PELICAN – Forever Becoming (CD/LP)

Als PELICAN 2003 mit ihrem konzeptionellen Debüt „Australasia“ plötzlich im großen Postrock-Zirkus mitmischten, galten sie anfangs als schillernde Figuren eines sich stets um Innovation und Dramaturgie bemühenden Subgenres des instrumentalen Prog. Alle Zeichen standen noch auf „Yanqui U.X.O.“ GODSPEED YOU! BLACK EMPEROR! schienen am Firmament. Noch heute. Damals aber kam diese junge, wütende Band aus Chicago mit ihren Metal-Gitarren, aggressiven Riff-Attacken und aufgedrehten Amps gerade richtig. Ganz ohne Sänger – sie wollten durch ihren Sound weder als Metal-, noch als Emo-Band wahrgenommen werden – spielte man sich quer durch den Untergrund und begeisterte gleichzeitig Postrockfans wie Metalheads. Credo: Genug Bibliothekenyoga, genug meditiert, es wurde Zeit mal wieder ordentlich abzurocken.

Die folgenden Jahre in Pelicans Schaffen sind von Höhen und Tiefen geprägt. Für viele Fans ist das konzeptionelle „City Of Echoes“ von 2007 mit seinen David Lynch-Soundcollagen und mutigen Wagnissen in Richtung Filmmusik die Überplatte. Andere favorisieren das starke zweite Album „The Fire In Our Hearts Will Beckon The Law“ (2005) mit den bandeigenen besten Momenten aus Doublebass-Gewittern und fragilen Gitarrenklängen, die in ihre instrumentalen Machart immer irgendwie an die Musik von ISIS erinnern. Es folgen zwei weitere solide Platten. Dann aber wird erste Kritik laut. Die Band wagt zu wenig. Stagnation im Schaffen – für viele Musiker das Todesurteil! Mit ihrem im Oktober erschienen fünften Album „Forever Becoming“ scheinen ihre Post-Metal-Geschichten tatsächlich zu Ende erzählt.

Denn mittlerweile mischen politisch-motivierte Bands wie GOD IS AN ASTRONAUT, die ihrer Musik noch ein friedensaktivistisches Image verpassen, oder die sagenhaft-guten RUSSIAN CIRCLES im Geschäft mit, die fast jährlich mit Alben überbordender Qualität um die Ecke kommen und jüngst mit „Memorial“ gezeigt haben, wie eine innovative Post-Metal Platte anno 2013 zu klingen hat. PELICAN schaffen es hingegen nicht, neue Akzente in ihre Musik einzubauen. Klar, der bluesige Einstiegs-Groover, wie das melodische „Deny The Absolute“ mit seinen Terz-Gitarren gefällt auf Anhieb und das sphärische “Vestiges“ vereint in sieben Minuten nur das Beste, was die Band mit zwei Gitarren, Bass und Schlagzeug auszurichten vermag. Auch das abschließende, zehnminütige „Perpetual Dawn“ ist ganz genretypisch auf epische Momente ausgerichtet, verhallt dann aber mit nichtssagenden Cleangitarren dahin. Dennoch mutet das Album stimmungsarm an, die Stücke verhallen im Mittelmaß. Nach mehreren Hördurchgängen: Leere. Die Produktion ist wie zu erwarten druckvoll auf das Metal-Publikum ausgerichtet. Southern Lord bedient schließlich eine treue Stammkäuferschaft. Das macht aber noch lange kein gelungenes Album aus. Nach vier Jahren Wartezeit seit dem durchwachsenen „What We All Come To Need“ muss das aktuelle Werk daher als Enttäuschung deklariert werden.

Wer von Pelicans Post-Metal keine revolutionären Zugeständnisse zum Genre erwartet und sich mit einem handwerklich-soliden, dafür aber spannungsarmen Album zufrieden gibt, der darf seine Sammlung um eine weitere Perle bereichern. Eher skeptisch schaue ich allerdings in die Zukunft des Chicagoer-Quartetts. Es scheint gegenwärtig alles gesagt zu sein, was die vier Musiker mit ihren selbstlimitierten Mitteln auszudrücken vermögen. Mögliche Hypothesen stehen daher offen zur Diskussion im Raum: Wird es wie bei den deutschen LONG DISTANCE CALLING die Neuerfindung mit Sänger, oder wie bei den stets progressiv-denkenden MOGWAI die komplette Stiländerung geben? Möglicherweise ist in ferner Zukunft sogar folgendes Zitat auf der Homepage der Band zu lesen: „Mit PELICAN haben wir alles umgesetzt was wir machen wollten und alles gesagt, was wir sagen wollten.“ Damit täten sie ihren großen Idolen und Vorbildern von ISIS gleich. Ganz egal, wie sich PELICAN für ihre Karriere entscheiden werden. Hier herrscht dringend Handlungsbedarf.

(Dimitrios Charistes)

Format: CD/LP
Vertrieb: SOUTHERN LORD
 

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