahr ein Festival zur interkulturellen Bedeutung des Hörens veranstalteten, damals noch mit einem Fokus auf Musik als Phänomen der Globalisierung. /ˈnɔɪzɪz/ versteht sich mittlerweile als ein Veranstaltungskonzept, bei dem es darum geht auf auditive Weise Kultur zu vermitteln. Dabei liegt der Fokus natürlicherweise auf Musik und darauf diese gesellschaftlich und kulturell zu kontextualisieren, aber auch andere klangliche Kulturphänomene finden dabei Beachtung, wie man z.B. in der vierten Veranstaltung, die sich thematisch mit akustischer Wahrnehmung von Kulturphänomenen beschäftigt, erfahren kann. Das Ganze realisieren wir, indem Konzerte/Performances mit multimedialen Vorträgen verbunden werden. Letztere nennen wir gerne auch DJ-Lectures, da hier ein Schwerpunkt auch die Klangbeispiele sein sollen.

Christopher: Ein Problem unserer Kultur ist, dass sie stark visuell dominiert ist. Das merkt man als Student auch in der Wissenschaft. Sie versucht meist alle Sinneseindrücke – natürlich vergeblich – in Text zu übersetzen. Deswegen haben wir für unseren Projektnamen auch Lautschrift gewählt, da sie besonders auf das Hören verweist. Umgekehrt werden etwa Konzerte selten in einen größeren Rahmen gesetzt. Den Kontext gibt es allerdings immer und nicht nur in der klassischen ‚Musik’ – was für jemand anderen vielleicht ‚Lärm’ ist – sondern auch der ‚Stille’ eines Flussufers. Und da kommen wir ins Spiel und wechseln immer wieder Locations, Präsentationsformen und zeitgenössische Themen jenseits von Hochkultur und Mainstream. Und das ohne Eintritt.

? Die erste Veranstaltung hat ja bereits schon stattgefunden: „Remix/Sampling“. Erzählt doch kurz darüber, wie die Veranstaltung verlaufen ist?

Maik: Richtig, die erste Veranstaltung zum Thema: „Remix/Sampling“ hat im April stattgefunden. Insgesamt waren wir sehr zufrieden mit dem Abend. Georg Fischer, Diplom-Soziologe aus Berlin, hat einigen interessierten Ohren die Kulturgeschichte der Remix und Sampling Kultur erklärt – anschließend gab es noch den Film „RIP-A Remix Manifesto“ zu sehen und bei der Silent Disco wurde dann verschiedene elektronische Musik, die ja auch hauptsächlich samplebasiert ist, aufgelegt. Wir haben auch von den Anwesenden einiges an positivem Feedback bekommen und hoffen, dass das bei den folgenden Veranstaltungen ebenso sein wird.

Christopher: Für alle, die nicht da waren: Georgs Diplomarbeit kann man sich wie einiger seiner Mixes über seinen Blog (http://jaegerundsampler.wordpress.com) herunterladen. Das Thema werden wir demnächst auf unserer Homepage (www.noises.de) auch noch etwas nachbereiten.

? Am 22. Mai wird im Jam Club Koblenz um 20:00 Uhr der nächste Abend in eurer Reihe mit dem Thema „Drone“ stattfinden. Dort soll Till Kniola ein DJ-Set im Anschluss an einen Vortrag darbieten. Am Abend steht dann ein Konzert von N an. Dazu möchten wir zunächst gern wissen, was interessiert Euch persönlich an Drone-Musik?

Maik: Was Drone so interessant macht, ist, dass er so ganz anders als die meiste auf Rhythmus fokussierte Musik ist. Statt mitsummbarer Melodien werden Klangwände oder Klanglandschaften aufgebaut, von denen man sich entweder – quasi als Ambient-Background – berieseln lassen kann oder in die man sich aktiv reinhören kann, eintauchen kann. Auf den ersten Blick mag es eine Musik sein, in der wenig oder nichts zu passieren scheint, aber wenn man genauer hinhört, dann passiert da schon eine ganze Menge. Dass einem das meist zu Beginn nicht auffällt, liegt denke ich daran, dass es bei Drone vielmehr um Texturen oder Muster geht, worauf man sonst eher weniger achtet. Aber es gibt ja auch unglaublich viele Variationen von Drone.

