CHANTAL ACDA – Let Your Hands Be My Guide (CD/LP)

Stimmungsvolle Herbstveröffentlichungen sind das Ding des britischen Labels Gizeh Records. Beglückten sie Anhänger verträumter Klänge zuletzt mit dem wunderschönen Album von SEEDS & BONES oder dem jüngst veröffentlichten neuen Album von AIDAN BAKER, ist nun die Zeit der belgischen Künstlerin CHANTAL ACDA gekommen, die strenggenommen keine wirkliche Newcomerin ist, aber mit „Let Your Hands Be My Guide“ jetzt ihr erstes Soloalbum veröffentlicht. Um eines vorweg zu nehmen: Ein melancholischeres Herbstalbum für den grauen November ist kaum vorstellbar. Und auch der allseits beliebte Nils Frahm hat wieder einmal seine zauberhaften Hände im Spiel. Hier dürfen selbst Männer ungeniert zum Taschentuch greifen. Plattitüde? Glaubt ihr wohl erst, wenn ihr Chantal selbst singen hört.

Affektassoziation: Wenn ich bei der Musik von CHANTAL ACDA die Augen schließe, sehe ich einen herbstlichen Teich mit verzierten Lampions vor mir. Sie singt leise und gefühlsbetont zur Gitarre. Die goldene Abendsonne spendet die dringend benötigte Wärme, farbige Blätter schmücken die Szenerie märchenhaft. Nach ihrer Performance sitze ich mit ihr am Feuer, trinke schweren Rotwein und lasse mir Geborgenheit schenken. Geborgenheit, allein ausgedrückt durch ihre wunderschöne Musik und herzzereißende Stimme, die in ihrer Reduziertheit und Fragilität an artverwandte Künstler wie DAMIEN RICE oder WILLIAM FITZSIMMONS erinnert. Oder an die ganz frühen EMILIANA TORRINI-Alben. Die leider längst vergessenen Indie-Folker VALLEYS haben einst ein vergleichbares Beerdigungsalbum aufgenommen, das es zuletzt geschafft hat, mich in dieser Form zu fesseln und zu berühren.

2006 ist die Singer & Songwriterin noch voll und ganz in ihr damaliges Projekt SLEEPINGDOG vertieft. Zusammen mit Adam Wiltzie von STARS OF THE LID spielte sie intime Balladen, die spartanischer kaum noch vorstellbar waren. Nach Touren durch die Benelux-Staaten und Großbritannien zusammen mit LOW haben sich ihre Songs tatsächlich noch trauriger entwickelt. Auf ihrer musikalischen Reise begegnete sie dem Berliner Komponisten Nils Frahm, der sich sofort in ACDAs reduzierten Kammerpop verliebte und sie prompt nach Berlin in sein Durton Studio einlud, um sie dort aufzunehmen und zu produzieren. Als Mentor experimenteller (Pop-)Musik sorgt er für den weiteren Tiefgang, in dem er ihre engelsgleiche Stimme passagenweise mit dezenten Pianoklängen untermalt und atmosphärische Hintergrundgeräusche einflechtet, die die intimen Gesamtheit nur noch emotionaler verstärken. Das Duett mit dem EFTERKLANG-Musiker Peter Broderick ist dann wirklich ganz große Songwriting-Kunst, aber die todtraurige Cello-Stelle bei „Own Time“ (gespielt von Múm-Cellistin Gyda Valtysdottir) macht aus ACDAs intimen Gitarrenballaden schnell schwermütigen Funeral-Pop, wie ihn sonst in dieser Form noch CHELSEA WOLFE spielt. Kann Musik mehr bewirken, als permanente Gänsehaut?

„Let Your Hands Be My Guide“ ist ein Geheimtipp-Album. Wer zwischen all der Veröffentlichungsflut hochwertiger Platten aber nach dem ganz Besonderen, dieser einen speziellen Perle sucht, die bis zum Ende des Jahres auf dem Plattenteller rotiert, dem sei hier gesagt: Bitte kaufen! Empfehlen! Verschenken! Zwischen all der Stille und Zartheit ist wahre, grenzenlose Schönheit zu finden. In dieser Intimität auf ein Album gebannt – das gelingt tatsächlich nur ganz wenigen Künstlern. Also Kerzen anzünden, bei Regen oder Schnee aus dem Fenster schauen, Partner oder Partnerin ganz fest im Arm halten und sich von CHANTAL ACDA verführen lassen. Das Taschentuch-Klischee ist hier übrigens voll und ganz ernst gemeint, liebe Leute. Ein anmutendes Werk!

(Dimitrios Charistes)

Format: CD/LP
Vertrieb: GIZEH RECORDS
 

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