TOMORROW WE SAIL – For Those Who Caught The Sun In Flight (CD)

Beginnen wir heute einmal mit einem ganz anderen Ansatz. Wie wäre es denn zur Abwechslung mal wieder mit einer großen Kuschelparty. Eingeladen sei die Crème de la Crème der hiesigen UK-Postrock-Szene. Hiermit seien alle gestandenen, englischen Melancho-Rock Bands wie HER NAME IS CALLA, BLUENECK, YNDI HALDA, THE PIRATE SHIP QUANTETT und ja, ebenfalls herzlich willkommen, auch die überbewerteten Neo-Progger CRIPPLED BLACK PHOENIX aufgerufen, sich Tickets für die erste Reihe eines TOMORROW WE SAIL-Konzerts ihrer Wahl zu kaufen. Bitte nehmen Sie in Ihren adretten Anzügen auf den roten Samtsesseln Platz, wir reichen Ihnen sofort ein schweres Glas französischen Rotwein und die besten High-End-Kopfhörer für den orgasmischen Schüttelfrost-Effekt. Versprochen. Oh, Sie zittern bereits vor Ergriffenheit, aber das war doch gerade erst der Soundcheck!

Wer daran erinnert werden will, wie großes Drama auf Albumlänge funktioniert, der widme sich „For Those Who Caught The Sun In Flight“ – dem Debütalbum dieser seit 2009 existenten Folkrock-Band mit scoreartigen Ambient-Anleihen. Und sei verzaubert. Berührt. Ergriffen. Schon die einleitenden Minuten berühren ungemein. Unmittelbar setzen erste Gedankenbilder ein, wenn die ersten molldominierenden Piano-Akkorde erklingen. Sofort hat man die visuelle Szenerie im Kopf, wie die sieben Musiker und Musikerinnen von TOMORROW WE SAIL in dezent-rotem Programmkino-Licht auf der Bühne performen, im Hintergrund poetische Visuals, die zarte Begegnung mit der Musik verbinden. Das Publikum hält dabei beide Augen geschlossen, um und sich als kollektive Masse gemeinsam von der magischen Musik treiben zu lassen. Sie nehmen sich dafür alle Zeit der Welt.

TOMORROW WE SAIL formulieren ihren Beitrag zum ungehemmten Tränenausbruch ganz ungeniert. Das schaffen in dieser expressiven Form nur die stilprägenden Isländer von MUM und natürlich die nach wie vor alles überragenden SIGUR ROS, wenn es um hochqualitative Traumreisen geht. Doch stumpfe Plakatierung käme dem Anspruch dieser englischen Formation aus Leeds keinesfalls gerecht. Wenn sich im elegischen „Testament“ die Stimme von Angela Chan zu schwermütigen Violinen ihren Weg zurück ans Licht bahnt, oder sich Gitarrist Matt Clarke in den instrumentalen Teilen viel Zeit nimmt um seine Riffs aufzubauen, um anschließend wieder in eruptiven Ausbrüchen den obligatorischen „Crash-And-Bang“-Effekt zu erzielen, kann man zweifelsfrei urteilen: Die können das, die haben die englische Schwermut mit der Muttermilch aufgesaugt! Musikalisch wie auch ästhetisch entfernt sich die Band meilenweit von stagnierender Postrock-Langeweile und dem immer gleichen Laut/Leise-Spiel, was sie bereits auf ihrer ersten EP „The Common Fire“ eindrucksvoll bewiesen haben.

Vertonte Schwermut mit emotionalen Gesängen scheint auf der Insel momentan wieder ziemlich „fashionable“ zu sein. Zugegeben, Premierminister David Cameron kann durchaus schon mal einschläfernd wirken. Es scheint dennoch mal wieder an der Zeit einen Gang zurückzuschalten, den Alltag zu entschleunigen und sich Zeit für gute Musik zu nehmen. Mit viel Geigen, Cellos, clean-gespielten Gitarren und Pianos, vor allem aber mit viel Timbre in den Gesängen, setzen TOMORROW WE SAIL zum leisen Lauschangriff heran und sind mit ihrem Debüt durchaus in der Lage internationale Erfolge zu feiern. Es sei ihnen wirklich ernsthaft gewünscht. In einer besseren Postrock-Welt gehört diese Band zweifelsfrei zu den spannendsten Entdeckungen des Jahres!


(Dimitrios Charistes)

Format: CD
Vertrieb: GIZEH
 

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