? Spielt Ihr mit Gedanken von Genrebezeichnungen oder anders gefragt, was versteht Ihr unter Drone?

Maik: Jetzt habe ich wohl eben schon ein wenig vorweggegriffen. Ich würde auf jeden Fall sagen, dass ich es für sehr problematisch halte, Drone als ein Genre zu verstehen. Denn die vergleichsweise eher fordernden Stücke eines Phil Niblock, der ja eher aus einem klassisch akademischen Umfeld kommt, mit den melodiösen Tracks eines Tim Heckers, welcher ja seinen ersten Durchbruch mit dem Minimal-Projekt Jetone hatte, zu vergleichen… das wirkt doch etwas heikel. Vor allem, wenn man dann noch an die schmetternden E-Gitarren von Nadja oder Sunn O))) denkt. Mit Drone würde ich also vielmehr einen Klangansatz bezeichnen, der vorwiegend das Entschleunigte oder Repetitive einbezieht. Vor allem aber denke ich, dass man Drone nicht mit „Dröhnen“, sondern mit dem musikalischen Fachbegriff „Bordun“ (über längere Zeit gehaltener Ton) übersetzen muss. Das Wort „Dröhnen“ bringt meiner Meinung nach direkt eine Lärmassoziation mit, die dem häufig auch entspannenden Drone nicht gerecht wird und wenn, dann nur Teilbereichen, wie dem Drone Doom, der Drone-Variante des Doom Metals. Es gibt ja aber auch Drones vollkommen außerhalb der sogenannten Drone-Musik, z.B. die elektrische Viola in „Heroin“ von The Velvet Underground, welche praktisch die meiste Zeit auf dem gleichen Ton verharrt (– mal abgesehen von dem eher freien Spiel der Viola am Ende des Songs). Oder natürlich in der indigenen Musik, wie z.B. der Kehlkopfgesang oder diversen Instrumenten wie dem indischen Tanpura oder dem Didgeridoo.

? Am 22. Juni ist dann um 20:00 Uhr auf dem Unicampus der Schwerpunkt „Weltmusik 2.0“. Erzähl doch unseren Lesern kurz, wie sich dieser Abend gestalten wird.

Christopher: Die kommerzielle Genrebezeichnung ‚Weltmusik’ für Musik der ‚Dritten Welt’ ist heikel. Der Musikethnologe Thomas Burkhalter aus Bern wird dem in einer DJ-Lecture sein überarbeitetes Konzept einer Weltmusik 2.0 gegenüberstellen. Im Anschluss wird das amüsante Pidgin-Musical Coz Ov Moni (2011) von und mit den aus Ghana stammenden Rappern FOKN BOIS vorgeführt. Das ausgedehnte Musikvideo folgt dem sarkastischen Duo an einem ereignisreichen Tag in ihrer Landeshauptstadt Accra. Als Norient Sounds rundet Thomas den hoffentlich lauen Sommer-Abend später dann mit einem DJ-Set ab. Unsere Zuhörer will er damit nicht nur zum ausgelassenen Tanzen einladen, sondern auch die weltweit vernetzte Musiklandschaft in ihren lokalen Variationen hörbar machen.

? Seinen Abschluss findet Eure Reihe am letzten Juliwochenende mit dem Workshop „Akustische Wahrnehmung“. Was genau soll/kann da passieren?

Christopher: Die zugrundliegende Frage lautet: Wie hört sich Koblenz an? Sie soll langfristig durch eine Soundmap und Compilation mit Aufnahmen der uns umgebenden akustischen Umwelt beantwortet werden. Der erste Schritt in die Richtung ist dabei ein Wochenend-Workshop mit dem aus dem Raum Frankfurt stammenden Klangkünstler Lasse-Marc Riek, der auch das Label Gruenrekorder mitbegründet hat. Nach einer kurzen theoretischen Einführung in die Geschichte des Hörens geht es vor allem um das praktische Erfahren des Hörsinns. Und zwar durch Soundwalks mit verbundenen Augen sowie die Aufnahme und Bearbeitung von Klängen.

