Aquavoice – Grey; Lagowski – redesine+; Zenial – Chimera; X-Navi-et – Dead City Voice (CD/LP)

Aquavoice – „Grey“; CD (Zoharum)

Tadeusz Łuczejko, seines Zeichens mehrfach ausgezeichneter Klangkünstler und Mastermind von Aquavoice, legt mit „Grey“ sein achtes (?) Studioalbum vor und gleichzeitig den ersten Release auf dem polnischen Label Zoharum. Gleich beim ersten Hören wird deutlich, dass es sich bei „Grey“ nicht um ein weiteres x-beliebiges Drone-Album handelt, sondern um ein ausgereiftes, vielseitiges Werk, das den gängigen Rahmen, den der Begriff „Drone“ umgibt, spielerisch erweitert. Die 11 Stücke auf dem Album sind mit einer durchschnittlichen Laufzeit von 5 Minuten deutlich kürzer als die Tracks von Szenegrößen wie Steve Roach oder Lustmord. Dafür weisen sie eine hohe Vielfalt im Arrangement auf und sind in der Komposition ausgeklügelt. Musikalisch sind die Stücke klar unterscheidbar. Mal werden die brilliant produzierten Klangflächen von dezenten, perkussiven Elementen begleitet, mal lässt der Künstler Streichinstrumente oder Vocal-Samples einfließen, um jedem Track seine eigene Note zu verleihen. Hervorzuheben sind die kompositorischen Fähigkeiten, die hier dem Hörer präsentiert werden. Statt zeit- und endlos vor sich hin wabernder Loops aus Flächen und Klängen werden hier Effekte gezielt und pointiert eingesetzt. Innerhalb der einzelnen Stücke variiert der Sound, meistens ohne dabei die Grundstimmung zu verändern. Dabei bleibt „Grey“ ein kaltes Album, das einen leichten Drang ins Düstere hat ohne dieser Tendenz wirklich nachzugeben. Dadurch ist jedes der hier versammelten Stücke sehr eingängig und dürfte auch Hörern gefallen, die sich selbst nicht als Hardcore-Fans dieser Musikrichtung bezeichnen. Für mich das erste Highlight des noch jungen Jahres 2014.

Lagowski  – „redesine+“; CD (Zoharum)

Die musikalische Tradition der Intelligent Dance Music, kurz IDM geschrieben, ist es in den letzten Jahren ruhig geworden. Warum das so ist habe ich nie verstehen können, denn selten wurde so eigenständige und zeitlose elektronische Musik produziert. Dabei war das Rezept relativ einfach. Die treibenden, breakigen Rhythmen, die den frühen englischen Hardcore ausmachten, aus dem später Jungle entstand, wurden partiell verlangsamt oder in einen anderen Kontext gestellt, der sich durch eine professionelle Produktionsumgebung entwickeln ließ. Herausgekommen sind unvergessliche Alben von Aphex Twin, Squarepusher, Haujobb oder auch Funkstörung, die heute gerne als ein Meilenstein der elektronischen Musik der späten 90er Jahre gesehen wurden. Danach wurde es relativ still um diesen Bereich, wahrscheinlich weil der Mainstream (ja auch in den 90ern gab es schon Hipster!) sich wieder der tot geglaubten Rock-Musik zuwandte. Umso schöner, dass es auf unabhängigen Labels wie dem polnischen Zoharum immer wieder zu Releases kommt, die diese schöne Musik zu feiern wissen. Lagowskis neuer Longplayer „redesine+“ gehört sicher dazu. Dabei handelt es sich nicht wirklich um ein neues Album, „redesine“ ist in limitierter Auflage schon vor einigen Jahren erschienen aber Andrew Lagowski hat es sich nicht nehmen lassen, die einzelnen Stücke nochmal zu überarbeiten und zu erweitern. Herausgekommen ist ein Album, das sich sehen lassen kann. Die allgegenwärtigen verspielten und gebreakten Beats sind zumeist in einem, moderaten, tanzbaren Tempo gehalten, weigern sich jedoch konsequent sich dem unerbittlichen Diktat der 4/4 Bassdrum zu uinterwerfen sondern mäandern traumwandlerisch hin und her und geben so dem Musiker genug Spielraum, weitere Ideen damit zu verknüpfen, die dem Ganzen diese besondere Eigenständigkeit geben, die elektronische Musik der Bezeichnung „IDM“ zuordnen lässt. Beat gibt es durchgängig auf „redesine+“, allerdings keinen Einheitsbrei. Andrew Lagowski spielt gekonnt mit der Perkussion, die das Fundament seiner Musik ist arbeitet gerne mit metallisch klingenden Snares und Peaks, die dem ganzen diese ungewöhnliche, futuristische Note verleihen. Auf Gesang bzw Vocal-Samples wird fast komplett verzichtet. Stattdessen ist Distortion angesagt, wenn doch einmal ein Snippet eingang findet in die Klangwelt von „redesine+“. Insgesamt ein rundheraus herausragendes Album, bestens auch für Sammler geeignet, die sich an der streng limitierten Auflage von 300 Stück im aufwändigen Faltcover erfreuen dürfen.

