FLIEHENDE STÜRME Interview 2006

„Schatten des Abschieds hinter jedem Augenblick“ –

FS über FS. Wieder einmal. Es gibt einen Grund, doch auch ohne ihn gäbe es immer einen Grund. Häh? Von vorn: Über eine Band zu schreiben, die einen die Hälfte des eigenen Lebens mit ihrer Musik durch eben jenes Leben begleitet hat; einem unablässig Freund, Schulter, Katharsis, Anstifter, Euphorisierer, Runterzieher, Psychotherapeut, Soundtrack zu dem ganzen beschissenen Film und vieles mehr bedeutete, ist mitnichten einfach. Jedes Mal eine harte Aufgabe. Objektivität sucht man hier vergebens, Passion findet man ohne Lupe. Und ein neues Album der STÜRME, welches der Grund für diesen Artikel ist.

Doch auch ohne das Album gäbe es genug Gründe, über die STÜRME zu schreiben, denn es gibt einfach Zeiten, in denen man den Leuten da draußen zurufen möchte – „Dies hier bringt Heilung, ist Labsal für deine Seele – hör nur einmal hin, hör zu, erfahre, entdecke und trinke davon!“. Doch zurück zum Album, „Licht Vergeht“. Es ist das mittlerweile sechste Album der ursprünglich aus Stuttgart stammenden Band, die einst aus CHAOS Z hervorging und mittlerweile aus Andreas Löhr (Gesang, Texte, Gitarre), Andreas Münch (Schlagzeug) und Stefan Kniehl (Bass) besteht. Im Gegensatz zum letzten Album, „Himmel Steht Still“, wirkt „Licht Vergeht“ wieder etwas roher, mehr auf das Wesentliche zurück besonnen und weniger experimentell. Treibende Stücke („Ausgeschieden“, „Kurze Geschichte“) wechseln sich mit schleppenden, herzergreifenden Balladen („Stille Nicht Berührt“, „Stein“) ab; musikalisch gibt es für so etwas eigentlich keine Schublade, aber benennen wir es hier in Ermangelung einer lesbaren Hörprobe einfach als eine Melange aus Wave und Punk (für die Schubladenfans, die gibt es immer da draußen). Wie bei jeder STÜRME-Platte gibt es auch hier einen hohen Sound-Wiedererkennungswert, was ich persönlich nicht negativ finde – Kritiker werden bemängeln, dass nicht genügend Weiterentwicklung zu bemerken sei. Hör zu und entscheide selbst. Fakt ist und bleibt: Die zweifelsohne lyrisch zu benennenden, befindlichkeitsorientierten und wie immer deutschen Texte bilden den Brennpunkt des Ganzen, beeindrucken und berühren. Bei jedem Hören. Wo Songs wie „Nullsignal“ textlich an „Priesthill“-Zeiten anknüpfen und den sinistren Wahnsinn des von der Meute Gehetzten hervorlocken, der in jedem von uns wohnt, rühren Zeilen wie bei „Stille Nicht Berührt“ oder „Umarmung“ einen bis ins Mark – Beispiele zwecklos, besser ist es, den ganzen Text zu lesen/ zu hören (richte hierzu die Augen später auf das Ende des Artikels, oder besser noch: Auf zum Plattenhändler deines Vertrauens). Kulturpessimistische Gesellschaftskritik wie bei „Ausgeschieden“, „Kurze Geschichte“ oder „Status“ zeigen einmal mehr, dass die STÜRME Äonen von billigem Phrasendrescher-Punk entfernt sind und durch eine ganz andere Galaxie kreisen, dabei aber nie vergessen, die Augen aufzuhalten und zu sehen. Zwischen Tür und Angel inmitten der aktuellen Deutschland-Tour (alles Andere als eine Selbstverständlichkeit, da Andreas Löhr mittlerweile in Portugal lebt) tauschten Andreas und ich das alte Frage-/Antwort-Spiel untereinander aus:

? „Licht vergeht“ wurde in einem portugiesischen Studio produziert. Hat sich dadurch die Arbeit an dem Album von der im „Voodoogarden Studio“ unterschieden?

Wir haben ja sowohl mit CHAOS Z und FLIEHENDE STÜRME schon in recht vielen verschiedenen Studios aufgenommen, sodass da wenig „Berührungsängste“ bestehen. Klar ist in jedem Studio eine eigene, andere Atmosphäre, aber das hat in dem MadMix Studio von Manne Praeker (der war früher bei SPLIFF) schon gepasst. Und pünktlich am ersten Studiotag hat’s dann nach Monaten in Portugal mal wieder angefangen zu regnen… – grins.

? Du hast in Stefan Kniehl und Andreas Münch permanente Mitstreiter in Sachen FLIEHENDE STÜRME gefunden – spielst Du trotzdem immer noch alle Instrumente im Studio selber ein oder hat auch das sich verändert?