? Alle Veranstaltungen finden an verschiedenen Orten statt. Steckt dahinter ein spezieller Plan?

Maik: Die Idee dahinter ist einerseits möglichst zu den Themen passende Locations zu finden und andererseits durch den Wechsel mit verschiedenen Menschen zu kooperieren und in Kontakt zu kommen. Wir wollen auch nicht isoliert in einer Location stranden, sondern als Projekt mit verschiedenen Elementen der Stadt interagieren.

Christopher: Verschiedene Locations haben verschiedene Stammpublika. Und den digitalen Raum gibt es auch noch…

? Ihr arbeitet ja mit verschiedenen Labels und Verlagen zusammen. Nach welchen Kriterien sucht Ihr diese aus?

Maik: Wichtig ist uns dabei, dass die gewählten Labels und Verlage Musik nicht als Ware verstehen, die an den Menschen gebracht werden soll, sondern als Kultur- und Kunstobjekt, durch welches der Musiker sich ausdrückt und so auch in Kommunikation mit dem oder der Hörenden tritt. Auch wollen wir breitgefächert arbeiten und bevorzugen somit Labels, die ebenfalls nicht engstirnig vorgehen, sondern über Grenzen hinweg denken und wo z.B. Hardcore Punk, moderne alternative Klassik und elektronische Musik wie selbstverständlich nebeneinander stehen. Oder aber Labels, die nicht unbedingt Genre-Grenzen überschreiten, sondern die Grenze von dem, was Musik überhaupt ist, hinterfragen und so auch Naturgeräuschcollagen oder sehr experimentelle Ansätze veröffentlichen. Was die Verlage angeht, so sollten diese die Musik auch in einem weiten Rahmen behandeln und eben kulturelle Hintergründe beleuchten oder ungewöhnliche Phänomene der Musikkultur aufzeigen.

Christopher: Themengemäß haben wir bisher eher mit Labels zusammengearbeitet. Beim Festival haben wir ihnen dann in Labelrooms wortwörtlich Raum gegeben – für Sounds und zugehöriges Artwork. Publikationen sollten vor allem bildreich sein, da dies akustischer als Text ist. Oder Tonträger enthalten. Wer nur über Ton schreibt statt mit ihm zu arbeiten, hat etwas nicht verstanden. Eine interessante Schnittstelle für die Zukunft sind in diesem Zusammenhang Lesungen, bei denen nicht einsam und still rezipiert wird, sondern gemeinsam, und man ins Gespräch kommt.

? Eure Initiative ist in der Region rund um Koblenz tätig, sicherlich nicht gerade das Kernland pulsierender Subkultur. Geht es Euch auch um eine Vitalisierung der Region?

Maik: Genau das ist der springende Punkt! Die anderen größeren Städte, welche noch halbwegs in unserer Nähe liegen, wie Köln, Frankfurt oder Mainz, haben bereits ein breites subkulturelles Angebot von alternativer bis experimenteller Musik und den verschiedensten Subgenres. Durch überregionale Impulse möchten wir die Region mit subkulturellen Elementen bereichern und vielleicht auch für Leute interessant machen, die sonst nicht für ein Konzert nach Koblenz gefahren wären.

Christopher: Ich habe mir tatsächlich überlegt, ob ich für meinen Master in eine andere Stadt ziehen möchte. Und habe mich nun dazu entschieden eher hier etwas aufzubauen, statt woanders passiver zu konsumieren. Hinter der Musik verbirgt sich ein riesiger auch infrastruktureller Kontext, den man teilweise erst schaffen und für seine Notwendigkeit sensibilisieren muss.

? Kann in diesem Kontext Provinz auch Vorteil sein?

Maik: Ja, das denken wir durchaus. Gerade weil man nur teilweise auf Vorhandenes zurückgreifen kann, gibt es so viel Potential komplett Neues zu schaffen. Man muss sich also nicht unbedingt in festgefahrenen Strukturen bewegen. Aber wir wollen auch sehr gerne, wie ich weiter oben bereits sagte, mit Etabliertem kooperieren.