Zenial – „Chimera“; LP  (Zoharum)

Klangmusik, die unter den etwas stark verallgemeinernden Begriff „Drone“ oder „Ambient“ gesammelt wird, nimmt im heutigen Musikbusiness eine Sonderrolle ein. Sie ist schwer vermarktbar, weil sie dem Grundverständnis des Produktes „Musik“ in wesentlichen Punkten widerspricht. Sie ist nicht leicht konsumierbar, weil sie die Aufmerksamkeit des Hörers fordert, sie ist nicht gut zu vermarkten, weil mitreißende Konzerte in diesem Kontext unmöglich sind und sie hat keine Ohrwurmqualitäten, weil sie über ein geringes Potential an Harmonien verfügt und sich dazu noch die Freiheit nimmt, dieses in einem beliebig Zeitraum zu entwickeln. Dadurch werden sich solche Stücke nur schwer in der Erinnerung des Hörers verankern lassen.
Daher ist es nur allzu verständlich, dass diese Musik sich als Kunstform sieht oder im künstlerischen Kontext verstanden werden möchte und dadurch zu einer Randerscheinung wird, dass die Allgemeinheit maximal als Hintergrund-Gedönse in Kaufhäusern begegnet. Umso erstaunlicher ist, dass sich kleine Labels finden, die aus purem Idealismus heraus Platten veröffentlichen, die sich nur in diesen Kontext einordnen lassen, die Musik veröffentlichen die nicht konsumiert, sondern gehört werden will. Eins dieser kleinen Labels ist Zoharum aus Polen, die mit dem Album „Chimera“ des Künstlers ZENIAL eins dieser sperrigen komplexen Klangwelten vorlegen, die ihre Hörerschaft erkämpfen müssen. Wie der Titel „Chimera“ es schon vermuten lässt, lässt sich die enthaltene Musik schwer fassen, da sie sowohl die leisen, schwebenden Spielarten umfasst als auch schwere, an Industrial erinnernde Klangkollagen. Während die ersten Stücke gering in der Instrumentierung und sperrig im Arrangement sind, wird es Mitte des Albums deutlich lauter. Noisig-aggressiv pumpende Loops brechen sich Bahn und lassen eine schwermütige, in sich gekehrte Stimmung entstehen. Später lockert ZENIAL die Stimmung wieder auf, erzeugt durch bassig-röhrende Flächen eine bedrohliche Deepness, die man zu Beginn gar nicht vermutet hatte. Ein Konzeptalbum lässt sich in „Chimera“ nicht erkennen, wohl aber eine überraschende Vielseitigkeit in der Zusammenstellung der das Album umfassenden Songs und einen deutlichen Hang ins Düstere. Kopfhörermusik, die stimmungsverstärkend wirken kann und Raum bietet für eine unerwartete Reise durch die eigenen Emotionen.

X-Navi-et – „Dead City Voice“; CD (Zoharum)

Wieder eine Platte aus dem Haus Zoharum, wieder eine Scheibe, die Ambient und Drone atmet und doch darüber hinausgeht. Das Album „Dead City Voice“ erscheint in limitierter Form auf Vinyl, ein eher ungewöhnliches Format für so eine Musik, dass allerdings zeigt, dass man damit die Connaisseure und Liebhaber ansprechen möchte, die Musik eher sammeln als konsumieren. X-Navi-et lassen auf Dead City Voice ihren Gefühlen freien Lauf, drehen die Regler auf und erzeugen dadurch maximalen Klang in einem minimalen Rahmen. Nur selten wird der flächige Raum verlassen, der angereichtert wird mit Effekten aller couleur, seien es verfremdete Vocal Snippets oder Klänge aus alten Synthesizern, die alten Tangerine Dream Platten oder anderem psychedelischem Material entnommen sein können. Und doch strapaziert „Dead City Voice“ nicht die Nerven sondern kommt ungewohnt eingängig daher, stört nicht mit zu ungewöhnlichen Frequenzen oder Klängen, sondern bleibt jederzeit in verstörender Weise eingängig.

(S.Kummer)

Format: CD/LP
Vertrieb: ZOHARUM
 

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