Die Schwierigkeit liegt manchmal daran, dass wir sehr weit auseinander leben. Stefan in Wilhelmshaven an der Nordseeküste, Andi M. in Stuttgart und ich in Portugal. Wir versuchen das dann irgendwie unter einen Hut zu kriegen und die Sachen zusammen einzuspielen. Wenn das dann mal nicht klappt alle zusammen zu führen, ziehe ich die Aufnahmen auch schon mal alleine durch. Da sind wir also glücklicherweise flexibel.

? Wenn du das aktuelle Album mit seinem Vorgänger vergleichst, was sind für dich – musikalisch wie inhaltlich – die hauptsächlichen Unterschiede?

Ist immer schwer einzuordnen bzw. zu beantworten. Inhaltlich ist jedes Album so was wie eine Momentaufnahme der aktuellen persönlichen Verfassung. Musikalisch ist die Scheibe weniger elektronisch als die beiden vorigen Alben.

? Auf dem neuen Album scheinen mehr private Themen angesprochen zu sein als noch auf „Himmel Steht Still“, bzw. die Themen sind konkreter formuliert als auf „HSS“. Gibt es für dich eine Art thematischen roten Faden, der sich durch das Album spinnt oder sind die einzelnen Stücke allein für sich stehend Ausdruck der jeweiligen Stimmung, in der sie geschrieben wurden? In welchem Zeitraum sind die Lieder entstanden?

Die Stücke sind im Laufe der letzten 8-10 Monate entstanden. Ich denke beim Schreiben nicht über das was, warum oder worüber nach, sondern lass das alles einfach so aufs Papier tropfen, wie es aus mir rauskommt… – Ich möchte auch im Nachhinein keine Erklärungen zu den Stücken abgeben, da ich mir im Grunde wünsche, dass die Songs für jeden eine persönliche Eigendynamik entwickeln.

? Der Titel „Licht Vergeht“ ist sowohl eine Zeile aus dem Stück „Kurze Geschichte“ als auch ein kirchliches Lied („Bevor Des Tages Licht Vergeht“). Wußtest Du das mit dem Kirchenlied und warum hast Du ausgerechnet diese Liedzeile als repräsentativ für das Album empfunden, sprich: Warum hast du das Album danach benannt? Da fällt mir ein, EA80 haben auch ein Lied, das „Die Kurze Geschichte“ heißt, hehe…

Hmm, das mit dem Choral (ist der von Bach?) ist mir jetzt neu. Der Titel war wirklich eine plötzliche Idee. Weiß nicht mehr genau wann und wo das war aber plötzlich stand der Titel fürs neue Album fest. – Ich denke, der Titel passt ganz gut zu der Stimmung, die sich durch die Platte zieht. Es gibt haufenweise Lieder, die „Kurze Geschichte“ oder ähnlich heißen – man sollte da keine Querverbindungen suchen oder heranziehen.

? Mein absolutes Lieblingslied auf dem neuen Album ist „Umarmung“ – ein wunderschönes Lied, heftiger Text, genialer Basslauf. Aber auch „Kind“, „Nullsignal“, Stein“ und „Stille Nicht Berührt“ sind enorm ,hitverdächtig‘, bzw. meine Favoriten. Liege ich recht in der Annahme, dass die Themen Altern und Vergänglichkeit dich oft beschäftigt haben beim Texteschreiben? Gibt es beim neuen Album ein Lied, das dir besonders am Herzen liegt, so eine Art „Lieblingskind“?

Vergänglichkeit zieht sich thematisch eigentlich durch alle Fliehende Stürme – Platten. Genauso wie diese unaussprechliche Sehnsucht, die man gar nicht näher benennen kann. Die Portugiesen haben einen Begriff dafür, der nicht wirklich übersetzt werden kann: Saudade! Übers Altern mache ich mir wenig Gedanken, das passiert eh automatisch… – „Nullsignal“ finde ich ganz gut aber eigentlich auch die anderen.

? Letztes Jahr gab es, genau so, wie dieses Jahr, eine Deutschland-Tour. Können STÜRME-Fans damit weiterhin rechnen oder war das eine „zweimalige“ Sache? Bist Du mit den STÜRMEN momentan nur in Deutschland aktiv oder auch in anderen Ländern?

Wir wollen das auf jeden Fall beibehalten. Durch die räumliche Distanz zwischen den Bandmitgliedern ist es halt schwierig, eben mal so kurz einen einzelnen Gig zu spielen. Insofern müssen wir also ein paar Anfragen sammeln und daraus eine zusammenhängende Tour basteln… Zur Zeit ist definitiv etwas in der Schweiz geplant. Frankreich, Italien, Österreich, Holland und Portugal könnte in absehbarer Zeit klappen, ist aber noch nicht konkret.