Christopher: Das ist allerdings leider gerade zu Beginn furchtbar anstrengend…

? In Eurem Selbstverständnis gebt Ihr an, dass Ihr auf Eintrittsgelder verzichtet. Wie finanziert Ihr Euch in all jenen Feldern, die über die gute alte Selbstausbeutung hinausgehen?

Maik: Da wir auf Eintrittsgelder verzichten, müssen wir auf andere Geldquellen zurückgreifen. Hier müssen wir sagen, dass das Ganze wohl nicht ohne die finanzielle Unterstützung unserer Sponsoren möglich wäre. Das wären zurzeit einmal die Allgemeinen Studierenden Ausschüsse der Hochschule und der Universität Koblenz, der Fachbereich „Philologie/Kulturwissenschaften“ der Universität Koblenz und deren Vizepräsident, das Studierendenwerk Koblenz, die Landesarbeitsgemeinschaft Rock & Pop sowie die Kevag. Auch über jede private Spende bei unseren Events, so klein sie auch sein mag, freuen wir uns!

Christopher: Da Zeit auch Geld ist investieren wir persönlich auch viel davon und können wenig auslagern.

? Was würdet ihr gern am Ende dieser Reihe über diese sagen können? Was wünscht ihr euch in diesem Zusammenhang?

Maik: Ich hoffe, dass wir mit unserer ersten Reihe – denn das Projekt soll im Winter dann mit einer zweiten Ausgabe fortgesetzt werden – einigen Leuten neue, interessante Musik näherbringen konnten und auch das schon Bekannte mit neuem Hintergrundwissen vielleicht in ein anderes Licht rücken konnten. Ich wünsche mir natürlich auch, dass es allen Beteiligten, sowohl den Künstlern und Vortragenden, als auch dem Publikum, schlicht und einfach Spaß macht und wir die Region doch wenigstens ein bisschen bereichern konnten.

Christopher: Abgesehen davon haben wir natürlich selbst auch das eine oder andere mitgenommen.

? Möchtet ihr zum Abschluss unseren Lesern noch die ein- oder andere Hörempfehlung mit auf dem Weg geben?

Maik: Auf der einen Seite würde ich unseren Veranstaltungsthemen entsprechend einmal Girl Talk bezüglich Remix/Sampling (http://illegal-art.net/girltalk/) empfehlen, dann natürlich N als Drone-Musiker (www.n-1511.de)sowie FOKN BOIS als Beispiel für „Weltmusik 2.0“ (http://foknbois.bandcamp.com/) und Gruenrekorder (http://www.gruenrekorder.de), das Label von Lasse-Marc Riek. Außerdem möchte ich auf Labels hinweisen mit denen wir bereits kooperiert haben, wie z.B. aufabwegen (www.aufabwegen.de), Denovali Records (http://denovali.com/) und Touch (http://www.touchmusic.org.uk/).

Christopher: Die Labels möchte ich noch um Awesome Tapes From Africa (http://awesometapes.com) und Syrphe (http://syrphe.com) ergänzen. Brian Shimkovitz legt mittlerweile nicht nur mehr zeitgenössische Musik aus Afrika auf sondern (re-)released sie auch. Syrphe veröffentlicht vorwiegend aber nicht ausschließlich Künstler verschiedenster Genres aus Afrika und Asien. Ein paar Dokus – Film ist schließlich auch ein akustisches Medium –, die wir präsentierten, kann ich auch noch sehr empfehlen: Ears Are Dazzled, Touched By Sound (http://vimeo.com/15319022) von Amanda Belantara ist recht experimentell und thematisiert Alltagsgeräusche. In Rapresent (http://vimeo.com/5227124) von Ivana Todorovic geht es um die Bedeutung von Hip-Hop im Leben eines obdachlosen Jugendlichen in Belgrad. Und Temporary Sanity: The Skerrit Bwoy Story (http://vimeo.com/9509760) von Dan Bruun taucht in die New Yorker Dancehall-Kultur ein. Girl Talk ist auch Protagonist in Brett Gaylors RIP: A Remix Manifesto (http://ripremix.com).

(D.L., S.L.)

 

 

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