SO HIDEOUS – Last Poem/First Light (CD)

Seit der um sich greifenden US-Welle von Post-Black-Metal Bands um die stilprägenden WOLVES IN THE THRONE ROOM, den manifestbringenden V-Shirt-Trägern von LITURGY, dem mystischen und experimentiellen Black Metal von PANOPTICON und den hochgelobten KRALLICE gibt es spätestens mit dem Debütalbum von SO HIDEOUS eine weitere hochinteressante Band, die die amerikanischen Spielweise des Genres um eine nicht immer übliche Facette bereichert: sinfonischer Keyboard-Sound und Streicher-Bombast! Übrigens ist der vor Gänsehaut erschaudernde Rezensent durchaus stolz auf den so eben fabrizierten Mammutsatz.

Szene-Insider horchten bereits mit den ersten Tondokumenten der New Yorker Band auf, damals noch unter der Langfassung SO HIDEOUS, MY LOVE… aktiv. In der Tat war die 2011-EP „To Clasp A Fallen Wish With Broken Fingers“ eine hochemotionale und melodieorientierte Reise zum Herz der Finsternis. Die Wurzeln im Hardcore, die Gedankenfreiheit entlehnt beim omnipräsenten Onkel Postrock, die Amps stets auf Anschlag. Wenn Black Metal es aber schafft, Gänsehaut und echte Gefühle auf Albumlänge zu erzeugen, dann ist da definitiv mehr drin als stumpfes Geknüppel. In der Tat entstehen die Stücke des Quartetts im Vorfeld perfektionistisch ausgetüftelt am Klavier. Die hochdramatischen Gitarren-Riffs, das cholerische Schlagzeugspiel, und der intensivste Schreigesang seit den kultisch-verehrten WEAKLING, fanden innerhalb kurzer Zeit zu einer treuen Fangemeinde zusammen, die das Projekt über den Globus innigst unterstützte – und fieberhaft auf den Nachfolger wartete. Nach fast dreijähriger Entstehungszeit liegt nun “Last Poem/First Light“ auf dem Tisch und wird den hohen Maßstäben der EP definitiv gerecht. Der Fokus der Produktion liegt auf der überbordenden schöpferischen Produktion an Vielfalt und Details. Tatsächlich wurden die sechs Stücke von Deal Baltlulonis aufgenommen und gemischt, der bereits den Hardcore-Ikonen von AGNOSTIC FRONT (New Yorker bleiben gerne unter sich, heißt es) einen markanten druckvollen Sound verpasste. Gemastert wurde die Scheibe von Scott Hull, der seine Finger und Knöpfchen bereits bei Sting und Lou Reed erfolgreich drehen durfte. Weiterhin begegnet man in den neuen Stücken eingebaute Songthematas, die nun in orchestraler Aufmachung, die aus der EP bekannte Gitarrenarbeit reflektieren („Last Poem„).

Was in Bandname und Songtiteln stellenweise nach peinlichem Emocore-Kitsch klingt, ist in seiner ausformulierten Handschrift sicher mit das Innovativste (und Leidenschaftlichste), was der amerikanische Markt des extremen Metal in diesem Jahr auf den Markt geworfen hat. Denn während Shouter Chris Cruz seine markerschütternden Schreie von sich gibt und so schon bald dem Tode geweiht ist, begleitet ihn, weit in den Hintergrund gemischt, tatsächlich ein klassisches Gesangsquartett, stets unterlegt mit harmonischen synthetischen Keyboardharmonien. Nachzuhören im dionysischen und vom Songwriting nahezu perfekten „Glory“. Das Markenzeichen der Band, diese allgewaltige, kathartische Intensität, ist sicher auch ihrem rauschhaften und extremen Vorgehen mit reichlich Tiefgang geschuldet. Die Raserei von SO HIDEOUS ist Konzept!

Fazit: Wem die göttlichen WOLVES IN THE THRONE ROOM noch nicht intensiv genug waren, wer bei den rauschhaften Misanthropen von CELESTE die Eingängigkeit vermisst und weiterhin einen Draht zu avantgardistischen Screamo-Kompositionen im Stile von ENVY hat, den werden SO HIDEOUS am Herzen packen, in die tiefe See der Melancholie ziehen und das Gehirn wegfetzen. „Last Poem/First Light“ ist eine atemberaubende Veröffentlichung voller Schauermomente und möglicherweise das unterschätzteste Black-Metal-Album des Jahres!

(Dimitrios Charistes)

Format: CD
Vertrieb: EIGENVERTRIEB
 

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