? Du lebst jetzt seit einigen Jahren mit deiner Familie außerhalb Deutschlands. Wie hat sich dieses völlig andere Leben auf die Musik/ die Texte der Fliehenden Stürme ausgewirkt und auf die Fliehenden Stürme im Allgemeinen? Sind die Träume, die man beim Auswandern hat, in Erfüllung gegangen oder hat die Realität eines Landes, in dem die sozialen Missstände noch ärger sind als in Deutschland (Stichwort Polizeigewalt, Rassismus, etc.), einen eher runtergezogen/?

Die BRD zu verlassen war für mich irgendwann zwingend notwendig… Und wir waren beim Auswandern auch immer einigermaßen realistisch. Uns war immer klar, dass es nicht einfach werden würde und dass auch schwierige Zeiten auf uns zukommen können. Außerdem kann man leider nicht vor allem und jedem fliehen. Manche Dinge holen einen überall ein… – Dass die sozialen Missstände in Portugal schlimmer seien als in Deutschland kann ich so gar nicht bestätigen. Die Leute haben im Schnitt weniger materielles Vermögen, dafür aber ungleich mehr Charme und Lebensgefühl als der mir bekannte Durchschnittsdeutsche. – Ich wollte eigentlich irgendwann mal am Meer leben. Das ist jetzt eingetreten und mir geht’s dadurch besser.

? Du hast in unserem letzten Interview erzählt, dass du SIGUR RÓS magst (womit du nicht allein bist… ). Da du auch sonst für besondere Musik zu haben bist – kennst Du das Coverversionen-Album von NOUVELLE VAGUE? JOY DIVISION, DEAD KENNEDYS, P.I.L., etc. und das alles im Muzak/Easy-Listening-Style, sehr genial. Kannst du dich mit solchen Dingen anfreunden?

Kann ich jetzt nichts dazu sagen, da ich das Album mit den Versionen nicht kenne. Nur so viel: ich bin eigentlich kein allzu großer Freund von Coverversionen. In aller Regel ist das Original immer noch am Besten und bei vielen Coverversionen frag ich mich schon was das jetzt soll… Im Allgemeinen schätze ich außergewöhnliche Musik ohne zu sehr auf Klassifizierung zu achten.

? Wie sehen die Zukunftspläne in Sachen STÜRME aus?

Hin und wieder Konzerte… – eine Split – CD (mit neuen Stücken) mit SUBSTANCE OF DREAM wird demnächst entstehen. Außerdem wurden wir immer wieder auf ein Live-Album angesprochen, insofern wollen wir gelegentlich Konzerte in guter Qualität mitschneiden und dann sehen wir mal, ob da was Interessantes zu hören ist. – Denke auf jeden Fall, dass FLIEHENDE STÜRME live und im Studio zwei verschiedene Sachen sind.

? Last words?

Bin jetzt knapp 2 Wochen wieder in BRD und mir reicht’s schon wieder. Aber ich freue mich auf die Konzerte…

Vielen Dank fürs Interview!

– F. S. –

Diskographie (ohne Samplerbeitäge):

1988 – „An Den Ufern” (LP, später auch als CD) – Storm Records

1989 – “Zerstörung” (7“) – Storm Records

1991 – „Priesthill“(LP, später auch als CD) – Storm Records

1992 – „Kaleidoskop“ (7“) – Storm Records

1995 – „Fallen“(CD, später auch als LP) – Sturmhöhe

1999 – „Hinter Masken“ (LP/ CD) – Sturmhöhe

2001 – „Himmel Steht Still“ (LP/ CD) – Sturmhöhe

2005 – „Licht Vergeht“ (LP/CD) – Sturmhöhe

Umarmung („Licht Vergeht“)

Mond steht hoch über dem Meer
Wir haben viel zu lange nicht mehr hingesehn
Ein einsamer Stern schenkt neuen Mut
Doch ich bin mir nicht sicher, ob wir ihn je wiedersehen

Herzzerreißend
In Umarmung gefangen
Ich will hier nicht weg, wenn du nicht mit mir gehst
Wo können wir bleiben
Es gibt kein Zurück
Nach dem langen Weg, den wir gekommen sind

Vergiss die Ewigkeit
Vergeude die Zeit
Die dir noch bleibt
Ganz gleich was dann noch kommt
Wir fühlen es besser
Verschwenden die Zeit

Kopf brennt wie Feuer
Herz erlischt niemals
Schatten des Abschieds
Hinter jedem Augenblick
Was liegt vor uns
Was war dazwischen
Zerrissene Teile einer Erinnerung

Vergiss die Ewigkeit
Vergeude die Zeit
Die dir noch bleibt
Ganz gleich was dann noch kommt
Wir fühlen es besser
Verschwenden die Zeit

Mond steht hoch über dem Meer
Wir haben viel zu lange nicht mehr hingesehn
Ein einsamer Stern schenkt neuen Mut
Doch ich bin mir nicht sicher, ob wir ihn je wiedersehen

Vergiss die Ewigkeit
Vergeude die Zeit
Die dir noch bleibt
Ganz gleich was dann noch kommt
Wir fühlen es besser
Verschwenden die Zeit

 

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