JEROME LONGHI – Sonameon, TALVIHORROS – Eaten Alive

JEROME LONGHI – Sonameon (12″, Empiric Records)

Vom visuellen Äußeren unspektakulär, schleicht sich „Sonameon“ über einen geisterhaft skelettierten Beginn aus Rhythmusandeutung, Klaviersprengseln und einer irgendwie fast wie von dunklen Erscheinungen gequält erscheinenden, auch noch fragmentierten Stimme in eine flirrende Unwirklichkeit. Die ihre atmosphärische Anziehungskraft dem eher intuitiv fühlbaren als tatsächlich so hörbaren Kontrast zwischen vorn im Hörraum stehenden instrumentalen Hauptdarstellern (und ihren Rollen) sowie ganz weit dahinter agierender Mikrodetails verdankt, die, um bei dem Bild zu bleiben, weit mehr sind als bloße Statisten. Dieser erste Teil von „Sonameon“ verdichtet sich dann aus den Andeutungen des Beginns hin zu einer Atmosphäre von Erwartung und Abwarten; wie eine Filmszene, in der die Darsteller das Gefühl vermitteln (sollen), das da etwas Entscheidendes in der Luft ist, der Regisseur aber (vorher) beschlossen hat, dies aus dramaturgischen Gründen in der laufenden Szene eben noch nicht aufzulösen… Das auch auf Seite B so genannte „Sonameon“ ist dann diese zweite Szene, zumindest teilweise: oder, besser, die Überleitung dazu; wie eine Fahrt der Akteure zum Ort der kommenden (und so bereits angedeuteten) Geschehnisse. Unterlegt mit einer Art zugleich auffangenden und irritierenden (positiv gemeint) Rauschen, eben genau wie die Geräusche, die eine solche Fahrt begleiten würden… …eine in die Nacht, natürlich. Am Ende mit der Andeutung: alles wird gut. Irgendwie.


Talvihorros – Eaten Alive (LP, CD, Denovali)

Talvihorros schafft eines der Spagate, die leicht gedacht, aber schwer gemacht sind: seine Idee von Nachtmusik geht nicht den einfachen Weg, sich tagsüber in dunklen Ecken zu verstecken und dann, nachts, den daraus resultierenden Mangel an Erleuchtung durch eine noch tiefere Schwärze aufzubrechen; Talvihorros kennt diese Ecken zwar auch, benutzt aber nur deren attraktiven, verführerischen Teil und fügt diesen seinen oft wie textlose Songs wirkenden Tracks hinzu. Als eine weitere Facette der aus einer Vielzahl akustischer Details gefügten Miniaturen: auf der einen Seite stets mit einer starken Individualität und Identität versehen, die das einzelne Stück auf den ersten Eindruck hin charakterisiert, öffnen sich erst beim genauen, detailsuchenden Hören die inneren Strukturen als eine schier unglaubliche Gemeinschaft elektr(on)ischer und akustischer Bausteine. Deren subtile Abstimmung untereinander, besonders aber die nicht seltenen, überraschenden Wechsel und Kontraste in Sound (wenn z.B. verzerrte Gitarren plötzlich beginnen, eine hintergründige Textur auszulegen, während doch das eigentliche Stück diese Ästhetik in keiner Weise hätte erwarten lassen) machen „Eaten Alive“ zu einem ganz besonderen Album jenseits aller Vorhersehbarkeit. Und jenseits aller vordergründigen Symbolik, Pathos oder Klischee. Ein Sounddesign erster Güte, mit musikalischen Motiven von bildgewaltiger Fülle, dabei so lässig zusammengestellt wirkend, dass es in seiner Stimmigkeit völlig selbstverständlich daherkommt. Bis man sich zu fragen beginnt, warum nur wenige es schaffen, ihrer Musik diesen Ausdruck verleihen zu können. Ein Trip auf mehreren Ebenen, definitiv.

(N)

 

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