MOON ZERO – Tombs/Loss (2CD/2LP)

Der sakralen Atmosphäre einer Kirche kann man sich auch als Atheist nicht entziehen. Unzählige Künstlerformationen sind schon immer von den facettenreichen heiligen Hallen der Weltreligionen angetan und favorisieren nicht nur aus Gründen der Akustik eine Live-Performance innerhalb eines Gotteshauses. Das Bochumer Experimental-Label DENOVALI beweist hier wieder einmal seinen guten Riecher für vergessene Untergrund-Perlen und veröffentlicht die „Kirchenwerke“ des Londoner Musikers Tim Garrat. Zusammengefasst auf einer Doppel-Vinyl oder Doppel CD ist das seine bisher nur in obskurer Tape-Kleinstauflage erschienene EP „Tombs“ und die aktuelle Veröffentlichung „Loss“.

Auch wenn der orchestrale Orgelklang innerhalb eines Tempelgemäuers an spiritueller Genugtuung kaum zu übertreffen ist. Sphärische Laptop-Elektronik mit unheimlich-klingenden Ambient-Sound tut es doch auch! Und auch bei MOON ZERO wabert und blubbert es. Es dröhnt und es schaudert. Ausschließlich in Kirchen aufgenommen erinnern mich die insgesamt zwölf minimalistischen Stücke an AKIRA YAMAOKAS unübertroffen-beklemmende Soundcollagen für die SILENT-HILL-Video-Games. Auf der raren, mit 8-Spuren in der Londoner East Church Shadell-Kirche aufgenommenen „Tombs“-EP experimentiert Garrat noch mit düsteren Ambient-Bildern gepaart mit dezent pastoralem Touch. In ähnlicher Weise haben das Denovali-Signings wie TALVIHORRORS, WORRIEDABOUTSATAN, BLACKFILM oder SUBHEIM bereits vorgemacht. Interessant sind vor allem die alternativen Remixe der „Tombs“-Stücke. Unter anderem von THE CYCLIST, der mit seiner Version von „Winter Dreams“ ein wirklich schauderhaft-gruseliges Stück Laptop-Elektronik rezipiert hat. Ob die nun tatsächlich nötig waren ist die andere Frage. Nette Beigabe.

Die sich aufbauende Musik von MOON ZERO benötigt in der Tat viel Aufmerksamkeit. Erst auf „Loss“ gibt es so etwas wie strukturellen „Rhythmus ohne Beats“ zu hören. Im Hintergrund von „Nosema Ceranae“ versammeln sich zum Gebet angetretene Geisterstimmen. Es schwirrt geheimnisvoll. Die Atmosphäre bleibt mystisch. Enigmatisch. „The Industrial Sadness“ driftet gar in dubbige Kellergewölbe ab und kommt für düsteres Moderclubbing in Frage.

Der Rest ist für geselliges Beisammensein kaum geeignet. Garrat möchte seine rätselhaften Klangcollagen als „Momente der Isolation“ verstanden sehen. So sind die neueren Stücke auf „Loss“ vor allem von tiefer Nostalgie und Unumgänglichkeit inspiriert. „Alleine in einem großen Raum zu sitzen erzeugt bei mir eine tiefe traurige Einsamkeit“, berichtet er in einem Interview. „Diese Traurigkeit erzeugt in den jeweiligen Aufnahmeorten die bedrückende musikalische Grundstimmung.“ Dabei macht der Künstler nichts lieber, als alleine in Kirchen herumzusitzen und sich von monumentalen Kunstschätzen genauso anregen zu lassen, wie von der Erkenntnis als überzeugter Atheist nicht in diese religiöse Umgebung zu passen. Ein musizierender Masochist? Vielleicht. Der Widerspruch dieser Faszination ist auf „Tombs/Loss“ nachzuhören. Sicher kein Must-Have-Denovali-Kracher, aber ein interessant zu entdeckendes intimes Seelenabbild eines introvertierten Mannes, der noch immer auf der Suche nach dem Platz in diesem Leben ist.

(Dimitrios Charistes)

Format: 2CD/2LP
Vertrieb: DENOVALI/CARGO
 

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